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Full text of "Walther von der Vogelweide"

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•FROM-THE-LIBRARYOF- 
-KONRAD -BURDACH- 



^ALTHER VON DER VOGELWEIDE 



HERAUSGEGEBEN 



GEORDNET UND ERLÄUTERT 



VON 



•* - ^ 



K. SIMBOCK 



BONN 

BEI ADOLF MARCUS 
1870 






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\ I 






W. WACKERNAGELS 



ANDENKEN 



GEWIDMET 




o^ 



INHALT. 



Seit« 



Einleitung. 

Walthers Stellung in der Entwickelung der Lyrik. 1 

Sprüche 4 

Liedersprüche 7 

Lieder 9 

Leich 18 

Kunstgesetz 14 

Einheit des Gedankens. , 17 

Ausfall der Senkungen und Wegfall der Auftacte. 18 

Walthers Ruhm in alter und neuer Zeit. ... 19 

Geburt und Tod. ' 23 

I. Sprüche. 

1. Wahlstreit 29 

Wiener Hofton. 

(2-16.) 

2. Das Fest zu Wien 33 

3. An Friedrich von Osterreich 34 

4. Der Hof zu Wien nach Herzog Friedrichs Tode. 35 

5. Der PfafiTen Wahl 36 

6. Nahen des jüngsten Tages 37 

7. Das jüngste Gericht 38 

8. An die Welt 38 

9. Salomons Lehre 39 

10. Nebucadnezars Traum 40 

11. Verfall der Zucht 40 



VI Inhalt. 

9«ite 

12. Allvater 41 

X3. Abfindung 42 

14. Habsucht 42 

15. Arm und Reich 43 

16. Morgengebet 43 

17. Friedrich von Österreichs Tod 44 

18. Neidische Rathgeber 45 

König Philipps Ton. 

(19—23.) 

19. Unter Krone. 46 

20. Der Leitstern 47 

21. Neuer Lebcnsmuth ~ 47 

22. Saladin und Richard 48 

23. Der Hof zu Eisenach 48 

24. Vor König Philipps zweiter Krönung 49 

25. Die Rathgeber 50 

26. Wein und Faß 51 

27. Gut Gericht. . 51 

28. Dahin daher 52 

Zweiter Philippston. 

(29—33.) 

29. Die Milde 52 

30. Die Köche 53 

31. Das Bohnenlied 54 

32. An Wichmann 55 

33. Das Geschenk Ludwigs von Baiem 56 

Erster Ottenton. 

(34-39.) 

34. An Kaiser Otto 57 

35. Fluch und Segen 58 

36. Zwei Zungen 59 

37. Der Zinsgroschen 59 



Inhalt. vii 

Seit« 

38. Gott als Kläger 60 

39. Aar und Löwe 60 

Zweiter OtteatOB. 

(40—64.) 

40. An die Jungfrau '61 

41. Der Engel Gabriel 62 

42. Die Kreuzigung. 1 63 

43. Die Kreuzigung. II 68 

44. An die Fürsten 64, 

46. Wo stehts geschrieben? 65 

46. Der neue Jndas 65 

47. Der welsche Schrein 66 

48. Der Opferstock 67 

49. Der Zauberer 67 

50. Das Zauberbuch 68 

51. Der gute Klausner 69 

52. An Kaiser Otto, 70 

53. Die Gaukler 70 

54. Werth männlicher Schönheit 71 

55. Gut und Ehre 72 

56. An Landgraf Her man 73 

57. Der Kärnthner r 73 

58. Mäuseklang 74 

59. Stolle 75 

60. Berufung 76 

61. Höfisches Behalten 77 

62. Drei Höfe 77 

63. Die Verwünschung 78 

64. Ehret die Frauen 79 

65». Fürbitte .79 

65^. Markgraf Dietrich IV. von Meissen 80 

65«. Derselbe 81 

66*. GleichnisB vom Gärtner 82 

66^Die Kläffer 83 

66^ Rechtsfall 84 



i 



VIII Inhalt. 

Seite 

67. Wunderliches Pferd. Reinmars Ton 84 

68. 69. Auf Reinmar des Alten Tod 85 

70. Die Hohen und Niedern ,87 

71. Sechs Räthe 87 

72. Drei Sorgen 88 

73. Die Kunst der Milde 89 

74. Böser Trank 89 

König Friedrichs Ton. 

(75-93.) 

75. Geständniss 90 

76. Ein Gleichniss 91 

77. Milde und Länge 91 

78. An König Friedrich 11 92 

79. Leopolds Rückkehr vom Kreuzzug 93 

80. Das Reichslehen 93 

81. Abwehr der Kreuzzugssteuer 94 

82. Vorschlag zur Güte 94 

83. Frauenpreis. 1 95 

84. Frauenpreis. II 96 

85. Maß im Trinken. 1 96 

86. Maß im Trinken. U 97 

87. Die falschen Lächler 97 

88. Sonderung 98 

89. Das Meerwunder 98 

90. Die Verführer 99 

91. Der Weg zum Himmel 99 

92. Gewisse Freunde. 1 100 

93. Gewisse Freunde. II 100 

94., Kinderlose 101 

94*. Der von Seven 101 

In des Bognen Ton. 

(96 - 101.) 

95. Versagtes Lob 102 

96. Der Rogner 103 



Inhalt. IX 

Seit« 

97. An den Bogner 104 

98. Freondschaft 104 

99. Maß und Übermaß 105 

100. Geben und Nehmen. 106 

101. Die Minne 107 

KiiMr Modrkhi Tob. 

(102—112.) 

102. Göttliches Gebeimniss 106 

108. An Engelbert Yon Köln 108 

104. An Denselben 109 

105. Auf Engelberts Ermordung 109 

106. Fest zu Nürnberg 110 

107. Vier Tugenden 111 

108. An Kaiser Friedrich 111 

109. An den Kaiser 112 

110. Der neue Bann. . . *^ 112 

111. Reichthum der Kirche 113 

112. Heidenfrennde 113 

113*. Abdankung 114 

113^ Kindheit und Minne 115 

113M)ie drei Stühle 116 

114. Griechenkönig. ^ 116 

114^Ktage 118 

115. Heimkehr 119 

n. Leieh. 

116 123 

UL Lieder, 
i. IMere niae. 

117. Blumenlesen 131 

118. Vocalspiel 131 

119. Die Tranmdeuterin 133 



X Inhalt 

Seite 

120. Tanzweise 134 

121. Rosenlesen 136 

122. Erste Begegnung % . 136 

123. Die verschwiegene Nachtigall 137 

124. Dornrosen 138 

B. Hohe Minne. 

• 

125. Frühling und Frauen 139 

126. Deutschlands Ehre 140 

127. Schönste Zierde. 142 

128. Der Tausch . 143 

129. Güte giebt Tugend 145 

130. Die stockende Rede 146 

131. Verlegenheit 148 

132. Maienwonne 149 

133. Es kann nicht sein 150 

134. Die Zauberin.- 151 

135. Früher Frühling 153 

136. Schlagreime 154 

137. Das Halmmessen 155 

138. Gleiche Theilung 157 

139. Minne als Botin 158 

140. Liebe und Gegenliebe 160 

141. ünerläßlichkeit der Gegenliebe 161 

142. Der erste Betiniger 162 

143. Zuviel gelobt 163 

144. Immer neues Lob 165 

145. An die Schamlosen 166 

146. Walther und Hildegunde. 167 

147. Wider die Merker 169 

148. Getheiltes Herz 171 

149. Liebeszürnen 172 

150. Fehler und Tugenden 173 

151. Das Dänkelein 175 

152. Verlorne Zeit 176 

153. Zu singen geboten 178 

154. Vier Worte. . 179 



Inhalt. XI 

Salt« 

155. Vorbehalt. 180 

156. Gegenwart des Abwesenden 181 

157. Stäter Dienst 183 

158. Entsagung 184 

159. Der Kaiser als Spielmann 185 

160. Trost im Leide 186 

161. Sommer und Winter 188 

162. Der unkundige Lehrer 189 

163. Doppelter 'Verschluß ' . 190 

164. Treue 191 

165. Die Augen des Herzens 192 

166. Der Sieger im Schach. 193 

167. Zweifel 195 

168. Wie und wo 196 

169. Erhörung 197 

170. Tagelied 198 

171. 172. Entgegnungen auf zwei Strophen Reinmar 

des Alten 201 

C. Clem&fte Minne. 

173. Dreierlei Minne 203 

174. Die Badende 204 

175. Schönheit und Liebreiz 205 

176. Preis der Minne. . 207 

177. Gemeinsame Minne 209 

178. Unminniglich gesungen 210 

179. Weib oder Frau 212 

180. Selbfarben 212 

181. Das letzte Lob 213 

D. Dberglang von der weltlichen Minne zur göttlichen. 

182. Vergebliche Schönheit 215 

183. Zu Dank 216 

184. Erlaubte Lüge 217 

185. An die Welt 218 

186. Gefahr des Frohsinns. 219 

187. Verfall des Gesanges 220 



XII Inhalt. 

Beit6 

188. Sinken des Reichs 222 

189. Schuld der Frauen 222 

190. Die reichen Thoren 224 

191. Der siebente Tag 225 

192. Letzter Wille 226 

193. Der Wettstreit 228 

194. Vergängliche Freude 229 

195. Abschied von der Welt 230 

196. Der Greis am Stabe 232 

197. Erziehung 235 

198. Späte Reue 236 

199. Kreuzlied ^ . . . . 238 

200. Im gelobten Lande 241 

Auf Walthers Tod 243 

Verzeichniss der Strophenanfange 244 









I 

I 



I 



Einleitung. 



Waltlien SteUuig in der Entwickelnag der Lyrik. 

Wie hoch man die deutsche Literatur des Mittel- 
alters auch halte, ihre Gipfelpunkte sind und bleiben 
doch immer die Nibelungen und Walther von der 
Vogelweide; diese können der Jugend nicht früh 
genug bekannt werden: nichts ist geeigneter, unser 
erstorbenes Vaterlandsgefühl wieder ins Leben zu rufen, 
als diese beiden, die der Hort der Nation zu werden 
versprechen, wenn es gelingt, ihnen den Platz wieder- 
zuerwerben, von dem sie niemals hätten verdrängt 
werden sollen. Das ist Feld- und Zeltpoesie, damit 
kann man Armeen aus der Erde stampfen, wenn es 
den Verwüstem des Reichs, den gallischen Mordbren- 
nern, der römischen Anmaßung zu wehren gilt. Nie 
wäre ein Königreich Westfalen im Herzen Deutschlands 
gegründet, wenn Volkers Worte : 

der vorht ist al ze vil, 
Bwa) man im verbietet, der) alles ^H^t^ wil: 
da) kan ich niemer heijen rechten beiden muot, 

uns noch im Sinne lagen, nie der Particularismus groß 
gezogen, nie Deutschland so jämmerlich zerfleischt und 
zerfetzt worden, wenn Walthers Ausruf 

so we dir, tiasche zange, 
wie stet din ordenunge, 
da) nii diu mugge ir künec hat 
und da) din ere also zergatl 

1 



2 Einleitnng. 

night, schon icöhr^iBrfechollen war. Noch jetzt giebt es 
keine mäßhtigfeÄ 'Zauberworte, die versunkene deutscle 
HieftUphköil' : wie Jqt heraufzubeschwören : man kann 
sie nicht oft genug wiederholen, nicht laut genug in 
die Herzen rufen. Darum bedauere ich, daß ich den drei- 
sprüchigen Ton: ))lch saj üf eime steinen in den frühern 
Ausgaben meiner üebersetzung nicht an die Spitze 
gestellt und erst bei der jüngsten erkannt habe, daß 
jene Zauberworte die Grundidee des Gedichtes enthalten, 
mithin die Mahnung, dem Philipp den Waisen, d. h. die 
deutsche Krone aufzusetzen, und so des Reiches Macht 
und Ehre wiederherzustellen, den Schluß dieses ge- 
waltigen Liederspruchs bilden müße. Zu lange hab 
ich auch selber verkannt, daß Walthers Frauendienst 
nicht in der hohen, vielmehr in der gemäßen Minne 
gipfelt, wodurch nun erst der von Frankreich bei uns 
eingeführte höfische Minnegesang auf deutsche Füße 
gestellt ward. Walther singt nur Empfundenes, nicht 
das Conventionelle, das die Mode dem Minnedichter zu 
singen befahl. Wenn er daher in den Liedern der hohen 
Minne, die ihm weniger von Herzen gehen, wie sie auch 
selten zu Herzen drangen, sich wohl mit Humor und 
Schalkheit behilft, und so von Heinrich von Morungen 
und Reinmar dem Alten in Vertiefung des Gefühls und 
dithyrambischem Schwung zuweilen übertroffen wird, 
so war Er es doch, der uns die Minnepoesie völlig an- 
eignete, indem er sie in den Liedern der gemäßen Minne 
zur Wahrheit und Natur zurückführte. Wir freuen uns, 
daß er sich der Schwächen seiner Zeit enthielt, aller ihrer 
weibischen Albernheiten, ihrer unmännlichen Uebertrei- 
bungen im Minnedienst, deren er spottet, von denen er 
sich unwillig abwendet, ohne darum weniger schön von der 
Minne zu singen, ja eben darum würdiger und wahrer, 



Einleiinng. 3 

weil er sich vor solchen Abwegen zu hüten wüste. Wenn 
er später »ein teil unminnecltcheci sang, wie er von sich 
selber sagt, wenn er sich zuletzt von der weltlichen 
Minne ganz abwendet, weil sie nicht »visch ist unz an 
den grättt, so geziemte dieß theils seinen vorgerückten 
Jahren, theils hatte sich die Minne noch mehr verwan- 
delt als er in seinen grauen Haaren, die minnigliche 
Minne war verdorben, und so muste er wohl unmin- 
niglich singen, wenn er sich des Verderbnisses erwehren 
wollte. Gleichwohl sehen wir in seinen Liedern einen 
beständigen Fortschritt, eine Wandlung, die mit den 
Jahren gleichen Schritt hält : in der Jugend eine lieb- 
liche Frische, einen zauberischen Duft, selbst noch An- 
klänge an das Volkslied ; in den mittlem Jahren die 
reinste lyrische Stimmung mit leichtem Anflug des Hu- 
mors, wo es ihm in den Liedern der hohen Minne nicht 
aus vollem Herzen gieng ; daneben in den Liedern der 
gemäßen, der seinem Stand angemeßenen Minne, eine 
Wahrheit und Herzlichkeit, die ganz den deutschen 
Mann ausspricht ; in den spätem Gedichten dialektische 
Schärfe, die doch nie den poetischen Reiz abstreift und 
sich zuletzt mit melodischem Schwung zu den höchsten 
Regionen erhebt. Aber noch haben wir nur die eine 
Seite berührt und es ganz unerwähnt gelaßen, daß er 
neben der Minne auch des Vaterlandes nicht vergaß, 
und es des Mannes unwürdig achtete, sich ganz in 
weichen Herzensgefühlen zu verzehren wie es Reinmar 
der Alte that, und zeitlebens nach einer Frau zu schmach- 
ten, die ihn nicht eines Grußes werth hielt. Sein männ- 
licher Ernst, sein lebhafter Antheil an den Geschicken 
des Vaterlajids gebot ihm in den schweren Kämpfen der 
Zeit Partei zu ergreifen und für Kaiser und Reich ein 
tapferer und ruhmgekrönter Streiter zu werden. In 



• 4 Einleitung. 

diesem Streit hat er, als er schon der Welt entsagt zu 
haben schien, doch ausgeharrt bis ans Ende ; und wenn 
seine Lieder damals dem Reich nicht den Sieg errangen, 
wie schweres Gewicht sie auch in die Wagschale warfen, 
so mögen sie ihm noch künftig zum Siege verhelfen, 
denn jene Kämpfe sind noch nicht für alle Zeit ausge- 
fochten, sie können sich täglich wieder erneuem und 
werden es allem Anschein nach bald. So hat Walther, 
wie er durch hohe künstlerische Ausbildung und be- 
wunderungswürdige Kraft der Gestaltung alle seine 
Kunstgenoßen übertraf, auch als der vielseitigste 
und reichste Dichter seiner Zeit eben diese Zeit weit 
hinter sich gelaßen, um ein Dichter für alle Zeit zu 
werden, den wir noch heute mit Bewunderung, ja mit 
Entzücken lesen und der auch noch die kommenden 
Geschlechter begeistern wird. 

Sprflche. 

Von keinem Dichter der ersten Blüte unserer Lyrik 
können wir so viel wißen als von Walther von der 
Vogelweide; selbst Ulrich von Liechtenstein, dessen 
Selbstbiographie wir doch, wenn auch nur in Versen, 
besitzen, ist uns nicht so lebendig. Zwar werden wir 
über Walthers Geburtsort wohl niemals ins Klare kom- 
men, obgleich darüber neuerdings, und zwar von dem- 
selben Literaturhistoriker, zwei widersprechende aber mit 
gleicher Zuversicht vorgetragene Behauptungen aufge- 
stellt worden sind. Doch darauf kommt wenig an, da 
wir wißen, daß er in Oesterreich erzogen und gebildet 
worden ist. Aber über sein äußeres und inneres Leben 
liegen uns ausführliche Zeugnisse in seinen Liedern 
und Sprüchen vor. Werden die Sprüche nach seinen 



Einleitung. 5 

Dienstverhältnissen zu Königen und Kaisern^ nach sei- 
nem Aufenthalte bei den Herzogen von Oesterreich oder 
dem Landgrafen von Thüringen u. s. w., die Lieder nach 
den Stufen seiner innern Entwickelung, von der sie 
Zeugniss ablegen, geordnet, so geben sie genügen- 
den Aufschluß über sein Thun und Laßen, Denken 
und Empfinden. Sie bedürfen auch keines Commen- 
tars, sie erklären sich selbst, sobald man sie in der 
richtigen Ordnung liest, und was hier zu ihrer Erläu- 
terung beigebracht ist, zielt meist nur dahin, von der 
Richtigkeit der angenommenen Reihenfolge zu über- 
zeugen. Diese aufzufinden war leicht bei den Sprüchen, 
welche der Dichter selbst nach Tönen geordnet, und 
jeden der Haupttöne einem deutschen Könige oder 
Kaiser gewidmet hat, woraus sich die chronologische 
Aufeinanderfolge fast von selber ergab. Die Namen 
dieser Töne rühren von dem Herausgeber her; aber 
der Dichter selbst hat ihnen die Bestimmung ange- 
wiesen und schon von dem zweiten Ottenton an einem 
jeden seine poetisch - religiöse Weihe vorausgeschickt. 
So besitzen wir zwei Philippstöne, zwei Ottentöne, zwei 
Friedrichstöne, wie ich das anderwärts (Uebersetzung 
4. Aufl. 318 ff.) näher ausgeführt habe. Philippstöne 
sind darum zweie vorhanden, weil Philipp zweimal ge- 
krönt wurde, da es das erstemal nicht von dem rechten 
Bischof, dem von Köln, noch am rechten Orte, Achen, 
geschehen war, worauf der König mit seiner ganzen 
Partei Gewicht legte, weshalb auch der Dichter die 
zweite Krönung durch Erfindung eines neuen Tons 
zum Preise seines früher schon in einem andern Ton 
besungenen Herren feierte. So sind auch zwei Fried- 
richstöne vorhanden, der eine zu Ehren des jungen 
Königs erfunden, als sich ihm der Dichter bald nach 



6 Einleitung. 

seiner Wahl und Krönung 1215 zuwandte, der andere, 
als ihm 1220 in Italien die Kaiserkrone zu Theil ward. 
Mit den beiden Ottentönen verhielt es sich etwas an- 
ders: beide galten dem Kaiser Otto; aber der erste 
genügte dem Dichter als ein zu enges Gefäß bald 
nicht mehr, seinen Zorn gegen die Zerrütter und Ver- 
wüster des Reichs zu entladen. Diesen sechs Tönen 
gieng ein siebenter, der Wiener Hofton, voraus, der sich 
in engern örtlichen Grenzen hielt, und über Oesterreich 
hinaus erst ganz zuletzt einmal einen Blick ins Reich 
hinaus warf. Sobald aber der Dichter mit seinen 
Sprüchen den Reichsboden betrat, bediente er sich jenes 
ersten Tones nicht mehr, wie ihm denn stäts, mit Einer 
gleich zu besprechenden Ausnahme, jeder neue Ton 
den frühem verdrängte, was man bei der Zeitbestim- 
mung der Sprüche unbeachtet gelaßen hat. So sang 
er im ersten Philippston nicht mehr, nachdem der 
zweite erfunden war, in diesem zweiten nicht mehr 
nach Erfindung des ersten Ottentons, nicht mehr im 
ersten Ottenton nach Erfindung des zweiten, nicht mehr 
im ersten Friedrichston, als er den zweiten erfunden hatte. 
Nur mit dem zweiten Ottenton, und das mag geirrt 
haben, hielt es der Dichter anders, denn nachdem er 
Ottos Partei, fast der letzte seiner Anhänger, endüch 
verließ, glaubte er sich auch aller Pflichten gegen die- 
sen unmilden, undankbaren, wortbrüchigen Herren ent- 
bunden, und so fiel der Ton, in dem er früher dessen Kai- 
serrechte gegen die päbstUche Partei verfochten hatte, 
an den Dichter zurück und konnte jetzt unbedenklich zu 
neuen Zwecken verwendet werden. So ergeben sich uns 
für diese sieben Fürstentöne folgende Zeitbestimmungen : 

1. Wiener Hofton, von 1194—1198, 

2. Erster Philippston, von 1199—1204, 



Einleitnng. 7 

, 3. Zweiter Philippston, von 1205—1212, 

4. Erster Ottenton, 1212, 

5. Zweiter Ottenton, von 1212—1219, 

6. Erster Friedrichston, von 1215—1220, 

7. Kaiser Friedrichston, von 1220—1227 im Ge- 
brauch. 

Beachtet man diese Töne und die ihnen angewie- 
senen Grenzen, so wird man in der zeitlichen und ört- 
lichen Beziehung der Sprüche Walthers nicht leicht 
fehlgreifen. Hierin hat man aber seit Lachmanns Tode 
nur Rückschritte gethan und namentlich war es Abel, 
der das Beispiel gab, diese vom Dichter selbst gezoge- 
nen Schranken zu überhüpfen. Lachmann hatte diese 
Schranken anerkannt; zu 104 gedenkt er der falschen 
Deutung unseres fünften Spruchs auf Friedrichs Wahl 
und fährt dann fort: »aber es ist nicht erweislich, daß 
Walther so spät noch in jener Weise gesungen hat, 
daher man die Pfaffenwahl richtiger mit Wackernagel 
auf Ottos Wahl am 1. Mai 1198 deuten wird«. Allein 
der hier der richtigen Ansicht wegen belobte Wacker- 
nagel ist ihr später, von Rieger verleitet, wieder un- 
treu geworden. Freilich hatte auch noch Lachmann 
den Wiener Hofton über seine oben bezeichneten Gren- 
zen ausgedehnt und dadurch unsägliche, noch in der 
neuesten Ausgabe fortwuchernde Verwirrung gestiftet. 

Liedersprtlche. 

Noch ein anderer Gebrauch Walthers pflegt unbe- 
achtet zu bleiben zu großem Schaden der Auslegung. 
Wo er in einem Tone nicht mehr als drei Sprüche 
gedichtet hat, da bilden diese drei ein untheilbares 
Ganze auf dieselbe Zeit, denselben Ort, dieselben Ver- 



8 Einleitung. 

hältnisse bezüglich, auch wenn der Dichter sie nicht 
durch gleichlautenden Anfang oder Schluß, wie Nr. 1 
und die beiden letzten Sprüche (114. 115), als zusam- 
mengehörig bezeichnet hat. Abel, der die jetzt her- 
schende falsche Zeitbestimmung der Strophe Ich sach 
mit mtnen ougen (P) durchgesetzt hat, wüste das wohl, 
ich hatte ihn darauf aufmerksam gemacht und so führt 
er es Ztschr. IX, 139 selber an zugleich mit noch einem 
andern Grund, der ihn hätte warnen sollen; aber er 
scMug alle Warnungen in den Wind und stürzte sich 
und die Welt Hals über Kopf in den handgreiflichsten 
Irrthum; ich vermochte ihn zu nichts weiter als daß 
er beider gegen ihn sprechenden Gründe Erwähnung 
that und sie zu beseitigen versuchte. War aber mein 
Hauptgrund, auf den es mir hier ankommt, damit 
widerlegt, wenn er sagte, es sei nicht auffallend und 
auch nicht ohne Beispiel, daß »Walther für sein Ge- 
dicht einen Ton wählte, in dem er einige Jahre früher 
Lieder verwandten Inhalts und gleicher politischer Ge- 
sinnung abgefaßt hätte« ? Wenn er bloß den gleichen 
Ton gewählt hätte, und zwar einen Ton, in dem schon 
mehr als zwei Sprüche vorhanden waren, so gäbe es 
dafür freilich so zahlreiche Beispiele, daß eher das 
Gegentheil auffallend wäre; aber hier handelt es sich 
um den dritten und letzten Spruch eines Liedertons, 
einen Spruch mit ganz gleichlautendem Anfang (Ich 
saj, ich sach, ich hörte) wie die beiden andern, was 
entscheidend ist, weil ihn die Ver^leichung der übrigen 
dreisprüchigen Töne hätte belehren mögen, daß auch 
diese drei Sprüche so gut wie, alle andern, die diese 
Zahl nicht überschreiten, als An Ganzes zusammenge- 
hören, zumal sie der gleiche Anfang verbindet, was 
hier noch als ein äußeres Kennzeichen hinzutritt. 



Einleitung. 9 

Ueber die Dreizahl hinausgehende Sprüche, die zu 
keinem der oben benannten Fürstentöne gehören, bil- 
den kein Ganzes; ihrer Entstehungszeit nach werden 
sie sich aber wohl nahe stehen und die sechs Sprüche 
67—72 glaube ich noch immer alle in Walthers zwei- 
ten Thüringer Aufenthalt setzen zu mäßen; von einem 
dritten wißen wir nichts. 



Lieder. 

Nahezu eben so sicher als die Sprüche laßen sich 
die Lieder anordnen, wenn man darauf achtet, welcher 
Stufe der Minne sie angehören. Wenn man schon 
bisheran in Walthers Liedern zwei verschiedene Liebes- 
verhältnisse, eines mit einem Dorfmädchen, ein anderes 
mit einer fürstlichen Frau unterschied, und deshalb auf 
173 Gewicht legte, wo er der niedern Minne die hohe 
entgegensetzt, so zeigt sich jetzt, daß ihm der hohen 
Minne noch die gemäße folgte, späterhin aber der 
Dichter sich von allen drei Stufen weltlicher Minne 
lossagte und der göttlichen Minne zuwandte. Voll- 
bracht sehen wir diese Wendung erst in Nr. 196, wo 
er sagt, er habe nun vierzig Jahre »von minnen und 
als iemen sol« gesungen ; für sich hoffe er jetzt nichts 
mehr vom Minnesang: er trete ihn Andern ab, die 
sich seiner Lieder bedienen und ihm dafür ihre Gunst 
schenken möchten. Durch sie, wenn auch nur durch 
ihre Fürsprache und Verwendung, gedachte der Dichter 
wohl die Mitlei zu erwerben, an dem Kreuzzug von 
1228 als Pilger theilzunehmen, ein Wunsch, den er in 
Nr. 115 deutlich genug ausspricht. Man darf ihn aber 
nicht so verstehen als habe er die vollen vierzig Jahre 



10 Einleitung. 

von Minne gesungen. Die hinzugefügten Worte »und 
als lernen sol« bezeichnen noch andere Gegenstände 
seines Gesangs: ich beziehe sie auf Alles was sonst 
noch Gegenstand des Gesanges sein durfte: diesem 
hatten schon längst neben den Liedern seine Sprüche 
gegolten und in den letzten Jahren war dieß wohl der 
ausschließliche Inhalt seiner Poesie gewesen. Nach 
dem Obigen müßen wir das Lied, das jene Zeitbe- 
stimmung enthält, in das J. 1228 setzen: ziehen wir 
davon jene vierzig Jahre ab, so gelangen wir in das 
J. 1188 als die ungefähre ZQit, wo er zu dichten be- 
gann. Daraals wird er etwa zwanzig Jahre alt gewesen 
sein, denn von den ersten Jugendversuchen, die nicht 
in die Oeffentlichkeit traten, dürfen wir wohl absehen. 
So gewinnen wir das Jahr 1168 als sein Geburtsjahr: 
mithin war er 1198, als sich seine Sprüche zuerst auf 
den abschüßigen Boden der ßeichskämpfe wagten, ein 
Dreißiger, ein Ergebniss, das durchaus zu unsern Er- 
wartungen stimmt, denn jene ersten Sprüche zeigen 
uns den gereiften, selbstbe wüsten, wenn auch über die 
Zerrißenheit des Reichs tiefbekümmerten Mann. 

Wenn er aber 1188 zu singen begann, so werden 
wir die anmuthigen, duftigen, aber leichtfertigen Lieder 
seiner Jugendzeit, ' die zur niedern Minne zählen, wohl 
kaum über die ersten fünf Jahre ausdehnen: um 1193, 
dürfen wir also wohl annehmen, habe er sich schon 
der hohen Minne zugewendet, zumal ihm dazu am 
Hofe zu Wien, wo er singen und sagen lernte (59), 
ßeinmars Beispiel und Lehre vermocht haben wird, 
der in Deutschland als der eigentliche Heger und Pfle- 
ger dieses doch wohl aus Frankreich geimpften Reises 
anzusehen ist. Die hohe Minne nimmt in Walthers 
Buch der Lieder bei Weitem den grösten Raum ein : 



Einleitang. 11 

wir theilen ihr volle zwanzig Jahre zu und gelangen 
damit zu dem Jahre 1213, wo wir den Dichter in Ottos 
Dienst beschäftigt finden, die Eingriffe des Pabstes von 
Kaiser und Reich abzuwehren. In dieser Zeit beginnen 
also die Lieder der gemäßen Minne, die aber, so 
weit sie den Dichter noch nicht mit der Welt zerfallen 
zeigen, so wenig zahlreich sind, daß wir ihnen wieder 
nicht mehr als fünf Jahre anzuweisen brauchen, womit 
wir in das Jahr 1218 gelangen. Auch dieß stimmt zu 
unsern Erwartungen, denn in, Liedern, die wir in diese 
Zeit setzen, nannte der Dichter wie sein Kaiser die 
Frauen wlp und die Aebte Mönche, ja er sprach ihm 
das Wort nach : mir ist umbe dich rehte als dir ist umbe 
mich. Vgl. Lachmann zu 104. In den folgenden zehn 
Jahren begiebt sich dann die Wendung von der welt- 
lichen zur göttlichen Minne. Anfangs preist er zwar 
noch dieselbe Geliebte, welcher die Lieder der gemäßen 
Minne gegolten haben, so daß dieß Verhältniss leicht 
noch andere fünf Jahre fortgewährt haben möchte; 
dann aber scheint der Dichter sich entschieden der 
göttUchen Minne zuzuwenden, wenn dieß auch erst in 
jenem Liede, das wir in das Jahr 1228 gesetzt haben, 
zu vollem Ausdruck gelangt. 

Hienach fallen die Lieder der niedern Minne unter 
Kaiser Friedrich I. und die beiden ersten Jahre Kaiser 
Heinrichs VI. ; die Lieder der hohen Minna, sang der 
Dichter u^ter Kaiser Heinrich und König Philipp ; die 
der gemäßen unter B^aiser Otto und König Friedrich; 
die Wendung von der weltlichen zur göttlichen Minne 
bereitet sich schon nach dem Jahre 1218 vor, vollen- 
det sich aber erst zehn Jahre später, worauf der Dich- 
ter unsern Blicken entschwindet. Das zweite Kreuzlied 
scheint er im gelobten Lande gesungen zu haben; er 



12 Einleitung. 

wird jedoch, wenn er wirklich in Würzburg begraben liegt, 
von diesem Kreuzzag zurückgekehrt bald darauf gestor- 
ben sein, da wir weitere Gedichte von ihm nicht besitzen. 

Von Walthers Technik will ich hier nur das Nöthigste 
sagen, da sie bei jedem einzelnen Liede wieder zur 
Sprache kommt. Wir finden bei den Minnesingern 
einen Reichthum von Tönen, gegen welchen die Armut 
der neuem Lyrik sonderbar absticht. Nicht nur erfand 
jeder Meister seinen eigenen Ton nebst der dazu ge- 
hörigen Sangweise und musikalischen Begleitung, son- 
dern gewöhnlich för jedes Lied einen neuen Ton, eine 
neue Weise. Lied nehme ich hier in dem heutigen 
Sinne, wo es ein lyrisches Gedicht bedeutet ; die Minne- 
sänger nannten aber auch jede einzelne Strophe ein 
Lied oder ein Gesetz, ja bei den altern pflegte das Lied 
nur aus einer Strophe zu bestehen, und waren mehrere 
Strophen nach derselben Weise gedichtet, so bildeten 
sie nicht immer ein Ganzes; erst Walther verband alle 
Strophen seiner Lieder durch den Gedanken. Für jedes 
Lied ward ein eigener Ton erfunden, außer dem aber 
auch eine eigene Weise. Ton hieß was wir Maß, Weise 
was wir Melodie nennen. Doch wird gewöhnlich dem 
Wort die Weise entgegengesetzt, als Maß und Melodie 
umfaßend. 

Bei den Sprüchen galt die Regel nicht, daß Ton 
und Weise nicht wiederkehren durften. In demselben 
Ton und nach derselben Weise können mehrere Sprüche 
gedichtet werden, von welchen jeder ein Ganzes bildet; 
nur wenn die Sprüche eines Tons die Dreizahl nicht 
überstiegen, wie in unserm ersten Spruch, da bilden 
sie ein untrennbares Ganze, das ich Lieder spruch 
nenne, das aber auch Spruchlied heißen könnte. 
Doch auch öfter wiederkehrende Spruchtöne sind in 



Einleitung. 13 

Bezug auf die Zeit, in der sie entstanden, und die Herren, 
in deren Dienst sie gesungen wurden, gewissen schon 
oben besprochenen Beschränkungen unterworfen. 

LeicL 

Eine eigene Gattung der mittelhochdeutschen Lyrik 
bilden die Leiche, die zu Liedern und Sprüchen das 
Dritte bilden ; doch hat Walther nur Einen Leich. Wenn 
die Lieder aus einer oder mehrem gleichgebauten 
Strophen bestehen, so verbinden die Leiche vielerlei 
Töne ungleicher Structur zu einem größern, meist 
sehr belebten Ganzen. Nicht alle so verbundenen Töne 
zerfallen in Stollen und Abgesang, häufig fehlt letzte- 
rer; jedoch kann der nächste Ton als Abgesang des 
vorhergehenden betrachtet werden. Der schnelle Wechsel 
der Töne, das rasche Ueberspringen aus einem Gesetz 
in das andere, ohne daß ein Buhepunkt abgewartet 
würde, begünstigt einen fast dithyrambischen Schwung, 
giebt aber doch zuletzt dem Ganzen etwas Unstätes, 
Haltloses. Da diese Gedichte indes, wie erwiesen ist, 
für den Gesang bestimmt waren, so müste man, um 
entscheidend zu urtheilen, die Weisen vor sich haben. 
Ohne die Musik bilden sie so wenig ein Ganzes als 
unsere heutigen Gantaten und Oratorien, mit denen sie 
die gröste Aehnlichkeit haben und geschichtlich zu- 
sammenhängen, wie denn Lachmann im Rheinischen 
Museum die Verwandtschaft mit der alten Kirchen- 
musik überzeugend nachgewiesen hat. Nur dürfte 
Notker Balbulus, der als Erfinder jener kirchlichen 
Sequenzen und Prosen gilt, nur eine volksmäßige Gat- 
tung, welche Gesang und Tanz verband und mit Weisen 
und Touren wechselte, in den Kirchengesang überge- 



14 Einleitung. 

führt haben. Dafür spricht schon der Name Leicb, 
der Spiel und Tanz bedeutet. Bei Walther finden wir 
noch den religiösen Inhalt des Leichs wie in den Se- 
quenzen; die spätem Minnesänger gaben ihn seiner 
ursprünglichen Bestimmung, dem Tanz, zurück. 

Knnstgesete. 

Sowohl Lieder als Sprüche und Leiche sind dem 
Kunstgesetz der Symmetrie unterworfen, das in jeder 
Strophe drei Theile fordert, zwei gleiche und einen 
ungleichen: die gleichen heißen Stolleö, der un- 
gleiche Abgesang; dem Abgesang pflegt man auch 
den Aufgesang entgegenzusetzen, der dann beide 
Stollen begreift. In volksmäßiger gebildeten Tönen hat 
der Aufgesang nur Einen Stollen, wie in Nr. 1. 115. 
119. ursprünglich wurde dann wohl der Aufgesang 
wiederholt, bevor der Abgesang gesungen ward. Das 
Wort Stolle ist nach einer dem Mittelalter eigenthüm- 
lichen Vergleichung rhythmischer Gebäude mit wirk- 
lichen von der Architectur hergenommen, zunächst 
von zwei Pfeilern, die ein übergelegter Balke verbin- 
det. Die lyrische Strophe ruht gleichsam auf zwei 
Füßen. In der That gilt jenes Gesetz in den räum- 
lichen Künsten nicht minder als es der Dichtkunst und 
Musik von jeher gemein war. Nur steht in jenen, wo 
das Auge das Ganze auf einmal übersehen kann, der 
ungleiche Theil in der Mitte, weil er eben das Unter- 
scheidende und Verbindende ist; das Ohr verlangt aber 
die Wiederholung derselben Melodie, bevor ihm eine 
zweite geboten wird, weil ihm jene erst vertraut wer- 
den muß, damit es sie von jener unterscheiden könne. 
Daher wird in der Musik der erste Theil wiederholt, 






Einleitnng. 15 

bevor das Trio einfällt; daher geht bei den Griechen 
Strophe und Antistrophe der Epode voraus, daher in 
der nordischen Poesie die beiden NebenstÄbe in der 
ersten Halbzeile dem Hauptstabe' in der andern ; daher 
stehen bei den Minnesängern gewöhnlich die beiden 
Stollen vor dem Abgesang. Auch in dem sapphischen 
und alcäischen Maß können die beiden ersten Zeilen 
als zwei gleiche Stollen, das üebrige als Abgesang be- 
trachtet werden. Die Octaverime hat nur scheinbar drei 
Stollen, was nicht zu billigen wäre; der Abgesang be- 
ginnt eigentlich mit der fünften Zeile. So ist auch wohl 
die englische Form des Sonetts aufzufaßen: der Abge- 
sang hebt schon mit dem dritten Quartett an, während in 
dem italienischen die beiden Quartette leicht als Stollen, 
die Terzette als Abgesang zu erkennen sind. Wenn 
auch sie wieder in zwei gleiche Stollen zu zerfallen 
scheinen, so geschieht dasselbe auch bei Walther z. B. 
im ersten Philippston. Die Canzone der Italiener wird 
bei aller Mannigfaltigkeit ihrer Töne dem Eunstgesetz 
der Dreitheiligkeit nie ungetreu, wenn sie gleich in 
den Stollen eine kleine Ungleichheit liebt, wie sie auch 
Walther zuläßt. In den Nibelungen bildeten die bei- 
den ersten Zeilen die Stollen, was früher deutlicher 
war, als sie noch klingend ausgiengen und acht He- 
bungen trugen, während die dritte Zeile, mit welcher 
der Abgesang begann, um eine Hebung gekürzt war, 
in der vierten dann erst das Gesetz der acht Hebungen 
zur vollsten Geltung gelangte. 

Die stärkste Abweichung von der Regel der 
Dreitheiligkeit ist es natürlich, wenn sich weder Stollen 
noch Abgesang nachweisen laßen. Solche Fälle sind 
aber äußerst selten und man muß sich hüten, sie mit 
drei geringem Abweichungen zu verwechseln: wenn 



16 Einleitang. 

der Abgesang in der Mitte steht, wenn das Geschlecht 
der Stollen verschieden, und endlich wenn in zweitheili- 
gen Gesetzen nur Auf- und Abgesang zu unterscheiden 
ist. Die beiden ersten Fälle kommen auch verbunden 
vor, ja jener erscheint bei Walther ohne diesen nur 196, 
man müste denn den mehrdeutigen Ton 159 mit mir so 
, verstehen, daß der Abgesang in zwei Hälften zerfiele, 
von welchen eine dem ersten, die andere dem zweiten 
Stollen angehängt wäre, wo dann doch nur ein Theil 
,des Abgesangs in der Mitte stünde. Wo sonst noch 
der Abgesang die Stollen trennt, wie in den beiden 
Friedrichstöuen, da tritt zugleich auch die Abweichung 
eio, daß das Geschlecht der Reime in den Stollen ver- 
schieden ist. Das ungefährlichste Beispiel dieser Art 
findet sich 181, wo im ersten Quartett die weiblichen 
Reime nach außen gewendet sind, die männlichen in 
der Mitte stehen, was sich im zweiten umkehrt. Diese 
Quartette sind Stollen, die der Abgesang trennt, der 
aus zwei durch den Reim verbundenen Zeilen besteht 
und eine so treffliche Scheidewand bildet, daß diese 
Abweichung sich rechtfertigt: denn hier kann auch 
^das Ohr die schon in sich geschloßenen Stollen, welche 
ein so einfaches Mittelglied zugleich verbindet und son- 
dert, leicht unterscheiden. Deshalb wird man diesen 
zehnzeiligen Ton der spanischen Decime vorziehen, mit 
der er die überraschendste Aehnlichkeit hat. In der 
Decime ist die erste Zeile des in Mitte stehenden Ab- 
gesangs auf das erste, die zweite auf das andere Quar- 
tett bezogen, was zwar einen trefflichen Uebergang, 
aber keine so fühlbare Unterscheidung gewährt. Viel- 
leicht hat nur ein solches Gefühl Walthern abgehalten, 
die Decime vor den Spaniern zu erfinden, denn auch 



Einleitung. 17 

156 und 196 war er offenbar bedacht, den Abgesang 
recht stark von den Stollen zu unterscheiden. 

Für sich allein begegnet die zweite Abweichung 
nur in dem zweiten Ottenton, jedoch nicht in allen 
dazu gehörigen Sprüchen, denn in einigen derselben 
hat der Dichter die Ungleichheit der Stollen wieder 
aufgehoben, was in doppelter Weise geschehen konnte : 
indem beide Stollen mit weiblichen oder beide mit 
männlichen Reimen ausgestattet wui'den. Für klingend 
gebe ich solche weibliche Reime nicht aus, deren zweite 
Silbe tonlos ist. In Nr. 1 und 119 tragen die weib- 
lichen Reime zwei Hebungen ifftd nur diese dürfen 
klingend heißen; wie ich auch nur zweisilbige 
männliche Reime stumpf nenne, deren zweite Silbe 
verstummt. 

Einheit des Gedankens. 

Bei Walthern hangen die Strophen desselben Liedes 
nicht immer so strenge zusammen als in unsern lyri- 
schen Gedichten. Dieß liegt theils daran, daß die 
dreigliedrigen Strophen schon ihrer Natur nach länger 
sein und mehr ein Ganzes für sich bilden müßen als 
unsere kurzathmigen Systeme; theils erklärt sich aus 
der Sitte, kein zweites Lied wieder in demselben ein- 
mal gebrauchten Tone zu dichten, die Neigung, spätere 
Zusatzstrophen gelegentlich anzuhängen oder einzu- 
schieben, sofern nur die Einheit des Gedankens nicht 
gefährdet wurde. Diese nur zu sehr verkannte Einheit 
nachzuweisen bin ich sowohl in der Anordnung der 
Strophen als in den Bemerkungen zu den einzelnen 
Liedern ausgegangen. In ihr besteht ein wesentlicher 
Fortschritt der Waltherschen Lyrik im Vergleich mit 



18 Einleitung. 

seinen Vorgängern, bei denen die Strophen desselben 
Tons sich seltener zu einem Ganzen fügten. Eigen- 
thümlich ist Walthern auch jene Verbindung dreier 
Sprüche desselben Tons zu einem liedähnlichen Gan- 
zen, was nur in Tönen geschieht, die sonst nicht wieder 
vorkommen. Wenn auch zuweilen außer dieser Ver- 
bindung einzelne Sprüche von öfter gebrauchten Tönen 
gleichsam zu einem Liede zusammentreten wie bei den 
ersten Strophen des Bogner- und des zweiten Ottentons, 
so finden sich dafür Gleichnisse schon bei Spervogel. 

Aasfall der Senkangen und Wegfall der Anftacte. 

Die Senkungen läßt Walther viel öfter aus als es 
Lachmann zugab oder die neuern Herausgeber wollen: 
der Nachweis wird bei jedem einzelnen Falle geführt ; 
es sind aber besonders die Sprüche und altem Lieder, 
die dabei zur Sprache kommen. In den Sprüchen ist 
der jambische Gang vorhersehend; doch giebt es einige 
Töne, in welchen an bestimmten Stellen Ausnahmen 
einzutreten pflegen, wie namentlich bei dem Wiener 
Hofton. Gegen die Handschriften eine größere Regel- 
mäßigkeit einzuführen ist bedenklich, da sie ja doch 
nicht durchgeführt werden kann. Die Lieder schreiben 
sich bald jambischen bald trochäischen Gang vor, bald 
beschränkt sich die vorgeschriebene Regel nur auf ein- 
zelne Zeilen, so daß der Auftact an bestimmten Stel- 
len erscheint, an andern fehlt; zuweilen aber ist diese 
Regel nicht unverbrüchlich, der Dichter erlaubt sich 
wohl Ausnahmen und man darf ihm gegen die Hand- 
schriften diese Freiheit nicht verkümmern, auch nicht, 
wenn in einem durchweg trochäisch gemeßenen Lied 
sich einmal ein Auftact zeigt. Von dem vorgeschrie- 



J 



EinUitimg. 19 

benen jambischen Gange liebt der Dichter unter ge- 
wissen Bedingungen abzuweichen; nur thut er es eben 
nicht immer und zuweilen auch noch unter andern, ja 
unter denselben Bedingungen weicht er umgekehrt vom 
trochäischen Gang in den jambischen aus, so daß wir 
sehen, der Dichter entäußerte sich saner Freiheit nicht 
völlig: der gemäße Ausdruck des Gedankens galt ihm 
doch mehr als die Form, so meisterhaft er diese zu 
handhaben wüste. Gleichwohl können allzu häufige 
Ausnahmen von der vorgeschriebenen Regel die Echt- 
heit eines Liedes zu verdächtigen helfen. Hierauf hier 
näher einzugehen ist nicht nöthig, da es bei jedem 
einzelnen Liede zur Sprache kommt. Hier nur noch 
die Bemerkung, daß die von Wilmanns an vierter 
Stelle aufgestellte Bedingung für den fehlenden Auf- 
tact: wenn das erste Wort einen starken logischen 
Accent hat, in Nr. 136, 5 sogar noch das Wegfallen der 
folgenden Senkung gestattet, was aber weder Er noch 
ein anderer neuerer Herausgeber zugesteht, obgleich sie 
es längst hätten wißen können. Es ist auch nur die 
Folge zweier im Ganzen unbestrittener Sätze, nämlich 
daß die Senkung ausfallen kann und der Auftact fehlen. 

Walthers Ruhm in alter und neuer Zeit. 

Eine genauere Betrachtung würde lehren, daß Alles 
dieß nicht Walthersche Eigenthümlichkeiten, sondern 
Gesetze der echten Kunst selber sind, die uns die hol- 
ländische Steifheit der Opitzischen Poeterei verkennen 
lehrte. Wir müßen auch hierin wie in der Gliederung 
der Strophe und noch in vielen andern Stücken Wal- 
them als unsern wahren Meister anerkennen, wie er 
denn noch lange den Ruhm nicht wiedererworben hat, 



20 Einleitung. 

auf den ihm seine Liederkunst Anspruch verleiht und 
den ihm seine Zeitgenoßen nicht verweigerten, selbst 
wenn sie einer andern Partei angehörten. "Walther 
stand, was deutschen Dichtern selten begegnet, mit 
Königen und Kaisern im Verkehr: erst mit König 
Philipp, nach dessen Tode mit Kaiser Otto, zuletzt 
mit Friedrich IL; als Kaiser schickte ihm Friedrich 
Geschenke von Welschland aus; Er sendet ihm dafür 
seinen Rath und schwerlich wird er unbeachtet geblie- 
ben sein, da man das Gewicht kannte, das seine Lieder 
und Sprüche in die Wagschale warfen. Ein anderes 
Geschenk hatte ihln früher Herzog Ludwig von Baiem 
geschickt, um ihn für Ottos Sache zu gewinnen. Wäh- 
rend der Abwesenheit des Kaisers in Welschland ver- 
traute ihm, wie es scheint, der Reichsverweser, Bischof 
Engelbert von Köln, die Erziehung des jungen Königs 
Heinrich, wenigstens für eine kurze Zeit; der Dichter 
selbst brach dieses Verhältniss, weil das verwahrloste, 
»selbwachsene« Kind moralisch schon so verkrümmt 
war, daß er es nicht mehr gerade biegen konnte. Mit 
demselben Bischof von Köln berieth er sich über die 
Faßung des Liedes Nr. 199, mit dem er die erloschene 
Begeisterung für den Kreuzzug wieder anzufachen ge- 
dachte. Bei Kaiser Otto legte er für den Landgrafen 
Herman von Thüringen Fürbitte ein und Markgraf 
Dietrich von Meissen verschmähte es nicht, den Kaiser 
seiner Treue durch den Dichter versiehern zu laßen. 
Wie mit König Philipp steht er auch mit Herzog Leo- 
pold VH. dem Glorreichen auf Du und Du. Auch in 
das Volk drangen seine Lieder, sein schönes Preisge- 
dicht der deutschen Männer und Frauen hörte Ulrich 
von Liechtenstein, selbst ein talentvoller Dichter, dem 
aber Walthers ehrenfester Sinn fehlte, auf seinem aben- 



Einleitung. 21 

teuerlichen Zuge als Frau Venus, seinen heimkehrenden 
Boten singen ; eine Stelle seiner Lieder ist in den Volks- 
gesang übergegangen, in das Volkslied von dem edeln 
Möringer; eine andere gab die erste Veranlaßung zu 
der Sage vom Wartburgkrieg und in der poetischen 
Behandlung dieser Sage tritt er selber handelnd und 
singend mit auf, ja das Gedicht vom Wartburgkrieg 
selbst kann als eine Glorie um das Haupt Walthei*s 
und Wolframs betrachtet werden. Die großen erzäh- 
lenden Dichter seiner Zeit gedenken seiner ehrenvoll: 
Wolfram scheint auf eins seiner verlorenen Lieder an- 
zuspielen, ein andermal bezieht er sich auf ein uns 
erhaltenes; Gotfried von Straßburg will ihn nach dem 
Tode des Hagenauers, wahrscheinlich B^inmars des 
Alten, zum Führer des Nachtigallenchors, wie er die 
lyrischen Dichter nennt, bestellt wißen, und der welsche 
Gast, indem er einer Aeußerung Walthers entgegentritt, 
beklagt sie gerade darum, weil er weiß, wie großes 
Gewicht die öffentliche Meinung darauf legen wird. 
Der welsche JGast, der dieß Zeugniss ablegt, war ein 
Friauler, und wenn schon dort, an der italienischen 
Grenze, ein Ausspruch Walthers Tausende bestimmte, 
dem Gebot des Pabstes keine Folge zu leisten, wieviel 
größer muste dann im innern Deutschland die Wirkung 
seiner Sprüche sein. Andere Dichter rühmen ihn, wählen 
ihn zum Vorbilde, zu ihrem Meister, bekennen sich als 
seine Schüler, Ißsen Blumen in seinem Garten, betrauern 
und beklagen seinen Tod. Seine Worte hallen noch 
lange nach, sein Andenken verschwindet erst spät. 
Walther von der Vogelweide, wer des vergäße thät 
mir leide, sagt von ihm Hugo von Trimberg. Die 
letzten Meistefsänger kennen wenigstens noch seinen 
Name^ und rechnen ihn zu den zwölf Meistern, die, 



22 Einleitung. 

wie sie fabelten, in den Tagen Otto des Großen gleich- 
zeitig und ohne von einander zu wißen, gleichsam 
durch Eingebung des heiligen Geistes die edle Singe- 
kunst erfunden und gestiftet haben sollten. Nach der 
langen Nacht, die seit dem Uebergange des deutschen 
Reichs, und es hat seit Kaiser Friedrichs Tode, der 
Walthers Gönner war, nur noch ein Scheinleben ge- 
führt, alle deutsche Herrlichkeit bedeckte, war es Wal- 
thers Gestalt zuerst, die beim Anbruch eines neuen 
Morgens der deutschen Dichtung, wenn auch nicht 
gleich im alten Glänze, wie ja noch heute nicht, wieder 
hervortrat. Goldast hat in den paraeneticis und in 
andern seiner Schriften besonders auf Walthers Lieder 
Bezug genommen ; schonBodmer bemühte sich um die 
Erforschung seiner Lebensumstände, Gleim erneuerte 
1773 seine Lieder, 1779 gab er ein eigenes Bändchen 
Gedichte nach Walther von der Vogelweide heraus, 
Gräter, Fülleborn, Tieck folgten ihm auf dieser Spur 
ohne ihn zu überbieten und ohne Walthers ganzen 
Werth erkennen zu lehren, was kaum 1828 Uhlands 
Schilderung gelang in seiner Schrift : Walther von der 
Vogelweide, ein altdeutscher Dichter, geschildert von 
L. Uhland. In der That ist Walther ein Dichter im 
besten Sinne des Worts, seine Lieder und Sprüche, ja 
auch sein Leich sind von der reinsten lyrischen Stim- 
mung eingegeben, und wer ihn ganz empfunden hat, 
muß sich wundern, daß ein solcher Ächter noch so 
wenig erkannt und verbreitet ist, daß seine Worte 
nicht auf jedes Deutschen Lippen schweben und seine 
Gedichte erst in wenigen Ausgaben vor uns liegen. 
Doch das liegt an den Schicksalen der deutschen Poesie 
überhaupt und an dem verhängnissvollen Erbfehler der 
Deutschen, das Fremde anzustaunen und sich selbst 



EinleitoDg. 23 

nicht zu achten und sich hinterher wohl gar noch zu 
wimdern, wenn ihnen andere Nationen die gebQhrende 
Achtung versagen. 

Gebart lud Tod. 

Walthers Leben erläutert sich am Besten an seinen 
Gedichten; nur seine Geburt und sein Tod sollen hier 
noch kurz, besprochen werden. Von der Zeit seiner 
Geburt war schon oben die Rede; seinen Geburtsort 
kennen wir nicht; wir wißen nur, daß er in Oester- 
reich singen und sagen gelernt und sich dort der Mund- 
art des Landes nicht ganz erwehrt hat. Wie aber 
daraus nicht zu folgern ist, daß er in Oesterreich ge- 
boren war, eher das Gegentheil, so kann er auch für 
einen Franken nicht gelten, weil er nach fünQährigem 
Aufenthalt in Würzburg die fränkischen Fürsten gele- 
gentlich seine heimischen nannte. Nach seinem Bei- 
namen Von der Vogelweide könnte sein Geschlecht über- 
all zu Hause sein, wo es Vogelweiden gab, und die fan- 
den sich in allen deutschen Gauen, so daß es unbe- 
greiflich bleibt, wie ihn Pfeiffer aus solchem Grunde 
für einen Tyroler ausgeben mochte. Aber Pfeiffer hat 
noch einen zweiten Grund: weil der Weg nach dem 
italienischen Hafen durch Tyrol führte, und der Dichter 
in Nr. 115, wo er den Wunsch verräth, am Kreuzzuge 
als Pilger Theil zu nehmen, auch von seiner Heimat 
spricht, die er iurz vorher gesehen, aber kaum wieder 
erkannt hat. Allein nach diesem dreisprüchigen Tone 
hatte der Dichter »die liebe reise« noch nicht angetreten : 
die Mittel fehlten ihm dazu, eben diese hatte er wohl 
in seinem Geburtslande aufzutreiben gehofft. Daraus 
folgt eher, daß er kein Tyroler war, denn seine Hei- 
mat hatte er kurz vorher gesehen ; durch Tyrol würde 



24 Einleitung. 

ihn der Weg erst führen, wenn er die Reise antreten 
dürfte. Ebenso wenig war Franken sein Geburtsland, 
wo er seit 1220 eine dritte Heimat gefunden hatte; 
auch Oesterreich nicht, seine zweite Heimat, denn dieß 
hatte er erst vor fünf Jahren verlaßen und durch die 
Veränderungen, die Land und Leute dort seitdem er- 
fahren hatten, konnte er so überrascht nicht sein; sein 
Geburtsland, seine erste Heimat hatte er offenbar seit 
seiner Jugend nicht wiedergesehen : wir müßen sie fern 
von Oesterreich denken. Als ein fahrender Sänger, 
der viel Länder gesehen, deutsche und undeutsche, der 
überall Bescheid wüste, in Gestenreich und Thüringen, 
in Meissen und Franken, am Rhein und an der Elbe, 
dessen Sprache mit Einer schon berührten Ausnahme 
kein landschaftliches Gepräge trug, sah er wohl schon 
das ganze Deutschland als seine Heimat an, denn er 
wünschte sich, lange darin leben zu dürfen. In höhern 
Jahren freilich hegte er einen andern Wunsch: er 
wünschte die liebe reise über See zu fahren und himm- 
lischen Sold zu verdienen. Dieser Wunsch scheint ihm 
gewährt worden zu sein : »mirst geschehen des ich ie 
bat : ich bin komen an die stat, da Got mennischltchen 
trat.« Wahrscheinlich ist er auch von dem Kreuzzuge 
zurückgekehrt, aber bald darauf gestorben : wir wißen 
von seinem Grab im Kreuzgange des neuen Münsters 
zu Würzburg mit der auch schon früh verschwundenen 
Inschrift : 

Pascua qui volucrom vivus Walthere fuisti, 
Qui £los eloquii, qui Palladis os, obiisti: 
Ergo quod aureolam probitas tua possit habere, 
Qui legit, hie dicat: Deus istius miserere. 

Nach einer handschriftlichen Sage (Uhland S. 153) 
verordnete Walther in seinem Testament, daß man 



Einleitung. 25 

auf seinem Grabsteine den Vögeln Weizenkörner und 
Trinken gebe, und wie noch jetzt zu sehen sei, hab 
er in den Stein, unter welchem er begraben liege, vier 
Löcher machen laßen zum täglichen Füttern der Vögel. 
Das Capitel des neuen Münsters aber habe dieß Ver- 
mächtniss für die Vögel in Semmel verwandelt, welche 
an Walthers Jahrestage den Chorherm gegeben werden 
sollten und nicht mehr den Vögeln. 

Ein gleiches Vermächtniss zu Gunsten der Vögel 
des Himmels wird von Kaiser Heinrich dem Vogler, 
Pröhle, Harzsagen S. 292, berichtet, und so geht diese 
Sage wohl von der Ausdeutung des Namens Vogelweide 
auf die Vogeljagd aus, und zugleich von der auf die 
Speisung (Weide) der Vögel, denn die Vögel wurden 
als Seelen der Verstorbenen angesehen und die als 
Waidmann an ihnen begangene Sünde sollte durch die 
angeordnete Spende gesühnt werden. Vgl. Handbuch 
der d. Mythologie 3. Aufl. S. 444 und 578. 



I. 

Sprüche. 



1. WAHLSTREIT. 

1198. 

Lachm. 8. 

Die drei folgenden Gesetze bilden ein Ganzes, wie über 
die Dreizahl nicht hinausgehende Spräche stäts auf das Engste 
verbunden sind, auch wenn sie nicht wie diese hier der gleich- 
lautende Anfang als zusammengehörig bezeichnet. Lachmann 
hat zweien derselben das Jahr 1198 als Entstehungszeit ange- 
wiesen, das dritte setzt er fünf Jahre später ; aber gerade dieses 
enthielt den Vorwurf, daß der Pabst zu jung sei: wäre das 
1203, oder wie Abel wollte, auch nur 1201 gedichtet, so käme es 
sehr zur Unzeit, denn damals hatte Innocenz III. sich schon 
als einen der mächtigsten Päbste bewährt. Was aber Lach- 
mann für die dritte Strophe nahm, ist in der That die zweite : 
für unsere Anordnung streiten zwei Handschriften gegen eine, 
und was wichtiger ist, die Anlage des ganzen Gedichts, 
dessen Gedanke bei der bisherigen Stellung nicht hervortrat; 
die Macht und Ehre des Reichs, die gebieterisch Philipps Er- 
hebung forderte. Diese letzte Strophe wird allgemein in das 
Jahr 1198 gesetzt. Die vorhergehende früher anzusetzen giebt ^ 
es keinen Grund. Die beiden Könige Z. 30 sind Philipp und 5 
Otto: Abel führt selber aus, »der Pabst habe in Bezug auf die . 
"IfaiSBr wohl ein so feines Spiel gespielt, daß, wie er selber . 
schreibe, bis zum Frühling 1199 beide Könige (Otto und Phi- 
lipp) sich seiner Gunst rühmen konnten und in Deutschland 
laut die Rede gieng, nicht auf die Wohlfahrt des Reichs, son- 
dern auf seine Erniedrigung und Zerrüttung habe er es ab- 
gesehen.« Wenn er nun gleichwohl die beiden Könige auf 
die Hohenstaufen Philipp und Friedrich bezieht, so ist das die 
reinste Willkür, für die er nichts aufbringen kann, als daß es 
auffallend bleibe, daß Walther so bald nach Kaiser Heinrichs 
Tode dessen Sohn, den erwählten König Friedrich, ganz ver- 
geßen haben sollte. Aber dieses unmündige, dreijährige Kind 
konnte die hohenstaufische Partei durchzusetzen nicht hoffen : 
deswegen richtete sie ihre Zuversicht auf Philipp, des ver- 
storbenen Kaisers Bruder, den sie am 6. März 1198 zu Thüringen 
gewählt hatte. Die Worte »si bienen die si wolten« Z.41 gehen 
auf den vorgegebenen Bann Philipps und seiner Anhänger, von 
dem freilich Abel sagt, er sei in Deutschland nicht bekannt und 
von einem so eifrigen Anhänger wie Walther nicht anerkannt 



30 Wahlstreit. 

gewesen. Aber Philipp selbst erkannte ihn darin an, daß er 
sich, wie Lachmann auch anführt, im März oder April davon 
lösen ließ : warum hätte ihn Walther nicht erwähnen sollen ? 
War er in Deutschland nicht bekannt gewesen, so würden 
die Pfaffen schon dafür gesorgt haben, daß er bekannt wurde. 
Wenn Abel darthun will, jener von Innocenz behauptete Bann 
sei geschichtlich nicht erweisbar, so ist das ganz gleichgültig, 
denn schon die Behauptung, daß ein Bann verhängt sei, ist 
so gut oder so schlimm wie ein Bann, wenn sie von dem auf- 
gestellt wird, der die Macht hat, die Kirchen zu schließen, 
üebrigens ist unter den Pfaffen die päbstliche Partei verstan- 
den, die es mit Otto hielt, unter den Laien die kaiserliche, 
der Walther anhieng. Als jene mit den^Waffen den Kurzem 
zog, berief sie sich wieder auf den Bannfluch. War unsere 
zweite Strophe erweislich im J. 1203 oder 1201 gedichtet, so 
könnten auch die beiden andern nicht früher angesetzt werden. 
Aber Alles hier Erwähnte, auch Zerstörung der Gotteshäuser, 
ja ganzer Städte wie Bonn und Andernach, hatte sich schon 
1198 begeben, unser Gedicht ist keineswegs, wie fast allge- 
mein behauptet wird, von allen bestimmbaren Gedichten Wal- 
thers das älteste: selbst unter denen, welche sich auf die An- 
gelegenheiten des Reichs beziehen, scheint der Spruch Nr. 5 
älter. Er ist noch in Oesterreich und im Wiener Hofton, bei 
der ersten Nachricht von Ottos Wahl, gedichtet, während unser 
Gedicht wohl erst entstand, als Walther den Wiener Hof mit 
dem Philipps zu vertauschen gedachte. Hier steht es nur voran, 
weil es in den Handschriften die Sammlung der Gedichte Wal- 
thers eröffnet, und das ihnen inB und C, zwei der besten Hand-- 
schriften, beigegebene Bild ihn in der Stellung darstellt, in 
der er sich hier zeichnet, nachdenklich auf einem Steine sitzend, 
wie das Epos die Tief betrübten schildert. Walthers Trauer 
gilt dem zerrißenen Vaterlande, um das auch wir noch klagen 
müßen. 

Ich saj üf eime steine, 
und dahte bein mit beine: 
dar üf sazt ich den ellenbogen: 
ich hat in mine hant gesmogen 
5 das ^ni^e und ein min wange. 
d6 d&ht ich rair vil angQ, 
wie man zer weite solte leben : 
deheinen r&t kond ich gegeben, 
wie man driu dinc erwürbe, 
10 der keines niht verdürbe. 



Wahktreit. 31 

dia zwei sint ere und vamde guot, 

da) dioke ein ander schaden tuot: 

da) dritte ist Gotes hulde, 

der zweier übergulde. 
15 die wolte ich gerne in einen schrin. 

ja leider des enmac niht sin, 

da) gaot nnd weltlich ere 

und Gotes hulde mere 

zesameDe in ein herze komen. 
20 stig unde wege sint in benomen: 

untriuwe ist in der sä)e, 

gewalt vert üf der str&)e: 

Fride unde reht sint sere wnnt. 

diu driu enhabeut geleites niht, diu zwei enwer- 

den S gesunt. 

» 

25 Ich sach mit minen ougen 

manne unde wibe tougen, 

da) ich gehorte und gesach 

swa) iemen tet, swa) iemen sprach. 

ze Borne horte ich liegen, 
30 zw^ne künege triegen. 

d4 von huop sich der meiste strit, 

der e was oder iemer sit, 

d6 sich begunden zweien 

pfaöen unde leien. 
35 da) was ein not vor aller not: 

lip unde sele lac da t6t. 

die pfaffen striten sere ; 

doch wart der leien m^re. 

diu swert diu leiten si dernider, 
40 und griffen zuo der stole wider: 
I si bienen die si weiten, 

und niht den si solten. 

dö störte man diu goteshüs. 

ich horte verre in einer klüs 
45 vil michel ungebsere: 

d& weinte ein klosen^re. 

Er klagete Gote siniu leit: 



32 Wahlstreit. 

'ouwe der habest ist ze junc: hilf, hörre, diner 

kristenheit/ 

Ich horte ein wajjer diejen 
50 und sach die vische fliegen, 

ich sach swa) in der weite was, 

velt walt loup ror unde gras. 

swa) kriuchet unde fliuget 

und hein zer erden hinget, 
55 da) sach ich, unde sage iu da^: 

der keine) lebet kne ha). 

da) wilt und da) gewürme 

die stritent starke stürme, 

sam tuont die vogel under in; 
60 wan da) si habent einen sin : 

si endühten sich ze nihte, 

si enschüefen starc gerihte. 

si kiesent künege unde reht, 

si setzent herren unde kneht. 
65 so we dir, tiuschiu zunge, 

wie stet din ordenunge ! 

da) nü diu mugge ir künec hat, 

und da) din ere also zergät. 

bekera dich, bekere. 
70 die cirken sint ze here. 

Die armen künege dringent dich: 

Philippe setze en weisen üf, und hei) si treten 

hinder sich. 

Z. 12 der ietweders B, dwederj dem andern Pfeiffer. 
Z. 40 wider: sie hatten sich also schon früher dieser geistli- 
chen Waffe bedient. Z. 41 bezeichnet den Gebannten nicht näher, 
sondern hebt nur die Willkür hervor, mit der ihn der Bann 
trifft : so wird auch Z. 42 nur den Vorwurf der Ungerechtigkeit 
enthalten, so daß man dabei weder mit Lachmann an den Pabut 
noch mit Andern an Otto denken darf. Der kiosensere Z. 46 
bedeutet hier und öfter die vormalige strenge Frömmig- 
keit im Gegensatz zu der nunmehrigen Ausartung des geist- 
lichen Standes. J. Grimm vermuthete, es sei damit ein be- 
kannter geistlicher Dichter gemeint, etwa Gualtherus Mapeß 
oder Henricus Septimellensis ; neuerdings rieth J. 0. Opel 
auf den eifrig kaiserlich gesinnten Bischof von Halberstadt 



Wiener Hofton. 33 

(1200—1208). Z. 49—67. Hier erst tritt Walther mit posi- 
tiven Vorschlägen hervor, welche der in den ersten Strophen 
geschilderten Zerrüttung des Reichs abhelfen sollen. Hierin 
liegt die Einheit des Gedichts, dessen Composition bei jener 
andern Anordnung verfehlt wäre. Auch Uhland stellt die Str., 
welche Philipps gedenkt, an den Schluß. Zu Z. 70 ff. Die 
Cirkel sind die einfachen Fürstenkronen, der »weise« meint die 
Königskrone. Z. 72 steht Philippe im Dativ, angeredet wird 
diu tiusche zunge, die Gesamtheit aller deutsch redenden, d. i. 
das deutsche Volk. 



WIENER HOFTON. 

2. DAS FEST Zu WIEN. 

um 1194. 

L. 25. 

Der junge Fürst, der das hier geschilderte Fest gab, war 
Friedrich der Katholische, der seinem Vater Leopold VI., dem 
Gönner Reinmars des Alten, 1194 in der Herzogswürde folgte. 
Seinen Tod beklagt Walther noch in Nr. 21, vgl. auch Nr. 17. 
Mit Lachmann an Friedrichs jungem Bruder, Leopold VII., 
der 1200 das Schwert nahm, zu denken ist kein Grund, denn 
warum hätte Friedrich ausdrücklich genannt werden müßen, 
und nicht auch Leopold? Der Herzog, an dessen Hofe, ja in 
dessen Gegenwart dieser Spruch gesungen wurde, war mit 
Händen zu greifen. Auch kann aus Z. 14 nicht auf eine 
Schuld gegen den Herzog geschloßen werden, deren der Dich- 
ter jetzt nicht mehr zu entgelten brauchte : die Zeile spricht 
nur von der Lösung der Pfänder der Fahrenden, die bei Hof- * 
gelagen gebräuchlich war : solcher alten Pfandschulden musten 
sie entgelten, wenn sie nicht noch rechtzeitig getilgt wurden, 
denn dann verfielen die Pfänder. Diese Erklärung giebt auch 
Pfeiffer, ja er nimmt mit uns an, daß dieser Ton zu Herzog 
Friedrichs Ehren erfunden ward : gleichwohl bezieht er diesen 
und den folgenden Spruch auf Herzog Leopold, wofür er gar 
keine Gründe mehr hatte. Er folgt gedankenlos der Annahme 
Lachmanns. 

Ob ieman spreche, der nü lebe, 

da$ er gesaehe ie groejer gebe, 

als wir ze Wiene haben dur ere enpfangen? 

2* 



34 Wiener Hofbon. 

Man sacb den jungen forsten geben 
5 als er niht lenger wolte leben: 

da wart mit guote wunders vil begangen. 

Man gab da nibt bi diijec pfänden, 

wan Silber als ej wsere fanden, 

gab man bin und riebe wllt. 
10 oucb biej der fürste durcb der gernden bulde 

die malben von den stellen Iseren. 

ors, als ob ej lember wseren, 

vil maneger dan gefiieret b^t. 

ejngalt da. nieman siner alten scbulde: 
15 da5 was ein minneclicber rät. 

Z. 3 dur ere, der Ehre wegen, denn die Milde der Fürsten, 
war ihre Ehre. Zu Z. 11 bemerkt Lachmann: die Meinung 
wird sein: die stelle von den märhen leeren. 



3. AN FRIEDRICH VON OESTERREICH. 

L. 20. 

Der Dichter beklagt sich, daß bei dem Wiener Feste, das 
er in dem vorhergehenden Spruche so glänzend geschildert 
hatte, er selber mit keiner Gabe bedacht worden sei. Die 
Bitte, auch seiner zu gedenken, wird ihm schwerlich versagt 
worden sein: Vgl. Nr. 18 und Nr. 21 Z. 4. 5. 

Mir ist verspart der saelden tor: 

da sten icb als ein weise vor, 

mich bilfet nibt swa} icb dar an geklopfe. 

Wie möbt ein wunder groejer sin? 
5 e) regent bedentbalben min, 

daj mir des alles nibt enwirt ein tropfe. 

Des fürsten milte üj Ostenicbe 

fröit dem süejen regen gelicbe 

beidiu Hute unt oucb da) laut. 
10 erst ein scboene wol gezieret beide, 

dar abe man bluomen bricbet wunder. 

und brdßcbe mir ein blat dar under 

sin vü miltericbiu baut, 

sd möbte icb loben die süejen ougenweide. 
15 hie bi si er an mich gemant. 



Der Hof zu Wien nach Herzog Friedriohs Tode. 35 

Z. 1. Nach Wackemagel Zeitschr. II, 535 wäre Beeiden 
als weiblicher Eigenname schwach flectiert oder abstract zu 
nehmen und deshalb in den gen. plur. gesetzt ; letzterer Aus- 
legung gebe ich mit ihm den Vorzug. Z. 7. üeber die Wort- 
stellung vgl. J. Grimm Zeitschr. III, 136 ff. 



4. DER HOP ZU WIEN 
NACH HERZOG FRIEDRICHS TODE. 

1198. 
L. 24. 

Herzog Friedrich war den 16. April 1198, als er eben vom 
Kreuzzuge zurückkehren wollte, in Palästina gestorben und 
ward am 11. October zu Heiligenkreuz begraben. Pfeiffer be- 
kennt nicht zu wißen, in welche Zeit dieser Spruch falle; bei 
Wilmanns fehlt darüber jede Auskunft. Warum es nicht wohl 
glaublich sei, daß er gleich nach Herzogs Friedrich Tod ent- 
standen sei, wie Lachmann und Wackemagel wollen, ver- 
schweigt Pfeiffer. Die Beziehung der Z. 12 und 13 auf 2, 
7 — 13 ist fast wörtlich. 

Der hof ze Wiens sprach ze mir 

'Walther, ich solte lieben dir, 

nü leide ich dir : da^ müeje Got erbarmen. 

Min wirde diu was wilent gröj: 
5 do lebte niender min genö^ 

wan künoc Artüses hof: s6 we mir armen! 

Wä nü ritter unde frouwen, 

die man bi mir solte schon wen? 

seht wie jamerliche ich stS. 
10 min dach ist fül, so risent mine wende: 

mich enminnet nieman leider. 

golt Silber ros und dar zuo kleider, 

diu gab ich, unde hat ouch m^: 

nun hab ich weder schapel noch gebende 
15 noch frouwen zeinem tanze, ouwel' 



36 Wiener Hofton. 



5. DER PFAFFEN WAHL. 
1198. 
L. 25. 

Ottos Eönigswahl (1. Mai 1198) hatte römischer Einfluß 
und namentlich Erzbischof Adolf von Köln durchgesetzt. Bei 
Friedrichs Wahl war dieser Ton längst nicht mehr im Gebrauch. 
Daß dieser als päpenkeiser verspottet wurde, beweist nichts 
für Abels Meinung, Ztschr. IX, 144, denn das muste sicli jeder 
König gefallen laßen, den der Pabst durchsetzte. Auch Otto 
war nach Böhmers Urtheil (Regosten XL VII) ein Pfaffenkönig. 
Gleichwohl hat sich Wackemagel von ijeiner eigenen wohlbe- 
gründeten Ansicht, der Lachmann 206 zugestimmt hatte, 
wieder abbringen laßen. 

xLünc Constantin der gap so vil, 

als ich ej iu bescheiden wil, 

dem stuol ze R6me, sper kriuz unde kr6ne. 

Zehant der engel lüte schre 
5 *ouwe, ouwe, zem dritten we ! 

e stuont diu kristenheit mit zühten schone: 

Der ist nü ein gift gevallen, 

ir honec ist worden zeiner gallen : 

daj Wirt der werlt her nach vil leit.^ 
10 alle forsten lebent nii mit eren, 

wan der hoehste ist ges wachet: 

da5 bat der pfafifen wal gemachet. 

da) si dir, süe^er Got, gekleit. 

die pfafifen wellent leien reht verkeren : 
15 der engel hat uns wir geseit. 

Zu Z. 1. In der auch nur gefabelten Constantinischen 
Schenkung, die der Dichter in Nr. 111 wieder zur Sprache 
bringt, sahen ihre Gegner den Beginn ihres Verfalls. Vgl. Her- 
man von Fritzlar in Fr. Pfeiffers Mystikern I, 43. 44. Z. 14. 
Die Einmischung Roms in die Wahl eines deutschen Königs 
wird als Anmaßung zurückgewiesen. 



Nahen des jüngsten Tages. 37 



6. NAHEN DES JÜNGSTEN TAGES. 

L. 21. 

Keine Anspielung auf ein bestimmtes Zeitereigniss : das 
hier variierte Thema von dem bevorstehenden Weltuntergang 
ist schon aus der heidnischen Zeit vererbt. Im J. 1207, auf 
welches Abel a. a. 0. 142 aus Casarius Heisterbacensis hin- 
weist, war dieser Spruch nicht mehr im Gebrauch ; allerdings 
aber mochte der Bürgerkrieg und seine entsittlichende Wir- 
kung (Abel 144) zu W^lthers Schilderung Veranlaßung geben. 

Nu wachet! uns get zuo der tac, 

gein dem wol angest haben mac 

ein ieglich kristen, Juden unde beiden. 

Wir h&n der zeichen vil gesehen, 
5 dar an wir sine kunft wol spehen, 

als uns diu schrift mit wärheit hat bescheiden. 

Diu sunne hat ir schin verkeret, 

untriuwe ir samen üj gereret 

allenthalben zuo den wegen: 
10 der vater bi dem kinde untriuwe vindet, 

der bruoder sinem bruoder liuget, 

geistlich leben in kutten triuget, 

die uns ze himel solten stegen; 

gewalt get üf, reht vor gerihte swindet: " 
15 wol üf! hie ist ze vil gelegen. 

Z. 8 Pfeiffer cfflre. Z. 10. 11 vgl. Völuspä (Möbius) 46: 
Broßdwr munu berjask oh at hönum verdasJc — hart er in heimi, 
hördömr mikül. 



38 • Wiener Hofton. 

7. DAS JÜNGSTE GERICHT. 
L. 148. ^ 

Dieser Spruch ist mit dem vorhergehenden durch seinen 
Inhalt nah verwandt. An seiner Echtheit ist kein Grund zu 
zweifeln, wenn er gleich nur in einer Handschrift des Schwa- 
benspiegels steht. 

Ich hoere des die wisen jehen, 

da; ein gerihte sül geschehen, 

daj nie deheinej me wart also strenge. 

Der lihtser sprichet sIt zehant 
5 *^'gilt äne borgen unde pfant.' 

d4 wirt des mannes rät vil kurz und enge. 

Daj hilf mir, frouwe, hie besorgen, 

Sit da) dort nieman wil borgen, 

dnr die hoehsten fröude din, 
10 die dir der heilige engel ze ören brähte, 

do er dir ze tragene gunde 

da von sich din fröude erzunde 

und unser werndej heil sol sin. 

der dir der fröude von alrerste gedahte, 
15 des tröst si an dem ende min. 

Z. 5 heißt: bezahle sogleich bar, weder Bürgschaft noch 
Pfand wird angenommen. Vgl. Benekes Wörterbuch s. v. borge. 

8. AN DIE WELT. 
L. 71. 

Auch von diesem und den folgenden Sprüchen kann nur 
gesagt werden, daß sie noch in Wien entstanden und auf die 
entsittlichende Wirkung des Bürgerkriegs bezüglich sind. 

Ouwe dir, Welt, v^ie übel du stest ! 
wa5 dinge du al) an hegest, 
diu von dir sint ze lidenne ungenseme! 
Du bist vil nach gar äne schäm. 
5 Got weij wol, ich bin dir gram : 



Salomons Lehre. 39 

din art ist elliu worden widerzseme. 

Wa) eren h4st uns her behalten? 

nieman siht dich fröiden walten 

als man ir doch wilent pflac. 
10 we dir, wes habent diu milten herze engolten? 

für diu lopt man die argen riehen. 

Welt, du stest s6 lasterlichen, 

da} ich) niht betiuten mac. 

triuwe unde warheit sint vil gar bescholten : 
15 da) ist ouch aller ^ren slac. 

Z. 10. »Für welche Sobald ließ man die Mildthätigea 
büßen ?« « 



9. SALOMONS LEHRE. 
L. 23. 

Dieser und die beiden folgenden Sprüche behandeln den 
gleichen Gegenstand, die versäumte Kinderzucht. Hier sehen 
wir zunächst wie sie den Eltern selber heimkommt. 

Die veter haut ir kint erzogen, 

dar an si bede sint betrogen: 

si brechent dicke Salomones lere. 

Der sprichet, swer den besmen spar, 
5 da) der den sun versüme gar: 

des sint die ungebätten gar an ere. 

Hie vor d6 was diu weit so schoene, 

nü ist si worden also hoene; 

des enwas niht wilent e: 
10 die jungen hänt die alten gar verdrungen. 

nü spottent also dar der alten! 

e) wirt iu selben noch behalten: 

beitent unz iuwer jugent zerge: 

swa) ir in tuot, da) rechent iuwer jungen. 
15 da) wei) ich wol, und wei) noch m^. 

Z. 4 fF. Sal. Spr. 13, 24. — Z. 6 vermuthet Lachmann unge- 
herteuj vgl, 10,7; nach Höfer Germ. XIV, 201 ungehdtten die 
Ungebeßerten, weil nicht gezüchtigten. 



40 Wiener Hofton. 



10. NEBÜCADNEZAR8 TRAUM. 
L. 23. 

Walther fürchtet für die Zukunft der Welt, wenn von 
den Bösen noch bösere Brut kommen sollte. 

Ej troumte, des ist manec jär, 

ze Babilone, da) ist war, 

dem künge, ej wurde boeser in den riehen. 

Die nü ze vollen bo^se sint, 
5 gewinnent die noch boeser kint, 

ja herre Got, wem sol ich diu geliehen? 

Der tievel wser mir niht so smsehe, 

quseme er dar da ich in ssehe, 

sam des boesen boeser bam. 
10 von der geburt enkumt uns frum noch ere. 

die sich selben so verswachent 

und ir b6sen boeser machent, 

an erben müejen si vervarn, 

daj tugendel6ser herren werde iht mSre: 
15 daj solt du, herre Got, bewarn. 

Z. 1 — 3. Vgl. Daniel c. 2. Die Erklärung der allein 
schwierigen Stelle Z. 12 giebt nur Benekes Wörterbuch, keine 
der neuern Ausgaben, die doch Erklärungen versprechen. 



11. VERFALL DER ZUCHT. 

L. 24. 

Durch die versäumte Zucht ist die Jugend frech and un- 
verschämt geworden. Walther fürchtet, sie würde es an Haut 
und Haar entgelten müfzen. Wie das in Erfüllung gieng, 
davon sehen wir im Meier Helmbrecht ein spätes Beispiel. 

Wer zieret nü der eren sal? 
der jungen ritter zuht ist smal: 
so pflegent die knehte gar unhövescher dinge. 
Mit Worten, und mit werken ouch ; 
5 swer zühte hat, der ist ir gouch, 



Allvater. 41 

nemt war wie gar unfuoge für sich dringe. 

Hie vor do berte man die jungen, 

die da pfl^en frecher zningen: 

nü ist e$ ir werdekeit. 
10 si schallent unde scheltent reine frouwen. 

we ir hinten nnd ir h&ren, 

die niht kunnen fr6 gebären 

sonder wibe hei^zeleit! 

da mac man sünde bi der schände schouwen, 
15 die maneger üf sich selben- leit. 

Z. 7 vgl. tvL 9 Z. 6. 



12. ALLVATER. 

L. 22. 

Betrachtungen über die Gleichheit der Menschen vor Gott, 
der unser aller Vater ist. 

Swer äne vorhte, herre Got, 

wil sprechen dinin zehen gebot, 

und brichet diu, dag ist niht rehtiu minne. 

Dich heilet vater maneger vil: 
5 swer min ze bruoder niht enwil, 

der spricht diu starken wort üj krankem sinne. 

Wir wahsen üj gelichem dinge: 

spise frumet uns, diu wirt ringe, 

so si dur den munt gevert. 
10 wer kan den herren von dem knehte scheiden, 

swa er ir gebeine blojej füude, 

het er ir joch lebender künde, 

so gewürme dej fleisch veraert? 

im dienent kristen jaden unde beiden, 
15 der elliu lebenden wunder nert. 



42 Wiener Hofton. 

13. ABFINDUNG. 

L. 20. 

Werth und ünwerth des Keichthums wird in diesem und 
noch in den beiden folgenden Gesetzen erwogen. 

Waj Wunders in der werlte vert! 

wie manec gäbe uns ist beschert 

von dem der uns Ü5 nihte h4t gemachet ! 

Dem einen git er schoben sin, 
5 dem andern guot unt den gewin, 

daj er sich mit sin selbes guote swache*t. 

Armen man mit guoten sinnen 

sol man für den riehen minnen, 

ob er eren niht engert. 
10 ja enist ej niht wan Gotes hulde und ere, 

dar nach diu weit so sere vihtet: 

swer sich ze guote also verpflihtet 

daj er der beider wirt entwert, 

dem habe ouch hie noch dort niht lones mero, 
15 wan si eht guotes hie gewert. 

Z. 6 liest Lachmann in den spätem Ausgaben muote. Aber 
guote (C) verdient den Vorzug. Z. 10 bedarf keiner Emen- 
dation, vgl. 14, Z. 7. 8. 

14. HABSUCHT. 
L. 22. 

Das Gut ist unwerth, das mit Schande erworben ist. 

Swer houbetsünde unt schände tuot 
mit siner wi^jende umbe guot, 
sol man den für einen wisen nennen ? 
Swer guot von disen beiden h&t, 
5 swerj an im weij unt sichs verstät, 
der sol in zeinem t6ren ba^ erkennen. 
Der wise minnet niht so sere 
alsam die Gotes hulde unt ere: 
sin selbes lip, wib unde kint, 
10 diu lat er e er disiu zwei Verliese. 



Morgen gebet. 43 

er tore, er dunket mich niht wise, 
und ouch der sin ere prise: 
ich waen si beide toren sint. 
er gouch, swer für diu zwei iht anders kiese ! 
15 der ist an reiften witzen blint. 

Z. 7 u. 8 entsprechen genau den Z. 10 und 11 in Nr. 12. 



15. ARM UND REICH. 
L. 22. 

Ermahnung die richtige Mitte zu halten zwischen Hab- 
sucht und Verschwendung. 

June man, in swelher aht du bist, 

ich wil dich leren einen list. 

du 14 dir niht ze we sin nach dem guote ; 

lA dir^ ouch niht zunmsere sin : 
5 und volges du der lere min, 

so wis gewis, "ej frumt dir an dem muote. 

Die rede wil ich dir baj bescheiden. 

und last du dir^ ze sere leiden, 

zerg^t ej, so ist d£n fröide t6t; 
1 wilt aber du daj guot ze sere minnen, 

du mäht Verliesen sele und ere. 

dk von so volge miner lere, 

leg üf die wäge ein rehte} 16t, 

und wig et dar mit allen d^en sinnen 
15 als e^ diu m&^e uns iegebdt. 



16. MORGENGEBET. 
L. 24. 

Allerdings gehört dieß Gedicht in die Classe der Segen; 
aber als Reisesegen kann es nicht mit Sicherheit aufgefaßt 
noch auf die Zeit bezogen werden, da Walther Wien verließ 
eine neue Heimat zu suchen. Nur kann es nach dieser Zeit 
nicht entstanden sein. 



44 Wiener Hofton. 

Mit sselden müe^e ich hiute uf sten, 

Got berre, in diner huote gen 

und riten, swar ich in dem lande kSre. 

Krist herre, laj mir werden schin 
^ 5 die gr6)en kraft der güete din, 

und pflic min wol dur diner muoter ere ; 

Als ir der heilig engel pflsege, 

und din, do du in der krippen Isege, 

junger mensch und alter Got, 
1 demüetec vor dem esel und vor dem rinde ; 

und doch mit sseldenricher huote 

pflac din Gabriel der guote 

wol mit triuwen sunder spot : 

als pflig ouch min, daj an mir iht erwinde 
15 da^ din vil götelich gebot. 

Blicken wir zurück auf die Behandlung dieses Tones, so 
fällt der Auftact im Aufgesang sehr selten weg, aber häufig 
in der 1., 2., 3., 5., 6., 7. Zeile des Abgesanga, wo sich auch 
die übrigen Zeilen, die letzte ausgenommen, ihm nicht ganz 
verschließen. 

17. FRIEDRICH VON ÖSTERREICHS TOD. 

1198. 
L. 107. 

Vgl. zu 4. unser Spruch bildet mit dem folgenden und 
einer dritten verlorenen Strophe ein größeres aus drei Ge- 
setzen bestehendes Ganze. Gelehrt durfte Herzog Friedrich 
wohl heißen zu einer Zeit, wo Hartmann sich gelehrt nannte, 
weil er an den huochen lesen konnte. Auch die übrigen 
Gründe, warum WR diese Sprüche Walthern abspricht, und 
seinem Schüler, dem Singenberger, zuschreibt, der von dem 
Tode eines Abtes von St. Gallen sprechen soll, reichen nicht 
aus. Vgl. Uebersetzung 4. Aufl. S. 327. 

Gelerter fürsten kröne 
mit üj erweiter tugent, 
mit zuht, mit kunst, mit güete, 
hat Got hin zim genomen. 
5 Der lebte hie vil schöne 



Neidische Rathgeber. 45 

mit alter kunst in jugent. 
nach lobe stuont sin gemüete: 
des was sin name körnen 

ze grölen eren, Fridertch, der ie nach sselden warp. 
10 nü pflege sin Got der riche: 
des wünschen innecliche, 
Sit tiurre fürste sin genoj nie raanege zit verdarp. 

Z. 9 füllt der Name Uolrich, womit WR die Lücke auszu- 
füllen sucht, in dieser Gestalt den Vers nicht recht. 



18. NEIDISCHE RATHGEBER. 
L. 107. 

Walther hält mit Recht die nicht für seine Freunde, die 
ihm rathen, seine Kunst in der Fremde geltend zu machen. 
Der Beschwerden des Wanderlebens überhoben zu sein, würde 
er in der Heimat gern mit einem geringern Maß von Gut und 
Ehre vorlieb nehmen. Walther war also, da er diesen Spruch 
dichtete, noch nicht gesonnen Wien zu verlaßen. Gleichwohl 
finden wir ihn im nächsten Spruche an Philipps Hof. — Die 
Behandlung des Maßes ist in beiden Sprüchen genau, der 
Auftact fehlt nie. 

Vil meneger mich berihtet, 
der niht berihten kan 
sich selben also er solde: 
des alte ich vor den tagen. 
5 Wie gar er mich vemihtet, 
der mir niht guotes gan, 
und gibt wie vil er wolde 
mit miner kunst bejagen 

in fremden landen werdekeit! nü bin ich so gesite, 
10 hset ich hie guot und Sre, 
da) nsem ich für da) mere, 
dar umbe ich iemer dur da) jslr des tievels zite lite. 

Z. 9 zeigt, daß Walther Oesterreich als seine Heimat be- 
trachtet, wie späterhin, nach fünfjährigem Aufenthalt, Franken, 
vgl. 106. Weder das eine noch das andere war darum sein 
Geburtsland. 



46 König Philipps Ton. 



KÖNIG PHILIPPS TON. 

19. UNTER KRONE. 

1199. 

L. 19. 

Walther sah den König Philipp schwerlich vor Weihnachten 
1199, wo er Zeuge war von des Königs festlichem Aufzug an 
der Seite seiner Gemahlin Irene, die eine byzantinische Kaisers- 
tochter, in Deutschland nur für eine Königstochter galt. Le- 
bendig schildert Walther diese Feier, der er zwei Strophen in 
dem neuen zu Ehren Philipps erfundenen Tone widmet. B 
theilt sie in der angenommenen Ordnung mit; in G stehen sie 
wenigstens beisammen. 

!E) gienc, eins tages als unser herre wart gebom. 
von einer maget dier im ze muoter hS,t erkorn, 
ze Megdeburc der künec Philippes schone. 
Da gienc eins keisers bruoder und eins keisers kint 
5 in einer wat^ swie doch die namen drige sint: 
er truoe des riches zepter und die kr6ne. 
Er trat vil lise, im was niht gkch : 
im sleich ein hohgeborniu küneginne nach, 
ros ane dorn, ein tübe sunder gallen. 
10 diu zuht was niener anderswcl : 

die Dürenge und die Sahsen dienten als6 da, 
daj ej den wisen muoste wol gevallen. 

Z. 3. Philippes ist die abgeschwächte lateinische Namens- 
form. Z. 4 — 6. Drei Personen waren in Philipp vereinigt: 
der König, eines Kaisers Sohn und eines Kaisers Bruder: 
kürzer konnte sein Anspruch auf die königliche Würde nicht 
dargethan werden. Z. 8. Irene hieß in Deutschland Maria, 
deren Beinamen hier auf sie übertragen werden. Zu Z^ 11 
bemerkt Lachmann, man dürfe bei den Thüringern ja nicht 
an den Landgrafen selber denken, weil dieser damals noch 
auf Ottos Seite gestanden habe. Dieß föllt jetzt weg, seit man 
nach Böhmers Regesten p. 7 den Magdeburger Hoftag auf 
Weihnachten 1199 ansetzt, um welche Zeit Herman (seit dem 
15. Aug.) auf Philipps Seite stand. Jedoch wird er als an- 
wesend nicht ausdrücklich erwähnt. 



Neuer Lebensmuth. 47 

20. DER LEITSTERN. 
L. 18. 

Nicht von einer Krönung (man meint die zu Mainz im 
September 1198 von dem Bischof von Tarantaise vollzogene) 
handelt dieses Gesetz, sondern von der Krone, welche Philipp 
bei dem Weihnachtsfeste zu Magdeburg trug, wie das aus- 
drücklich erwähnt wird (coronatus incessit; imperiali diade- 
mate insignitus solempniter incessit, Böhmer, Keg. 7). Daß 
Philipp im Besitz der Reichsinsignien war, namentlich aber 
der Krone, welche jener Edelstein zierte, den Herzog Ernst 
aus dem hohlen Berge heimgebracht haben sollte, vgl. 1, 67, 
darauf legte sein Anhang großes Gewicht. 

Diu kröne ist alter danne der künec Philippes si: 
da mugent ir alle schouwen wol ein wunder bi, 
wies ime der smit so ebene habe gemachet. 
Sin keiserliche^ boubet zimt ir also wol, 
5 da^ si ze rehte nieman guoter scheiden sol: 
im wederz dk da) ander niht enswacbet. 
Si liuhtent beide ein ander an, 
da) ed^ gesteine wider den jungen süe)en man: 
die ougenweide sehent die fürsten gerne. 
10 swer nü des riches irre ge, 

der scbouwe wem der weise ob sime nacke ste: 
der stein ist aller fürsten leitesterne. 



21. NEUER LEBENSMÜTH. 
L. 19. 

Durch die beiden vorstehenden Sprüche hat Walther am 
Hofe Philipps gastliche Aufnahme gefunden. Vielleicht war 
er ihm aber schon durch die drei Strophen des ersten Spruches 
empfohlen. Die Trauer, die ihn seit dem Tode Friedrichs von 
Oest^rreich niedergedrückt hatte, ist jetzt von ihm genommen : 
er richtet sein Haupt wieder muthig und im Bewustsein seines 
Werths empor. 

Do Friderich üj Österrich also gewarp, 
d^r an der sele genas und im der lip erstarp, 
dö fuort er minen krenechen trit in derde. 
' Dö gieng ich slichent als ein pfawe swar ich gie, 
5 da) houbet hanht ich nider unz üf miniu knie; 



48 König Philipps Ton. 

nü riht ich ej üf nach vollem werde. 
Ich bin wol ze fiure kernen, 

mich hat daj riche und ouch diu kroue an sich genomen. 
wol uf, swer tanzen welle nach der gigen ! 
10 mir ist miner swsere buoj: 

erste wil ich ebene setzen minen fuoj 
und wider in ein hohgemüete stigen. 

22. SALADIN UND RICHARD. 
L. 19. 

Für die Tugend der Milde, die der Dichter hier und 
wieder Nr. 29 einschärft, galten neben Alexander dem Großen, 
der dort genannt wird, Saladin und Richard als Vorbilder. 

Philippes künec, die nslhe spehenden zihent dich, 
dun sist niht dankes milte: des bedunket mich 
wie du da mite verliesest mlchels mere. 
Du möhtest gerner dankes geben tüsent pfunt, 
5 dan drif\ec tüsent äne danc. dir ist niht kunt 
wie man mit gäbe erwirbet pris und ere. 
Denk an den milten Salatin : 
der jach da^ küneges hende dürkel selten sin: 
so wurden sie erforht und ouch geminnet. 
10 gedenke an den von Engellant, 

v^e tiure er wart erlost von siner gebenden haut, 
ein schade ist guot, der zwene frumen gewinnet. 

Z. 7. Saladins Milde und Großmuth war auch im Abend- 
land sprichwörtlich. Vgl. den Conde Lucanor, Eichendorfs Ueber- 
setzung S. 30 ff. Z. 11. Richards Lösegeld betrug 150,000 Mark. 



23. DER HOF ZU EISENAGH. 

1204—8. 

L. 20. 

Daß Walther über den Hof zu Eisenach nicht spottet, 
wenn er gleich das Gedränge daran nach dem Leben schildert, 
geht schon aus Wolframs Aeußerung Parz. 297, 25 (Wilh. 417, 
26) hervor, der es im Scherz rügt, daß Waltber singen müße : 
guoten tae, bces wnde guot. Daß ein solcheB Lied vorhanden 



Vor König Philipps zweiter Krönung. 49 

war, kann daraus nicht geschloßen werden; Wolfram hatte 
es auch nicht im Ernste tadeln können: indem er guot und 
bwse unterschied, that Walther dasselbe was auch Wolfram 
tbat; nur das beiden zugestandene guoten tac könnte Wolfram 
belächelt haben. Dann aber meinte wohl Eschenbach unsern 
Spruch, der die ein- und ausfahrenden Scharen alle als stolze 
helde behandelt. An einen Spott Walthers zu denken, erlaubt 
der Abgesang am Wenigsten. Die in Nr. 19 erwähnten Düringe 
mochten den Dichter wohl zu einem Besuch auf die Wartburg 
ermuntert haben. Daß er um jene Zeit länger dort verweilt 
habe, wird aus Wolframs Zeugniss und der dem Wartburg- 
kriege zu Grunde liegenden Sage wahrscheinlich. 

Der in den oren siech von ungesühte si, 
daj ist min rät, der lä^e den bof ze Dürengen fri: 
wan kumet er dar, deswar er wirt erteeret. 
Ich hän gedrungen unz ich niht me dringen mac : 
5 ein schar vert ü), diu ander in, naht nnde tac ; 
groj wunder ist da^ iemen d4 gehoeret. 
Der lantgrave ist so gemuot 
da} er mit stolzen beiden sine habe vertuot, 
der iegeslicher wol ein kenpfe wsere. 
10 mir ist sin hohia fuore kunt; 

und gulte ein fuoder guotes wines tusent pfunt, 
Ak stüende ouch niemer ritters becher leere. 

Zu Z. 1: »wer von bösem Siechthum ohrenkrank ist«, 
vgl. Höfer Germ. XIV 205. von ungeschthtef Pfeiffer. — 
Die Behandlung des Maßes weicht von der in 23, 7 aus- 
fallenden Senkung abgesehen nur in Nr. 21 von dem vorge- 
schriebenen jambischen Gange (mehrfach) ab. Die betreffen- 
den Zeilen 6, 7, 10, 11 sind aber in der überlieferten Gestalt 
ausdrucksvoller. 



24, VOR KÖNIG PHILIPPS ZWEITER KRÖNUNG. 

6. Jan. 1205. 
L. 106. 

Die Sprüche in diesem Tone schreibt man jetzt Walthers 
Schüler Singenberg, dem Truchseßen von St. Gallen, zu ; viel- 
leicht beziehen sie sich auch nicht auf König Philipp, sondern 
auf Friedrichs Sohn Heinrich VII. Der erste passt aber auf 

3 



50 Unechte Sprüche. 

Philipps Verhältnisse vor seiner zweiten Krönung genau. Philipp 
war das erstemal von dem Erzbischof von Tarantaise gekrönt 
worden, da sich die deutschen Bischöfe weigerten, ihn als 
einen Gebannten zu krönen. Nachdem aber der Erzbischof 
von Köln, dem allein die Krönung zustand, auf Philipps Seite 
getreten war, sollte sich Philipp von diesem zum andernmal 
salben und weihen laßen. Eben das scheint der Sinn der 
letzten Zeile: dem verwittweten Heich zieme kein Kranz als 
den es sich selber binde. WR will zwar den Ausdruck der 
Braut binden nicht auf die Krönung des Königs, sondern auf 
die Regierung des Reichs bezogen wißen ; aber auch die an- 
dere Deutung ist zuläßig. 

Ej nam ein witiwe einen man hie vor in alten ziten. 
d6 kam vil ritter unde frouwen dur ir liebe dar. 
Als do der briutegome kan, des wart ein michel striten, 
wie si der briute bunden: des zerwürfen si sich gar. 
5 Ze jungest bants ir selber, daj ir niht dar an enwar. 
her künec, nü sit gemant, 
da^ ir dekein gebende zam, wan dajs ir selber bant. 

Z. 3 Jean für kam des Binnenreims wegen. 



25. DIE RATHGEBER. 
L. 106. 

Der künec behielte küneges namen, dern in behalten 

hieje, 

und lebte och swie sin hieben leben, die in hänt in 

ir pfliht. 

Nu ist billich daj er des gein rehten Hüten wol genieje : 

wan sol in schulde und ere geben, der manen dran 

geschiht. 
5 Werde ab er sin selbes man, so 16ne in anders niht 

wan alse ir rllt nu si, 

und swer in sselden roube, den mach er der ^ren fri. 

Z. 4 wan für man. 



Gut Gericht. 51 

26. WEIN UND FASZ. 
L. 106. 

Von Walthern kann dieser Spruch, der zu größerer 
Strenge räth, schon darum nicht herrühren, weil er noch nach 
der zweiten Krönung dem König Milde empfiehlt (Nr. 29). 

Der guote win wirt selten guot wan in dem gudten 

vajje: 

wirt da} bereit ze rehte wol, so habet e$ den win. 

Dar umbe wunder nieman, ob ich an dem künege ha^je, 

h£it er ein herze als si d4 sagent, sol da) niht werden 

schin. 
5 Im sint die treffe also vertriben: er welle raejer sin, 

so ist va) und tranc ein wiht. 

guot win mac ie so lange ligen da) ' man in seiger siht. 

Z. 5 reife Lachni. njich W. Grimm. 



27. GUT GERICHT. 
L. 107. 

Was die drei letzten Zeilen sagen wollen^ ist nicht deut- 
lich. WR liest Z. 7 wan niemen kan geschaden, womit aber 
auch nicht geholfen ist. 

Si jehent, ^da) boeser kom ie nach^. da) hat sich nü 

verkeret : 

wan vindet nü da) man nie vant hie vor bi Karies zit. 

Sich hant des halb der lande reht ze hove wol gemeret : 

e) was e sieht alsam ein hant, nust drunder michel 

strit. 
5 Swä man dem ungetriuwen man die triuwe wider git, 

da ist da) gerihte guot: 

wan enem kan niht geschaden swer für guot hat swa) 

er tuot. 

Z. 2. Karls Loth, seine strenge Gerechtigkeit, ist sprich- 
wörtlich, wan steht wieder für man. 



52 Zweiter Philippeton. 

■ 

28. DAHIN DAHER. 
L. 107. 

Nur von diesem Spruche kann das Urtheil gelten, daß 
er Walthers nicht unwürdig sei. — Die Behandlung dieses 
Maßes ist sich darin ungleich, daß nicht in allen Gesetzen 
Mittelreime und nicht immer an derselben Stelle erscheinen. 
Aehnliches findet sich allerdings auch bei Walther. Von dem 
jambischen Gange wird nur hier Z. 3 und in Nr. 26 Z. 5 abge- 
wichen. 

Dk hin d4 her wart nie 86 wert in allen tiuschen 

landen : 
swer nü da hin da her niht kan, derst an dem spil 

betrogen. 
Künege waren e die niht da hin da her bekanden: 
nust si der list wol kernen an, intwerhes umben bogen. 
5 Ej heten hie bevor die großen fürsten niht gelogen 
dur liute noch dur lant: 
nü ist in meistec allen wol da hin dk her bekant. 



ZWEITER PHILIPPSTON. 

29. DIE MILDE. 
L, 16. 

Philipps zweite Krönung, die seinem Herrn zu größerer 
Macht verhalf und das Ansehen des Reiches wieder herzustel- 
len versprach, begrüßte Walther durch Erfindung eines neuen 
Tones, in dem uns nur wenig Sprüche erhalten sind. Wenn er 
ihm hier wieder zur Milde räth, so theilte er den Irrthum 
seiner Zeitgenoßen und der fahrenden Sänger, die der Milde 
tausendfältigen Lohn verhießen. Hierüber hat ihn wahrschein- 
lich Philipp eines Beßern belehrt, denn der nun folgende Spruch 
30 geht von der entgegengesetzten Ansicht aus. Er verspottet 
die unersättliche Habsucht der Fürsten, an die der König 
nicht Theile des Reichs genug vergeben konnte, ja die ihm 
mit Absetzung drohten, wenn er nicht alle Rechte der Krone 
an sie verschwendete. Von griechischen Kaisem, die im Abend* 



Die Köche. 53 

lande nur Könige hießen, giengen mancherlei Erzählungen 
um (vgl. meinen Italienischen Novellen schätz Nr. 2); auch 
pflegte man von byzantinischen Königen zu sprechen, wo man 
deutsche nicht nennen durfte: eine solche byzantinische Fabel 
hatte wohl der Dichter hier und wieder bei dem Spruch im 
Sinne, den ich unter 113* mittheilen werde; beide bezog Lach- 
mann auf Philipp, dem doch unser Dichter bis über den Tod 
hinaus getreu geblieben scheint, da er noch nach demselben in 
dem ihm gewidmeten Tone sang, wie Nr. 33 zeigt. 

Philippe, künec here, . 
si gebent dir alle heiles- wort 
und wolden liep nach leide. 
• Nu h4st du guot und ere : 
5 daj ist wol zweier künege hört: 
diu gip der milte beide. 
Diu milte lönet sam diu sat, 
diu wünnecliche wider gat 
dar nach man si geworfen hat: 
10 wirf von dir miltecliche. 

swelch künec der milte geben kan, 

si git im daj er nie gewan, 

wie Alexander sich versan: 

der gab und gap, und gap sim elliu liche. 

Z. 1 ist der lateinische Vocativ gebraucht. Z. 2 spricht 
von Glückwünschen, die nur auf die zweite Krönung bezogen 
werden können, die allem Ijeide ein Ende zu machen versprach. 



80. DIE KOCHE. 
L. 17. 

An das Sprichwort, daß viel Köche den Brei versalzen, 
ist hier nicht gedacht. Die Köche sind die Keichshofbeamten, 
welche die königlichen Bewilligungen zu vollziehen hatten. An 
sie wendet sich des Dichters kaustische Ironie, da sie ja bei 
des Königs Absetzung fürchten musten, in seinen Fall ver- 
wickelt zu werden; vgl. zu 29. Auf diesen Spruch spielt Wolf- 
ram (Willehalm 286, 19) an. Von Kaiser Otto kann hier nicht 
die Hede sein, da der Ton nicht mehr gebraucht wird, seit 
der Dichter zu Ottos Partei übertrat. In dessen Dienst würde 
er einen Spruchton nicht verwendet haben, der zu Philipps 
Ehren erfunden ward. 



64 Zweiter Philippston. 

Wir suln den kochen raten, 
sit 6$ in also h6he ste 
da) si sich niht versumen, 
Daj si der forsten breiten 
5 sniden groe^er ba) dan e 
doch dicker eines dümen. 
Ze Kriechen wart ein spi) versniten : 
da) tet ein hant mit argen siten 
(si möht e) iemer hsln vermiten); 
10 der brate was-ze dünne. 

des muose der herre für die tür: 

die fürsten sa)en ander kür. ^ 

der nü da) riebe also verlür, 

dem stüende ba) da) er nie spi) gewünne. 



31. DAS BOHNENLIED. 
L. 17. 

Lachmann vermuthete eine Beziehung auf das Lied vom 
Halmmeßen, 137, dem gegenüber ein Spötter die Bohne gelobt 
hätte. Aber vom Lob des Halms war dort keine Rede ge- 
wesen. Wahrscheinlich war es Sitte die Bohne zu besingen 
oder bei der Bohnenkost Verse zu improvisieren, wie das spä- 
ter mit den sog. Leberreimen geschah. Schon Isidor weiß 
von fabarii cantores, vgl. Wilmanns Walther S. 90. Da der 
Bohne früher eine obscöne Bedeutung beigelegt ward, so 
mochten die Bohnenlieder oft unanständig ausfallen, was die 
Redensart: »das geht übers Bohnenlied I* erklären würde. 
Walther weigert sich die Bohne zu besingen, er liebt diese 
Kost nicht und zieht die Halmfrucht vor, die gut und nahr- 
haft sei, wie der Halm selbst schon durch seinen Anblick die 
Herzen erfreue. 

W^ ^ren hat fr6 Bone, 
da) man s6 von ir singen sol ? 
si rehtiu vastenkiuwe ! 
Sist vor und nach der none 
5 föil und ist der wibel vol 
wan erst in der niuwe. 



An Wichmann. 55 

Ein halm ist kreftec unde guot: 
wa) er uns allen liebes tuotl 
er fröit vil menegem sinen muot: 
10 wie danne umb sinen samen? 
von grase wirdet halm ze str6, 
er machet manec herze fr6, 
er ist guot nider unde h6. 
frou B6ne, et liberä nds S> mM6, amen. 

Z. 4 nöne wird hier einen Jahres-, nicht einen Tagesab- 
schnitt bezeichnen, wie letzteres Wilmanns will, denn an der 
Faulheit und Zerfreßenheit der Bohne kann sich in der Nach- 
mittagsstunde kein Unterschied zeigen, wohl aber am Himmel- 
fahrtstag. Warum dieser None heiße, begründet Pfeiffer richtig 
damit, daß Christus zur Nachmittagsstunde gen Himmel fuhr, 
»daher auch heute noch diese Stunde durch eine feierliche 
Messe besungen wird«. Seit wann werden denn Nachmittags 
Messen gesungen? 



32. AN WICHMANN. 
L. 18. 

Auf Thüringen und Meissen findet sich hier nicht die 
geringste Hinweisung, der Ton deutet auf Philipps Hof. Daß 
wir auf Philipps Tod kein Gedicht besitzen, beweist nichts, 
nicht einmal, daß ihn Walther nicht besungen habe, denn 
offenbar ist uns nur ein Theil seiner Gedichte erhalten. 

Her Wicman, ist daj ere, 
da^ man die meister irren sol 
so meisterlicher sprüche? 
Lät^ iu geschehen niht mere: 
ö für war ich iu daj rate wol. 
waj öbe her Walther krüche? 
Er soltj doch iemer hän vor iu, 
also der weije vor der spriu. 
singent ir ein), er singet driul 
10 ir sit als ars und mane. 

h^r Walther singet swaj er wil, 

des kurzen und des langen vil: 

sus meret er der weite spil; 

so jagent ir alse ein valscher hunt nach w4ne. 



56 Zweiter Philippeton. 

Z. 10 »ir Sit gelt cht Hdschrift (C) ; doch ist vielleicht mit 
Lachmann nach A zu lesen : da^^ sich gelichet rehte als ars und 
tnäne. Auch die entsprechende Zeile des folgenden Spruchs ist 
in einigen Handschriften verlängert, was keinen neuen Ton be- 
gründet. In der Melodie wird auch dieser Abgesang wie der 
des ersten Fhilippstons in zwei gleiche Theile zerfallen sein, 
so daß Z. 10 kürzer wie länger darauf gesungen werden konnte. 
Vgl. auch den ersten Ottenton. 



33. DAS GESCHENK LUDWIGS VON BAIERN. 

Nach dem 20. März 1212. 

L. 18. 

Daß der Dichter noch jetzt in dem zu Ehren Philipps 
erfundenen Tone dichtet, zeigt, daß er nicht aufgehört hatte, 
der staufischen Partei anzugehören. Erst jetzt, nachdem Kaiser 
Otto vom Bannstral getroffen aus Italien zurückgekehrt war, 
wendet er sich diesem zu, vielleicht durch Markgrirf Dietrich IV. 
von Meissen, der ihm von Herzog Ludwig von Baiern ein Ge- 
schenk überbrachte, gewonnen. Daß dieß Geschenk ein Licht 
heißt, erklärt sich daraus, daß bei jedem Opfer Lichter an- 
gezündet wurden. Noch jetzt thut dieß der katholische Got- 
tesdienst. Ein Geschenk aber, das wir noch heute eine Ver- 
ehrung nennen, ist einem Opfer gleich zu stellen. In der 
alten Sprache sagte man auch nicht, ich verehre dir das, son^ 
dern ich verehre dich damit. »Bei Geburts- und Weihnachts- 
beschenkungen darf es nie an Kerzen fehlen«, W. Wackernagel. 
Goethe schreibt an Gräfin Karoline Egloffstein 24. Dec. 1824: 
Am Christabend, wo man am Schmerzlichsten empfindet, den 
Geliebtesten keine Kerze widmen zu können. Grenzboten 1869. 
Nr. 82, S. 206. Vgl. mein Handb. der d. Mythologie 3. Aufl. 544. 
Wie hier die Gabe Ludwigs von Baiern ein Licht, so heißt 
in Nr. 109 das Geschenk Kaiser Friedrichs eine Kerze. Wacker- 
nagels Annahme, Walther sei Ludwigs Dienstmann gewesen, 
und als solchem sei ihm die Kerze geschickt, weil nach dem 
Baseler Dienstmannsrecht den Mannen und obern Amtleuten 
zu allen Lichtmesstagen Kerzen gegeben wurden, hat wenig 
Wahrscheinlichkeit; Walthers Freude über das Geschenk und 
sein hochtönender Dank ließe sich dabei nicht erklären. Den 
Zeitpunkt des Liedes setzt man am Sichersten gleich hinter 
den bezeichneten Frankfurter Hoftag (20. März), wo beide ge- 
nannte Fürsten den Kaiser ihrer Treue versichert hatten. 



Erster Ottenton. 57 

« 

Mir hat ein lieht von Franken 
der stolze Missensere bräht : 
daj vert von Ludewige, 
lehn kan ims niht gedanken 
5 s6 wol als er min hat gedäht, 
wan daj ich tiefe nige. 
Künd ich swa,^ ieman guotes kan, 
daj teilte ich mit dem werden man, 
der mir so höher eren gan : 
10 6ot müe}e im Sre mSren. 

zuo fliege im aller saelden flu), 
niht wildes mide sinen schu^, 
sfns hundes louf, sins hornes du} 
erhelle im und erschelle im wol nach eren. 

Z. 10 Got müeie ouch im die stnen immer miren G, vgl. 
zu 32 Z. 10. — Nur die fünfte Zeile entzieht sich gerne dem 
diesem Tone zugedachten jambischen Gange, s. S. 54. 



ERSTER OTTENTON. 

34. AN KAISER OTTO. 
1212. 
L. 11. 

Dieß ist woUl der erste Spruch in dem neuen zu Ehren 
Ottos erfundenen Tone. Walther begrüßt damit den aus 
Italien zurückkehrenden Kaiser. Yon dem Meissner verheißt 
er aber hier zuviel: noch in demselben Jahre fand man ihn 
unter des Kaisers Gegnern. Warum Pfeiffer diesen Ton erst 
hinter den zweiten Ottenton setzt, ist nicht einzasehen, wenn 
er nicht WR folgte, wo ihm zuerst eine solche Stellung an- 
gewiesen ward. In wessen Dienst sollen die 8c];iarfen Sprüche 
gegen den Pabst (45 — 51) gedichtet sein, wenn nicht in Kaiser 
Ottos? Diesen begrüßt aber hier der Dichter zuerst als 
Kaiser, folglich sind die in unserm Ton gedichteten Sprüche 
älter. Auch durch die Erwähnung des Meissners schließt sich 
dieser Spruch an den vorhergehenden. 



58 Erster Ottenton. 

Keiner dieser Sprüche ist am Frankfurter Hoftag vorge- 
tragen: der Dichter befand sich wohl während desselben in 
Meissen und nach dem vorhergehenden Spruch brachte ihm 
Markgraf Dietrich IV. Ludwigs Geschenk dahin von Frank- 
furt mit. 

Her keiser, sit ir willekomen. 
der küneges name ist iu benomen : 
des schinet iuwer kr6ne ob allen kr6nen. 
lur haut ist krefte und guotes vol : 
5 ir wellet übel oder wol, 
so mac si beidiu rechen unde Ionen. 
Dar zuo sag ich iu msere: 
die forsten sint iu undertan, 
si habent mit zühten iuwer kunft erbeitet, 
10 und. ie der Missenaere 

derst iemer iuwer kae wdn: 

von Gote wurde ein engel e verleitet. 



35. FLUCH und SEGEN. 
L. 11. 

Der vorige Spruch hatte den gebannten Kaiser begrüßt 
und ihn der Treue der deutschen Fürsten, des Bannstrais un- 
erachtet und wohl gerade wegen desselben, versichert; der zweite 
wendet sich an den Pabst, der ihn gebannt hatte, und über- 
führt ihn eines Widerspruchs mit sich selbst. 

Mer habest, ich mac wol genesen: 
wan ich wil iu gehorsam wesen. 
wir horten iuch der kristenheit gebieten 
Wes wir dem keiser solten pflegen, 
5 d6 ir im g4bent Gotes segen, 

da) wir in hieben h^rre und vor im knieten. 
Ouch sult ir niht vergej^en, 
ir S{H*d>chent ^swer dich segene, si 
gesegenet: swer dir fluoche, si verfluochet 
10 mit fluoche volmejjen.'* 

durch Got bedenkent iuch dsL bi 
ob ir der pfa£Pen ere iht geruochet. 



Zwei Zungen. ^ ^9 

s 

36. ZWEI ZUNGEN. 
L. 12. 

Walthers siegreiche Dialektik rückt der päbstlicheu Partei 
ihre Doppelzüngigkeit vor und fragt, an welchen Ausspruch 
sich die Laien eigentlich halten sollten, den alten, der den 
Kaiser zum höchsten Richter der Christenheit eingesetzt habe, 
oder den neuen, der ihn mit dem Bannstral belege. 

Got git zu künege swen er wil.' 
dar umbe wundert mich niht vil: 
uns leien wundert umbe der pf äffen ISre. 
Si lerten uns bi kurzen tagen, 
5 da) wellents uns nü widersagen. 

nü tuen) dur Got und dur ir selber ^re, . 
Und sagen uns bi ir triuwen, 
an welher rede wir sin betrogen; 
volrecken uns die einen wol von gründe, 
10 die alten ode die niuwen. 
uns dunket eine) si gelogen: 
zwo Zungen stänt unebne in einem munde. 



37. DER ZINSGROSCHEN. 

L. 11. 

Auch mit Gottes Wort ist der Pabst in Widerspruch, denn 
dieses hatte befohlen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. 

D6 Gotes snn hien erde gie, 
do versnobten in die Juden ie; 
sam t4tens eines tages mit dirre frage. 
Si fragten obe ir frie) leben 
5 dem künege ibt zinses solte geben. 

d6 brach er in die huote und al ir ll^e. 
Er iesch ein müni^isen, 
er sprach *wes bilde ist hie ergraben?' 
^des keisers^, sprächen do die merksere. 
10 d6 riet er den unwisen 

da) si den keiser liefen haben 

sin küneges reht, und Got swa) Gotes wsere. 



60 Erster Ottenton. 

38. GOTT ALS KLÄGER. 
L. 12. 

In diesem und dem nächsten Spruche betrachtet der 
Dichter den Kaiser nun schon als anerkannten Herrn und 
obersten Richter der Welt, vor dem er als Gottes Abgesandter 
auftritt^ die Klage wider die Heiden anhängig zu machen. 
Daß drei Sprüche dieses Tons mit Her keiser beginnen ist 
wohl nur Zufall; viel wichtiger scheint die so eben angedeu- 
tete innere Gliederung. 

Her keiser, ich bin fronebote 
und bring in boteschaft von Gote. 
ir habt die erde, er h4t da) bimelriche. 
. Er hie} in klagen (ir sit sin voget) : 
5 in sines sanes lande broget 

diu beidenschaft in beiden lasterliche. 
Ir muget im gerne rihten: 
sin sun der ist geheimen Krist, 
er hiej iu sagen wie erj verschulden welle: 
10 nd lat in zuo iu pflihten. 
er rihtet iu dk er voget ist, 
klagt ir joch über den tievel üj der belle. 



39, AAR UND LOWE. 
L. 12. 

Kleinlauter als der vorhergehende klingt dieser Spruch, 
denn eh er sich an die Heiden wagt, soll der Kaiser erst die 
ganze Christenheit versöhnen; aber das wird er nicht vermö- 
gen, wenn er nicht zuvor Deutschlands innem Frieden befe- 
stigt hat. Allerdings ist hier die Idee der römisch-deutschen Welt- 
herschaft ausgesprochen ; aber von ihrer Verwirklichung ist es 
noch weit, und der Dichter selbst muß erst noch für seinen 
Kaiser in den Kampf ziehen. Allein die Waffe, deren er sich 
bisher bedient hatte, den ersten Ottenton, vertauscht er dazu 
mit einer starkem, weiter reichenden. Jener hatte sich zu 
kurz erwiesen, den Feinden des Reichs klaffende Wunden zu 
schlagen; erst mit dem zweiten Ottenton konnte er seinen 
ganzen Haß gegen Deutschlands Verwüster austönen. Der 



Zweiter Ottenton. 61 

Dichter setzte sich indes bei den hier beabsichtigten heftigen 
Angriffen auf den Pabst dem Vorwurf der Gottlosigkeit aus. 
Diesen abzuwenden schickt er seinem neu erfundenen Ton 
gleichsam als Weihe die zunächst folgenden Strophen gottes. 
dienstlichen Inhalts voraus, wie er es seitdem auch bei den 
folgenden zu Ehren deutscher Könige gesungenen Tönen hielt ; 
selbst dem Nr. 94 beginnenden Bogners-Ton geht eine Weihe 
von vier Sprüchen voraus, die gleichsam Strophen eines Liedes 
bilden. Die Gleichheit oder Ungleichheit des Geschlechts der 
Stollenreime bildet keinen Unterschied im Ton. — Der hier zu- 
letzt erscheinende Ton ist durchaus jambisch gedacht und von 
einigen ausfallenden Senkungen abgesehen auch durchgeführt. 

Her keiser, swenne ir Tiuscben fride 
gemachet stsete bi der wide, 
so bietent in die fremeden zangen ere. 
Die sult ir nemen in arebeit, 
Ö und süenent al die kristenbeit: 

ds^ tiaret iuch, und müet die beiden sere. 
Ir tragt zwei keisers eilen, 
des aren tagent, des lewen kraft: 
die sint de^ herzeichen an dem scbilte. 
10 die zwene hergesellen, 

wan woltens an die heidenschaft ! 

wa) widerstüende ir manheit und ir mute? 

Z. 8. Der Adler ist das Beichswappen, der Löwe das 
braunschweigisch-sächsische ; manheit geht auf den Löwen, 
milte auf .den Adler, von dem es hieß, er verzehre seine 
Beute nie ganz. 



ZWEITER OTTENTON. 

40. AN DIE JUNGFRAU. 
L. 36. 

Die Stollen haben hier und in Nr. 53 beide weiblichen 
Reim (nicht klingenden), wie Nr. 64 beide männlichen: auf 
die eine wie die andere Weise ließ sich dem strengen Gesetze 
der Gleichheit der Stollen genügen, dem sich der Dichter in 
Nr. 45—52 und 54—63 zu fügen verschmäht, wie er das auch 



62 Zweitetr Ottenfon. 

in den beiden Friedrichstönen nicht anders hält. Zwischen 
männlichen und weiblichen Reimen, die beide nur eine Hebung 
tragen, ist kein erheblicher Unterschied; nur klingende 
Reime, wie sich in Nr. 1 und 119 finden, sind von beiden 
wesentlich verschieden. Die Behandlung des Maßes ist in 
den Sprüchen mit gleichem Geschlecht in den Stollen von 
den übrigen nicht abweichend. 

Maria klar, vil höhgeloptiu frouwe süe^e, 
hilf mir durch dines kindes 6re deich min sünde büe^e. 
Du flüetec fluot barmunge tugende und aller güete, 
der süeje Gotes geist 115 dinem edelen herzen blüete: 
5 Er ist din kint, din vater, unde din schepfaere. 
wol uns des daj du in ie gebsere! 
den hoehe tiefe lenge umbegrifen mohte nie, 
din kleiner lip mit süejer kiusche in umbevie. 
kein wunder mohte dem geliehen ie: 
10 der engel küneginne, du trüeg in 4n alle ewsere. 



41. DER ENGEL GABRIEL. 
L. 36. 

Der Zusammenhang dieser Strophe mit der vorhergehen- 
den kann nicht bestritten werden, sie könnte sogar der ersten 
voranstehen, da sie von der Verkündigung handelt, jene aber 
schon von Christi Geburt. Die Einheit aller vier Strophen 
würde so auch deutlicher, 

An dem fritage wurd wir vor der belle gefriet 
von dem der sich dnvaltecHcben eine hat gedriet. 
Der engel Gabriel Marja die botschaft kündet, 
da von himel und erde wart mit großer fröide enzundet. 
5 Er sprach zuo ir äv^, da^ minnecliche grüejen: 
dur ir 6re enpfienc si den vil süssen, 
der ie an anegenge was und muo) an ende sin. 
des 61 dir lop und ere geseit, .... 

Maria künigin. 

10 du gsebe in uns ze trost, der al der'werlt mac sw^re 

büejen. 



Die Ereuzignng 11. 63 

Z. 3 ist kündet kein Praeteritum, sowenig als weint in 
Nr. 42 Z. 6 und erzeiget in Nr. 43 Z. 4; selbst Lachmann sah 
sie nicht dafür an; aach hat er diese schönen Strophen kei- 
neswegs für unecht erklärt. Die neuern Herausgeber, statt 
die Mängel der Ueberlieferung zu heilen, suchen sie erst recht 
hervorzukehren. Z. 6. Marieens Empfängniss durch das Ohr 
stellen auch Gemälde dar, z. B. in der Kirche zu Oppenheim, 
Vogt Rhein. Sagen II, S. 280 ; im Kloster Marieenthai im Rhein- 
gau, Bodmann S. 220. Z. 8 u. 9 bildeten vielleicht nur eine 
Zeile, die beim Vortrag mit Auslassung von geseit wieder- 
holt ward. 

42. DIE KREUZIGUNG. I. 
L. 37. 

Wenn wir schon bei dem vorigen Spruch an bildliche 
Darstellungen der evangelischen Geschichte erinnert wurden, 
so glauben wir hier gar vor altdeutschen Gemälden zu stehen. 

Sünder, du solt an die großen not gedenken, 

die Got durch uns leit, und solt diu herze in riuwe 

senken. 
Sin lip wart mit scharpfen dornen gar versSret : 
dennoch wart manecvalt sin marter an dem kriuze 

gemeret : 
5 Man sluoc im drie negel dur hende und ouch dur füe}e. 
jämerlichen weint Marjd. diu 8üe)e, 
do si ir kinde de) bluot üj beiden siten fliegen sach. 
trurecliche J^sus von dem kriuze sprach 
^muoter, ja ist iuwer ungemach 
10 min ander t6t; Johannes, du der lieben swsere büe^e/ 

Z. 10 lautet in der Handschrift : Johan, du solt der lieben 
8w<ere hüezen. Die leichte Aenderung stellt gewiss nur das 
Ursprüngliche her. 



43. DIE KREUZIGUNG. II. 
L. 37. 

Der Blinde ist Longinus, der Z. 7 selber thut, was er 
Z. 1 seinem Knechte zu thun befiehlt. Der scheinbare Wider- 
spruch erklärt sich aus dem alten Drama von Jesu Leiden 



64 Zweiter Ottenton. 

und Anferstehung' (Fichard, Frankfurter Archiv III, S. 151), wo 
sich der blinde Longiuus, um Christi Seite zu durchbohren, 
von seinem Knechte die Hand leiten ließ ; so ist es auch Z. 1 
gemeint. Daß Longinus von Christi Blute sehend ward^ durfte 
der Dichter als bekannt voraussetzen. Erst die Legende Weiß 
davon, daß der Hauptmann (Luc. 23, 47, Marc. 15, 39, Matth. 
27, 54, Joh. 19, 34) dem erwähnten Eriegsknecht befahl, 
Christi Seite mit einem Sper zu öffnen, so wie daß sein Name 
Longinus war. In der Legenda aurea (Lombardica) befahl es 
Longinus nicht seinem Knechte, sondern that es selber auf 
Pilatus Befehl: geheilt ward er von dem an der Lanze her- 
ablaufenden Blute, weil er nach den Wundern, die sich bega- 
ben, Erdbeben und Verfinsterung der Sonne, an Christum 
glaubte. 

Der blinde sprach zno einem knehte ^dü solt setzen 
da} sper an sin herze: ja wil ich die marter letzen.' 
Daj sper gein al der werlte herren wart geneiget. 
Maria vor dem krioze trurecliche klage erzeiget; 
5 Si vl6s ir varwe, ir kraft in bitterlichen noeten, 
do si so jsemerlich ir kint sach t<£ten 
und Longinns im in sine reine siten stach, 
si seic nnmehtec nider, si borte noch ensprach. 
in dem jamer Eriste de} herze brach: 
10 da) kriuze begunde sich mit sinem süe}en bluote roeten. 



44. AN DIE FÜRSTEN. 
L. 36. 

Dieser Spruch steht hier weil er wie die vier vorherge- 
henden weibliche Stollenreime zeigt. Zur Einweihung scheint 
er nicht zu gehören. Bei Pfeiffer wird er vermisst, man weiß 
nicht warum, WR und Wilmanns stellen ihn ohne Grund zu 
dem Zweifelhaften und Unechten. Nach letzterm sollen auch 
die Gedanken die Unechtheit dieses und der vier vorstehenden 
Sprüche darthun; was aber an ihnen auszusetzen sei, wird 
nicht gesagt. 

Ir fürsten, tugendet iuwem sin mit reiner güete, 

Sit gegen friunden senfte, tragt gein vinden hohgemüete : 

Sterket reht, und danket Gote der gr6}en eren, 

da) manec mensch lip ünde guot muo) iu ze dienste keren. 



Der neue Judas. 65 

5 Sit miltei fridebsere; in wirde l&t iuch schonwen: 
so lobent iuch die reinen süejen frouwen. 
schäme, triuwe, erbermde, zuht, die sali ir gerne trogen : 
minnet Got, und rihtet swa} die armen klagen, 
geloubet niht da) lügensere sagen, 
1 und volget guotem rate : s6 mugt ir in himele bouwen. 



45. WO STEHTS GESCHRIEBEN? 

L. 33. 

Dieser erste der neuen gegen den Pabst und die Miss- 
brauche in der Kirche geschleuderten scharfen Sprüche, die 
Walther bei seinen wie bei unsernZeitgenoßen so berühmt 
gemacht haben, ist noch der mildeste. Der Pabst bleibt noch 
aus dem Spiele und bei der Geistlichkeit wird nur auf den 
Widerspruch zwischen Worten und Werken hingewiesen. Die 
Worte sind noch gut, die Werke nicht; erst Nr 49. 61 ist 
auch die Lehre falsch. Unsere Strophe fehlt gleichfalls bei 
Pfeiffer, man sieht nicht warum. 

Diu kristenheit gelepte nie so gar nach wäne: 
die si dk leren solten, die sint guoter sinne äoe. 
Es wser ze vil, und tset ein tumber leie da) ; 
si sündent kue vorhte: dar umb ist in Got geha). 
5 Si Wisent uns zem himel, und yarent si zer helle, 
si sprechent, swer ir woyten .volgen welle, 
und niht ir werken, der si 4ne zwivel dort genesen, 
die pfaffen solten kiuscher dan die leien wesen: 
an welen bnochen hant si da) erlesen, 
10 da) sich so maneger fii)et wa er ein schoene) wip vervelle? 



46. DER NEUE JUDAS, 
L. 33. 

Luther nannte den Pabst den Antichrist, Walther nennt 
ihn den neuen Judas : an Heftigkeit läßt dieser Angriff jenem 
nichts nach. Muth gehörte zu beiden in einer Zeit, wo man 
die Ketzer briet. 



66 Zweiter Ottenton. 

Wir klagen alle, und wiäJen doch niht waj uns wirret, 
daj uns der bähest unser vater alsus hat verirret. 
Nu g&t er uns doch harte vaterlichen vor: 
wir volgen ime und komen niemer fuo) üj sinem spor. 
5 N'ü merke, weit, wa) mir dar ane missevalle. 
gitset er, si gitsent mit im alle : 
iiuget er, si liegent alle mit im sine lüge: 
und triuget er, si triegent mit im sine trüge, 
nü merkent wer mir da) verkeren müge: 
10 sus wirt der junge Judas, mit dem alten dort, ze schalle. 



47. DER WELSCHE SCHREIN. 
L. 84. 

Wegen dieses und des folgenden Spruchs wird Walther 
von dem Welschen Gast, einem Dichter der päbstlichen 
Partei, getadelt. Durch diese Rede habe er Alles, wodurch 
er sonst Zucht und Sinn erwiesen, wieder zu Nichte gemacht. 
Das sei um so schlimmer als man auf die Rede weiser Leute 
achte, während die Thoren Niemand anhöre. So habe Walther 
Tausende bethört, Gottes und des Pabstes Gebot zu überhören. 
Dieß zeigt uns, wie großes Gewicht Walthers Sprüche in die 
Wagschale warfen. 

Ahi wie kristenliche nii der bebest lachet, 
swenne er sinenWalhen seit ^ich hän) als6 gemachet!' 
Da) er dk seit, des solt er niemer hän gedäht. 
er gibt ^ich hän zwen Almän under eine kröne braht, 
5 Da) si) riebe sulen stoeren unde wasten. 
al die wile füllen wir die kästen: 
ich bans an minen stoc gement, ir guot ist alle) min: 
ir tiusche) silber vert in minen welschen schrin. 
ir pfaffen^ e))ent hüenr und trinkent win, 
10 unde laut die tiutschen vasten. 

Z. 4. Die beiden Allemannen sind Otto und Friedrich II, 
Z. 9. A hat statt dieser und der folgenden Zeilen folgende 
fünf, von welchen dreie als Coda anzusehen sind, indem die 
letzte Zeile vervierfacht wird: 



Der Zauberer. 67 

86 magernt si, so yei)t wir sam diu swin. 
mine pfaffen die suln mit der toerschen leien guote mästen, 
mine pfaffen die suln yrej^en, swellien, leien heilen vasten, 
mine pfaffen die suln vogel ejjen, jene der slahte rasten, 
mine pfaffen die suln ebene predigen, niderhalben tasten. 



48. DER OPFERSTOCK. 
L. 34. 

Dem Verdachte, daß des Silbers nicht viel in Gottes Land 
komme Z. 7, setzt der welsche Gast entgegen, er sei selbst 
dabei gewesen, als man des Pabstes Brief verlesen habe, das 
Gut solle dort, wo es gesammelt worden, verbleiben bis man 
es zu Gottes Dienst verwende. Damit deutet er auf des Pabstes 
Anordnung in der Bulle pro reparanda terra sancta, daß der 
Stock drei Schlößer habeii, und die Schlüßel dazu einem 
Priester, einem Laien und einem Ordensgeistlichen anvertraut 
sein, die Verwendung des Geldes aber nach dem Gutbefinden 
derer geschehen solle, denen die Sorge dafür übertragen wäre 
(Uhlana S. 123). Welche Sicherheit dieß gewährte, daß das 
Geld nicht in den welschen Schrein fahre, sieht man von selbst. 

Sagt an, her Stoc, hat iuch der bllbest her gesendet, 
da) ir in riebet und uns Tiutschen ermet unde pfendet? 
Swenn im din volle maje kumt ze Latran, 
so tuet er einen argen list, als er e bat getan: 
5 Er seit uns danne wie daj riebe ste verwarren, 
unz in erfüUent aber alle pfarren. 
ich wsen des Silbers wenec knmet ze helfe in Gotes lant: 
grojen bort zerteilet selten pfaffen hant. 
her Stoc, ir sit üf schaden her gesant, 
10 da) ir ü) tiutschen liuten suochet toerinne unde narren.' 



49. DER ZAUBERER. 
L. 33. 

Pabst Gerbert (Silvester IL) 999—1003 war durch seine 
naturwißenschafblichen und mathematischen Kenntnisse in den 
Verdacht der Zauberei gerathen. Der Teufel sollte ihm den 
Sitz auf Petri Stuhl verschafft und auf so lange verbürgt haben. 



68 Zweiter Ottenton. 

als er nicht in Jerusalem Messe lese. Davor glaubte sich 
Silvester wohl hüten zu können. Eines Tags hielt er aber 
das Hochamt in der h. Kreuzkirche, die auch Jerusalem hieß. 
Die vollständige Sage theilt Liebrecht Germ. Y, 62 aus den 
uugae curialium des Gualtherus Mapes miir. 

Der stuol ze Rome ist allererst berihtet rehte, 
als hie vor bi einem zoubersere Gerbrehte. 
Der selbe gap ze valle wau sin eines leben: 
so wil sich dirre und al die kristenheit ze valle geben. 
5 Alle Zungen suln }e Gote schrien wafen, 
und rüefen ime, wie lange er welle sl4fen. 
si widerwürkent siniu werc und felschent siniu wort, 
sin kamersere stilt im sinen himelhort, 
sin süener mordet hie und roubet dort, 
10 sin hirte ist zeinem wolve im worden under sinen schafen. 



Z. 6. Gott schläft: Psalm 44, 24. . Z. 7. Auf die Steige- 
rung gegen 45, 6 ist schon hingewiesen. Z. 8 himelhort, zu- 
nächst wohl der Schutz göttlicher Gnade; ob aber der kamercere 
nicht zugleich mit Bezug auf den vorigen Spruch verdächtigt 
werden soll, auch das irdische Gut zu veruntreuen, steht dahin. 
Jedenfalls wird er in der folgenden Zeile beschuldigt, es zu 
rauben. Der süener ist der Richter, vgl. Muspilli 69, 83. 



50. DAS ZAUBERBUCH. 
L. 33. 



Erweislich geht dieser Spruch auf den Ablaßhandel: die 
rör Z. 8 meinen wieder die Kircheristöcke : für solche Opfer 
war Ablaß verheißen. Daß er auch auf die Simonie gehe, 
vermuthet Wackernagel wegen des Zauberbuchs Z. 7, wobei 
an den Zauberer Simon gedacht sei, zu dem Petrus sprach: 
Daß du verdammt seist mit deinem Gelde, daß du meinest 
Gottes Gabe werde durch Geld erlangt (Apostelgesch. 8, 20). 
Bei dieser Annahme würde sich auch erklären, warum in dem 
vorigen Spruch der Zauberer Gerbrecht herbeigezogen ist. 



Der gute Klausner. 69 

ir bischove und ir adeln pfaffen sit verleitet, 
seht wie iuch der habest mit des tievels stricken heitet. 
sagt ir uns da^ er sante Paters slüjjel habe, 
so sagt war umbe er sine lere von den buochen schabe. 
5 JDaj man Gotes gäbe iht koufe oder verkoufe, 
daj wart uns verboten bi der toufe. 
nü leretj in sin swarzej buoch, daj ime der hellemor 
hat gegeben, und ü) im liset er siniu ror: 
ir kardenäle, ir decket iuwern kör: 
10 unser alter fron derst under einer übelen tronfe. 

Z. 2 will Wackernagel seitet füp heitet gelesen wißen 
Aber das geläufigere heiten warten laßen, hinhalten, am Nar- 
renseil führen, verdient den Vorzug. Z. 8 swtwror bezog 
Lachmann früher auch auf die Kirchenstöcke; zu seiner spä- 
tem Auslegung hat ihn Wiggert verleitet, der ror (Scherflein I, 
32) für Stroh nimmt; aber die Cardinäle wüsten ihren Chor 
wohl mit Beßerm zu decken: das Stroh gönnten sie unsem 
deutschen Kirchen. 



51. DER GÜTE KLAUSNER. 
L. 34. 

8 welch herze sich bi disen ziten niht verkeret, 
sit daj der habest selbe dort den ungelouben meret. 
Da wont ein saelic geist und Gotes minne bi. 
nü seht ir waj der pfaflFen werc und waj ir lere si. 
5 Ä des was ir lere bi den werken reine: 
nü sint si aber anders so gemeine, 
daj wirs unrehte würken sehen, unrehte beeren sagen, 
die uns guoter lere bilde solden tragen, 
des mugen wir tumbe leien wol verzagen: 
1 W8eu aber min guoter klosensere klage und sere weine. 

Z. 4 u. 7 wieder die mehrbesprochene Steigerung. 



70 Zweiter Ottenton. 

52. AN KAISER OTTO. 
L. 31. 

Walther hatte dem Kaiser in den vorstehenden sieben 
Sprüchen wesentliche Dienste geleistet ; den Lohn dafür scheint 
er aber hier vergeblich in Anspruch zu nehmen (vgl. 75; 76), 
obwohl ihm nach dem Folgenden Versprechungen gemacht 
worden waren. 

Sit willekomen, hSr wirt,' dem gruo}e muo) ich swigen : 
'sit willekomen, h^r gast,' so muo} ich sprechen oder 

nigen. 
Wirt unde beim sint zwene unschameliche namen: 
gast unde berberge muo} man sich vil dicke schämen. 
5 Noch müe) ich geleben da) ich den gast ouch grüe^e, 
s6 da) er mir dem wirte danken müeje. 
^sit hinaht hie, sit morgen dort,' wa) gougelfuore ist da} ! 
*ich bin heime* ode 'ich wil heim' da} troestet ba}. 
gast unde schäch kumt selten kne ba}: 
10 nü büe}et mii* des gastes, da} iu Got des schaches büe}e« 

Z. 7. gougelfuore ist kein Possenspiel wie Pfeiffer erklärt, 
sondern eine Gauklerfahrt, womit das fahrende Leben auch 
der edlem Sänger mit dem umherziehender Gaukler^ Seil- 
tänzer und anderer Kunststückemacher verglichen wird. Z. 10. 
»Das Gegenüberstehen der beiden Könige Philipp und Otto 
wird dem Schachspiel verglichen.« Uhland 51. Statt Philipp 
müsten wir Friedrich IL lesen, da der Spruch nach Philipps 
Zeit gedichtet ist; aber sind die Gegenüberstehenden nicht 
vielmehr Pabst und Kaiser und ist mit dem Schach der Bann 
gemeint? 

53. DIE GAUKLER. 
L. 37. 

Dieses Gesetz zeigt wieder wie die Nr. 40—44 weiblichen 
Reim in beiden Stollen; außerdem ist ein Theil des Abge- 
sangs verdoppelt, was wir als coda bezeichnen dürfen. Bartsch 
und Wilmanns haben diesen Spruch, einen der schönsten, für 
unecht erklärt. Die Gründe des Erstem hab ich (Ueber- 
setzung 4. Aufl. S. 333) widerlegt^ der Andere führt nur an, 



Werth männlicher Schönheit. 71 

daß diese Strophe dem Maße nach eine Variation von 40—44 
sei, welche er ohne genügenden Grund verworfen hatte. Bei 
Pfeiffer fehlt auch diese Strophe. Hatte etwa Otto Walthers Worte 
52, 7: waj gougelfuore ist daj! 52. 7 aufgegriffen und be- 
merkt: Gaukler und fahrende Sänger seien allerdings Eines 
Schlags, worauf Walther damit entgegnet, daß er seinerseits 
gewisse vielversprechende aber unzuverläßige Herren mit Gauk- 
lern vergleicht? Auch ohne diesen Zusammenhang finde ich 
die Vergleichung treffend und meisterhaft durchgeführt. 

Genuoge herren sint gelich den gougelseren, 
die behendecliche kunnen triegen unde vseren. 
Der sprich et *^sich her, waj ist under disem huote?' 
nü zucke in üf, dk stet ein wilder valke in sinem muote. 
5 Zuck üf den huot, so stet ein stolzer pfawe drunder. 
nü zucke in üf, da stet ein merwunder. 
swie dicke da^ geschiht, so ist ej ze jungest wan ein krd,. 
friunt, ich erkenne ouch da), hahS. h4ha bsiha. 
hab din valscben gougelbühsen da: 
10 wser ich dir ebenstarc, ich slüeges an da} houbet din. 
din asche stiabet in diu ougen min. 
ich wil niht mer din blasgeselle sin, 
dun wellest min ba$ hüeten vor so trügelichem kunder. 

Z. 11 — 12 paraphrasiert Wackemagel: »Bist du noch länger 
so treulos, so mag ich nicht mehr bei deinem Heerde sitzen 
und dir das Feuer anblasen helfen, denn du blasest so stark 
und so hinterlistig, daß mir die Asche in die Augen stiebt.« 
Ks scheint nicht, daß sich Walther schon jetzt ganz von Otto 
losgesagt habe, da er noch 65* Fürbitte für den Landgrafen 
bei dem Kaiser einlegt; aber Nr. 56 deutet an, daß er Ottos 
Hof und Heerd verließ. 



54. WERTH MANNLICHER SCHÖNHEIT. 

L. 36. 

Auch bei diesem Spruch scheint der Dichter den Kaiser 
Otto im Auge zu haben, vielleicht aber zugleich dessen Ge- 
genkönig Friedrich IL, die beide von den Zeitgenoßen (Böhmer 
Beg. 19; 35) wegen ihrer Schönheit gerühmt wurden. 



72 Zweiter Qttenton. 

An wibe lobe stet wol da) man si heije schcene: 
manne stet e} übel, e) ist ze wich und ofte hoeue. 
Eüene and milte, und da} er da zuo stsete si, 
so ist er vil gar gelobt : den zwein stet wol da) dritte bi. 
5 Wilj iu niht yersmahen, s6 wil ichj iuch leren, 
wie wir loben suln und niht uneren. 
ir müejet in die liute sehen, weit ir erkennen wol: 
nieman ü^en nach der varwe loben sol. 
vil manec m6re ist innen tugende vol: 
10 we wie wij der herze sint, der si wil umbe keren! 



55. GUT UND EHRE. 
L. 31. 

Die hier folgenden Sprüche scheinen mit Ausnahme von 
Nr. 56 zu einer Zeit gedichtet, wo Walther nicht mehr auf 
Ottos Seite stand. Oder ist künegen Z. 8 nicht zu urgieren? 
Die Seine scheint Walther in Philipps Dienste gesehen zu 
haben, der zu dem gleichzeitigen Könige von Frankreich in 
Beziehungen stand; auch im Wartburgkrieg wird ihm das 
Lob des Königs von Frankreich in den Mund gelegt. An den 
Sainbach, der bei Mühlhofen oberhalb Engeris in den Rhein 
mündet, kann Z. 1 nicht gedacht sein. 

Ich hän gemerket von der Seine unz an die Muore, 
von dem Pfade unz an die Traben erkenne ich al ir fuore : 
Diu meiste menege enruochet wies erwirbet guot ; 
sol ich) also gewinnen, so ganc slafen, hoher muot. 
5 Guot was ie genaeme, iedoch so gie diu ere 
vor dem guote: nu ist da) guot s6 here, 
da) e) gewaltecliche vor ir zuo den frouwen gat, 
mit den fürsten zuo den künegen an ir rat. 
so we dir, guot ! wie roemesch riebe stat ! 
10 du enbist niht guot: du habst dich an die schände ein 

teil ze sere. 



Der Kamthner. 78 

56. AN LANDGRAF HERMAN. 

L. 85. 

Bei Walthers zweitem Aufenthalt auf der Wartburg ge- 
dichtet, wie i, 4 zeigt, wo sonst und jetzt (e und noch) in 
Vergleich gestellt werden. Warum soll unter den andern 
fürsten Z. 3 gerade nur der Herzog von Kärnthen gemeint 
sein ? Eher könnte Z. 6 — 8 wieder auf den deuten, der Nr. 53 
gemeint war. Der Vorzug, den hier Walther dem Landgrafen 
in der Milde vor andern Fürsten giebt, scheint veranlaßt zu 
haben, daß man ihn im Wartburgkrieg dem Landgrafen vor 
Leopold Vn. von Oesterreich den Preis der Milde zuerken- 
nen ließ. 

Ich bin des muten lantgr^ven ingesinde. 
e^ ist min site da) man mich iemer bi den tiursten vinde. 
Die andern fürsten alle sint vil milte, iedoch 
b6 stseteclichen. niht: er was e) % und ist e) noch. 
5 Da von kan er ba} danne si dermite geboren: 
er enwil dekeiner lune v&ren. 

swer hiure schallet und ist hin ze jare boese als e, 
des lop gruonet unde valwet so der klS. 
der Dürnge bluome schinet dur. den sne : 
10 sumer und winter blüet sin lop als in den ersten j4ren. 



57. DER KÄRNTHNER. 
L. 32. 

Der Herzog hatte dem Dichter neue Kleider zu geben 
befohlen, die er aber nicht erhielt. Darüber mochte sich 
der Dichter beschwert haben, was der Herzog übel nahm 
und ihm zwar nicht den Rücken, aber doch die Wange zu- 
kehrte. Den Herzog spricht der Dichter wie sich selbst an 
diesem Zorn von aller Schuld frei: wer gerne bewillige, gebe 
auch gerne, wenn es nur da wäre. Es geschehe manchem 
milden Manne, daß er mehr verspreche alfi er halten könne. 
Vgl. Nr. 62. 73. 99. 

4 



74 Zweiter Ottenton. 

Ich Mn des Eerndseres gkhe dicke enpfangen: 
wil er dur ein vermissen bieten mir alsd diu wangen? 
Er wsenet lihte da) ich zürne: nein ich, niht. 
im ist geschehen da) noch vil manegem muten man 

geschiht. 
5 Was mir lihte leide, do was ime noch leider. 
dö er mir geschaffen häte kleider, 
da) man mir niht engap, dar umbe zürne er anderswo, 
ich wei) wol, swer willecliche sprichet ja, 
der gsebe ouch gerne, und wsere e) danne da. 
10 dirre zom ist ane schulde wei)got unser beider. 



58. MAUSEKLANG. 

L. 32. ^ 

Vorstehendo in der That nicht ganz unbedeuklicbe Entechul- 
digang war dem Dichter von den Hofschranzen verdreht worden. 
Er bittet den Herzog nachzufragen, was er wirklich gesungen 
habe, und wer es sei^ der ihm seinen Sang verkehre. Wenn 
der nicht zu tief unter ihm stehe, gedenke er ihn zur Rechen- 
schaft zu ziehen, es sei denn^ daß er es dem Herzoge zu Liebe 
unterlaße. Auch dieser Spruch versöhnte den Herzog nicht. 

lehn wei) wem ich geliehen muo) die hovebellen, ' 
wan den miusen, die sich selbe meldent, tragent si 

schellen. 
Des lekers 'h^r,' der minse klanc, knment si ü) ir klüs, 
so schrien wir vi! lihte 'ein schale^ ein schale! ein 

müs, ein müs!^ 
5 Edel Eerndensere, ich sol dir klagen sSre, 
milter fürste und marterer umb Ire, 
ichn wei) wer mir in dinem hove verkeret minen sanc. 
lä) ich) niht dur dich und ist er niht ze kranc, 
ich swinge im alsd swinden widerswanc. 
10 fr&g wa) ich habe gesungen; und ervar uns wer) 

verkdre. 



Z. 1. hovebeUm Kläffer am Hofe. Z. 3. Man pflegte wohl 
einer Maus eine Schelle anzuhangen, damit sie die andern 
vertreibe. 



Stolle. 75 

69. STOLLE, 
L. 32. 

Da dem Dichter die beiden vorhergehenden noch ganz 
höfischen Strophen nicht zu seinem Eechte verhelfen haben, 
so droht er jetzt, er wolle sich nun auch des scharfen Sanges 
bedienen, denn er sehe, daß man mit Wohlgezogenheit nichts 
ausrichte und zur Schalkheit greifen müße. Vgl. Nr. 58 Z. 4. 
In der That thut er in den ersten Zeilen des folgenden 
Spruches so als wolle er nun in Gottes Namen mit der Unjfe- 
zogenheit beginnen, da er bisher höfisch gesungen, damit aber 
von den Unhöfischen bei Hofe verdrängt worden sei. Daß er 
damit doch nicht Ernst macht, versteht sich von selbst. Beide 
Sprüche enthalten die Berufung auf Leopold von Oesterreich, 
aber der zweite dringender, wonach ich die Anordnung ge- 
troffen habe. Erst jetzt aber zeigt es sich deutlich, daß Nr. 60 
keine Einweihung des Tons enthält, diese vielmehr wie in des 
Bogners Ton in den vorgesetzten Strophen geistlichen Inhalts 
zu suchen ist; auch darf man nicht mit Pfeiffer den schar- 
fen Sang für das Charakteristische des zweiten Ottentons 
ausgeben, da ja der Dichter mit dem nur gedroht hatte. Der 
Beweis, daß diese beiden Strophen zu jenen von Eärnthen 
gehören, liegt theils in den Handschriften, theils in der Ver- 
gleichung unserer Zeile 7 mit Nr. 58, 4, hauptsächlich aber 
in dem hier dargelegten Zusammenhang. Ueber Stolle vgl« 
Wackernagel U, 164. 

Nu wil ich mich des scharpfen sanges ouch genieten : 
da ich ie mit vorhten bat, da wil ich nü gebieten. 
Ich sihe wol da§ man herren guot und wibes gruo^ 
gewalteclich und ungezogenlich erwerben muo^. 
5 Singe ich minen höveschen sanc, so klagent si^ Stollen. 
desw4r ich gewinne ouch lihte knollen: 
Sit si die schalkeit wellen, ich gemache in vollen kragen, 
ze österriche lernt ich singen unde sagen: 
da wil ich mich allererst beklagen: 
1.0 vind ich an Liupolt höveschen trost, so ist mir min 

muot entswollen. 



76 Zweiter Ottenton. 

60. BERUFUNG. 
L. 31. 

Die BestimmuDg» welche diesem Tone luer gegen die Störer 
des höfischen Gesangs gegeben wird, kann seine ursprüng- 
liche nicht sein, da sie nnr auf diesen und etwa den yor- 
hergehenden Spruch passt. Als der Dichter den Dienst Kaiser 
Ottos, mit dem er es allzulange gehalten hatte, endlich doch 
aufgab, war dieser Ton herrenlos geworden und konnte jetzt 
auch im Dienste solcher Fürsten wie der Herzoge von Kärn- 
then und Oesterreich verwendet werden; nur bei König 
Friedrich bedurfte es eines neuen Tons. Für die Meinung, 
daß der Dichter von Kämthen nach Thüringen gegangen sei, 
ist kein Grund aufzubringen. Nicht in Thüringen, in Oester* 
reich will sich der Dichter über die in Kämthen erlittene 
Unbill beklagen. Diese Strophen sind noch nicht in Oester- 
reich, aber schon mit dem Vorsatz gedichtet, dahin zu gehen, 
wozu sich der Dichter jetzt noch ungern entschloß, weil in 
Oesterreich, wie aus Nr. 61 erhellt, jetzt des Kreuzzugs wegen 
gespart wurde. Daß Herzog Bernhard von Kämthen (von 
1202 — 1256) mit Leopold in freundlichen Beziehungen stand, 
hat schon Wackernagel II, 162 bemerkt. Es ist auch nicht 
unwahrscheinlich, daß ihm Leopold zu seinem Rechte ver- 
helfen hat, da er diesen mit Bezug auf 69, 10 in Nr. 62, 4 
seinen hövesehen trdst nennt. 

In nomine dumme ich wil beginnen: sprechent &men 
(da} ist gnot für ungelücke und für des tievels sämen), 
Da) ich gesingen müeje in dirre wise als6, 
swer hövesehen sanc und fröide stoere, da) der werde 

unfrö. 
5 Ich han wol und hovelichen her gesungen: 
mit der hövescheit bin ich nü verdrangen, 
da) die unböveschen nü ze hove gensemer sint dann ich. 
da) mich eren solde, di^ nneret mich, 
herzöge ü) Österrich Liupolt, nü sprich: 
dun wendest michs alleine, so verkere ich mine zungen. 

Z. 1 dumme für domini komtnt wohl auf Rechnung des 
Schreibers; oder war diese Entstellung volksmäßig? 



.«PreiHöfe., 77 

61. HÖFISCHES BEHALTEN. 

1219. 

L. 36. 

Der Dichter war durch die Unbill, die er am Hofe 
zu Eämthen erfahren hatte, gezwungen nach Oesterreich ge-- 
kommen, als der Herzog noch für den Kreuzzug sparte. Die 
Herren am Hofe folgten darin seinem Beispiele: das schien 
Zucht. Wenn sie aber jetzt, wo der Herzog nach der Rückkehr 
vom Krenzzng wieder Milde übt, nicht ein Gleiches thun, so 
zeigt sich, daß jene scheinbare Zucht nur Kargheit war. 

Dd Linpoli spart üf Gotes vart, üf künftige Sre, 
si behielten alle samt, si volgeten siner lere, 
Si znhten üf, alsam si niht getorsten geben, 
da) was billicb: wan sol iemer nach dem hove leben. 
5 Da) sin an der mute iht überhoehen wolten, 
wol in des! si täten als si selten, 
die beide ü) österricbe beten ie geboveten muot. 
si behielten durch sin ^re: da} was gnot: 
nü geben durch sin ere, als er uü tuot. 
10 sin leben n&cb dem bove nü, so ist eniu zuht bescholten» 



62. DREI HÖFE. 
L. 34. 

Warum Leopold hier Walthers höfischer Trost heißt, ist 
zu Nr. 59. 60 bemerkt. Der biedre Patriarch ist Berthold von 
Andechs, Patriarch von Aquileja, dessen Oheim (yeter) Her- 
zog Heinrich von Medilick; mit ihm vorglichen wird Weif VI. 
von Baiern, Herzog von Spoleto, Markgnif von Toskana. Nach 
Wackernagel II, 167 führte er mehr ein schweigerisches als 
mildes Leben ; doch gedenkt auch der Tannhäuser seiner Milde, 
die sprichwörtlich war. 

Die wile ich wei) drf bove sd lobelicher manne, 
s6 ist min wln gelesen unde süset wol min pfanne. 
Der biderbe patriarke missewende fri, 
der ist ir einer, so ist min böfscber tröst zehant da bi. 



78 Zweiter Ottenton. 

5 Liupolt, zwir ein forste, Stfre und österriche. 
niemen lept den ich zuo deme geliclie: 
sin lop ist niht ein lobelin: er mac, er hat, er tuot. 
so ist sin veter als der milte Weif gemuot: 
des lop was ganz, ej ist nlich tode gaot. 
10 mirst yil nnn6t da^ ich durch handelunge iht verre 

striche. 

Z. 7. Hier tritt eine Beziehung auf den Herzog von 
Kämthen hervor, der wohl mochte, aber weder hatte noch that. 



63. DIE VERWÜNSCHUNG. 
L. 35. 

In welche Zeit dieser Sprnch fällt, ob in diese, Wo Wal- 
ther von Kärntben aus an Leopolds Hof kam, oder in jenen 
frühern Aufenthalt in Wien, auf den Nr. 72 Z. 13 deutet, 
steht nicht fest. Daß Walther duzt ist letzterer Annahme nicht 
entgegen, denn in Nr. 79 spricht er in fremdem Namen. 
Lachmanns Yermuthnng, daß der Herzog einen so harmlos 
lautenden Scherz übel genommen habe, theile ich nicht. Daß 
sich keine Spur von späterm Verkehr finde, laßt sich nicht 
behaupten, da wir nicht wißon wann dieser Spruch entstand. 
Wegen der ewigen Klagen über den Verfall der Zucht wird 
der Herzog unsern Dichter nicht verwünscht haben : dieß war 
von einem Fürsten, der die Ketzer braten ließ, nicht zu er- 
warten; überhaupt hätte eine ernstliche Verwünschung das 
Verhältniss schon vorher aufgehoben; einer scherzhaften aber 
durfte der Dichter auch im Scherz entgegnen. 

Liupolt ü^ Österliche, lä mich bi den liuten, 
wünsche mich ze velde und niht ze walde: lehn kan 

niht rinten: 
Si sehent mich bi in gerne, also tuen ich sie. 
du Wunsches nnderwiJent biderbem man dun weist 

joch wie. 
5 Wunsches du mich von in, so tuost du mir leide, 
vil saelec si der walt, dar zuo diu beide! 
diu müeje dir vil wol gezemen ! wie hast du sus getUn, 
da) ich dich an din gemach gewünschet hän, 
und du mich an min ungemach? lä st&n: 
10 wis du von dan, la mich bi in : so leben wir sanfte beide. 



Erster Thüringer Liederspraoh. 79 

64. EHRET DIE FRAUEN. 
L. 87. 

Noch derselbe Ton^ nar dießmal mit männlichen Reimen 
in beiden Stollen. Doch möchte loh diesen Sprach gegen 
Wilmanns nicht in Schutz nehmen: nur die letzte Zeile verräth 
Walthers Geist. — Alle Strophen dieses Tons zeigen zwar vor- 
hersehend jambischen Gang ; doch ist keine Zeile, besonders 
im Abgesang, trochäischem unzugänglich. 

Trtmbiu Werlt, ziucb dinen zoum, wart umbe, sich, 
wilt du \kn loufen dinen mnot, sin sprunc der vellet dich. 
Derst manecvalt In dlnem herzen umbe bort: 
er schadet dir hie und ist ein langer ba^ der sele dort. 
5 La guoten muot den boesen muot von dir vertriben: 
minne Got, so mäht du fro beliben: 
wirp umbe lop mit rehter fiioge, wellest dd genesen: 
den boesen rseten solt du gerne unheinHch wesen : 
geloube swa^ die pfaffen guotes lesen: 
10 wilt du da) alle) übergülden, so sprich wol den wiben. 



65^ FÜRBITTE. 
L. 105. 

Der zweite Ottenton, der so lange in Gebrauch war, hat 
uns bis au die Schwelle der zwanziger Jahre geführt: wir 
müßen zurück in die erste Zeit Kaiser Ottos, bei dem hier 
der Dichter für den Landgrafen Fürbitte einlegt, als ihn der 
Kaiser im August 1212 mit einem Heere überzog und be- 
drängte, der Markgraf von Meissen aber einen Frieden zu ver- 
mitteln suchte. Was Walther zur Entschuldigung des Land- 
grafen anführt, daß er doch wenigstens sein offener Feind 
gewesen, während die andern sich heimlich gegen ihn ver- 
schworen und zuletzt einander selbst verrathen hätten, wie- 
derholt sich in Nr. 112. 

Nu sol der keiser bere 
vcrge^^en dur sin ere 
des lantgräven missetät, 



80 Erster Thüringer Liederspmch. 

Wand er was doch zew&re 
5 sin vtent offenbare; 

die zagen truogen stillea r4t: 
Si swuoren hie, si swuoren dort, 
und pmoften nngetrinwen mort; 
von R6me fuor ir scheiden. 
10 ir düf epmoht sich niht verheln, 
si begondeu underzwischen stein 
und alle ein ander melden, 
seht, dieb stal diebe: 
dro' diutet li^b^. 

Z. 2. fürbrechen, wie in der Handschrift steht, ist auch 
durch Gr. IV, 862. 868 nicht deutlich geworden. Daß es 
hier nachsehen bedeuten soll, ergiebt der Zusammenhang; ver- 
geben ist nach R. Bechsteins Vorschlag (Germ. XII, 476) in den 
Text aufgenommen, obgleich es nicht den Genitiv regiert. 
Ueber Z. 14, wo kein Fuß fehlt, vgl. Wackernagel II, 161 ; aber 
auch bei Lachmanns Lesung drd tet liebe fehlt keiner; nur 
muß man dem Vorurtheil entsagen, das der Textkritik so 
verderblich geworden ist, als ob Walther Senkungen nicht 
ausfallen ließe. 



65»». MARKGRAF DIETRICH IV. VON MEISSEN. 

L. 106. 

Die Dienste^ die Walther dem Meissner geleistet hat, hätte 
dieser ihm dadurch vergelten sollen, daß er dem Dichter bei 
dem Kaiser das Wort gesprochen hätte. Seiner Versicherung 
Z. 5 6 dürfen wir Glauben schenken, da wir Nr. 34 sahen, 
welches Lob er dem Meissner bei dem Kaiser gespendet hat. 
Doch können sich diese Worte darauf beziehen, daß er dem 
Markgrafen in einer diesem wichtigen Angelegenheit als Un- 
terhändler diente. Die böhmische Krone war auf dem Reichs- 
tage zu Nürnberg (Pfingsten 1212) Wratislav, dem Sohne Ota- 
kers, dem Schwestersohn des Meissners, zugesprochen worden. 
Die folgenden Zeilen^ wo der Dichter sagt, er würde es dem 
Markgrafen mit neuem Dienst vergolten haben, wenn er sich 
damals nicht undankbar bezeigt hätte, sind nicht so zu ver- 
stehen, als wenn es für den Markgrafen jetzt zu spät wäre, 



An Markgraf Dietrich von Meissen. 81 

sich des Dichters Dankbarkeit zu verdienen: die folgende 
Strophe zeigt das Gegentheil. Da die drei Strophen ein 
Ganzes bilden, so kann die erste nicht ein Jahr früher ge- 
dichtet sein als die beiden andern. 

Ich han dem Missensere 
gefüeget manec msere 
ba) danne er nü gedenke min. 
Wa) sol diu rede beschoenet? 
5 möht ich in h&u gekroenet, 
diu kröne wsere hiute sin. 
Het er mir d6 gelonet ba), 
ich dient im aber eteswa): 
noch kan ich schaden vertriben. 
10 er ist ab so gefüege niht, 
daa er mir biete wandeis iht: 
da lä^en wir^ beliben, 
w4n vil verdirbet 
des man niht enwirbet. 

Auch hier wie in Nr. 65* enthält die letzte Zeile ein be- 
kanntes Sprichwort. 



65^ DERSELBE. 
L. 105. 

Hier sehen wir, worin die Dienste bestehen konnten, welche 
der Markgraf und der Dichter sich einander leisten sollten: 
Einer dem Andern das Wort reden, wahrscheinlich bei deqi 
Kaiser, von dem der Dichter noch immer vergebens auf den 
Lohn der geleisteten Dienste hoffte. — Von dem jambischen 
Gange, der diesem Spruch mit allen andern gemein ist, 
wird nicht ohne Grund abgewichen. 

Der Missensere solde 
mir wandeln, ob er wolde. 
min dienest lä} ich alle) varn, 
Niuwan min lop aleine: 
5 deich in mit lobe iht meine, 
da) kan ich schdne wol bewam, 

4* 



d2 Zweiter Thüringer Liederspmch. 

Lob ich in, so lob er mich: 
des andern alles des wil ich 
in minneclich erl^^en. 
10 sin lop da^ muo^ onch mir gezemen, 
ode ich wil min) her wider neraen 
ze hove nud aa der strafen, 
so ist nü genuoge 
gewartet siner fnoge. 

Die vier Hebungen in den letzten Zeilen sind hier deutlich. 



66*. GLEICHNISS VOM GÄRTNER. 

L. 103. 

• 

Die folgenden Sprüche scheinen auf der Wartburg ent- 
standen, ob erst bei dem zweiten Aufenthalt des Dichters, 
und nicht wenigstens einige davon schon bei dem ersten, 
steht dahin. Dieser zweite ist mit Lachmann gegen 1215 zu 
setzen, als sich der Landgraf wieder mit dem Kaiser aus- 
söhnen wollte. In diese Zeit fallt zuerst der Spruch 56. Die 
hier vorliegenden drei Strophen bilden wieder ein Ganzes, 
folglich kann keiner derselben an den Hof zu Eärnthen ge- 
hören, da der dritte ausdrücklich Eisenach erwähnt. Die 
Mahnung an einen Fürsten, seinen Hofstaat zu sichten, war 
wohl auch nirgend so wohl angebracht als gerade dort. Ob 
aber Walther zwischen ffuot und bcese zu unterscheiden wüste. 
darüber bleiben wir hier nicht im Zweifel; vgl. zu Nr. 23. 

bwä guoter hande würzen sint 
in einem grüenen garten 
bekliben, die sol ein wiser man 
niht la}en unbehuot. 
5 Er sol in spilende als ein kint 
mit ongenweide zarten, 
da lit gelust des herzen an, 
und git ouch hohen muot. 
Si boese unkrüt dar under, 
10 da) breche er ü) besonder 
(lät er), des wirt ein wander), 



Die Kläffer. 88 



und merke ob sich ein dorn 
mit kündekek dar breite, 
da) er den fürder leite 
15 von einer arbeite: 

sist anders gar verlorn. 



66»». DIE KLÄFFER. 
L. 103. 

Wie die vorhergehende so ist auch diese Strophe durch 
den Streit mit Gerhard Atze veranlaßt, von welchem die fol- 
gende handelt, um so weniger genügt es. wenn gesagt wird : 
»Anzunehmen, daß dieser Spruch wo anders als die beiden 
vorhergehenden entstanden sei, fehlt der Grund.« Wo der 
Dichter drei Strophen durch den Ton verbindet, kann es sol- 
chen Grund gar nicht geben, was namentlich bei Nr. 1 bedacht 
werden sollte, wo man einen Grund zu haben wähnte, den 
mittlem Spruch später anzusetzen. 

Uns iiTet einer bände diet: 

der uns die furder tsete, 

so niöhte ein wol gezogener man 

ze hove haben die etat. 
5 Die latent sfn ze Spruche niet: 

ir drü^^el derst sd drsete, 

kund er swa) ieman guotes kan, 

da) hnlfe nibt ein blat. 

'^Ich und ein ander i6re ' 
10 wir doenen in sin 6re, 

da) nie kein münch ze köre 

so sere me geschrei.' 

gefueges mannes doenen, 

da) Bol man wol beschoenen: 
15 müet des narren hoenen, — 

hie get diu rede enzwei. 



84 Reininarston. 



"66«. RECHTSFALL. 
L. 104. 

Einen Bruder Gerhard Atze wies Haupt in einer tfaüringi- 
sohen Urkunde nach. Wunderlich wird er nach 67, 8 gewe- 
sen sein; aber diese Ausrede hat ihm wohl Walther ange- 
dichtet um andere lächerliche Einreden des Mannes zu verspot- 
ten. — Auch in diesen fast ganz trochäisch gemeßenen Strophen 
zerfallt der Abgesang in zwei gleiche Theile. 

Mir h4t hSr G^rhart Atze ein pfert 
' erschoj^en zlsenache. 

da) klage ich dem den er bestät: 

derst unser beider voget. 
'5 Ej was wol drier marke wert: 

nü hoerent fremde sache, 

Sit da} e) an ein gelten glit, 

wä mit er mich nü zöget. 

Er seit^ von gröjer swsere, 
10 wie min pfert maer^ 

dem rosse sippe waere, 

da) im den vinger abe 

gebijgen bat je schänden. 

ich Bwer mit beiden banden, 
15 da) si sich niht erkauden. 

ist ieman der mir stabe? 

Z. 16. Den Eid staben heißt die Sohwurformel vorsagen. 
Den Ausdruck habe ich (üebersetzung 4. Aufl. S. 337) zu 
erklären gesucht. 



67. WUNDERLICHES PFERD. 
L. 82. 

Die Sprache in diesem neuen Tone bilden kein Ganzes, 
folglich brauchen sie nicht alle in dieselbe Zeit zu fallen, 
oder an demselben Orte gedichtet zu sein. Mir scheinen sie 



Auf Reinmar des Alten Tod. 86 

aber alle um das J. 1215 entstanden. Von diesem ersten steht 
fest, daß er in Thüringen gedichtet ist; über die Zeit blei- 
ben wir ohne Auskunft. Er betrifft noch denselben Rechtsfail 
wie Nr. 66«. 

Rit ze hove, Dietrich, 
'herre, in mac' wa) irret dich? 
Mn h4n niht rosses da) ich dar gerite/ 
Ich lih dir- ein^, und wilt du da). 
5 *herre, ich gerite al deste baj.' 
nü stant als6 noch eine wile, bite. 
Wedr ritest gemer eine guldin katzen, 
ald einen wunderlichen Gerhart Atzen? 
'semir Got, und se^e e) höi, e) wser ein fremde) pfert. 
10 im g^nt diu ougen umbe als einem äffen, 
er ist als ein guggaldei geschaffen, 
den selben Atzen gebent mir her: s6 bin ich wol gewert.' 
nü krümbe ein bein, rit selbe hein, sit du Atzen h48t 

gegert. 

Z. 7. Daß Katzen wie angeschirrt so auch geritten 
wurden, dafür fehlen uns andere ausdrückliche Zeugnisse. 
Z. 11 ist guggaidei noch unerklärt. Vielleicht hat es der 
Dichter selbst im Üebermuth für Göckelhahn gebildet, vgl. Haupt 
zu Nithart 185 ; Lachra. versteht den Gauch (Guckuck) darun- 
ter. Die letzte entstellt überlieferte Zeile will Lachm. lesen : 
nü krümbe din hein selbe dar u. s. w. Man muß aber die- 
sem Humor wohl etwas zu Gute halten, und den Mittelreim 
möcht ich nicht aufgeben. 



68. 69. AUF REINMAR DES ALTEN TOD. 

L. 82. 

Reinmars Tod beklagt auch Gotfried in der bekannten 
Stelle des Tristan; aber das hilft uns nicht die Zeit dessel- 
ben zu bestimmen, da wir nicht wißen, wann Gotfried jene 
Stelle schrieb. Den Tristan scheint man zu früh anzusetzen 
(um 1210): wenn auf das erste Buch des Parzival angespielt 
wird, folgt daraus, daß Gotfried das letzte nicht gelesen? Un- 
sere Strophen könnten recht wohl um 1215 gedichtet sein. 



86 Reinmarston. 

Um 1207 hätte Walther wohl noch nicht so müde gesprochen 
als er Z. 24. 25 thut. Wenu nach Lachm. Ausg. S. 195 jetzt 
streng erwiesen ist, daß Reinmar um 1220 todtwar, so konnte 
er um 1215 noch am Leben sein. 

Ouwe daj wisheit unde jugent, 
des mannes schoene noch sin tngent 
niht erben sol, so ie der lip erstirbst ! 
Da) mac wol klagen ein wiser man, 
5 der sich des schaden versinnen kan, 

Reimar, wa) guoter kunst an dir yerdirbet. 
Du solt von schulden iemer des genießen, 
da) dich des tages wolte nie verdriejen, 

dun spraeches ie den frouwen wol 

10 des süln si iemer danken diner znngen. 
hetst anders niht wan eine rede gesungen, 
*s6 wol dir, wip, wie reine ein nam !' du betest also 

gestriten 
an ir lop, da) elliu wip dir gn&den solten biten. 

Des war, ReimUr, du riuwes mich 
15 michels harter danne ich dich, 

ob du lebtes und ich wser erstorben. 

Ich wil) bi minen triuwen sagen, 

dich selben wolt ich lützel klagen : 

ich klage din edelen kunst, daj.sist verdorben. 
20 Du kündest al der werlte fröide m^ren, 

so du) ze guoten dingen woltes keren. 

mich riuwet din wol redender munt und din vil süe^er 

sanc, 

da) die verdorben sint bi minen ziten. 

da) du niht eine wile mohtest biten! 
25 so leiste ich dir geselleschaft : min singen ist niht lanc 

din sele müe)e wol gevarn, und habe din zunge danc. 



i 



Seoha Räthe. 87 



70. DIE HOHEN UND NIEDERN. 

L. 83. 

Der Hof, von dem hier die Rede ist, scheint nach Z. 8 
der kaiserliche. 

Swä der h6he nider gat 
und ouch der nider an hohen rat 
gezacket wird, da ist der hof verirret. 
Wie sol ein unbescheiden man 
5 bescheiden des er nlht enkan? 

sol er mir blieben des mir niht enwirret? 
Wes Stent die hohen vor den kemenäten? 
86 suln die nidem umb da) riche raten. 
swS. den gebrichet an der kunst, seht, da tuont si niht me 
10 wan dag si) umbe werfent an ein triegen: 
da) lerent si die fürsten, unde liegen, 
die selben brechent uns diu reht und stoerent unser e. 
nü sehen t wie diu kröne üge und wie diu kirche ste. 

71. SECHS RÄTHE. 
L. 83. 

In Z. 9 deutet der Dichter wieder auf den Hof Kaiser 
Ottos. Das hindert nicht, auch diese Sprüche nach Thüringen 
zu setzen. 

Ich mnoj verdienen swachen ha): 
ich wil die harren leren da), 
wies iegeslichen rsit wol mügen erkennen. 
Der guoten raete der sint dri: 
5 dri ander boese stent da bi 

zer linggen hant. lät iu die sehse nennen. 
Frum unde Ootes hulde und weltlich 6re, 
da) sint die guoten: wol im der si lerel 
den möht ein keiser nemen wol an stnen hdbsten r&t. 
10 die andern hei)ent schade, sünde und schände, 
da erkennes bi der si e niht erkande. 
wan beeret an der rede wol wie) umb da) herze stkU 
di^ anegenge ist selten guot, da) boese) ende bat. 



88 Retnniarstoii. 

72. DREI SORGEN. 

L. 84. 

Wenn, sich um 1215 der Dichter von der Wartburg nach 
Wien sehnte, so fr^gt sich was ihn hinderte, diese Sehnsucht 
zu befiiedigen. Ich habe diese Frage (Uebersetsung 835) da- 
mit beantwortet, daß Herzog Leopold von Oesterreich zu E. 
Friedrich hielt, während Walther noch auf Ottos Seite stand. 
Von Thürinpfen gieng der Dichter wohl zunächst an König 
Friedrichs Hof, wodurch jenes Hinderniss gehoben wurde. 
Aber noch blieb ihm ein anderes übrig, Leopolds Kreuzzug, für 
den in Wien gespart wurde ; wahrscheinlich gieng der Dichter 
unterdes nach Kämthen, wo auch der folgende Spruch ent- 
stand. — In diesen Sprüchen fehlt der Auftact am Liebsten an 
den Anföngen des Auf- und Abgesangs. 

Dri sorge hab ich mir genomen: 
möht ich der einer zende komen, 
so wsere wol getan ze minen dingen, 
ledocb swa) mir da von geschiht, 
5 in scheid ir von ein ander niht: 

mir mag an allen drin noch wol gelingen. 
Gotes hulde und miner frouwen minne, 
dar umbe sorge ich, wie ich die gewinne: 
daj dritte hat sich min erwert unrehte manegen tac. 
10 da) ist der wünnecliche bof ze Wiene: 
in hirme niemer unz ich den verdiene, 
sit er s6 muieger tilgende mit s6 stseter triuwe pflac. 
man sach Liupoltes hant da geben, da) si des niht 

erscbrac. 

Mit Z. 1 vgl. Nr. 118 2. 18 der wintersorgen han ich dri, 
vgl. ühland IV, 15. Auf Z. 7—10 gründet sich die Eintheilung 
der Gedichte Walthers in Herrendienst, Gottesdienst und 
Frauendienst, welchen unsere drei Bücher: Sprüche, Leich und 
Lieder entsprechen. Z. 12 beweist allerdings, daß Walther 
den Wiener Hof seit 1198 wieder besucht habe; wir wißen 
aber nicht, daß einer der erhaltenen Sprüche außer etwa 
68 sich auf diesen Besuch beziehe. Vor der ganz willkürli- 
chen Annahme, daß Nr. 2 auf Leopolds Schwertleite 1200 gehe, 
kann nicht genug gewarnt werden. 



Alleiastelieiide Sprüche. 89 

73. DIE KUNST DER MILDE. 
L. 104. 

In Kämthen gedichtet, vgl. Nr. 57. 62. 99. — Der allein ste- 
hende Sprach hält den jambischen Gang stieng inne. 

Da} milter man gar w&rhaft si, 

geschiht da}, dk ist wunder bi; 

der grdje wille, der dft ist, 

wie mac der^ wesen verendet ? 
5 Desw&r d4 hoeret witze zno 

und wachen gegen dem morgen fmo 

und anders manec schoener list, 

da} e} iht werde erwendet. 

Der als6 tuot, 
10 der sol den muot 

an ruowe selten keren : . 

mit witzen sol er} alle} wegen, 

und lä}e Got der sselden pflegen. 

86 sol man stegen 
15 nach lange wemden eren. 



74. BÖSER TRANK. 
L. 104. 

Tegemsee war in der That durch seine Gastfreiheit be- 
rühmt. Daß er dort unfreundliche Aufnahme fand, mochte 
Walther den heftigen in Ottos Dienst wider Pabst und Geist- 
lichkeit geschleuderten Sprüchen verdanken. Doch verstehe 
ich Z. 8 nicht vom Waßer zum Händewaschen. Er bekam 
nur Waßer, keinen Wein zu trinken. Hätte man ihn nach dem 
Handwaßer vom Tische getrieben, weil man jetzt erkannte, 
wer er war, so konnte es Walther nur dem Parteibaße, nicht 
der Unmilde zuschreiben. Daß ere der mute entspricht, ist 
zu 2, 3 bemerkt. — Der alleinstehende Spruch weicht zwei- 
mal, Z. 9 und 10 von seinem jambischen Gang sehr ausdrucks- 
voll ab. 



90 König Friedrichs Ton. 

Man seit mir ie von Tegerse, 
wie wol da^ hts mit eren ste: 
dar kerte ich mer dan eine mile von der strafe. 
Ich bin ein wunderlicher man, 
5 da^ ich mich selben niht enkan 

verstan und mich so vil an fremde liute l^e. 
Ich schiltes niht, wan Got genade uns beiden, 
ich nam da waj^er: 
also najjer 
10 muost ich von des münches tische scheiden. 

Z. 10. Da auch Kaiser Otto die Aebte Mönche nannte, 
80 wird dieser Spruch noch in seine Zeit gehören ; vgl, Lachm. 
S. 203. 



KÖNIG FRIEDRICHS TON. 

« 
75. GESTÄNDNISS. 

L. 26. 

Schon diese Weihe des neuen zu Friedrichs Ehren er- 
fundenen Tons vergleicht die beiden um das Reich streitenden 
deutschen Könige, Friedrich und Otto. Der mir übde tuoty 
ist Kaiser Otto, der mir ist guot, kann auf Friedrich gehen, 
auch wenn der Dichter erst von ihm erhofft, er werde ihm 
gut sein. Dieß Gebet ist nicht fromm, aber aufrichtig und 
das läßt sich nicht von allen rühmen. 

V il wol gelobter Got, wie selten ich dich prise ! 
Sit ich von dir beide wort hän unde wise, 
wie getar ich so gefrevein under dime riae? 
lehn tuon diu rehten werc, ichn han die wären minne 
5 ze minem ebenkristen, herre vater, noch ze dir: 
so holt enwart ich ir deheinem nie so mir. 
Krist vater unde sun, din geist berihte mine sinne. 
Wie solt ich den geminnen der mir übele tuot? 
mir muo) der iemer lieber sin der mir ist guot. 
10 vergip mir anders mine schulde, ich wil noch haben 

den muot. 



Milde and Länge. 91 

76. EIN GLEICHNISS. 
L. 26. 

Es bedurfte der Entschuldigung^ daß der Dichter K, Fried- 
richs Milde in Anspruch nimmt, nachdem er seinem Gegner 
gedient hat. Dazu ist dieß Gleicbniss sehr geschickt ersonnen; 
Nur scheinbar wird Otto angeredet; gerichtet ist der Spruch 
an K. Friedrich, obgleich sich der Dichter erst in der letzten 
Zeile ausdrücklich an ihn wendet. 

Ich h4n hern Otten triuwe, er welle mich noch riehen : 

wie nam abe er min dienest ie 86 trügelichen? 

ald wa) bestet ze 16nne des den künec Friderichen? 

Min forderunge ist üf in kleiner danne ein bone; 

5 ejn si so vil, obe er der alten Sprüche wsere fro. 

ein vater lerte wilent sinen sun also, 

*^sun, diene manne boestem, da) dir manne beste lone/ 

Her Otte, ich bin) der smi, ir sit der boeste man, 

wand ich s6 rehte bcesen herren nie gewan: 

10 her künec, sit ir) der beste, sit iu Got des lones gan. 

• 
Z. 10 setzt voraus, daß E. Friedrich die Mehrzahl der 

deutschen Fürsten auf seine Seite gebracht und zu Achen 

(15. Juli 1215) die Königskrone empfangen hat. 

77. MILDE UND LÄNGE. 
L. 26. 

Walther fährt fort wie in 75 die beiden Gegenkönige in 
Bezug auf ihre Milde zu vergleichen, ohne daß er Friedrichs 
Freigebigkeit schon an sich selber erfahren hätte. Von einem 
Dank für emp£angene Gaben kann um so weniger die Rede 
sein, als er erst im nächsten Spruche eine Bitte an Friedrich 
richtet, dieselbe die er Nr. 52 an Otto gerichtet hatte, was 
den Zusammenhang mit Nr. 75. 76 beweist. 

Ich wolt hern Otten milte nach der lenge me))en: 
do hat ich an der m4)e mich ein teil verge))en: 
wser er so milt als lanc, er hete tugende vil bese))en. 



92 König Friedriohs Ton. 

Vil schiere mag ich abe den lip n&ch Biner 6re: 
5 do wart er vil gar ze kurz als ein yerschröten werc, 
miltes müotes minre vil dan ein getwerc; 
und ist doch von den j&ren dag er niht enwahset mere. 
Do ich dem künege brähte de} me), wie er üf sch6) l 
sin junger lip wart beide michel unde grog. 
10 nü seht wa) er noch wahse : erst ieze übr in wol risen gn6). 



78. AN KÖNIG FRIEDRICH II. 

1215. 
L. 28. 

Es ist nicht wahrscheinlich^ daß K. Friedrich die nach- 
stehende Bitte um Haus und Heerd sogleich erhört habe : erst 
gegen das J. 1220 konnte der Dichter das fahrende Leben 
aufgeben. 

Von Bdme vogt, yfn Fülle künec, \kt iuch erbarmen 
da) man mich bi richer kanst l&t aLnis armen, 
gerne wolde ich, möhte e} sin, bi eigem fiure erwarmen. 
ZM wiech danne sänge von den vogellinen, 
5 von der beide und von den bluomen, als ich wflent sanc! 
swelch schoene wip mir denne gsebe ir habedanc, 
der liege ich liljen unde rösen üg ir wengel schinen. 
Kume ich spate und rite fmo, 'gast, wS dir, we!': 
so mac der wii't wol singen von dem grüenen IdL 
10 die not bedenkent, milter künec, dag iuwer not zergS. 

Z. 10. Gleich bei seiner Krönung hatte Friedrich das 
Kreuz genommen, was ihm vor wie nach Noth genug machte; 
auch hatte Otto (der erst am 19. Mai 1218 starb) immer noch 
eine Partei, ja Köln war während Friedrichs Krönung in Ottos 
Besitz (Böhmer Reg. 83. 84). 



Das Reichslehen. dS 

79. LEOPOLDS RÜGEKEHR VOM KREÜZZUG. 

1219. 

L. 28. 

Im Jani 1219 gedichtet, vgl. zu dem wenig Bpätern Spr. 61. 
Uebrigens spricht hier der Dichter, wie die Z. 4. 6. 7. 9 zei- 
gen, nicht in seinem Namen allein : darum konnte er den Her- 
zog, wenn er sonst dazu befugt war, nicht mit Du anreden. 
Vgl. zu 63. 

Herzoge ü} österriche, e^ ist in wol ergangen, 
und als6 schone da) uns muo) n&ch iu belangen. 
Sit gewis, BWBnn ir uns komet, ir werdent h6h enpfangen. 
Ir stt wol wert dag wir die gloggen gegen iu liuten, 
5 dringen nnde schouwen als ein wunder komen si. 
ir komet uns beide Bünden unde schänden fri: 
des 8uln wir man iuch loben, und die frouwen suln 

iuch triutiBn. 
Diz liebte lop volfüeget heime unz üf da) ort: 
Sit uns hie biderbe für ä9% ui^efüege wort, 
10 da} iernan sprechey ir soldet sin beliben mit eren dort. 



80. DAS REICHSLEHEN. 
L. 28. 
Vgl. zu 78. 

Ich han min IShen, al die werlt, ich h4n mtn l^hen. 
nü enfürhte ich niht den homunc an die zehen, 
und wil alle .boBse harren desier minre flehen. 
Der edel künec, der milte künec h&t mich beraten, 
5 da) ich den sumer luft und in dem winter hitze hkn, 
min nähgebüren dunke ich verre ba) getan: 
si sehent mich niht mSr an in butzen wis als si e t&ten« 
Ich bin ze lange arm gewesen &n minen danc. 
ich was 86 voller scheltens d9% min äten stanc: 
10 da) h&t der künec gemachet reine, und dar zuo minen saue. 



94: König Friedrichs Ton. 

Die letzten Zeilen beziehen sich wohl auf die zu Eisenach 
(66. 67. 70. 71) und am Hofe zvl Eärnthen (57-^60. 73) ge- 
sungenen Sprüche. 



81. ABWEHR DER KREÜZZÜGSSTEÜER. 

L. 27. ' 

Den Ertrag des erhaltenen Lehens giebt hier Walther zu 
dreißig Marken an. Ob es wirklich so viel eintrug oder nur 
so hoch veranschlagt war, wißen wir nicht. Vor der Hand 
scheint es aber nach diesem Spruch noch gar wenig Nutzen 
abgeworfen zu haben. Daß sich Walther der Kreuzzugssteuer 
gerne entzog, wird man nach den Sprüchen 47. 48 begreiflich 
finden. Uebrigens ist nicht zu erweisen, dsCß Walther nach 
empfangenem Lehen sein Wanderleben noch fortgesetzt habe, 
wenn er auch nicht immer in Würzburg blieb, sondern von 
da aus Nürnberg besuchte, oder eine kurze Zeit den jungen 
König Heinrich begleitete. 

Der künec min h^rre lech mir gelt ze drijec marken: 
des enkan ich niht gesliejen in den arken, 
. noch gescfai£Pen üf da^ mer in kielen noch in barken. 

Der nam ist gro), der nnz ist aber in ftolher ma^e, 
5 da) ich in niht begrifen mac, gehoeren noch gesehen: 
was 8ol ich danne in arken oder in barken jehen? 
nü rate ein ieglich friunt, ob ich) behalte ode ob ich) 

ld,)e. 
Der pfaffen disputieren ist mir gar ein wiht : 
si prüevent in den arken niht, da enst ouch iht: 
10 nü prüeven her,nü prüeven dar, son habe ich drinne niht. 



82. VORSCHLAG ZUR GÜTE. 
L. 29. 

Auf dem Frankfurter Reichstag hatte K. Friedrich seinen 
Sohn Heinrich zum römischen König erwählen laßen und im 
April 1220 die Fürsten und Herrn genöthigt das Kreuz zu 
nehmen, was er selber sohon 1216 hatte thun müßen, vgl. zu 
Nr. 78; Erst im Augast verließ, er Deutschlaiid und empfieoi; 



Frauenpreis L 95 

am 22. November zu Rom die Kaiserkrone, unser Spruch 
scheint vor dem August, jedenfalls vor dem November ge- 
dichtet, da Friedrich noch König heißt. Nach dieser Zeit 
bediente sich der Dichter dieses Tons nicht mehr; die fol- 
genden Sprüche in demselben 8S fif. sind daher älter. 

Ir fiirstßn, die des küneges gerne wseren 4ne, 

die volgen mime rate: ichn rllte iu niht nach wikne. 

weit ir, ich schicke in tüsent mile und dannoch me 

für Träne, 
Der helt wil Kristes reise varn: swer in des irret, 
5 der hat wider Got und al die kristenheit getan, 
ir vinde/ ir sult in sine strafe varen län: 
wa) ob er hie heime iu niemer mere niht gewirret? 
Belibe er dort, des Got niht gebe, so lachent ir. 
kom er uns frinnden wider hein, so lachen wir. 
1 der msere warten beidenthalp, und h&nt den rät von mir. 

Z. 3. »Träne (Trani) . liegt am adriatischen Meer in der 
Nähe des altberühmten üeberfahrtsortes Bari ; König Friedrich 
hatte dort einen Pallast und Hafen gebaut.« Wackernagel. 

83. FRAÜENPREIS I. 
L. 27. 

Nach Wilmanns ansprechender Vermuthung wäre der fol- 
gende Spruch (84) von Walther gedichtet, weil man ihn, die 
Zeilen 78. 6. 7 urgierend, beim Worte genommen hätte. Ist 
dem so, so könnte auch dieser Sprach gleichen Ursprung ha- 
ben. Er steht dem folgenden wenig nach. 

Durhsüejet und geblüemet sint die reinen frouwen: 
e) wart nie niht so wünnecliches an ze schonwen 
in lüften noch üf erden noch in allen grüenen ouwen. 
Liljen unde rosen bluomen, swä die liuhten 
5 in meien touwen dur da) gras, und kleiner vogsle sanc, 
d^ ist gein soiher wünnebernden fröide kranc^ 
swä man siht schoene frouwen. da) kan trüeben muot 

erfiuhten, 
Und leschet alle) trüren an der selben stunt, 
s6 lieblich lache in liebe ir süfe^er röter munt 
10 und sträle u^ spunden ougen schiebe in maunes heilen 

gnint. 



96 König Friedri<^B Ton. 



84. FRAÜENPREIS II. 
L. 27. 

Wenn die eben besprochene Vermuthung . zutrifft, so 
möchte man wißen, weiche Frau dem alternden Dichter ihren 
Habedank verheißen hätte, deon an diese Bedingung war das 
Versprechen, an das er gemahnt wurde, geknüpft. Sie ist es, 
die hier angeredet wird. 

Vil süe^iu froawe höhgelopt mit reiner güete, 
din kiuscher lip git wünnebemde) hohgemüete, 
din munt ist roeter danne ein liehtiu rose in touwes flüete. 
Got hat gehoehet und geheret reine frouwen, 
5 da^ man in wol sol sprechen unde dienen zaller sit. 
der werlde hört mit wtinneclichen freuden Ht 
an in, ir lob ist luter ünde klar, man sol si schouwen. 
Für truren und für ungemüete ist niht so guot, 
als an ze sehen- ein schoene frouwen wol gemuot, 
10 s6 si ü^ herzen gründe ir friunde ein lieblich lachen tuot. 



85. MASZ IM TRINKEN I. 
L. 29. 

Auf Thüringen beziehen diese Spruche sich nicht, da der 
Ton, in dem sie gedichtet sind, erst erfunden ward, als der 
Dichter Thüringen zum zweiten- und letztenmal verlafien hatte. 

Ich trinke gerne d& man bi der maje schenket, 
und da der unm&je niemen iht gedenket, 
Sit si den man an libe an gnot und an den eren krenket. 
Si Bch&t ouch an der sSle, beere ich jehen die wisen: 
5 des möht ein ieglich man von sinem wirte wol enbern. 
lie} er sich voUocliche bi der ma^e wern, 
so möht ime gelücke, heil und sselde und ^re üf risen. 
Diu m^e wart den liuten da umb üf geleit, 
da5 vo&n si ebene me^^e und trage, ist mir geseit: 
10 nü hab er danc, ders ebene me)^e und der si ebene treit. 



Die fiklscben Läcbler. 97 



86. MASZ IM TRINKEN II. 
L. 29. 

Elr h4t nibt wol getrunken, der edcb übertrinket, 
wie zimet da) biderbem man, da) ime diu zunge binket 
von wine? icb waene er boubetsünde und scbande zuo 

im winket. 
Im zaeme ba), möbt er gebrücben sine füe)e^ 
5 da) er ane belfe bl den linten möbte stan. 
8wie sanfte man in trüege, er möbte lieber gllu. 
sus trinke ein iegeslicber man, da) er den durst gebäe)e : 
Da) tuot er äne boubetsünde und &ne spot. 
swelcb man s6 getrinket da) er sieb nocb Got 
10 erkennet, s6 bat er gebrocben ime sin bocb gebot. 



87. DIE FALSCHEN LACHLER. 

L. 30. 

Die vier folgenden Sprüche wird man am Besten ver- 
stehen, wenn man sie gleich hinter 53. 75 und 76 liest, denn 
sie scheinen gegen König Otto und seine falschen Räthe ge- 
richtet. Mit dem vierten (90) vergleiche man 70 und 71. 

Got wei) wol, min lop wser iemer bovestsete 
da man eteswenne bovelicben taste, 
mit gebserde^ mit gewisser rede, mit der tsete. 
Mir griulet, so mich lacbent an die lecbelsere, 
5 den diu zunge bonget und da) berze gallen bat. 
friundes lachen sol sin 4ne missetät, 
Büe)e als der äbent rot, der kündet lüter msere. 
Nu tuo mir lacbelicbe, od lache ab anderswo, 
swee munt mich triegen wil, der fiäbe sin lachen dk: 
10 von dem nssm icb ein w4re) nein für zwei gelogeniu j&. 






98 König Friedrichs Ton. 



88. • SONDERÜNG. 
L. 30. 

Sit Got ein rehter rihter heilet an den buochen, 
solt er doch ü^ siner milte des gemochen 
da) er die gar getriuwen ü) den valschen hieje snochen ! 
Joch meine ich hie : si werdent dort yil gar gesundert : 
5 doch ssehe ich an ir etesHchem gerne ein schänden mal. 
der sich eim windet u} der hant reht als ein al, 
onwe da) Got niht zomeclichen sere an deme wundert ! 
Swer sant mir var von hüs, der var ouch mit mir hein. 
des mannes mnot sol veste wesen als ein stein, 
10 üf triuwe sieht und eben als ein yil wol gemähter zein. 



89. DAS MEERWUNDER. 
L. 29. 

Ich hän gesehen in der werlte ein michel wunder: 
wser} üf dem mer, e) diuhte ein seltssene kunder; 
des min fröide erschrocken ist, min truren worden munder. 
Da) glichet einem boesen man: swer nü des lachen 
5 strichet an der triuwen stein, der vindet kunterfeit. 
er bi)et da sin grinen niht hat widerseit. 
2w6 Zungen habent kalt und warm, die ligent in sime 

rächen. 
In stme süe)en bonge lit ein giftec nagel. 
sin wolkenlose) lachen bringet scharpfen hagel. 
10 swä man da) spürt, e) kSrt sin hant und wirt ein 

Bwalwen zagel. 



Der Weg zum Himmel. $9 

m 

90. DIE VERFÜHRER. 
L. 28. 

!Er schale, in swelhem leben er si, der dankes tiiege 
unde siaen herren lere da^ er liege! 
erlamen müe^en im diu bein, als ers zem rate biege! 
Si abe er so bSre da,) er da zuo sit^e, 
5 so wünsche ich da) sin ungetriuwe zunge müe)e erlamen. 
die selben machent uns die biderben kae schämen, 
sol liegen witze sin, s6 pflegent si tngendeldser witze. 
Wan inngens in raten da) si läjen in ir kragen 
ir valsche gelübde od n&ch geliibde niht versagen? 
10 si solten geben S dem lobe der kalc wurd abe getragen. 

Z, 10. Der Deutung von kalc auf den Bewurf der Wände 
steht entgegen, daß dieser nicht abgetragen wird, wohl aber 
die Schuhsohle. 



91. DER WEG ZUM HIMMEL. 
L. 26. 

Die Strophe steht in B unter Sprüchen, deren Echtheit 
noch Niemand angefochten hat. Unsere eigenen ünthaten und 
Laster als Wegelagerer vorzustellen, die uns auf der Himmels- 
straße überfallen, ist neu und die Ausführung schwungvoll. 
Dem Schluß, der kein anderer sein konnte, wüste Walther 
durch den Ausdruck aufzuhelfen. 

Die wisen ratent, swer ze himelriche welle, 
da) er vil wol bewarte ^ und ouch bestelle 
den wec, da) iemen drüffe habe der in her wider velle. 
Ein sBhter hei)et mort, der schat der 8tra)e sere: 
5 d4 bi vert einr in starken bennen, derst gehei)en brant : 
s6 sprechents einem wuooh^r, der hat gar geschant 
die selben stra)e. dannoch ist der wegewerender m^e : 
Nit unde ha) die hänt sich üf den wec geleit, 
unde diu verschampt unm&)e ^tekeit. 
10 daimooh b6 rennet maneger für, des ich niht han geseit. 



JOO König Friedrichs Ton. 



92. GEWISSE FREUNDE I. 
L. 30. 

Dieser Spruch, dessen Echtheit Niemand bezweifelt hat, 
ist viel schwächer als der vorhergehende, aber nicht beßer 
als der folgende. Vgl. zu 98. 

Swer stsßtes friundes sich dur übermnot beheret, 

unde den einen dur des fremeden Sre uneret, 

der möht« ersehen, ward er von sim hoehern ouch 

ges^ret. 
Da} diu gehalsen friuntschaft sich vil lihte entraade, 
5 swenn er sich libes unde guotes solde'umb in bewegen, 
wir han vereischet, die der wenke h4nt gepflegen, 
da} si der kumber wider üf die erborne frinndo wände: 
Da} sol nach Gotes leben dicke noch geschehen, 
ouch horte ich ie die liute des mit volge jehen, 
10 ^gewissen friunt, versuochtiu swert, sol man ze nceten 

sehen.' 



93. GEWISSE FREUNDE ü. 
L. 31. 

In diesem Tone sind öfter zwei Sprüche durch den In- 
halt verbunden, z. B. 83 und 84, 85 und 86; daß die letzte 
Zeile des ersten zu dem zweiten hinüberleitet, kommt zwar 
nicht öfter vor, beweist aber nichts für verschiedene Verfaßer. 
Sollte der zweite von Singenberg sein, so möchte er auch den 
ersten verfaßt haben. Auch fehlt in beiden Sprüchen der 
Auftact nie, was in den echten nicht vorkommt. 

Ich wil niht me den ougen yolgen noch den sinnen, 
diu rieten mir an zwei, da} ich diu solde minnen: 
diu waren kne valsch geworht beidiu ü}en, unde och 

innen. 
D& was ein w^nec in geleit, da} was niht stsete: 
5 des yielten sich ir eggen, dd si selten lAn gesniten. 



- ^ . j 



Neuer Spruchto». . 101 

• • • ^ * - ' - * ' 

Tind weere eht nibt wan da) alleine drinne vermiten, 
so wserens allenthalben alse ganz an ir getsete, 
Da} sich ein iegeslicher möhte lä)en dran, 
ouwe da) ich der trüge ie künde an in gewant. 
10 wie übel ich mich des schaden schäme und in des 

lasters gan! 

94. KINDERLOSE. 
L. 38. 

Auch für die Echtheit dieses Spruchs möcht ich keine 
Lanze einlegen. Eine andere Strophe in demselben Maße ist 
aber sehr talentvoll und könnte Walthem gehören, weshalb 
ich sie dieser folgen laße. Sie spottet über Liutolt von Seven, 
dem man auch neuerdings wieder die Ehre angethan hat, ihm 
Walthersche Lieder zuzuschreiben. Gemeinsames haben diese 
Sprüche nichts miteinander noch mit einem dritt^p, den ich 
sonst mitgetheilt hätte. Vgl. zu 114. 

Er ist ein wol gefriunder man, alsd diu weit nü 8t4t, 
der under zwenzec m4gen einen guoten Munt getriuwen 

h4t: 
der bete man hie vor wol under fünfen funden dri. 
So w^ dir, Welt, du hast sd manegen wandelbemden site : 
5 er armet an der sSle, der dir volget unz an) ende mite, ' 
und der dir aller diner fuore stit mit willen bi. 
Wir klagen alle da) die alten sterbent unde erstorben sint : 
wir mühten balde klagen von schulden ander not, 
da) triuwe zuht und ere ist in der weite tot. 
10 die linte latent erben; dise dri sint 4ne kint. 



94*. DER VON SEVEN. 

Got welle 86ne welle, doch b6 singet der von Seven 
noh bu) dan iemen in der werlte. fraget nifteln unde neven, 
geswien swiger sweher swager jehent, e) ßl war. 
Tageliet klageliet hügeliet lügeliet tanzliet leich er kan, 
5 er singet kriuzliet twingliet schimpfliet lobeliet rügdiet 

als ein man, 
der mit werder kunst den liuten kürzet lange) j4r. 



• -^ 



102. ., - Jn-dos Bogners Ton. 






Wir mugen wol alle stille swigen äk her Liutolt sprechen 

wil, 
e^ darf mit sänge nieman giuden wider in. 
er singet also h6 ob allen meistern bin : 
10 em werde nocb, die nii da leben, den brichet er da) zil. 



IN DES BOGNERS TON. 

95. VERSAGTES LOB. 
L. 78. 

Die Weihe besteht wie bei dem zweiten Ottenton aus 
einem vierstrophigen Liede, das mit dem Lob der h. Jung- 
frau anhebt. Was das sehr unregelmäßige Maß betrifft, so 
wurde wohl zu den drei ersten Zeilen die Melodie wieder- 
holt? so daß sie die beiden Stollen bildeten. Der dritten 
Zeile fehlt gewöhnlich, aber nicht immer, der Auftact: die 
vierte zeigt ihn gewöhnlich, aber nicht immer. Die Zeit, wo 
diese Sprüche entstanden, wird nach den folgenden beiden 
Sprüchen zu bestimmen sein. 

Der anegenge nie gewan 
und anegenge machen kan, 
der kan wol ende machen und an ende. 
Sit da) alle) stSt in siner hende, 
5 wer waere danne lobes so wol wert? 
der si der erste in miner wise: 
sin lop gSt vor allem prise: 
da) lop ist saelec, des er gert. 

Nu loben wir die süe^en maget, 
10 der ir sun niemer niht versaget. 

si ist des mnoter, der von helle uns 16ste: 

Da) ist uns ein tr6st vor allem tröste, 

da) man da ze himel ir willen tuet. 

nii dar, die alten mit den jungen, 
15 da) ir werde lop gesungen. 

sist guot ze lobenne, si ist guot. 



Der Bogner. 103 

Ich solt iuch engele grüe^ea ouch, 
wan da^ ich bin niht gar ein gouch: 
wa) habt ir der beiden noch zerstoeret? 
20 Sit iuch nieman siht noch nieman beeret, 
sagent, waj h&nt ir noch dar zuo getan? 
möbt ich Got stille als ir gerechen, 
mit wem solt ich mich besprechen? 
ich wolte iuch berren ruowen län. 

25 mr Micbab^l, her Gabriel, 

her tiufels vient Rapbabel, 

ir pflegent wisbeit, sterke und arzenie ; 

Dar zuo h4nt ir engelkoere drie, 

die mit willen leistent iur gebot: 
30 weit ir min lop, so sint bescheiden 

und scbadent allererst den beiden: 

lopt ich iuch e, da^ wsere ir spot 

Z. 25—27 ist Weisheit auf Michael, Stärke auf Gabriel, 
Heilkunst auf Raphael bezogen. So auch Laurin 129 sente 
Michael der wise; vgl. die Stelle bei Diemer, welche Pfeiffer 
anzieht. Anders Wackernagel II, 191. 



96. DER BOGNER. 

1220. 
L. 80. 

Nach J. Grimm (Recension der Lachm. Ausg. in Seebode 
krit. Bibl. für das Schulwesen 1828) Graf Diether II. von 
Katzenellenbogen, der 1219 das Kreuz nahm aber 1222 schon 
wieder daheim war. Einen Bezug der Katzenellenbogner zu 
Würzburg, wo Walther seit 1220 sich aufhielt, wenn nämlich 
dort sein Lehen lag, weist Rieger (Walthers Leben 56) nach. 

Ich bin dem Bogenaere holt 
gar kne gäbe und äne solt: 
er ist milte, swie klein icbs geniuje. 
So nie^e in aber ein Pdlän aide ein Riu^e : 
5 da} ist alle) äne minen ha). 



104 In des Bogners Ton. 

in brsehte ein meister ba) ze maere 
danne tüsent snarrenzsere, 
tset er den hovewerden ba^. 

Z. 7. GeigeDkratzer heißen am Niederrhein Schnorran- 
ten. Uebrigens kann das keine Rüge sein sollen, als wenn 
dem Grafen Stümper lieber wären als die Meister. 



97. AN DEN BOGNER. 
L. 80. 

Vgl. hiemit Nr. 54. 

Den .diemant den edelen stein 
gap mir der schoensten ritter ein : 
ane bete wart mir diu g4be sine. 
J6 lob ich niht die scboene nsLch dem scbine; 
5 railter man ist schcene und wol gezogen, 
man sol die iure tugent ü) k^ren : 
so ist da) ü^er lop nach eren, 
sam des von Eatzenellenbogen. 



98. FREUNDSCHAFT. 
L. 79. 

In der zweifelhaften Strophe 92 schien Walther der Bluts- 
verwandtschaft Vorzug vor der Freundschaft einzuräumen; in 
dieser sicher echten entscheidet er sich anders, Str. 1. 

Man hobgemäc, an friunden kranc, 
da) ist ein swacher habedanc : 
ba) gehilfet friuntschaft äne sippe. 
L& einen sin geborn von küneges rippe: 
5 er enhabe friunt, wa) hilf et da)? 
mägschaft ist ein selbwahsen ^re: 
86 muo) man friunde verdienen sSre. 
mäc hilf et wol, friunt verre ba). 



Maß und Uebermaß. 105 

Swer sieb ze friunde gewinnen lät 
10 und ouch d& bi die tagende hat 

da^ er sich ane wanken l&t behalten, 

Des frinndes mac man gerne 8ch6ne walten. 

ich hän eteswenne friunt erkorn 

so sinewel an siner stete, 
15 swie gerne ich in behalten hsete, 

da) ich in müeste h&n verlorn. 

Swer mir ist slipfec als ein is 
und mich üf hebt in balles wis, 
sinewell ich dem in sinen banden, 
20 Da) sol zonstcete nieman an mir anden, 
sit ich dem getriuwen friunde bin 
einlcetec unde wol gevieret. 
swes muot mir ist s6 vech gezieret, 
nü sus nü s6, dem walge ich bin. 



99. MASZ UND ÜEBERMASZ. 
L. 80. 81. 

Wer sieht den lewen? wer sieht den risen 
wer überwindet j'enen und disen? 
da) tuot jener der sich selber twinget 
Und alliu siniu lit in huote bringet 
5 ü) der wilde in stseter zühte habe, 
geligeniu zuht und schäme vor gesten 
mngen wol eine wfle erglesten: 
der scbln nimt dräte üf und abe. 

Unm&)e, nim dich beidiu an, 

10 manlichiu wlp, wipliche man: 
pfafliche ritter, ritterliche pf äffen, 
Mit den solt du dinen willen schaffen: 
ich wil dir si gar ze stiure geben, 
und alte junghSrren für eigen: 

15 ich wil dir junge althSrren zeigen, 
da) si dir twerhes helfen leben. 

6* 



106 In des Bogners Ton. 

Sich wölte ein ses gesibent hän 
üf einen hobvertigen wän : 
BUS strebte e) sdre nach der übemi&)e. 
20 Swer der mk^e brechen wil ir str&je, 
dem gevellet lihte ein enger pfat. 
h6hvertec ses, nü stant gedriet! 
dir was zem sese ein velt gefriet: 
nü smiuc dich an der drien stat, 

25 S welch man wirt 4ne muot ze rieh, 
wil er ze sere strin^en sich 
üf sine richheit, so wirt er ze here. 
Ze rieb und zarm diu leschent beide sere 
an samelichen Unten rehten muot. 

30 swa übrec ricbeit zühte slucket 
und übrec armuot sinne zucket, 
da dunket mich enweder) guot. ' 



100. GEBEN UND NEHMEN. 
L. 80. 81. 

Mit der ersten Strophe vgl. 57 und 73. In der zweiten 
liegt der Grundgedanke in der ersten Zeile und keineswegs 
ist Walthers Meinung, es gereiche zum Heil, wenn man den 
Herrn umsoi\8t Dienste leiste. Dadurch würdigt sieh der 
Mann nur herab, wie Z. 14 gesagt ist. Von erzwungenem 
Dienst ist hier keine Rede. Vgl. Wolfr. Willeh. 179,29; Lachm. 
zu Walth. 196. 

Swelch herre nieman niht v^saget, 
der ist an gebender kunst verschlaget: 
der mno) iemer notec sin ald triegen. 
Zehen versagen sint be})er danne ein liegen. 
5 geheije minre unde grüe^e ba^, 
well er ze rehte umb ere sorgen, 
swes er niht müge ü^ geborgen 
noch selbe enhabe, versage doch di^. 



Dia Minne. 107 



Wolveile unwirdet manegen lip. 
10 ir werden man, ir reiniu wip, 

niht ensit durch kranke miete veile. 

E5 muoj sere sten an iuwerm heile, 

weit ir iuch vergeben vinden län. 

zundanke veile unwirdet sere: 
15 d& b$ s6 swachet iuwer ere, 

und ziuhet doch üf smaehen wän. 



101. DIE MINNE. 
L. 81. 82. • 

Walther spricht hier nicht von der göttlichen Minne, son- 
dern von der reinen Minne zu edeln Frauen. Auch Ulrich 
von Liechtenstein fragt die Herrin, ob die Liebe Mann oder 
Weib sei. Ueber Falschmünzerei in der Frauenminne habe ich 
üebersetzung 18331. S. 191 Beispiele beigebracht; nur Berthold 
sprach dabei von der Nächstenliebe. Mit Z. 15 vergleicht 
Wilhelm Grimm G. G. A. 1827 S. 2034 Titurel: mtnne hat uf 
erden imde uf htmele vür Oot geleite. Auch hier ist die welt- 
liche Minne gemeint. 

I. 

Diu minne ist weder man noch wip, 
si h4t noch sSle noch den lip, 
si gelichet sich deheinem bilde. 
Ir nam ist kunt, si selbe ist aber wilde, 
5 unde enkan doch nieman sine sie / 

der Gotea hulden niht gewinnen. 



si kam in valsche^ herze nie. 

n. 

E) ist in unsern kurzen tagen 



10 nach minne valsches vil geslagen: 
swer aber ir insigel rehte erkande, 
Dem setze ich mine w4rheit des ze pfände, 
wolt er ir geleite volgen mite, 
da) in unfuoge niht erslüege. 

15 minn ist ze himel b6 gefiiege, 
da} ich si dar geleites bite. 



lOB Kaiser Friedrichs Ton. 



KAISER FRIEDRICHS TON. 

102. GÖTTLICHES GEHEIMNISS. 

L. 10. 

Die Weihe enthält Betrachtungen wie sie dem Dichter in 
der einsamen Zelle seines Würzburger Lebens nahe lagen. 
Unsere Philosophen sollten sich diesen Spruch merken. 

Mehtiger Got, du bist so lanc und bist so breit: 
gedseht wir da nS.ch da) wir unser arebeit 
niht verlürn! dirst ungemejjen mäht und Swekeit. 
Ich wei) bi mir wol da) ein ander ouch dar umbe 

trabtet: 
5 so ist e), als e) ie was, unsern sinnen unbereit. 
Du bist ze grd), du bist ze kleine: e) ist ungahtet. 
tumber gouch, der dran betaget oder benahtet ! 
wil er wi))en da) nie wart gepredjet noch gepfahtet? 



103. AN ENGELBERT VON KÖLN. 

L. 84. 

Der Spruch enthält keine Widmung dieses Tons, den 
zu erfinden nur des Kaisers Krönung veranlaßt hatte. Auf 
ihn bezügliche Sprüche mögen andere wie 108 verloren 
sein. An den Erzbischof, den der Kaiser, als er Deutschland 
verließ, zum Reichsverweser und Berather (rät) seines Sohnes 
Heinrich bestellt hatte, war der Dichter sich zu wenden nach 
Wilmanns Vermuthung dur^h den Auftrag des Kaisers ver- 
anlaßt, die erloschene Begeisterung für den Kreuzzug durch 
seine Poesie wieder neu anfachen zu helfen, was bei den un- 
günstigen Zeitverhältuissen (an disen twerhen dingen) eine 
schwere Aufgabe war, bei der er des Bischofs Rath bedurfte. 



Auf Engelberts Ermordung. 



109 



Ich traf d& her vü rehte drier slahte sano, 
den höhen und den nidern und den mittelswanc, 
da^ mir die rederiche iegesliches sagten danc. 
Wie könd ich der drier eime nü ze dank gesingen? 
5 der hohe der ist mir ze starc, der nider gar ze kranc, 
Der mittel gar ze spsehe an disen twerhen dingen, 
nü hilf mir, edelr küneges rS,t, da enzwischen dringen, 
da) wir als ^ ein ungehajjet liet zesamene bringen. 

104. AN DENSELBEN. 
L. 86. 

Die Bekanntschaft des Dichters mit dem Erzbischof, die 
durch die Berathung über das Kreuzlied (Nr. 200) veranlaßt 
worden war, fahrte den Dichter weiterhin zu diesem und lei- 
der auch zu dem folgenden Spruche. 

' Von Eölne werder bischof, sint von schulden fro. 
ir hänt dem riebe wol gedienet, und also 
da) iuwer lop da enzwischen st iget unde s weihet ho. 
Si iuwer werdekeit deheinen boesen zagen swsere, 
5 fürsten meister, da) si iu als ein unnütze dro. 
Getriuwer küneges pflegsere, ir sit höher msere, 
keisers eren tröst ba) danne ie kanzelsere, 
drier künege und einlif tüsent megde kamersere. 



105. AUF ENGELBERTS ERMORDUNG. 

1225. 
L. 85. 

Swes leben ich lobe, des tot den wil ich iemer klagen, 
so we im der den werden fürsten habe erslagen 
von Eölne! ouw^ des da) in diu erde mac getragen! 
In kan im nach siner schulde keine m arter vinden: 
5 im wsere alze senfte ein eichin wit umb sinen kragen, 
In wil sin ouch niht brennen noch zerliden noch schinden, 
noch mit dem rade zerbrechen noch ouch dar üf binden : 
ich warte alle) pb diu helle in lebende welle slinden. 



110 Kaiser Friedrichs Ton. 

• 
106. FEST ZU NÜRNBERG. 
November 1226. 
L. 84. 

Die Nürnberger Reichstage konnte Walther, auch nachdem 
er ein Lehen empfangen hatte ^ von Würz bürg aus leicht be- 
suchen und die ersten Zeilen deuten an, daß es öfter geschah. 
Den Tag, von dem hier die Rede ist, pflegt man zu früh an- 
zusetzen und Z. 4 auf Rechtspflege oder Gesetzgebung zu be- 
ziehen, was es in diesem Zusammenhang nicht bedeutet. Es 
ist nur von gerichteten (aufgeschlagenen) Schaubänken die 
Rede. Z. 5 meint ir die Herren, die auf diesen Schaubänken 
saßen. Doch wurden auf dem Nürnberger Tage Nov. 1225 
auch Engelberts Mörder geächtet. Der Tag war so besucht, 
daß im Gedränge Viele das Leben verloren. Der junge König 
Heinrich ward mit Margaretha, Herzog IjeopoldVII. Tochter, 
und deren Bruder Herzog Heinrich von Oesterreich mit Agnes, 
der Schwester des Landgrafen von Thüringen vermählt. Böh- 
mer Reg. 223. 

Si fragent mich vil dicke, waj ich habe gesehen^ 
swenn ich von hove rite, und wa) dk si geschehen, 
ich liuge ungerne, und wil der w4rheit halber niht 

verjehen. 
Ze Nüerenberc was guot gerihte, da} sage ich ze msere. 
5 umb ir milte fraget varnde} volc : da} kan wol spehen. 
Die Seiten mir, ir malhen schieden danne Isere: 
unser heimschen fürsten sin so hovebsere, 
da} Liupolt eine müeste geben, wan der ein gast d4 

wsere. 

Die heimischen Fürsten Z. 7 sind die frankischen: sie 
wohnten in der Nähe und wären allerdings nach der Sitte die 
Fahrenden zu bedenken verpflichtet gewesen, während Leopold 
damit entschuldigt wird, daß er in Nürnberg fremd war und 
Rosse und Kleider u. dergl. nicht bei sich haben konnte^ was 
der Sitte gemäß von der Pflicht des Gebens entband. Wil- 
manns will hier eine feine Ironie merken, weil auf dem Reichs- 
tag Jeder Gast gewesen sei. Aber sie wäre gar zu fein, da 
sie bisher noch Niemand gemerkt hat. 



An Kaiser Friedvicli. 111 

107. VIER TUGENDEN. 
L. 85. 

Der junge Landgraf Ludwig, Hcrmans Sohn, der bei dem 
bespruchenen Nürnberger Feste, der Vermählung seiner Schwe- 
ster mit dem Sohne Herzog Leopolds wegen, anwesend war^ wird 
crmahnt in der Ausfuhrung des längst augelobten Kreuzzugs 
nicht säumig zu sein. Daß die Räthe vorgeschoben werden, 
ist nur Einkleidung. 

Swer an des edeln lantgraveu rate si, 
dur sine hübscheit, er si dienstman oder fri, 
der mane in umb min l^ren sd da) ich in spür d& bi. 
Min jungei' h^rre ist milt erkant, man seit mir er si 

staete, 
5 dar zuo wol gezogen : da) sint gelobter tagende dri : 
Ob er die vierden tugent willeclichen taete, 
86 gienge er ebne und da) er selten missetrsete, 
wser unsümic. sümunge schät dem snit und sch4t der 

ssete. 



108. AN KAISER FRIEDRICH. 
L. 84. 

Vgl. zu 33. Das Geschenk, das der Kaiser dem Dichter 
aus Italien schickte, sollte ihm wobl seine Bemühungen um 
den Kreuzzug lohnen (vgl. zu 103. 107). 

Von R6me keiser h^re, ir hant als6 getan 
ze minen dingen, da) ich iu muo) danken l&n: 
in kan iu selbe niht gedanken als ich willen han. 
Ir hant iuwer kerzen kündeclichen mir gesendet. 
5 diu h4t unser hUr vil gar beseoget an den bran, 
Unde hat ouch uns der ougen vil erblendet: 
doch hänt si mir des wi)en alle vil gewendet, 
sus min frum und iuwer ere ir schilhen hat geschendet. 



112 Kaiser Friedrichs Ton, 



109. AN DEN KAISER. 

1227. 

L. 10. 

Der Dichter rath dem Kaiser die verschobene Kreuzfahrt 
mit den geringen zu Gebote stehenden Mitteln muthig zu un- 
ternehmen und bald zurückzukehren ; dabei auch gegen die 
päbstliche Partei mit Strenge vorzugehen und die beßer- 
gesinnten Geistlichen abzumahnen, dem Beispiele der andern 
zu folgen, die nur das Reich zu schwächen und zu stören trach- 
teten, dafür aber auch ihrer Pfründen beraubt werden würden, 
was auch ihnen bevorstände, wenn sie sich nicht warnen 
ließen. Die Yeranlaßung zu solchen Rathschlägen war der 
am 29. Sept. 1227 gegen den Kaiser geschleuderte Bann, 
dem auch der folgende Spruch gleiche Maßregeln entgegen- 
setzen will. 

Bot, sage dem keiser eines armen mannes rat, 
da) ich deheiuen be^jern wei) als e) nü stät. 
ob in guotes unde Hute ieman erbeiten 14t, 
So var er balde und kome uns schiere, lä^e sich niht 

teeren ; 
5 irre etelichen ouch der Got und in geirret h4t; 
Die rehten pfaffen warne, da) si niht gehoeren 
den unrehten die da) riebe wsenent stoeren ; 
scheides von in, oder scheides alle von den koeren. 



110. DER NEUE BANN. 
1227. . 

L. 10. 

Der Dichter erinnert an das zweite Gesetz unseres ersten 
Spruches, wo der von der päbstlichen Partei behauptete und 
durchgeführte Bann nur zur Zerstörung der Kirchen und 
Klöster geführt hatte. Dasselbe deutet er an, möge jetzt 
leicht wieder der Fall sein und gleiche Ursache gleichen Er- 
folg haben. 



Heidenfreunde. 113 

Min alier klosensere, von dem ich sd sanc, ' 
d6 uns der ^rre habest als6 s^re twanc, 
der fürhtet aher der goteshüse, ir meister werden kranc. 
Er seit, oh si die gnoten hannen und den üheln singen, 
5 man swenke in engegene den vil swinden widerswanc. 
An pfrüenden und an kirchen müge in misselingen : 
der si vil die dar üf iezno hahen gedingen 
dajs ir gnot verdienen umh da) riebe in liebten ringen. 



111. REICHTHÜM DER KIRCHE. 

L. 10. 

Diese rahiger klingende Strophe geht doch wie Nr. 5 
aaf sehr gründliche Heilung der Zeitschäden aus. 

Solt ich den pfaffen r&ten an den triuwen min, 
s6 spraeche ir hant den armen zno *se daj ist din , 
ir Zunge sunge unde lieje manegem man da) sin; 
Gedsehten oucb da) si durch Got e wUren almuosDaere : 
5 do gap in Srste geltes teil der künec Constantiu. 
Het er gewest da) da von übel künftec wsere, 
BÖ het er wol underkomen des riches swaere; 
wan da) si d6 w4ren kiusche und übermüete leere. 



112. HEIDENFREÜNDE. 
L. 10. 

Wir sehen den Dichter noch immer auf die Befreiung 
des gelobten Landes von den Heiden bedacht. Aber mit den 
Heiden halten es heimlich auch die päbstlich Gesinnten, da der 
Bann^ wie schon Nr. 109 angenommen wird, dem Zustande- 
kommen des Ereuzzugs entgegenwirkt; die Unterscheidung 
zwischen offenen und versteckten Feinden wie in 65*. 

Rieh, herre, dich und diue muoter, megde kint, 

an den die iuwers erbelandes vinde sint. 

14 dir den kristen zuo den beiden sin also den wint : 



114 Liederspruch. 

Du weist wol da) die beiden dich niht irreot alters eine. 
5 an diner räche gegen in, herre vater, niht erwiut. 
Die sint wider dich doch offenliche unreine: 
wan si meinent dich mit ganzen triuwen kleine; 
dise unreiner, die} mit in s6 stille habent gemeine. 

Z. 7. mit ganzen triuwen' unverholen, aufrichtig; Ideine 
gar nicht. — In der Behandlung dieses Maßes fehlt der Auftact 
ungewöhnlich oft. 



113». ABDANKUNG. 
L. 101. 

Nach Daffis (Zur Lebensgeschichte Walthers von der Vo- 
gelweide Berlin 1851) nicht unwahrscheinlicher Yermuthung 
war dem Dichter die Erziehung des jungen Königs Heinrich 
anvertraut, der 1212 geboren, im J. 1225, bei seiner Vermäh- 
lung mit Margarethen, Herzog Leopolds Tochter, erst dreizehn 
Jahr alt war. Auf diesen Fürsten scheinen sich diese drei zu- 
sammengehörigen Sprüche zu beziehen. In der ersten Strophe 
sagt sich der Dichter von diesem Verhältniss los, das keine 
Frucht zu bringen verspricht ; in der andern behandelt er die 
Unvereinbarkeit der Minne mit dem Kindesalter bei dem Un- 
mündigen (jene Vermählung hätte in unserm Sinne nur Verlo- 
bung sein können); im dritten zielt er auf die unglückliche 
Verwaltung des Reichs durch einen Knaben, den wir auch im 
Jahr 1234 schon in offener Empörung gegen den Vater finden. 
Was alle drei Strophen verbindet und zum Ganzen macht ist 
die tumjjiheit^ die unerfahrene meisterlose Jugend. Vgl. Z. 6. 
39. Die entgegenstehende Ansicht, wonach diese Sprüche ge- 
gen Philipp gerichtet seien, ist ganz unmöglich und würde 
Walther auf das Tiefste herabwürdigen. Philipp war um 1176 
geboren, also um 1206 ein Dreißiger, wie konnte also von 
ihm gesagt werden, er sei dem Besen zu groß, dem Schwerte 
noch zu klein? was dagegen ajf Heinrich Yll. wie angegoßen 
passte. Und womit sollte der Beste aller Staufen eine solche Be- 
handlung verdient, welcher Sünde Z. 14 sich schuldig gemacht 
haheu ? Was berechtigte Walther sich als seinen Zuchtmeister 
zu denken, den süßen jungen Mann Nr. 20 Z. 36 als einen dum- 
men Jungen zu behandeln? Weil er nicht auch die letzten 
Reichsgüter verschleudern wollte, darum sollte Walther sich 
empört von ihm gewandt haben ? Und wie konnte mit Bezug 
auf ihn die Unvereinbarkeit der Minne mit der Kindheit dar- 
gethan, mit Bezug auf ihn von dem Stuhle^ gesprochen werden, 



Kindheit and Minne. 115 

von dem der twnbe rtehe Weisheit, Adel und Alter verdrängt 
hahe? Man zieht einen andern Spruch herbei, den wir unter 
114 folgen laßen werden; wir wißen nicht ob er Walthem an- 
gehört; auf Philipp bezieht er sich schwerlich. Er könnte, 
wenn er einige Jahre später, etwa 1230, gedichtet wäre, auf 
denselben Knaben gehen, von dem sich Walther hier lossagt. 
Heinrich VII. war dann mannzeitig und jährig, wozu es vier- 
undzwanzig Jahre nicht gerade brauchte; Walther konnte 
noch am £eben sein, wenn er gleich viel früher unsern Blicken 
entschwindet. — Nur die letzte Zeile der Stollen hat trochäi- 
schen Gang. 

Selbwahsen kint, du bist ze krump: 
sit nieman dich gerihten mac 
(du bist dem besmen leider alze grö^, 
den swerten alze kleine): 
5 nü sl&f nnde habe gemach. 

Ich hän mich selben des ze tump, 
da) ich dich ie 86 hohe wac. 
ich bare din ungefüege in friundes schö), 
min leit bant ich ze beine, 
10 minen rugge ich nach dir brach. 

Nü 81 din schuole meisterlos an miner stat : in kan dir niht. 
kan e) ein ander, deis mir liep, swa^ liebes dir da 

von gcschiht. 
doch wei) ich wol, swa sin gewalt ein ende hat, 
da st^t sin kanst nach Sünden äno dach. 

Z. 14. Man würde lieber lesen, was gleichen Sinn hätte: 
vor Sünden, schutzlos vor den Sünden des Zöglings. Pfeiffer 
Germ. VI, 367 will lesen nach sunder obedcuih d. h. schier 
dachlos, was den Gedanken abschwächt und Sünden ganz 
escamotiert, so daß man nicht mehr weiß, wovor das Dach 
Schutz gewähren soll. 

113»>. KINDHEIT UND MINNE. 
L. 102. 

15 Diu minne \kt sich nennen da 
dar si doch niemer komen wil: 
si ist den toren in dem munde zam, 
und in dem herzen wilde, 
hüetet iuwer, gnoten wip.: 



116 Griechepkönig. 

20 Vor kinden ber^^ent iuwer jft: 
so enwirt ej niht ein kindes spil. 
minn unde kintheit sint ein ander gram, 
vil dicke in schoenem bilde 
sibt man leider valscben lip. 
25 Ir sult e speben, war umbe, wie, wenn unde wÄ rebt, H 

unde Werne, 
I ir iuwer mmneclicbe^ j& so teilet mite da) e) in zeme. 
sieb, minne, sieb, swer alsd spebe, der si dtn kint, 
so wip so man: die andern du vertrip. 



113«. DIE DREI STÜHLE. 
L. 102. 

leb was durcb wunder ü) gevarn: 
30 d6 vant icb wunderlicbiu dinc. 

icb vant die stüele leider Isere stiln, 

da wisbeit adel und alter 

gwalteclicbe s4)en e. 

Hilf, frouwe maget, bilf, megde barn, 
3& den drin nocb wider in den rinc, 

\k si nibt lange ir sedeles irre gan. 

ir kumber manecvalter 

der tuet mir von berzen we. 

£) bat der tumbe riebe nü ir drier stuol, ir drier gruo). 
40 ouwe da) man dem einen an ir drier stat nü nigen muo} ! 

des binket reht und trüret zubt und siecbet scbame. 
diz ist min klage: nocb klagte icb gerne m^. 



114. GRIECHENKÖNIG. 
L. 140. 

Vgl. zn 29. 30. 113». 

Swelcb man diu j4r b&t ane muot, diu docb man- 

ziteo sint, 
den macbet libte butzengriul 

bi vier und zweinzec j4ren kÜQie jserec: 



Giiecfaenkönig. 117 

So ist im der Ifp wol, mannes gro), der muot klein 

als ein kint. 
5 nü wer dich, man^ vertrip da) kint: 

swie klein e5 si, e) ist dir doch gevserec. 
£) enlät dir nimmer w&fen wol gezemen, 
e) wil dir minne milte mankeit gar benemen. 
barteldser mant, nü biro da) kinne, 
10 6) spottet din, sam tuos da sin. 

din bl<e)e ist siner nahe ein vil anwerder schin. 
hie hart : her künec von Kriechen, w4 nü sinne ? 

An sich konnte dieser Spruch wohl von Walther sein ; es 
giebt aber noch einen zweiten in demselben Ton, der seiner 
viel weniger würdig ist, obgleich Lachmann das nicht zu 
glauben scheint; außerdem steht beiden entgegen, daß diese 
im gleichen Ton gedichteten Sprüche wenig oder gar nichts 
Gemeinsames haben, da sie doch, wenn sie von Walther wären, 
mit einem dritten verlorenen ein Ganzes bilden müsten. Der 
Sprach steht bei Lachm. S. 141 und lautet: 

Mich wundert wie den Hüten si, die sich der Sren sohament, 
und schäme hin ze rügge legent 

d& man nach ganzen eren solde ringen. 
We da) ir bein ir arme ir haut ir zungen niht erlament! 
5 ir herze müe)e unssslec sin, 

die sich so gar verschamen an guoten dingen. 
Scham ist be))er danne silber unde golt: 
zwiu sol dem guot, dem niemen ist ze rehte holt? 
swer schäme hat, der mac wol friunt gewinnen. 
10 sist aller tugende ein spiegel gar; 

bi schäme uirapt man aller guoter dinge war. 
j4 selten si die riehen gerne minuen. 

Sich der Ehre schämen und sich überhaupt nicht schämen, 
diese beiden Dinge stehen unverschmolzen beisammen; an 
guoten dingen Z. 6 und guoter dinge Z. 11 zeigt ein Unge- 
schick, das ich Walthem nicht zutrauen möchte. Sollte er 
dennoch der Verfaßer sein, so müste man annehmen, daß beide 
Sprüche gegen denselben Fürsten, etwa König Heinrich VIL, 
gerichtet wären, was der dritte verlorene Sprach deutlicher . 
hervorgehoben hätte. 



116 Letzte Liedersprüche. 

IU\ KLAGE. 

1227. 
L. 13. 

Die zweite Strophe, die wie eine Glosse zur ersten aus- 
sieht, gehört wohl nicht dem Dichter. Die dritte enthält 
die Aufforderung zum Kreuzznge, was die letzte Zeile deut- 
lich genug ausspricht. Sie bestätigt zugleich, daß der Dichter 
selber den Ereuzzug mitzumachen gedachte. Aber auch die 
vierte sagt, wer Silber und Gold habe, bleibe daheim mit 
Schanden. Damit schließt der Dichter sich selber von jedem 
Vorwurf aus, da ihm die Mittel zu der lieben reise über se 
nach 115, 44. 45. 49 noch zu fehlen scheinen. Sie sich zu ver- 
schaffen beabsichtigte er wohl, als er die erste Strophe von 
19G sang. Auch diese Strophen sind durch den gleichlauten- 
den Anfang als zusammengehörig bezeichnet. Im Abgesang 
scheint trochäischer Gang vorzuherschen. Der Zusammenhang 
mit dem folgenden Liederspruch ist durch gleiche metrische 
Behandlung der Langzeilen in den Stollen und sogar durch 
gleichlautende Strophenanfönge bezeichnet. 

Oaw^ wir müejegen Hute, wie sin wir verse^jen 
zwischen fröiden an die j&merlichen stat! 
Aller arebeite beten wir vergejjen, 
d6 uns der sumer sin gesinde wesen bat. 
5 Der brithte uns vamde blaomen unde blat: 
d6 trouc uns der kurze vogelsanc. 
wol im der ie nach stseten fröiden ranc ! 

Ouwe der wise die wir mit den gjrillen sungen, 
do wir uns solten warnen gegen des winters zit! 
10 Daj wir vil tumben mit der ^mei^en niht rungen, 
diu n4 vil werdeclich bi ir arbeiten lit! 
Da) was ie der weite meiste strit, 
tdren schulten ie der wisen rat. 
wan siht wol dort wer hie gelogen h4t. 

15 Ouwe e) kumt ein wint, da^ wi^jent sicberliche, 
da von wir bosren beide singen unde sagen: 
Der sol mit grimme ervaren elliu künecriche, 
daj boer ich wallser unde pilgerine klagen. 
Boume, turne ligent volr im zerslagen; 

20 starken liuten wset er) houbet abe. 
nü suln wir fliehen hin ze Gotes grabe. 



Heimkehr. 119 

Ouwe waj Sren sich ellendet tinschen landen ! 
wiiz unde manheit, dar zuo silber unde golt, 
Swer diu beidiu hat, belibet der mit schänden, 
25 w^ den verg4t des himeleschen keisers solt! 
Dem sint die engel noch die frouwen holt. 
arm man zuo der werlte und wider Got, 
wie der füi'hten mac ir beider spot! 



115. HEIMKEHR. 
L. 124. 

Der Dichter hat sein Geburtsland wieder gesehen , aber 
es scheint ihm verwandelt ; es ist ihm wie ein Traum^ daß er 
es je anders und schöner gekannt hat. Wo dieses Land lag, 
wißen wir nicht ; gewiss ist nur, daß es weder in Oesterreich, • 
Franken noch Tyrol gesucht werden darf. Vgl. S. 23. Die 
Zeit, wo dieser schöne dreistrophige Spruch entstand, ergiebt 
sich aus Z. 26, wo die unsanf^n Briefe, die aus Rom gekom- 
men sind, den Bann meinen. — Die alte Langzeile von acht 
Hebungen ist zu sechs Hebungen behandelt, indem jede Halb- 
zeile um eine Hebung gekürzt ist; nur die zweite Zeile des 
Abgesangs hat sieben Hebungen. Der Einschnitt, wenn davon 
die Rede sein kann, was ich wegen Z. 25 (vgl. 114* 17. 23. 25) 
bezweifle, ist bald weiblich, bald männlich, nie klingend; nach 
weiblichem folgt trochäischer Gang. Der Auftact fehlt selten. 

Ouw^ war sint verswunden alliu miniu jär! 

ist mir min leben getroumet, oder ist ej war? ' 

daj ich ie wände daj iht wsere, was daj iht? ( ' (' l 



dar n&oh hän ich gesläfen und enweij^ es niht. 
5 uü bin ich erwaht, und ist mir unbekant 

da) mir hie vor was kündec als min ander haut, 
liut unde lant, da ich von kinde bin erzogen, 
die sint mir fremde reht als ob ej si gelogen. ^^ 
die mine gespilen wären, die sint trsege und alt, 
10 bereitet ist daj velt, verhouwen ist der walt ; 
wan dc^ wa^jer fliujet als ej wflent flo): 
für w4r ich wände min Unglücke wurde gr6). 
mich grüe^et maneger träge, der mich kande ^ wol. 
diu weit ist allenthalben ungen&den vol. 



120 Letzter Liederspnich. 

15 Als ich gedenke an manegen wünneclichen tac, ][xW 

die mir sint enpfallen gar als in da) mer ein slac —V .^] 
iemer mere ouw^l J " ^ 

Ouwe wie jsemerliche junge liute tuont, 

den S yil rnowecliche ir gemüete stuont! 
20 die kunnen niuwan sorgen: we wie tuont si so? 

Bwar ich zer werlte kere, dk ist nieman fro: 

tanzen, singen, da} zergät mit sorgen gar : 

nie kristenman gesach so jsemerliche schar. 

nü merkent wie den frouwen ir gebende stiit: 
25 die stolzen ritter tragent dorpelliche w&t. 

uns sint unsenfte brieve her von R6me komen, 

uns ist erloubet trure und fröide gar benomen. 

da) müet mich inneclich (wir lebten ie vil wol), 

da) ich nü für min lachen weinen kiesen sei. 
30 die wilden vogel die betrüebet unser klage: 

wa) Wunders ist da bi, ob ich da von verzage? 

Wa) spriche ich tumber man durch mlnen boesen zorn? 

swer dirre wünne volgot, der hat jene dort verlorn. 



iemer mer ouwe 1 



35 Ouwe wie uns mit süe)en dingen ist vergeben! 
ich sihe die gallen mitten in dem honege swebeu: 
diu Welt ist ü)en schoene, wi) grüen unde r6t, 
und innan swarzer varwe, vinster sam der t6t. 
swen si nü habe verleit, der schouwe sinen trdst : 

40 er wirt mit swacher buo§e gr6)er sünde erl6st. 
dar an gedenkent, ritter: e) ist iuwer dinc. 
ir tragent die liebten helme und manegen herten rinc, 
dar zuo die vesten schilte und diu gewihten swert. 
wolte Got, wser ich der sigenünfte wert! 

45 so wolte ich notec man verdienen riehen solt. 

joch meine ich niht die huoben noch der harren golt : 
ich wolte sselden kr6ne eweciichen tragen: 
diu möhte ein seidener mit sime sper bejagen. 
Möht ich die lieben reise varen über se, 

50 so wolte ich denne singen wol, und niemer m^r ouwe, 



niemer mer ouwe! 



L e i c h. 



6 



116. 
L. 8. 

Ueber die Leichform s. Eioleitung S. 13. 

Got, diner Trinit4te, 
die ie besloj^en häte 
din fürgedanc mit rate, 
der jehen wir mit driunge : 
5 diu drie ist ein einunge, 

Ein Got, der hohe here, 
(sin ie selbwesende ere 
verendet niemer mel*e) : 
der sende uns sine lere. 
10 uns h4t verleitet sere 
die sinne üf mange sünde 
der forste ü) helle abgründe. 

Sin r4t und bloedes fleisches gir 
die hänt geverret, hSrre, uns dir. 

15 Sit disiu zwei dir sint ze balt 
und du der beider hast gewalt, 
So tuo da^ dinem namen ze lobe, 
und hilf uns da^ wir mit dir obe 
geligen, und da^ (ün kraft uns gebe 

20 so starke stsete widerstrebe, 

Da von din narae si geret 
und ouch din lop gemSret. 
da von wirt er gun^ret, 
der uns da sünde l^ret 

25 Und der uns üf unkiusche jaget: 
sin kraft von diner kraft verzaget, 
des si dir iemer lop gesaget, 
und ouch der reinen süe^en maget, 
von der uns ist der sun betaget, 

30 der ir ze kinde wol behaget. 



124 Leich. > 

Maf^ret und muoter, schouwe der kristenheite not, 
du blüende gert Ardnes, üf gSnder morgen rot, 
£]zechieles porte, diu nie wart üf getlln, 
dur die der künec herliche wart ü^ und in gel an. 
35 Als6 diu sunne schinet durch ganz geworhte) glas, 
/ also gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was. 

Ein bosch der bran, 

diL nie uiht an 

besenget noch verbrennet wart: 
40 Breit unde ganz 

beleip sin glänz 

vor fiures flamme unverschart. 

Da5 was diu reine 

magt alleine, 
45 diu mit megetlicher art 

Kindes muoter worden ist 

an aller manne mitewist, 

wider menneschlichen list 

den wären Erist 
50 gebar, der uns bedähte. 

Wol ir, da} si den ie getruoc, 

der unsem t6t ze tode sluoc ! 

mit sinem bluote er ab uns twuoo 

dbn ungefuoc, 
55 den Even schulde uns brahte. 

Salomones 

h6hes trones 

bist du, frouwe, ein seldenaere und euch gebieterinne. 

Balsamite, 
60 margarite, 

ob allen magden bist du, maget, ein magt, ein küneginne. 

Gotes amme, 

e) was din wamme 

ein palas kleine, 
65 dH da} reine 

lamp aleine 

lao beslo))en inne. 



Leich. 125 



Dem lamme ist gar 

gelich gevar 
70 der megde schar: 

die Dement sin war 

und kerent swar e$ kSret. 

Da} lamp da) ist 

der wäre Krist, 
75 dk von du bist 

nü alle frist 

gehcehet und gehöret. 

Nu bite in da) er uns gewer 

durch dich des unser dürfte ger. 
80 du sende uns tröst von himel her: 

des Wirt diu lop gem^ret. 

Du maget vil unbewoUen, 
der Gede6nes wollen 
gelichest du bevollen^ 
85 die Got selbe bego) mit sime tonwe. 
Ein wort ob allen werten 
ensl6) dior 6ren porten, 
da) süe)e an allen orten 
dich hat gesüe)et, süe)e himelfrouwe. 

90 Da) ü) dem worte erwahsen si, 
da) ist von kindes sinnen fri: 
e) wuohs ze worte, und wart ein man. 
da merket alle ein wunder an: 
ein Got der .ie gewesende wart 

95 ein man n4ch menneschlicher art. 
swa) er noch Wunders ie begie, 
da) h4t er überwandert hie. 
des selben wunderseres hüs 
was einer reinen megde klüs 
100 wol vierzec wochen und niht m^ 
an aUe sünde und Äne wS. 

Nu biten wir die muoter 
und ouch der muoter barui 



126 Leich. 

si reine und er vil guotßr, 
105 da) si uns tuon bewArn : 
Wan ane si kan niemeu 
hie noch dort genesen: 
und widerredet da} iemen, 
der muo) ein t6re wesen. 

% 

i 

110 Wie mac des iemer werden rät 
der umbe sine raissetät 
niht herzelicher riuwe hat? 
Sit Got enheine stinde lät, 

die niht geriuwent zaller stunt 
115 hin abe unz üf des herzen grünt, 
dem wisen ist da) alle) kuut, 
da) niemer sele wirt gesunt, 
diu mit der süuden swert ist wunt, 
sin habe von gründe heiles funt. 

120 Nu ist uns riuwe tiure : 
si sende uns Got ze stiure 
bi sinem minnefiure. 
sin <^eist der vil gehiure 

Der kan wol horten herzen geben 
125 wäre riuwe und lihte) leben: 
da wider solte niemen streben. 

Sw& er die riuv/e gerne wei)^ 
da machet er die riuwe hei): 
ein wilde) her)e er also zamt, 
130 da) e) sich aller Sünden schämt. 

N& send uns, vater unde sun, den selben geist her abe, 
da) er mit siner süe)en fiuhte ein dürre) herze 

erlabe. 
Unkristenlicher dinge ist al diu kristenheit s6 vol: 
swä Kristentuom ze siechhüs lit, dk tuot man im 

niht wol. 



Leich. 127 



135 In dürstet s^re 

nftch der l^re 

als er von Rome was gewon: 

Der im die schancte 

und in da trancte 
140 als e, d& wurd er varnde von. 

Swa) im da leides ie gewar, 
ds^ kam von simonie gar, 
und ist er da s6 friuude bar, 
da) ern getar 

145 niht smen schaden gerüegen. 
Eristentuom und kristenheit, 
der disiu zwei zesamne sneit, 
geliche lanc, geliche breit, 
liep unde leit, 

150 der wolte ouch daj wir trüegen 

In Kriste kristenliche^ leben, 
sit ers uns h4t üf eine gegeben, 
so suln wir si niht scheiden. 
Swelch kristen kristentuomes gibt 
155 an Worten, und an werken niht, 
der ist wol halp ein beiden. 
Da) ist unser meiste not: 
di^ eine ist an da) ander tot: 
nü stiure uns Got an beiden, 

160 Und gebe uns rät, 

sit er uns hat 

sin hantgetat 

geheimen offenb&re. 

Nü senfte uns, frouwe, sinen zorn. 
165 baimherzec muoter Ü5 erkorn, 

du frier r6se sunder dorn, 

du sunnevarwiu kläre. 

Dich lobet der höhen engel schar; 
doch brähten si diu lop nie dar 
170 da) ej volendet wurde gar, 



128 Leich. 

Dk e) ie wurde gesangen 
in stimmen oder von zungen 
Ü5 allen ordenungen 
ze himel und M der erde. 
175 wir manen dich, Gotes werde, 

Wir biten umb unser schulde dich, 
da) du uns sist gensedeclich 

So da) diu bete erklinge 
* vor der barmunge urspringe: 
180 so hlin wir des gedinge, 
diu schulde werde ringe, 

D& mite wir sere sin beladen, 
hilf uns da) wir si abe gebaden 

Mit staete wemder riuwe umb unser missetHt, 
185 die äne Got und &ne dich nieraan ze gebenne h&t. 

Z. 58 Lachm. nach J. Grimm aedelare, Pf., Bartsch, WR, 
Wilm. : selde here: »eine herrliche Wohnung far Salomons hohen 
Thron.« Sie ist vielmehr als dessen Bewohnerin, Besitzerin 
gedacht. Z. 153 uns niht scheiden C. 



m. 

Lieder. 



A. NIEDERE MINNE. 

117. BLÜMENLESEN. 
L. 89. 

Die Lieder, worin Tom Blumenlesen (Z. 10), Blumenbrechen 
u. 8. w. die Rede ist, gehören zur niedem Minne und in des Dich- 
ters erste Jugend. Dieses scheint der Rest eines Vocalspiels. 

Uns hftt der winter geschadet über al: 
beide unde walt die sint beide nü val, 
da manec stimme vil suoje inne hal. 
ssebe ich die megde an der strafe den bal 
5 werfen! s6 kseme uns der vögele schal. 

Möbte ich versläfen des winters zit ! 
wache ich die wile, so bän ich sin nit, 
da} sin gewalt ist so breit und s6 wit. 
wei)got er lät ouch dem meien den strit : 
10 so lise ich bluomen da rife nü lit. 



118. VOCALSPIEL. 
L. 75. 

Die Erwähnung von Toberlü (Dobrilug) Z. 35 läßt weder auf 
die Zeit noch den Ort schließen, wo dieß zweite Vocalspiel 
entstand. Der Reim hatte sie herbeigeführt. Wackernagel 
selbst, der Uebersetzung II, 140 dieß Lied wegeu Toberlü an 
den Hof von Meissen setzte, sagt jetzt WRiX**: »man konnte 
von Dobrilug auch in Oesterreich wißen und der Dichter 
brauchte einen Reim auf ü.« Z. 12 ist wieder vom Blumen- 
brechen die Rede, wenn sie gleich hier zum Kranze gefloch- 
ten werden sollen, was die Sache einigiermaßen versteckt. — Nur 
Z. 10. 12. 19. 24. 26. 31 gehen trochäisch. 



182 Niedere Minne. 

Diu weit was gelf, rdt unde bl&, 
grüen in dem walde und anderswA: 
die kleinen vögele sungen dL 
nü schriet aber diu nebelkr4. 
5 pfligt si ibt ander varwe? jÄ: 
sist worden bleich und übergrä. 
des rimpfet sich vil manec brcl. 

Ich sa) üf eime grüenen le: 
da enspmngen blaomen unde kle 
10 zwischen mir und eime s^. 
der ougen weide ist d4 niht me. 
d4 wir schapel brächen ^, 
da lit nü rife und ouch der sne. 
da) tuot den vogellfnen we. 

15 Die t6ren sprechent sniä sni, 

die armen liute ouwe ouwi. 

des bin ich sw»re alsam ein bli. 

der wintersorge hän ich dri: 

swa) der und der ander sf, 
20 der wurde ich alse schiere fri, 

waer uns der sumer n4he bi. 

£ danne ich lange lebt als6, 
den kreb) wolt ich ^ e))en r6. 
sumer, mache uns aber fr6: 
25 du zierest anger unde 16. 
mit den bluomen spilt icl) do, 
min herze swebt in sunnen ho: 
da) jaget der winter in ein stro. 

Ich bin verlegen als ein sü: 
30 min sieht h4r ist mir worden rü. 

süejer sumer, wa bist du? 

j4 sffihe ich gerner veitgebü. 

e da) ich lange in seiher drü 

beklemmet wsere als ich bin nü, 
35 ich wurde e münch ze Toberlü. 

Z. 29 liest C Esau. War Esau verlegen? 



Die Traumdeaterin. 133 



119. DIE TRAÜMDEÜTERIN. 
L. 94. 

« 

Das alterthümlich gemeßene Lied hat wie Nr. 1 nur 
Aufgesang und Abgesang. Z. 28 und 36 bleibt eine Hebung 
aus. Auftact soll nur je in der zweiten der klingend reimen- 
den Zeilen stehen. Von dieser Regel findet sich keine Aus- 
nahme. 

Do der sumer komen was 
und die blaomen dar das gras 
wünneclfchen Sprüngen, 
aldä die vögele sungen, 
5 dar kora' ich gegangen 
an einen anger langen, 
Da ein lüter brunne entspranc: 
vor dem walde was sin ganc, 
da diu nahtegale sanc. 

10 Üf dem anger stnont ein bonm : 

dk getronmde mir ein troum. 

ich was ZUG dem brunnen 

gegangen von der sunnen, 

da) diu linde msere 
15 den küelen schaten bsere. 

Bi dem brunnen ich gesa), 

miner swsere ich gar verga}: 

schier entslief ich umbe da). 

Do bedühte mich zehant 
20 wie mir dienten elliu lant, 

wie min sele wasre 

ze himel äne swsdre, 

und [wie] der lip solte 

gebären swie er wolte. 
25 Däne was mir niender we. 

Got der waldes, swie) erge : 

schoener troum enwart nie mL 



134 Niedere Minne. 

Gerne slief ich iemer da, 

wan ein unsSBÜgiu kr& 
30 diu begonde schrien. 

da^ alle krä gedSen 

als ich in des günne! 

si nam mir michel wünne. 

Von ir schrienne ich erschrac: 
35 wan da) da niht steines lac, 

so wser ej ir snontac. 

Wan ein wunderaltej wip 

diu getroste mir den lip. 

die begond ich eiden: 
40 nü h4t si mir bescheiden 

waj der troum bediute: 

da) hoeret, lieben Hute. 

Zweii und einer da) sint dri; 

dannoch seit si mir dA bi 
45 da) mfii dülne ein vinger si. 

120. TANZWEISE. 
L. 74. 

Das schapelf von dem in der zweiten Strophe die Rede 
ist, soll erst aus weißen und rothen lilum.en, die fem in 
jener Haide stehen, gebrochen werden: es ist also nicht 
dasselbe wie der Kranz, von dem in der ersten die Rede ist. 
lieber Blumenbrechen s. zu 117. Hierauf bezieht sich das 
erscfMmen in Z. 21. In der vierten Strophe sagt der Dichter 
nicht was ihm noch mehr zu Theil geworden sei^ wenn er es 
gleich errathen läßt, denn sie versetzt uns fern in jene Haide. 
Aber es war leider nur ein Traum, aus dem aber der vor- 
singende Dichter doch Yeranlaßang nimmt, den Tänzerinnen 
unter die Hüte zu sehen. Dieß reizende Lied bemüht man 
sich vergebens uns zu zerreißen. — Der Aufgesang geht ab- 
wechselnd jambisch und trochäisch. Die vorletzte Zeile des 
Abgesangs ist immer trochäisch gemcßen, zuweilen auch die 
vorhergehende; nur einmal die letzte. 

Nemt, frouwe, disen kränz:' 
also sprach ich zeiner wol getanen maget : 
"^So zieret ir den tanz 
mit den schcenen bluomen, als irs üffe traget. 



Tanzweise. 135 

5 Het ich vil edele gesteine, 
' da^ müest üf iuwer haabet, 
obe ir mirs geloubet. 
s£t mine triuwe, daj ichj meine.' 

'Ir Bit s6 wöl ffet&n, 
10 daj ich iu min schapel gerne geben wil, 

So ich) aller beste han. 

wijer unde röter bluomen weij ich vil: 

Die Stent so verre in jener beide. 

da si schone entspringent 
15 und die vögele singent: 

da suln wir si brechen beide.' 

Si nam da) ich ir bot, 
einem kinde vil gelich da) ere hat. 
Ir Wangen wurden rot 
20 same diu rdse, d4 si bi der liljen st&t. 
Do erschampten sich ir liebten ougen ; 
doch neic si mir vil schone, 
da) wart mir ze lone: 
wirt mirs iht mer, da) trage ich toiigen. 

25 Mich dühte da) mir nie 

lieber wurde, danne mir ze muote was. 

Die bluomen vielen ie 

von dem boume bi uns nider an da) gras. 

Seht, do muost ich von fröiden lachen. 
30 d6 ich so wünnecliche 

was in troume riche, 

do taget 6) und muos ich wachen. 

» Mir ist von ir geschehen, 

da) ich disen sumer allen meiden mno] 
35 Yast under dougen sehen: 

lihte wirt mir miniu: so ist mir sorgen buo). 

Wa) obe si g^t an disem tanze: 

frouwe, dur iuwer güete 

rucket üf die hüete. 
40 ouwe gessehe ichs under kränze! 



136 Niedere Minne. 



121. ROSENLESEN. 
L. 112. 

Rosenlesen und Blumenbrechen hat nach 124 gleichen 
Sinn. Die zweite Strophe ist vielleicht dreißig Jahre später 
auf die Weise der ersten gedichtet. — Der trochäische Gang 
ist strenge durchgeführt. 

Müeste ich noch geleben da) ich die rdsen 
mit der minneclichen solde lesen, 
S6 wold ich mich so mit ir erkösen, 
da) wir iemer friunde raüesten wesen. 
5 Wurde mir ein kus noch zeiner stunde 
von ir roten munde, 
so W8Br ich an fröiden wol genesen. 

Wa) sol lieblich sprechen? wa) sol singen? 
wa) sol wibes schoene? wa) sol guot? 
10 Sit man nieman siht n4ch fröiden ringen, 
sit man übel äne vorhte tuot, 
Sit man triuwe milte zuht und ere 
wil verpflegen so söre, 
so verzagt an fröiden maneges mnot. 



122. ERSTE BEGEGNUNG. 
L. 110. 

Wol mich der stunde, d& ich sie erkande, 
diu mir den lip und den muot hat betwungen, 
Sit deich die sinne s6 gar an sie wände, 
da) si mich hat mit ir güete verdrungen. 
5 Da) ich gescheiden von ir niht enkan, 
da) hat ir schoene und ir güete gemachet, 
und ir r6ter munt, der s6 liepliohen lachet. 

Ich hän den muot und die sinne gewendet 
wan an die reinen, die lieben, die guoten. 



Die verschwiegene Nachtigall. 137 

10 Da) müe) nns beiden wol werden volendet, 
swes ich getar an ir hulde gemuoten. 
Swa) ich ie fröiden zer werlde gewan, 
da) h&t ir schoene und ir güete gemachet, 
und ir röter munt, der s6 lieplichen lachet. 

123. DIE VERSCHWIEGENE NACHTIGALL. 

L. 39. 

Der Inhalt dieses Liedes und das ßluraenbrechen Z. 6 
weist dieses Lied in die erste Periode der Waltherschen Lyrik. 

Under der linden 
an der heide, 

d& unser zweier bette was, 
D& mugent ir vinden 
5 schöne beide 

gebrochen bluomen unde gras. 
Vor dem walde in einem tal, 
tandaradei, 

schone sanc diu nahtegal. 

10 Ich kam gegangen 

zuo der ouwe : 

d6 was min friedel komen. e. 

Ich wart enpfangen, 

höre frouwe! 
15 da) ich bin saelec iemer mö. 

Euster mich? wol tüsentstunt: 

tandaradei, 

seht wie rot mir ist der munt. 

Do het er gmachet 
20 also rfche 

von bluomen eine bettestat. 

Des wirt noch gelachet 

innecliche, 

kumt iemen an da} selbe pfat. 
25 Bi den rösen er wol mac, 

tandaradei, 

merken w4 mir) houbet lac. 



138 Niedere Minne. 

Di^ er In mir Uege, 

wesse} iemen 
30 (nu enwelle Got!), so schämt ich mich. 

Wes er mit mir pfl^e, 

niemer memen 

hevinde dag wan er und ich, 

Und ein kleine) vogellin: 
35 tandaradei, 

di^ mac wol getrinwe sin.' 

Die Ueherfallung Yon Z. 22 fallt wohl der Jagend des 
Dichters zur Last. Z. 28 und 31 stehen die zwei ersten Silben 
im Anftact. 

124. DORNROSEN. 
L. 102. 

Im Rosenlesen und Blumenbrechen bat der Dichter jetzt 
einen Dorn gefunden; er giebt der niedem Minne den Ab- 
schied. Doch könnte dieß Lied leicht jünger sein. — Nur 
die zwei letzten Zeilen jeder Strophe zeigen Auftact. 

Mirst diu ere unmaere, 
da von ich ze jare wurde unwert, 
Und ich klagende waere 
Ve mir armen hiure! diz was vert' 
5 Also hän ich mangen kränz verhorn 
und bluomeu vil verkorn. 
jö braeche ich rosen wunder, wan der dorn. 

Swer sich so behaltet 
da) im nieman niht gesprechen mac, 
10 Wünnecliche er altet, 

im enwirret niht ein halber tac. 
Der ist fr6, swenn er ze tanze gät, 
swcs herze üf ere st&t. 
wS im, des sin geselle un^re hat! 

15 Wan sol iemer fragen 

von dem man, wie) umb sin herze ste. 

Swen des wil betragen, 

der enruochet wie diu zit zerge. 



Hohe Minne. 139 



Manager schinet vor den fremden gnot, 
20 und hat doch valschen muot. 

wol im ze bove, der heinie rehte tuot! 



B. HOHE MINNE. 

125. FRÜHLING UND FRAUEN. 

L. 45. 

Der Dichter mag wohl öfter Gelegenheit gehabt haben, 
eine fürstliche schöne Frau von ihren Dienerinnen begleitet 
einherschreiten zu sehen. Wer will da behaupten, daß die 
hier beschriebene gerade diejenige sei, in deren Dienst er 
späterhin trat? Aber an der Spitze der Lieder der hohen Minne 
steht dieses mit Recht. — Nur die letzten Zeilen der Stollen 
und der Abgesang zeigen Auftact. 

S6 die bluomen ü) dem grase dringent, 
same si lachen gegen der spilden Bunnen, 
in einem meien an dem morgen fruo, 
Und diu kleinen vogellin wol singent 
5 in ir besten wise die si kunnen, 
waü wünne mac sich da geliehen zuo? 
E) ist wol halb ein himelriche. 
suln wir sprechen wa) sich deme geliche, 
so sage fch wa) mir dicke ba$ 
10 in minen ougen hat get&n, 

und taete ouch noch, gessßhe ich da). 

Swä ein edeliu schoene frouwe reine, 

wol gekleidet unde wol gebunden, 

dur kurzewile zuo vil liuten g4t, 
15 Hovelicben hohgemuot, niht eine, 

umbe sehende ein wenec under stunden, 

alsam der sunne gegen den sternen st4t — 

Der meie bringe uns al sin wunder, 

waj ist da so wünnecliches under, 
20 als ir vil minneclicher lip? 



140 Hohe Minne. 

wir 14)en alle bluomen stin, 
und kapfen an' da) werde wip. 

Nu wol dan, weit ir die warheit schouwen ! 

gea wir zuo des meicn hohgezite ! 
25 der ist mit aller siner krefte komen. 

Seht an in und seht an schoene frouwen, 

weder) ir da) ander überstrite ; 

da) be))er spil, ab ich da) h&n genomen. 

Ouwe der mich da welen hie)e, 
30 deich da) eine dur da) ander lie)e, 

wie rehte schiere ich daune kür. 

her Meie, ir müe)et merze sin, 
e ich min frouwen d4 veriür. 

Z. 32. Herr Mai« all eure Reize wollt ich nicht höher an- 
schlagen als den Mers mit seinen scharfen Winden^ wenn ich 
zwischen euch und meiner Herrin die Wahl haben sollte. 
A. M. ist Höfer Germ. XIV. S. 416. 



126. DEUTSCHLANDS p]HRE. 
L. 66. 

Auf dieß einst berühmte Lied beruft sich der Dichter 148 
zam Beweise daß Niemand je beßer von deutschen Frauen 
gesprochen habe. Nach Z. 26 ist es in Oesterreich gedichtet, 
und wohl nicht frühe, da der Dichter nach Z. 17 schon viel Län- 
der gesehen hatte. Leicht dürfte es also schon zu den Liedern 
der gemäßen Minne zu zählen sein. Das Geleit ist wohl von 
einem der vortragenden Sänger hinzugefügt. Das Lied selbst 
ist ganz trochäisch gehalten. Z. 27 steht mugen in der Sen- 
kung. 

Ir sult sprechen willekomen: 
. der iu msere bringet, da) bin ich. 
Alle) da) ir habt vernomen, 
da) ist gar ein wint: nü fraget mich. 
5 Ich wil aber miete: 
wirt min Ion iht guot, 
ich sage iu vil lihte da) in sanfte tuot. 
seht wa) man mir ^ren biete. 



Deutscfatandg Ehre. 141 

Ich wil tiuschen frouwen sagen 
10 solhiu msere da) si deste ba) 

AI der werlte suln behagen: 

kae gr6)e miete tuen ich da). 

Wa) wold ich ze 16ne? 

si sint mir ze h^r: 
15 sd bin ich gefüege, und bite si nihtes mSr 

wan da) si mich grüe)en schone. 

Ich hän lande vil gesehen 
unde nam der besten gerne war: 
Übel mäe)e mir geschehen, 
20 künde ich ie min herze bringen dar 
Da) im wol gevallen 
wolde fremeder site. 

nü wa) hülfe mich, ob ich unrehte striie? 
tiuschiu zuht g&t vor in allen. 

25 Von der Elbe unz an den Rtn 

und her wider unz an Ungerlant 

So mugen wol die besten sin, 

die ich in der werlte hlin erkant. 

Kan ich rehte schouwen 
30 guot gelll) und Hp, 

sem mir Got, so swüre ich wol da) hie diu wip 

be))er sint danne ander frouwen. 

Tiusche man sint wol gezogen, 

rehte als engel sint diu wip get4n. 
35 Swer si schildet, derst betrogen : 

ich enkan sin anders niht verst4n. 

Tugent und reine minne, 

swer die suochen wil, 

der sol komen in unser laut: da ist wünne vil: 
40 lange müe)e ich leben dar inne! 

Der ich vil gedienet hän 
und iemer mSre gerne dienen wil, 
Diust von mir vil unerl&n: 
iedoch so tuet si leides mir sd vil« 



142 Hohe Minne. 

45 Si kan mir verseren 
herze und den muot. 

nü vergebe^ ir Got da^s au mir misse tuot. 
her nach mac si sichs bekSren. 



127. SCHÖNSTE ZIERDE. 
L. 48. 

Dieß Lied so früh anzusetzen bestimmt mich Z. 27, die 
wie eine Reminiscenz aus der Zeit der niedem Minne klingt. 
y^I. jedoch Rcinmar von Zw. M. S. II, 147: swä mute und 
eUen sich gesamnent betde, da^ ziert den lip alsd der Jde diu 
heide. Indes scheint diese Rose in Walthers Garten gelesen. 
Das Lied hat jambischen Gang; doch gestattet sich Walther 
Z. 12 und 16 Ausnahmen. 

Ich hoer iu so vil tagende jehen, 
da) iu min dienest iemer ist bereit. 
Enhset ich iuwer niht gesehen, 
da) schatte mir 9fi miner werdekeit. 
5 Nü wil ich iemer deste tiurre sin, 
und bite iuch, frouwe, 

da) ir iuch underwindet min. 
ich lebete gerne, künde ich leben : 
min wille ist guot, nü bin ich tnmp : 
10 so sult ir mir die mS.)e geben. 

'Kund ich die ma)e als ich enkan, 

so wser ich zer weite ein sflslec wip. 

Ir tuot als ein wol redender man, 

da) ir so h6he tiuret roinen Itp. 
15 Ich bin noch tumber danne ir stt. 

wa) dar umbe? 

ich wil doch scheiden disen strit. 

tuot ir alr^rst des ich iuch bite, 

und saget mir der manne mnot ; 
20 so lere ich iuch der wibe site.^ 



Schönste Zierde. 143 

Wir wellen da^ diu stsetekeit 

ia guoteu wiben gar ein kröne si. 

Kumt iu mit zühten sin gemeit, 

so stet diu lilje wol der rosen bi. 
25 Nu merket wie der linden ste 

der Yogele singen, 

dar ander blnomen unde kle: 

noch baj st^t wiben werder gmo^. 

ir minneclicher redender munt 
30 der machet da) mans küssen mno). 

^Ich sage iu wer uns wol behaget: 

wan der erkennet übel unde guot. 

Und ie da) beste von uns saget. 

dem sin wir holt, ob er) mit triuwen tuot. 
35 Ean er ze rehte ouch wesen fr6 

und tragen gemüete 
ze mä)e nider unde ho, 

der mac erwerben swes er gert: 

welch wip verseit im einen vaden? 
40 guot man ist guoter siden wert.' 

128. DER TAUSCH. 
L. 85. 

In diesem zweiten Gespräche mit der Herrin geht Walther 
einen Schritt weiter. Die Herrin ist schön^ sie sollte auch 
gut sein; wir errathen wem. Auf Schönheit legt sie keinen 
Werth, wünscht aber Belehrung wie sie ihrer Ehre hüten 
möge. Walther räth unter Anderm sich nur Einem zu eigen 
zu geben (woraus wir sehen, daß sie unvermählt ist) und 
bietet sich selber dazu an. Sie weist ihn in ihre Schranken 
zurück: er soll sich begn üge n ihr Redegeselle zu sein. Alles 
beruht aber hier auf-^einem Wortspiel, indem sie Walthers Lehre 
Z. 21. 22 absichtlich missversteht. Höchst ergetzlich ist Wal- 
thers ^Entgegnung; doch findet sie eine neue Ausflucht. Das 
anmuthige Lied zeigt nirgend Auftact. 

Frouwe, enlat iuch niht verdrie)en 
miner rede, ob si gefüege si. 
Möhte ichs wider iuch genie)en, 
80 waer ich den besten gerne bi. 



144 Hohe Minne. 

5 WinJet da5 ir schcene sit: 
hat ir, als ich mich verwsene, 
güete bi der wolgetffine, 
wa) danne an iu einer ^ren lit! 

""Ich wil iu ze redenne gunnen 
10 (sprechent swaj ir weit), obe ich niht tobe: 

Da) hat ir mir an gewunnen 

mit dem iuwern minneclichen lobe. 

lehn wei) obe ich schoene bin; 

gernb hete ich wibes güete. 
15 l^ret mich wie ich diö behüete: 

schoener lip entouc niht äne sin.' 

Frouwe, da) wil ich iuch leren, 
wie ein wip der werlte leben sol. 
Quote liute sult ir eren, 
20 minneclich an sehen und grüe^en wol: 
Eime sult ir iuwern Hp 
geben für eigen, nement den sinen. 
frouwe, woltent ir den minen, 
den gseb ich umb ein so schoene wip. 

25 ^ Beide schon wen unde grüe}en, 

swa) ich mich dar an versümet hUn, 
Da) wil ich vil gerne büe^en. 
ir h&nt hovelich an mir getan: 
Tuont durch minen willen me, 

30 sit niht wan min redegeselle. 
in wei) nieman dem ich welle 
nemen den lip: e) taete im lihte we/ 

Frouwe, laut mich) also w4gen: 

ich bin dicke komen ü) groe)er not; 
35 Unde 14nts iuch niht betragen: 

stirbe ab ich, so bin ich sanfte tot. 

' Herre, ich wil noch langer leben. 

lihte ist iu der lip unmsere: 

wa) bedorfte ich solher swsere, 
40 solt ich minen lip umb iuwern geben?' 



Güte giebt Tugend. 145 

129. GÜTE GIEBT TUGEND. 
, L. 112. 

Noch ein drittes Gespräch mag hier folgen, das aber 
Lachmann, mir beistimmend, für Walthers unwürdig erklärt 
hat. Z. 9 scheint ans dem Anfang des vorigen Gesprächs ge- 
borgt. Z. 2. 17. 22. 24. 30. 31. 32 sind mehr Ausnahmen von 
dem trochäischen Gange des Lieds als sich Walther zu ge- 
statten pflegt. Die Herrin traut dem neuen Bewerber nicht, 
sie weist seine Dienste zurück, weil sie fürchtet, sein Betragen 
werde ihr Schande bringen. Der Bote entgegnet, sie solle 
ihm nur erst Hoffnung geben und ihn ihrer Güte genießen 
laßen, so werde die Freude ihn gut machen. Ich weiß nicht 
ob ich diesen Sinn hervorgehoben oder erst hineingetragen 
habe. 

Frouwe, vernemt dur Got mir ditze msere: 
ich bin ein böte und sol iu sagen, 
Ir sunt wenden einem ritter swaere, 
der si lange hat getragen. 
5 Da) sol ich iu künden so: 
ob ir in weit fröiden riehen, 
sicherlichen 
des wirt manec herze fro. 

Frouwe, enlät iuch des so niht verdrießen, 
10 ir engebt im hohen muot. 

Des mugt ir und al die wol genießen, 

den ouch fröide sanfte tuot. 

D& von wirt sin sin bereit, 

ob ir in ze fröiden bringet, 
15 daß er singet 

iuwer ere und werdekeit. 

'JH möhte ich mich des niht an in gelaßen, 
daß er wol behuote sich. 
Erumbe wege die g^nt bi allen straßen: 
20 da vor, Got, behüete mich. 
Ich wil nach dem rehten varn, 
ze leide im der mich anders l^re. 
swar ich kere, 
da müeße mich doch Got bewam/ 



146 Hohe Minne. 

25 Frouwe, sendet im ein h6hgemüete, 

Sit an in sin fröide stat. 

Er mac wol genießen iawer güete, 

Sit diu tugent und ere hl^t. 

Frouwe, gebt im hohen muot. 
30 weit ir, sin trüren ist verkSret, 

da) e) in leret 

da) er da) beste gerne tuot. 



130. DIE STOCKENDE REDE. 
L. 120. 

Die Ueber Schrift bezieht sich nur auf die Sohlußstrophe, 
die der von 131 entspricht. Sie sind wohl beide als Geleit 
anzusehen, und haben mit dem Inhalte des Gedichtes keine 
genaue Verbindung, wiewohl doch auch Z. 15. 16. 18. 32 von 
dem Inhalt der Gespräche mit der Geliebten handeln, was 
diesen Liedern ihre Stelle angewiesen hat. In diesem Nach- 
klang der Gespräche mit ihr liegt auch das Band, das diese 
Strophen zusammenhält. Die erste kann nicht abgelöst wer- 
den, da sie vou demselben Schaden spricht, über den der 
Dichter Z. 17 verzagt wäre, wenn sie nicht lachend zu ver- 
sagen verstände, was offenbar auf den Schluß des Liedes 128 
geht. — Unser Lied hat mit wenigen Ausnahmen Z. 6. 7. 9 
jambischen Gang. 

Wedr ist e) übel, od ist e) guot, 
da) ich min leit verhelen kan? 
Wan siht mich dicke wol gemuot; 
so truret manec ander man, 
5 Der minen schaden halben nie gewan; 
so gebare ich dem geliche 
als ich si der fröiden riebe, 
nü müe)e e) Got gefüegen so, 
da) ich noch von wären schulden werde fro. 

10 Wie kumet da) ich so manegem man 
von siner not geholfen hän, 
Sit ich mich selben niht enkan 
getroesten, mich entriege ein wän? 



Die stockende Bede. 147 

Ich niinne ein wip, diust guot und wol getan: 
15 diu lat mich aller rede beginnen, 
ich kan ab endes niht gewinnen, 
dar umbe wssre ich nü verzaget, 
wan dä^s ein wenec lachet »6 si mir versaget. 

Si sehe da^s innen sich bewar 
20 (si schinet üjen fröidenrich), 

Da^s an den siten iht irre var: 

s6 wart nie wip so minneclich. 

So ist ir lop vil frouwen lobes entwich, 

ist nach ir wirde gefurrierot 
25 diu schoene diu si ü^en zieret. 

kan ich ir denne gedienen iht, 

des wirt bi seihen eren ungelonet niht. 

Swie noch min fröide an zwivel stät, 

den mir diu guote mac vil wol 
30 Gebüe^en, ob sis willen hat, 

son ruoche eht waj ich kumbers dol. 

Si fraget des mich nieman fragen sol, 

wie lange ich welle bi ir beliben: , , 

sist iemer mer vor allen wiben 
35 ein wernder tröst ze fröiden mir. 

nü müeje mir geschehen als ich geloube an ir. 

Genuoge kunnen deste ba) 

gereden da) si bi liebe sint: 

Swie dicke ich ir noch bi gesaj, 
40 so wesse ich minner danne ein kint. 

Ich wart an allen minen sinnen blint. 

des wser ich andersw4 betoeret; 

dise ist ein wip diu niht gehoeret, 

und guoten willen kan gesehen. 
45 den hän ich, so mir iemer müeje liep geschehen. 

Z. 43, 44: die nicht auf die Worte achtet, sondern den 
guten Willen ansieht. 



148 Hohe Minne. 



131. VERLEGENHEIT. 
L. 116. 

Trochäisch und jambisch gemeßene Verse haben ihre be- 
stimmte Stelle. 

Herre Got, gesegene mich vor sorgen, 
da) ich vil wünnecliche lebe. 
Wil mir ieman sine fröide borgen, 
deich im ein ander wider gebe? 
5 Die vind ich vil schiere ich weij wol wa: 
wan ich lie) ir wunder d&, 
der ich wol mit sinnen 
getriuwe ein teil gewinnen. 

AI min fröide lit an einem wibe: 
10 der herze ist ganzer tugende vol, 

Und ist so geschaffen an ir libe 

da) man ir gerne dienen sol. 

Ich erwirbe*ein lachen wol von ir. 

des muo) si gestaten mir: 
15 wie mac si) behüeten? 

ich fröuw mich noch ir güeten. 

Als ich under wilen zir gesitze, 
s6 si mich mit ir reden lät, 
So benimt si mir s6 gar die witze, 
20 da) mir der lip alumme gät. 

Swenne ich iezuo wunder rede kan, 

sihet si mich einest an, 

so h4n ichs verge))en : 

wa) wolide ich dar gese))en? 



Maienwonne. 149 



132. MAIENWONNE. 
L. 51. 

Die drei ersten Strophen gehören noch der niedem Minne f 
an ; die folgenden sind seit der hohen hinzugedichtet. Der ( 
Schade Z. 28 ist derselbe, über welchen 130, 5 geklagt wird, 
und mit Z. 43 vgl. man 131, 3. Der Anschluß an die bei- 
den vorherzugehenden Lieder könnte nicht genauer sein; nur 
beschwert sich hier Z. 26 der Dichter über das Lachen^ das 
ihn 130, 18 (vgl. 131, 13) zu trösten schien. Wer also dieß Lied 
Walthem abspricht, muß auch 130 und 131 drein geben. Mit 
Z. 40 vgl. 128, 7. 

Muget ir schouwen wa) dem meien 
Wunders ist beschert? 
Seht an pfaffen, seht an leien, 
wie da) alle) vert. 
5 Gro) ist sin gewalt: 

ine wei) obe er zouber künne: 
swar er vert mit siner wünne, 
dan ist niemen alt. 

Uns wil schiere wol gelingen. 
10 wir suln sin gemeit, 

Tanzen, lachen unde singen 

kne dörperheit. 

We wer waere unfro? 

sit die vögele also schone 
15 singent in ir besten done, 

tuon wir ouch also! 

Wol dir, meie, wie du scheidest 
alle) eine ha)! 

Wie wol du die bonme kleidest, 
20 und die beide ba)! 
Diu hat varwe me. 
^dü bist kurzer, ich bin langer,' 
als6 stritents üf dem anger, 
bluomennnde klS. 



150 Hohe Minne. 

25 R6ter munt, wie dA dich s wachest! 

la din lachen sin. 

Scham dich da) du mich an lachest 

nS,ch dem schaden min. 

Ist da) wol getan? 
30 ouwe b6 verlorner stunde, 

sol von minneclichem munde 

solch unminne ergknl 

Daj mich, frouwe, an fröiden irret, 

daj ist iuwer lip. 
35 An iu einer ej mir wirret, 

ungensedec wip. • 

Wä nemt ir den muot? 
' ir sit doch genaden riche: 

tuot ir mir ungnsedecliche, 
40 so sit ir niht guot. 

Scheidet, frouwe, mich von sorgen, 
liehet mir die zit, 
Oder ich muoj an fröiden borgen, 
da) ir sselec sit! 
45 Muget ir umbe sehen? 

sich fröit al diu weit gemeine: 
möhte mir von iu ein kleine 
fröidelin geschehen! 



133. ES KANN NICHT SEIN. 
L. 112. 

Nur Z. 7 zeigt Auftactj doch will WR lesen mim statt 
mtnem; beßer wäre Lachmanns Vorschlag inme für in deme, 

Ir vil minneclichen ougenblicke 
rüerent mich alhie, swann ich si sihe, 
In min herze, ouw^ sold ich si dicke 
sehen, der ich mich für eigen gihe! 
5 Eigenlieben dien ich ir: 

da) sol si vil wol gelouben mir. 



Die Zauberin. 151 

Ich trage in minem herzen eine swsere, 
der ich von ir lajen niht enmac, 
Bi der ich vil gerne tougen waere 
10 beide naht und ouch den liehten tac. 
Des enmac nü niht gesin: 
e) enwil. diu liebe frouwe min. 

Sol ich miner triawe alsust engelten, 
so ensol niemer man getrüwen ir. 
15 Si vertrüege michels ba^ ein schelten 
danne ein loben, da) geloubent mir. 
We war nn^be tuot si da), 
der min herze treit vil kleinen ha)? 

Z. 8: von der ich ihrethalber nicht ablaßen kann; der 
wird von niht regiert. 



134. DIE ZAUBERIN. 
L. 115. 

In der letzten Strophe klärt uns der Dichter darüber auf, 
daß er die Geliebte im Scherz der Zauberei beschuldigt 
hat : nur ihre Tugenden sind es, durch die sie Zauber an ihm 
übt. Eine ähnliche Wendung nimmt die vierte Strophe in 
Nr. 165. Wenn der Dichter aber vorher, als wir noch glauben 
sollten, sie treibe wirklich Zauberkünste, gesagt hat, es be- 
dürfe bei ihm deren nicht, so fallt dieß jetzt natürlich 
hinweg, sobald sich ergiebt, worin ihr Zauber besteht. So er- 
scheint dieß Lied als eins der anmuthigsten ganz in Walthers 
Weise. Leider ist es nicht zum Besten erhalten. — Eine Ab- 
weichung von dem trochäischen Gange zeigt sich nicht. 

Mich nimt iemer wunder wa) ein wip 
an mir habe ersehen, 
Da)s ir zouber leit an minen lip. 
wa) ist ir geschehen? 
5 Si hat ouch ir ougen: 

wie kumt da)s als übel gesiht? 
ich bin aller manne schoenest niht, 
da) ist 4ne lougen. 



152 Hohe Minne« 

Habe ir ieman iht von mir gelogen, 
10 sd beschouwe mich ba). 

Sist an miner schcene gar betrogen, 

wil si niht wan di^. 

Wie stät mir min hoabetl 

dajn ist niht ze wol get4n. 
15 si betriuget Uhte ein tumber wän, 

ob sis niht geloubet. 

Dk si wont, da wonent wol tüsent man, 
die vil schoener sint. 
Wan da) ich ein lützel fuoge kan, 
20 so ist min schoene ein wint. 
Fuoge hän ich kleine; 
doch ist si genseme wol, 
86 dajs allen guoten liuten sol 
iemer sin gemeine. 

25 Wil si fuoge für die schoene nemen, 

so ist si wol gemuot. 

Ean si da^, so muo) ir wol gezemen 

swa} si mir getuot. 

Sd wil ich mich neigen, 
30 und tuon alle) da) si wil. 

wa) bedarf si denne zoubers vil? 

ich bin doch ir eigen. 

Lat iu sagen wie) umbe ir zouber stat, 

des si wunder treit. 
35 Sist ein wip diu schcene und ^re h&t, 

da bi liep und leit. 

Da)s iht anders künne, 

da) sol man gar übergeben, 

wan da) mir ir wünnecliche) leben 
40 machet sorge und wünne. 



Früher Frühkng. 153 

135. FRÜHER FRÜHLING. 
L. 118. 

Wenn die letzte Strophe zu dem Liede gehört, 80 ist es 
nicht von Walther. Sie kann freilich von dem Sänger, der das 
Lied vortrug, hinzugefügt sein. Anspielungen auf die antike 
Mythologie finden sich aber sonst bei Walther nicht. Von Blu- 
menbreclien ist in Liedern der hohen Minne, zu der dieß Lied 
gehören müste, nicht die Rede. Hier verräth sich der Nach- 
ahmer. — Je die zweite Zeile hat Auftact bis auf Z. 6. 

Ich bin nü so rehte fro, 
da) ich vil schiere wunder tuen beginne, 
Swenne ej sich gefüeget s6 
daj ich erwirbe miner frouwen minne. 
5 Seht^ so stigent mir die sinne 
hoher danne der stmnen schin. gen ade, ein küneginne ! 

Ich ensach die guoten nie 
so dicke wocÄ, daj ich des iht verbsere, 
Mime sputen dougen ie. 
10 der kalte winter was mir gar unmsere. 
Ander liute dühte er swsere; 
mir was die wile als ich enmitten in dem meien wsere. 

Disen wünneclichen sanc 
hcln ich gesungen miner frouwen ze eren. 
15 Des sol si mir wij^en danc: 

wan ich wil iemer durch si fröide meren. 

Wol mac si min herze seren : 

wa) danne, ob si mir leide tuot? da) kan si wol verkSren. 

Da) enkunde nieman mir 
20 geraten da) ich schiede von dem w&ne. 
Kert ich minen muot von ir, 
wd, funde ich denne ein also wol getane, 
Diu s6 wsere valsches 4ne? 
sist schoene und ba) gelobet denne Elene und Dijäne. 

7* 



154 Hohe Minne. 

25 Hoerä WaJther, wiej mir st&t, 

min trdtgeselle von der Vogelweide. 

Helfe suoche ich unde r4t: 

diu wol getane tuot mir vil ze leide. 

Kunden wir gesingen beide, 
30 deich mit ir müeste brechen bluomen an der liebten beide ! 



136. SCHLAGREIME. 
L. 47. 

Kein Leich, ein dreitheiliges jedoch einstrophisches Lied. 
Ob sich aber Walther an dieser Künstelei yersucht hat, steht 
dahin. 

Ich minne, sinne lange zit: 

versinne Minne sich, 

wie si schöne 16ne miner tage. 

Nu lone schone: d^st min strit: 
5 vil kleine meine mich^ 

niene meine kleine mine klage, 

Unde rihte 

gro^ unbilde, 

daj ein ledec wip 
10 mich verderbet 

gar äne schulde. 

zir gesibte 

wird ich wilde; 

mich enhabe ir lip 
15 fröide enterbet, 

noch ger ich hulde. 

wsere maere stseter man, 

s6 solte, wolte si, mich an . 

eteswenne denne ouch sehen, ' 

20 ad ich genuoge fuoge künde spehen. 

Noch zweifelhafter ist es, ob nachstehende geistliche Nach- 
ahmung, eine Beichte, von Walther herrührt* 



Das Halmxneßen. 155 

Got herre, verre man ich dich, 

niht verre, herre, mir 

dine hulde. schulde hän ich yil. 

Nach schulde hulde die suoch ich. 
5 Sit niuwe riuwe dir 

bringet, riuwe niuwe swä du wil, 

So bedenket 

wol din guete, 

dag mich hat betrogen 
10 der werlde süeje. 

ir valschen rsete 

hänt bekrenket 

min gemüete: 

dicke ich han gelogen. 
15 gern ich dir büege 

missetsete. 

ere sere mich verriet, 

si liuget, triuget vil der diet. 

Krist der wise wise dar 
20 mich, da din wünne künne wesen gar. 

Z. 5, 6: da Kargheit (in der Reue) dich betrübt, so erneue 
mir Heue so oft du nur willst. Vgl. zu 150 Z. 26 unten. 



137. DAS HALMMESZEN. 
L. 65. 

Nach diesen mehr als zweifelhaften ein recht echt Walther- 
sches. Wie hier das Looß befragt werde, ist gestritten worden. 
Man konnte an die noch wohl Erwachsenen bekannte Tändelei 
mit der Stralen- oder Sternblume denken, deren Blätter ab- 
gezupft und dabei abwechselnd gesprochen wird: Er liebt 
mich von Herzen, mit Schmerzen, klein wenig, gar nicht. 
Gretchen im Faust spricht nur: Er liebt mich — liebt mich 
nicht — er liebt mich! Was aber den Halm angeht, so ist 
soviel klar, das noch jetzt übliche Halmziehen, woraus die 
Kedensart »den Kurzem ziehen« entstanden ist, kann hier, 
wo nur von Einem Halm die Rede ist, nicht gemeint sein. 
Walther spricht von einem Strohhalm, der gemeßen wird : ein 
Zählen der Ringe oder Knoten kann also nicht gemeint seih; 
auch spricht Walther von einem kleinen Strohhalm, und 
selbst bei dem grösten würden soviel Knoten nicht zu finden 
sein. Das Wahrscheinlichste bleibt daher W. Wackernagels 



156 Hohe Minne. 

Yermuthung, daß der Halm abwechselnd zwischen Daumen 
und Zeigefinger der rechten und der linken Hand gefaßt 
werde, so daß immer eine Hand die andere ablöst bis die 
Spitze des Halms mit den entscheidenden Worten erreicht ist. 
Dieß kann mit dem kleinsten Halme geschehen. Aehnlich 
wird noch jetzt beim Ballspiel der Schlegel durch Aufeinander- 
legen der Fäuste ausgelooßt, was Kaveln um die Ballkelle 
heißt. — Dieses Lied hat ganz trochäischen Gang bis auf Z. 5, 
worüber unten. 

In einem zwivellichen wän 
was ich gese^^en, und gedllhte, 
Ich wolte von ir dienste gan, 
wan da) ein trdst mich wider br&hte. 
5 Tr6st mag ej niht geheimen, ouw^ des ! 
e) ist vil küme ein kleine} troestelin, 
86 kleine, swenne ich) iu gesage, ir spottet min. 
doch fröut sich lützel ieman, er enwijje wes. 

Mich hki ein halm gemachet fro: 
10 er gibt, ich sül genäde vinden. 

Ich maj da) selbe kleine stro 

als ich hie vor gesach von kinden. 

Nu beeret unde merket ob si) denne tuo. ^ 

^si tuot, si entuot, si tuot, si entuot, si tuot.' 
15 swie dicke ich) tete, so was ie da) ende guot: 

da) troßstet mich: dk beeret ouch geloube zuo. 

Swie liep si mir von herzen si, 
so mac ich doch vil wol erliden 
Da) ich ir si zen besten bi: 
20 ich darf ir werben dk niht niden. 

lehn mac, als ich) erkenne, des gelouben niht 
da)s ieman sanfte in zwiyel bringen müge. 
mirst liep da) die getrogenen wi))en wa) si trüge, 
und alze lanc da)s iemer rüemec man gesiht. 

Z. 5 fehlt vor Trost wie in 144, 7 der Auftact, und nach 
Trost die Senkung, vgl. oben S. 19. Ein Wort ist nicht aus- 
gefallen. Z. 6 Trost und tratstelin wie oben 62, 7 lop und 
löhelin. Trost und Tröstelein scheint aber sprichwörtlich: 
»Find i kei Trost, so find ich es Tröstli.c Usteris Vicari, 
Dichtungen II, 144. Auf den Herrn Troestelin am Hofe zu 
Wien (Nithart 85, 34) ist wohl nicht angespielt. 



4 



1 



Gleiohe Theilang. 157 

138. GLEICHE THEILUNG. 
L. 40. 

Dieß und die zunächst folgenden Lieder beschäftigen sich 
mit der Minne, bei welcher der Dichter hier die Geliebte ver- 
klagt. — Das Lied ist ganz trochäisch genießen. Z. 32 steht 
danne in der Senkung. 

Ich h&n ir s6 wol gesprochen, 
daj si maneger in der weite lobet: 
Hat si da) an mir gerochen, 
ouwe danne, so hän ich getobet, 
5 Da) ich die getiuret hlln 
lind mit lobe gekroenet, 
diu mich wider hoenet. 
frouwe Minne, da) si iu getan. 

Frouwe Minne, ich klage iu mSre: 
10 rihtet mir und rihtet über mich. 

Der ie streit umb iuwer ere 

wider unstsete liute, da) was ich. 

In den dingen bin ich wunt. 

ir hat mich geBcho))en, 
15 und g&t si geno))en: 

ir ist sanfte, ich bin ab ungesunt. 

Frouwe, lät mich des genie)en, 
da) ich wei), ir habet sträle me: 
Muget irs in ir herze schie)en, 
20 da) ir werde mir geliche we? 
Muget ir, edeliu künegin, 
iuwer wunden teilen 
oder die mine heilen? 
sol ich eine alsus verdorben sin? 

25 Ich bin iuwer, frouwe Minne: 
schie)ent dar da man iu widerste. 
Helfet da) ich sie gewinne, 
neinll frouwe, da) sis iht enge ! 



158 Hohe Minne. 

Lat mich iu da) ende sagen: 
30 und engSts uns beiden, 
wir zwei sin gescheiden. 
wer solt iu danne iemer iht geklagen? 



139. MINNE ALS BOTIN. 
L. 64. 

Die beiden letzten Strophen sind doppelte Schlüße, von 
welchen erstere als Geleit vor der Herrin, die andere vor 
Rittern und Herren gesungen ward. Indes ist letztere da- 
durch als ein späterer Zusatz erkennbar, daß der Dichter die 
in der letzten Zeile als Mittelreime sonst durchgeführten 
Körner hier zu berücksichtigen vergeßen hat. Das Maß ist 
streng jambisch gehalten. 

Ich freudehelfeloser man, 
war umbe mach ich manegen fr6. 
Der mir es niht gedanken kan? ^ 

ouwe wie tuont die friunde so? 
5 JS, friunt! wa) ich von friunden sage! 

het ich deheinen, der vernaeme ouch mine klage, 
nun hka ich friunt, nun hä.n ich rat: 
nu tuo mir swie du wellest, minneclichiu Minne, 
Sit nieman min genS.de hat. 

10 Vil minneclichiu Minne, ich han 

von dir verloren minen sin. 

Du wilt gewalteclichen gS.n 

in minem herzen ü) und in. 

Wie sol ich äne sin genesen? 
16 du wonest an siner stat, da er inne solte wesen; 

du sendest in du weist wol wai:. 

dan mac er leider eine erwerben niht, frö Minne: 
ouwe du soltest selbe dar. 

Genäde, frouwe Minne! ich wil 
20 dir umbe dise boteschaft 
Noch füegen dines willen vil: 
wis wider mich nü tugenthaft. 



Minne als Botin. 159 

Ir herze ist rehter fröiden vol, 
mit lüterllcher reinekeit gezieret wol : 
25 erdringest du da dine stat, 

80 lä mich in, da) wir si heide sprechen dinne; 
mir missegie, do ichs eine bat. 

Gensedeclichiu Minne, 1&: 

war umbe tuost du mir s6 we? 
30 Du twingest hie, nü twing ouch da; 

versuoche wer dir widerste. 

Nü wil ich schouwen ob du iht tügest. 

dun darft niht jehen da) du in ir herze enmügest : 

ejn wart nie slo) s6 manecyalt, 
35 da) vor dir gestüende, diebe meisterinne. 
tuon üf I sist wider dich ze halt. 

Wer gap dir, Minne, den gewalt, 

da) du doch so gewaltec bist? 

Dt. twingest beide jiinc und alt: 
40 dk für kan nieman keinen list. 

Nü lob ich Got, sit diniu baut 

mich sulen twingen, deich s6 rehte hän erkant 

wÄ dienest werdeclichen lit. 

da von enkume ich niemer. -gnäde, küneginne 1 
45 IsL mich dir leben mine zit. 

Fro Saelde teilet umbe sich, 
und keret mir den rügge zuo. 
Ja enkan si niht erbarmen ich: 
in wei) wa) ich dar umbe tuo. 
50 Si stet ungerne gegen mir; 

louf ich hin umbe, ich bin doch iemer hinder ir: 
sin ruochet mich niht an gesehen, 
ich wolte da) ir ougen an ir nacke stüenden : 
so müest e) an ir danc geschehen. 



160 Hohe Minne. 

140. LIEBE UND GEGENLIEBE. 

L. 95. 

Obgleich hier die Minne nicht genannt wird, so ist doch 
nur von ihr die Rede. Indes laßen die Z. 9. u. 10 vgl. mit 
193, 33.' 84 verniuthen, daß wenigstens diese erste Strophe der 
Jugend des Dichters nicht mehr angehört. — Der Auftact fehlt 
nur Z. 34. Abhülfe läge nahe. WR schiebt im ein. 

A\ a j ich doch gegen der schoenen zit 
gedinges uude wänes hÄn verlorn ! 
Swaj kumbers an dem winter lit, 
den wärnde ich ie des sumers hän verhorn. 
5 Sus sazte ich allej bejjerunge für : 
swie vil ich tr6stes ie verlür, 
so hat ich doch ze fröiden wän. 
dar under misselanc mir ie: 
in vant so staete fröide nie, 
10 si wolte mich ^ ich si län. 

Muo) ich nü »in nach \v4ne fr6, 

son heije ich niht ze rehte ein sselec man. 

Dem e) sin sselde füeget so, 

daj im sin herzeliep wol guotes gan, 
15 Hat ouch der selbe fröiderichen sin, 

des ich vil leider ane bin, 

son spotte er niht dar umbe min, 

ob im sin Hep iht liebes tuot: 

ich wsßre onch gerne höhgemuot, 
20 möht e) mit liebes hulden sin. 

Er saelec man, si sselec wip, 

der herze ein ander sint mit triuwen bi ! 

Ich wil daj da§ ir beider lip 

getiuret und in höher wirde si. 
25 Vil saelec sin ir jär und al ir zit. 

er ist ouch saelec sunder strit, 

der rehte nimt ir tugende war, 

so daj ej in sin herze get. 

ein saelec wip, diu sich verst^t, 
30 diu sende ouch guoten willen dar. 



Unerläßlichkeit der Gegenliebe. 161 

Sich wsenet maneger wol begen 

so da) er guoten wiben nibt enlebe: 

Der tore kan sich niht versten 

wa) ej fröide und ganzer wirde gebe. 
35 Dem libt gemuoten dem ist iemer wol 

mit lihten dingen, als ej sol: 

swer wirde und fröide erwerben wil, 

der diene guotes wibes gruo). 

swen si mit willen grüe^en muo), 
40 der hat mit fröiden wirde vil. 

Ja berre, wes gedenket der, 

dem ungedienet ie vil wol gelanc? 

E$ si ein si, ej si ein er, 

swer also minnen kan, der habe undanc, 
45 Und da bi guoten dienest übersiht. 

ein sselec wip diu tuot des niht: 

diu merket guotes mannes site: 

da scheidet si die boesen von. 

s6 ist ein tumbiu s6 gewon, 
50 daj ir ein tnmber volget mite. 



141. ÜNERLÄSZLICHKEIT DER GEGENLIEBE. 

L. 69. 

Das gewiss sehr beliebte Lied ist streng trochäisch ge- 
halten. 

Saget mir ieman, wa) ist minne? 
wei) ich des ein teil, so wist ichs gerne me. 
Der sich baj denn ich versinne, 
der berihte mich durch waj si tuot s6 we. 
5 Minne ist minne, tuot si wol: 

tuot si we, so enhei^et si niht rehte minne. 
sus enwei) ich wie si danne heilen sol. 

Obe ich rehte raten künne 

wa) diu minne si, s6 sprechet denne ja. 



162 Hohe Minne. 

10 Minne ist zweier herzen wünne: 

teilent si geliche, sost diu minne da: 
Sol abe ungeteilet sin, 
so enkans ein herze alleine niht enthalten, 
ouwe woldest du mir helfen, frouwe min! 

1 5 Frouwe, ich trage ein teil ze swaere : 

wellest du mir helfen, so hilf an der zit. 

Si abe ich dir gar unmsere, 

da) sprich endeliche : so 14 j ich den strit, 

ünde wirde ein ledec man. 
20 du solt aber einej wijjen, daj dich rehte 
lützel ieman ba) dann ich geloben kan. 

Ean min frouwe süeje siuren? 
waenet si da) ich ir liep gebe umbe leit? 
Sol ich si dar umbe tiuren, 
25 da) si) wider kere an mine unwerdekeit? 
S6 kund ich unrehte spehen. 
we wa) sprich ich örenlöser ougen Äne? 

den diu minne blendet, wie mac der gesehen? 



142. DER ERSTE BETRÜGER. 

L. 13. 

Mit Bemerkungen der Art, wie sie nach dem ersten Ge- 
setze gegen den Dichter erhoben wurden, bat er es auch in 
Nr. 146 zu schaffen. — Das Gedicht ist ganz trochäisch ge- 
meßen. 

Maneger fr^et wa) ich klage, 
unde gibt des einen da) e) iht von herzen ge. 
Der verliuset sine tage, 

wand im wirt von rehter liebe neweder wol noch we: 
5 Des ist sin gelücke kranc. 

swer gedsehte wa) diu minne brsehte, 
der vertrüege minen sanc. 



Zuviel gelobt. 163 

Minne ist ein gemeine) wort, 
und doch ungemeine mit den werken: dest alsd. 
10 Minne ist aller tugende ein hört: 

sLne minno wirdet niemer herze rehte fro. 
Sit ich den geloiiben h4n, 
frouwe Minne, fröit ouch mir die sinne: 
mich müet, sol min tr6st zergftn. 

15 Min gedinge ist, der ich bin 

holt mit rehten triuwen, da^s ouch mir da) selbe si. 

Triuget dar an mich min sin, 

so ist minem w&ne leider lützel fröiden bi. 

Neinä herre! sist s6 guot, 
20 swenne ir güete erkennet min gemüete, 

da) si mir da) beste tuot. 

Wiste si den willen min, 

liebes unde guotes des wurd ich von ir gewert. 
Wie möht aber da) nü sin? 
25 Bit man yalscher minne mit s6 säe)en Worten gert, 
Da) ein wip niht wi))en mac 
wer si meine. disiu not alleine 
tuot mir manegen swseren tac. 

Der diu wip von erst betrouc, 
30 der h&t beide an mannen und an wiben missevarn. 
In wei) wa) diu liebe touc, 

sit sich friunt gein friunde niht vor valsche kan bewarn. 
Frouwe. da) ir sselec sit! 

l&nt mit hidden mich den gruo) verschulden, 
der an friundes herzen lit. 



143. ZUVIEL GELOBT. 
L. 72. 

Mit dem folgenden Liede durch das Lob der Herrin, 
dem der Dichter hier und 141, 20. 21. 24. 25 so großen 
Werth f&r die Besungene beilegt, vei*wandt. Den Schluß 
finde ich weder unminniglich noch unhöfiscfa, da er von 
einem Falle spricht, der nach der wahrscheinlichen An- 



164 Hohe Minne. 

sieht der Schönen nicht eintreten wird. Der Dichter spricht 
ja nicht von sich, sondern von dem jungen Mann, den sie, 
einmal alt geworden^ nicht wollen wird. Auch handeln die 
Lieder der niedem Minne nicht von unerwiederter Liebe. 
Vgl. jedoch Wilmanns S. 131. Einige Gesetze dieses Liedes 
sind in das Volkslied von dem edeln Möringer übergegangen, 
dem dieser Ton zu Grunde liegt. — Von der Kegel, daß 
je die zweite Zeile Auftact zeige, macht nur Z. 8 eine Aus- 
nahme. 

Lange swigen des hat ich ged&ht: 
nü muo) ich singen aber als S. 
Dar zuo hant mich guote Hute brsiht: 
die mugen mir wol gebieten me. 
5 Ich sol singen unde sagen, 

und swes si gern, da) sol ich tuen; s6 suln si minen 

kumber klagen. 

Hoeret wunder, wie mir ist geschehen 
von min selbes arebeit. 
Mich enwil ein wip niht an gesehen: 
10 die braht ich in die werdekeit, 
Da) ir muot sd hdhe stat. 

Jon wei) si niht, swenn ich min singen lä)e, da) ir lop 

zergat. 

HSrre, wa) si flüeche Hden sol, 
swenn ich nü \k^e minen sanc! 
15 Alle dies nü lobent, da) wei) ich wol, 
scheltent si danne kn minen danc. 
Tüsent herze wurden frö 

von ir genaden^ dius engeltent, scheide ich mich von 

ir als6. 

Do mich dühte da) si wsere gaot, 
20 wer was ir be))er d6 dann ich? 
Dest ein ende: swa) si mir getuot, 
s6 mac si wol verwsenen sich, 
Nimet si mich von dirre not, 

ir leben h4t mins lebennes ere: sterbet si mich, so 

ist si tot. 



Immer neues Lob. 165 

25 Sol ich in ir dienste werden alt, 

die wile junget si niht vil. 

So ist min bstr vil lihte also gestalt, 

da^s einen jungen danue wil. 

So helfe iu Got, her junger man, 
30 80 rechet mich und get ir alten hüt mit sumerlaten an. 



144. IMMER NEUES LOB. 
L. 64. 

Wenn der Dichter in dem vorhergehenden Liede davon 
sprach, wie man ihr flachen werde, wenn er seinen Sang 
einstelle, so hatte er das zu tbun doch nicht im Sinn, im 
Gegentheil will er nach Str. 1 noch singen wie vorher — zu 
ihrem Lobe, wie es scheint und dieß Lied bestätigt. Uebri- 
gens gehört das folgende Lied zu diesem, jedoch nur als ge- 
legentlich hinzugedichteter Anhang. Das hohe Lob, das die 
zweite Strophe der Geliebten spendet, hatte zu der unschick- 
lichen Frage, wer sie denn sei, veranlaßt: hierauf beziehen sich 
die beiden Strophen, die dort unter eigener üebersohrift mitge- 
theiltsind; auch die beiden folgenden Lieder (146. 147) kom- 
men auf sje zu sprechen. — Uebrigens sollte nur die sechste 
Zeile jeder Strophe trochäischen Gang haben; aber auch vor 
tröst Z. 7 bleibt wie in Nr. 137, 5 der Auftact weg, wie es 
auch in der viertenStrophe (145) an derselben Stelle geschieht. 

W^ wol der beide ir manecvaltiu varwe st&tl 
so wil ich doch dem walde jehen, 
Daj er vil mere wünneclicher dinge hat; 
noch ist dem velde baj geschehen. 
5 So wol dir, sumer, sus get&ner arebeit! 
sumer, da) ich iemer lobe dine tage, 
trost, so troeste ouch mine klage, 
ich sage dir waj mir wirret: 

der mir ist liep, dem bin ich leit. 

10 Ich mac der guoten niht vergej^en noch ensol, 
diu mir so vil gedanke nimet. 
Die wile ich singen wil, so vinde ich iemer wol 
ein niuwe lop da) ir gessimet. 



166 Hohe Minne. 

Nu habe ir diz für guot: so lobe ich danne me. 
15 e) tuet in den ougen wol da) man si siht; 
und da^ man ir vil tugende gibt, 
da^ tuot wol in den oren. 

so wol ir des! so we mir, wS! 



145. AN DIE SCHAMLOSEN. 
L. 63. 

Als schamlos werden diejenigen hier und im folgenden 
Lied Z. 14 bezeichnet, die dem Dichter zümuthen, den Namen 
der Geliebten zu nennen, was für unzuht (Zuchtlosigkeit) ge- 
golten hätte. Der Welt sollte es ein imauflösliches Räthsel 
bleiben, welchem Gegenstande die Lobsprüche und zärtlichen 
Bewerbungen der Sänger galten. Wie hätten sie so öffent- 
lich Minnesold begehren können, wenn man wüste oder wißen 
sollte, welcher edeln oft fürstlichen Frau Zumuthungen sol- 
cher Art gemacht wurden. Die Sitte hatte die Freiheit des 
Minnegesangs mit der Ehre der Frauen durch diese Vorschrift 
trefflich ausgeglichen. Auch bei den Provenzalen blieb der 
Name der Herrin ungenannt; doch trat zuweilen ein allegori- 
scher an die Btelle. Wer darunter verstanden sei, dieß konnte 
und sollte kein Geheimniss bleiben : denn die Dame verlangte, 
daß ihr Lob verbreitet wurde; Fr. Diez P. d. Tr. S. 149 f. 
Allein die Eundwerdung dieses Geheimnisses löste nicht sei- 
ten das ganze Yerhältniss auf, oder führte es einem tra- 
gischen Ausgange zu, wie in der sagenhaften Geschichte 
Guillems von Cabestaing (Diez Leben und Wirken der Trou- 
badours, S. 77 ff.), welche sich auch in Deutschland ange- 
siedelt hat. wo sie von dem Brenneberger (dem Minnedich- 
ter Herrn Keinmann von Brennenberg M. S. II, 1841, vgl. 
Grimm deutsche Sagen II, 211, Wunderhorn II, 229) in der 
rührendsten Faßung erzählt wird. Daß die Herrinnen selbst 
den Mangel an Verschwiegenheit auf das Härteste ahndeten, 
versteht sich von selbst. Eine altitalienische Novelle pro- 
venzalischen Ursprungs (Gento nov. ant. 61) erzählt davon ein 
Beispiel. Ein Ritter und Troubadour, den sie Messer Ala- 
manui nennt, der aber wie uns Diez (Poesie der Troub. S. 28, 
lieben der Troub. S. 531) lehrt, Richart von Barbezieux hieß, 
liebte eine schöne Edelfrau am Hofe von Puy Notre-Dame in 
Provence, und zwar so geheim, daß sie ihm Niemand heraus- 
bringen konnte. Die Edelknappen von Puy aber verbanden 



Walther und Hildegunde. 167 

sich, ihn bei einem bevorstehenden Tarnier dahin zu bringen, 
daß er sich seiner Dame rühme. Es gelang ihnen ; die Folge 
war aber, daß ihn die Dame verabschiedete und hernach hun- 
dert Barone, hundert Ritter, hundert Edelfrauen und hundert 
Fräulein für ihn um Gnade rufen musten ohne zu wißen 
warum. Vgl. meinen Novelienschatz der Italiener, Berlin bei 
Finke 1831. S. 20. 

bi fr&gent unde frllgent aber alze vil 
20 von ininer frouwen, wer si si. 

Da) müet mich so da) ichs in allen nennen wil: 

so I4nt si mich doch danne fn. 

Gen4de und Ungenade, dise zwene namen 

hat min frouwe beide, die sint ungelich : 
25 der ein ist arm, der ander rieh. 

der mich des riehen irre, 

der müeje sich des armen schämen. 

Die schamelosen, liejen si mich äne n6t, 

son haet ich weder ^aj noch nit. 
30 Nu muo) ich von in gÄn, also diu zuht gebot: 

ich la)e in laster unde strit. 

Do zuht gebieten mohte, seht, do schuof sij so: 

tüsent werten einem ungefüegen man 

unz er schone sich versan, 
35 und muose sich versinnen: 

so vil was der gefüegen do. 



146. WALTHER UND HILDEGUNDE. 

L. 73. 

Um Einheit in dieß Gedicht zu bringen muß man annehmen, 
daß die Freudenstörer, gegen welche die drei ersten Gesetze 
noch gelinde genug eifern, wie in 142 seine Aufrichtigkeit und 
Treue verdächtigt, vielleicht auch wohl, wie Z. 14 andeutet, 
die Frage zur Sprache gebracht haben, welcher Frau er eigent- 
lich diene. Von diesem Verdacht reinigt er sich im vierten 
Gesetz durch einen Eid, den er auf den Leib der Geliebten 
wie auf eine heil. Reliquie schwört. In der Schlußstrophe 
scheint er seine Herren und Freunde aufzufordern ihm als 



168 Hohe Minne. / 

Eidesbelfer in seiner Liebessacbe beizustehen. Vermutblich 
kehrte im Abgesang die Gesangweise auch in den übrigen 
Strophen mehrmals wieder, so daß ein anderer Text bei den 
Wiederholungen der Melodie untergelegt werden konnte. In 
der letzten "Wiederholung findet sich der Name der Geliebten 
angegeben, aber damit hat der Sänger, wie schon Lachm. 
bemerkte, nur die schamlosen Frager zum Besten, da Hilde- 
gunde die Geliebte eines andern Walther, jenes Waltharius 
manu fortis der Heldensage ist. — Nur die zweite und vierte 
Zeile hat jambischen Gang. 

Die mir in dem winter fröide hsint benomen, 
si heilen wip, si heijen man, 
Disia sumerzit diu müe^ in ba$ bekomea! 
oawe daj ich^ niht fluochen kan ! 
5 Leider ich enkan niht m^re 

wan da) übel wort unsselec. neinsl! da) waer alze sere. 

Zwene herzeliche flüeche kan ich ouch: 
die fluochent n&ch dem willen •min. 
Hiure müejens beide esel unde gouch 
10 geboeren e si enbijjen sin. 
We in denne, den vil armen! 

wess ich obe sij noch gerüwe, ich wolde mich dur 

Got erbarmen. 

Wan sol sin gedultec wider ungedult: 
da) ist den schameldsen leit. 
15 Swen die boesen ha))ent 4ne sine schult, 
da) kumt von siner frümekeit. 
Troestet mich diu guote alleine, 

diu mich wol getroesten mac, so gsebe ich umbe ir 

niden kleine. 

Ich wil al der werlte sweren üf ir lip : 
20 den eit sol si vil wol vememen: 

Si mir ieman lieber, maget oder wip, 

diu helle müe)e mir gezemen. 

Hat si nü deheine triuwe, 

s6 getrüwet si dem aide und entstSt mins herzen riuwe. 



Wider die Merker. • 169 

25 Herren unde friunt, nü helfent an der zit: 

da) ist ein ende, e) ist also. 

Ich enbiute iu minen minneclichen strit. 

ja enwirde ich niemer rehte fro : 

Mines herzen tiefiu wunde 
30 diu muo) iemer offen sten, si enküsse mich mit friundes 

munde. 

mines herzen tiefiu wunde 

diu muo) iemer offen sten, si enheiles üf und üj von 

gründe. 

mines herzen tiefiu wunde 

diu muoj iemer offen sten, sin werde heil von Hiltegunde. 

Z. 9. Aden ^ouc/», wozu Pfeiffer bemerkt : lies der gouch; 
G der gouch; E unde gouch. Verwechselung des nom. und 
acc. gehört der Sprache des gemeinen Volks an und kann nur 
auf Rechnung des Schreibers, nicht unseres Dichters gestellt 
werden. Vgl. Zachers Zeitschr. I, 444. Die Stimme der ge- 
nannten Thiere früh am Morgen vernommen war ein böser 
Angang, vgl. Handb. der d. Mythol. §. 139. Z. 24 schlägt Bartsch 
vor senftet mines zu lesen. 



147. WIDER DIE MERKER. 
L. 97. 

Auch hier bezieht sich die vorletzte Strophe auf die un- 
schickliche Frage nach Namen und Stand der gefeierten Schö- 
nen. Die unbescheidenen Frager werden hier wieder in an- 
derer Weise genarrt als in den beiden vorhergehenden Liedern. 
Die Reime in den ersten Zeilen der Stollen sind klingend, 
während die weiblichen Reime des Abgesangs nur eine 
Hebung tragen. Ob die Pausen, welche der Druck im zwei- 
ten Gesetze bezeichnet, beabsichtigt sind, zweifle ich. — Die 
Schlußzeilen der Stollen und des Abgesangs haben trochäi- 
schen Gang; in Bezug auf die übrigen Zeilen des Auf- und 
Abgesangs besteht hierüber keine feste Regel. 

£5 wser uns allen 

einer hande saelden not : 

da) man rehter fröide sch6ne pflsege als e. 

8 



170 Hohe Minne. 

Ein missevallen 
5 da^ ist miner fröiden tot : 

daj dien jungen fröide tuot so rehte wc. 
War zuo sol ir junger lip, 
da mit si fröide solten minnen? 
hei wolten si ze fröiden sinnen! 
iO junge man, des hülfen iu diu wip. 

Nu bin ich iedoch 

frö und muoj bi fröiden sin 

durch die lieben, swiej dar uuder mir ergat. 

Min schin ist hie noch: 
15 so ist ir da§ herze min 

bi^ da^ man mich ofte sinnelosen liat. 

Hei solten si zesamene komen, 

min lip, min herze, ir beider sinne! 

daj si des niht wurden inne, 
20 die mir dicke fröide haut benomen. 

Vor den merkaeren 

kan nü nieman liep geschehen: 

vvan ir huote twinget manegen werden lip. 

Daj muoj beswaeren 
25 mich: swenn ich si solte sehen, 

so muoj ich si miden, si vil sselec wip. 

Doch müeje ich noch die zit geleben, 

daj ich si willec eine vinde, 

so da) diu huote uns beiden swinde, 
30 da mir liebes wurde vil gegeben. 

Vil meneger fraget 

mich der lieben, wer si si, 

der ich diene und allej her gedienet hän. 

So des betraget 
35 mich, so spriche ich Mr sint dri, 

den ich diene : so hab ich zer vierdeu w4d.' 

Doch weij sij alleine wol, 

diu mich hat sus zuo zir geteilet. 

diu guote wundet unde heilet, 
40 der ich vor in allen dienen sol. 



Getheiltes Üerz. 171 

Nu, frouwe Minne, 

kum si minneclichen an, 

diur mich twinget und also betwungen hat. 

Brinc si des inne, 
45 da^ werdiu minne twingen kan. 

waj ob minneclichiu liebe oüch si bestat? 

86 möhtes ouch gelouben mir 

daj ich si gar von herzen meine. 

nü, Minne, bewsere ir) und bescheine; 
50 da^ ich iemer gerne diene dir. 



148. GETHEILTES HERZ. 
L. 70. 

Schwerlich war es Walther, dem hier mit Recht der Text 
gelesen wird, da er seine Untreue vergebens zii entschuldigen 
versucht. Auch war es wohl nicht Walther, der von eines 
Andern Beschämung dichtete, da wenigstens die Anfangsstrophe, 
welche wir unterdrückt haben, ihm selber mit zur Beschämung 
gereichen würde. Einen verwandten Gegenstand behandelt die 
erste Strophe des folgenden nur sehr unvollständig erhaltenen 
Liedes. — Von. dem jambischen Gange dieses Liedes weicht 
Z. 12 nicht ab, wohl aber Z. 16. 

Gewinne ich iemer liep, daj wil ich haben eine : 
min friunt der minnet andriu wip. 
An allen guoten dingen han ich wol gemeine, 
wan dk man teilet friundes lip. 
5 So ich in under wilen gerne bi mir saehe, 
s6 ist er von mir anderswa. 
Sit ab er da sÖ gerne si, so si och da. 
ej tuot so manegem wibe we, 

da] mir da von niht wöl geschsehe.' 

10 Si sselec wip, si zürnet wider mich ze sere, 
da) ich mich friunde an manege stat. 
Sine gehie^ mich nie geleben nach ir lere, 
swie jämerlich ich sis gebat. 



172 Hohe Minne. 

Wa) hilfet mich da) ich si minne vor in allen? 
15 si swiget iemer als ich klage. 

wil si da) ich andern wiben widersage, 
so lä)e ir mine rede . . . 

.... ein wenec ba) gevallen. 

^Ich wil dir jehen da) du min dicke sere biete, 
20 und nam ich des vil kleine war. 

Do wisse ich wol da)t allenthalben also taete : 

da von wart ich dir fremede gar. 

Der min ze friunde ger, und wil er mich gewinnen, 

der la)e alselhe unstsetekeit. 
25 gemeine liep da) diinket mich gemeine) leit: 

nü sage, weist du anders iht? 

da von tar ich dich niht geminnen.^ 



149. LIEBESZÜRNEN. 
L. 70. 

Wohl nur Bruchstücke eines Liedes, das wegen Z. 7 viel- 
leicht zur gemäßen Minne gehört. Die dritte Strophe 
scheint spätere Zadichtung, vor Herren zu singen. In der 
ersten entschuldigt der Dichter seine seltenem Besuche 
und nimmt das Kecht in Anspruch der Geliebten zu zür- 
nen. Ist in der zweiten der Grund zu finden, warum er 
zürnte? Ueber die hier besprochene üble Ausrede, die im 
MA. kargen Herren sehr geläufig war, vgl. meine Quellen des 
Shakespeare III, 202. — Das Lied ist trochäisch gemeßen. 

Da) ich dich so selten grüe)e, 
fron, da) ist an alle mine missetat. 
Ich wil da) wol zürnen müe)e 
liep mit liebe, swä) von friundes herzen gat. 
5 Trüren unde wesen fro, 

sanfte zürnen, sere süenen, deis der minne 
reht: diu herzeliebe wil also. 

Du solt eine rede vermiden, 

frouwe: des getriuwe ich dinen zühten wol: 



Fehler und Tugenden. 173 

10 Tsetest düs, ich wblde^ niden; 

als die argen sprechent, dk man Ionen sol: 

*Hete er sselde, ich taste im guot.' 

er ist seihe unsaelec, swef da) gerne sprichet 

unde niemer diu geliche tuot. , 

15 In gesach nie tage suchen 

so die mine tuont. ich warte in alle) nach: 
Wesse ich war si wolten strichen! 
mich nimt iemer wunder wes in si so gach« 
. . si mugen zuo deme 
20 komen der ir niht so schone pfliget: so la)en 
denne schinen ob si wi$)en weme. 

Z. 19 will Lachm. Jardjd erganzen. Grimm liest lAhte 
mugen si u. s. w. 



150. FEHLER UND TUGENDEN. 

L. 58. 

Wohl nicht vor der zwiespältigen Wahl Ottos und Phi- 
lipps (1198) gedichtet. Die Einheit des Liedes kann erst bei 
der jetzt getroffenen Anordnung erkannt werden. Die erste 
Strophe spricht von zwei Fehlern der Herrin, auf welche die 
letzten Lieder (146. 149) den Dichter führen musten. Ihnen 
setzt die folgende zwei Tugenden entgegen. Die dritte spricht 
auch von zwei Tugenden des Dichters. Die vierte und fünfte 
weist noch zwei Angriffe zurück, die der Dichter erfahren hat. 
Die Schlußstrophe wendet sich nun siegreich gegen die Neider 
und Aufpasser. — Das ganze Lied ist bis auf Z. 3 jambisch ge- 
halten. 

Ich wände da) si wsere missewende fri; 
nü sagent si mir ein ander maere, 
Da) niht lebendiges äne wandel si: 
so ist ouch min frouwe wandelbaere. 
5 lehn kan ab niht erdenken wa) ir misseste, 
wan ein vil kleine: 

si schadet ir vinde niht, und tuot ir friunden we. 
lat si da) eine, 
swie vil ich suoche, ichn vindes me. 



174 Hohe Minne. 

10 Ich hka in gar gesaget daj ir missestät: 

zwei wandei hlln ich iu genennet. 

Nu sult ir ouch verneinen waj si tugende h&t 

(der sint ouch zwo), da) irs erkennet. 

Ich seit iu gerne tüsent: irn ist niht me da 
15 wan schcene und ere. 

die h4t si beide yollecliche. hat si? j4. 

waj wil si mere? 

hiest wol gelobt: lobe anderswÄ. 

Der also guotes wibes gert als ich da ger, 
20 wie vil der tilgende haben solte! 

Nun hän ich leider niht da mite ich si gewer, 

wan obs ein lützel von mir wolte. 

Zw6 tugende hän ich, der si wilent n4men war, 

schäm unde triuwe : 
25 die schadent nü beide sere. schaden nü also dar ! 

ich bin niht niuwe: 

dem ich d4 gan, dem gan ich gar. 

Die losen scheltent guoten wiben minen sanc, 

und jehent da) ich ir übel gedenke. 
30 Si pflihten alle wider mich und haben danc: 

er si ein zage, der da wenke. 

Wa nü der tiuschen wiben ie gesprseche baj ! 

wan da) ich scheide 

die guoten von den boesen: seht, da) ist ir ha). 
35 lobt ich si beide 

geliche wol, wie stüende da)? 

Die zwivelsere sprechent, e) si alle) tot, 

e)n lebe nü nieman der iht singe. 

Nü mugen si doch bedenken die gemeinen not, 
40 wie al diu weit mit sorgen ringe. 

Kumt sanges tac, man beeret singen unde sagen: 

man kan noch wunder. 

ich h6rte ein kleine vogellin da) selbe klagen: 

da) tet sich under: 
45 ^ich singe niht, e) welle tagen.' 



Das Dänkelein. 175 

leb bin iu eines dinges bolt, ba) unde nit, 
so man iucb ü) ze boten sendet, 
Daj ir so gerne bi den biderben linten sit 
und daj ir iuwem berren schendet. 
50 Ir spebere, so ir niemen stseten muget erspeben, 
den ir verk^ret, 

so bebt iucb bein in iuwer bÄs (ej muoj gescbeben), 
daj ir unöret 
verlogenen munt und twerbej seben. 

Z. 26 heißt nicht, ich bin nicht neu, sondern ich bin 
nicht karg: so ist das Wort auch S. 155 Z. 5 und Frauenlob 64, 
19, 254, 19 genommen und Nibel. J494, 1 lese man: 

ouch was der selbe schifman niulich (B) gesit (A) 
d. h. habsüchtig, weshalb es in der folgenden Zeile heißt: 

diu gir nach grogen guote vil boBsej ende git. 
In der Bedeutung karg, genau lebt das Wort noch in süddeutschen 
Dialekten, auch in dem Rheinischen. Z. 33 beruft sich der Dich- 
ter auf Nr. 126 zum Beweise, daß Niemand beßer von deut- 
schen Frauen gesprochen habe. Die Unterscheidung zwischen 
guten und bösen mag sich schon in einem verlorenen Liode 
gefunden haben: 181 (das letzte Lob) und 189 (Schuld der 
Frauen), wo Aehnliches vorkommt, sind wohl später. 



151. DAS DANKELEIN. 
L. 100. 

Schließt sich an das vierte Gesetz des vorstehenden Lie- 
des. — Von der Regel, daß der Aufgesang trochäischen Gang 
habe, macht Z. 16 eine Ausnahme. Vor Abgesang ist jambisch 
gemeßen. ♦ 

leb gespracb ie wol von guoten wiben; 
was mir leit, ich wurde fro. 
Sende sorge künde ich nie vertriben 
minneclicber danne also. 
5 Wol mich, daj ich in hoben muot 
mit minem lobe gemachen kan, 
und mir daj sanfte tnot! 



176 Hohe Minne. 

Ouwe wolte ein sselec wip alleine, 
so getrürte ich niemer tac, 
10 Der ich diene, imd hilfet mich vil kleine 
swa^ ich si geloben mac. 
Daj ist ir lieb und tuot ir wol: 
ab si vergijjet iemer min 
sd man mir danken sol. 

15 Fremdiu wip diu dankent mir vil schone; 

da^s iemer saelec müejen sin! 

Daj ist wider miner frouwen lone 

mir ein kleine^ denkelin. 

Si hab den willen den si habe; 
20 min wille ist guot, und klage diu werc, 
get mh* an den iht abe. 

Z. 1 hat man lesen wollen ich gesprach nie wol u. s. w.; 
dazu stimmt aber die dl*itte Zeile schlecht. 



152. VERLORNE ZEIT. 
L. 52. 

Wenn der Dichter die Zeit beklagt, die er im Dienste 
der Geliebten verloren hat, so könnte man das schon als un- 
minniglich gesungen bezeichnen wollen. Das gcleitartige 
Schlußgesetz entschuldigt sein fahrendes Leben noch verbind- 
lich genug und jedenfalls geschickter als es 148, 10 ff. geschehen 
war. Die Z. 25—28 vgl. man mit 150, 7. — Das Lied ist durch- 
aus trochäisch gehalten. 

Min frouw ist ein ungensedec wip, 
dajs an mir als harte missetuot. 
Nu bräht ich doch einen jungen lip 
in ir dienst, und dar zuo hohen muot. 
5 Ouwe do was mir so wol : 
wiest daj nü verdorben! 
waj hanjch erworben? 
anders niht wan kumber den ich dol. 



Verlorne Zeit. 177 



Ouwe mioer wünneclicher tage ! 
10 waj ich der an ir versümet han! 

Da^ ist iemer mines herzen klage, 

Bol diu liebe an mir alsus zergan. 

Lide ich not und arebeit, 

die klage ich vil kleine; 
15 mine zit aleine, 

hab ich die verlorn, daj ist mir Icit. 

In gesach nie houbet baj gezogen; 
in ir herze künde ich nie gesehen, 
le dar uuder bin ich gai* betrogen: 
QO daj ist an den triuwen mir geschehen. 
Möhte ich ir die sternen gar, 
manen unde sunnen 
zeigene hän gewunnen, 
daj waer ir, so ich iemer wol gevar. 

25 In gesach nie sus getane site, 

dajs ir besten friunden wsere gram. 
Swer ir vient ist, dem wil si mite 
rünen, da^ guot ende nie genam. 
Ich weij wol wiej ende ergät: 

30 vint und friunt gemeine, 
der gestets aleine, 
so si mich und jen unrehte hat. 

Miner frouwen darf niht wesen leit, 
daj ich rite und frage in fremediu laut 

35 Von den wiben die mit werdekeit 
lebent. der ist vil raengiu mir erkant, 
Und die schoene sint da zuo; 
doch ist ir deheine, 
weder gr6j noch kleine, 

40 der versagen mir iemer w^ getuo. 



8* 



178 Hohe Minne. 



153. ZU SINGEN GEBOTEN. 
L. 109. 

Mit diesem Liede, wenn es echt ist, hat der Dichter eine 
höhere Stufe im Frauendienst erstiegen. Er ist in den Dienst 
der Herrin aufgenommen und hat nun das Recht, ja die Pflicht 
ihr zu singen. — Das Lied hat trochäischen Gang ; die letzte 
Zeile der Strophen weicht zweimal nur scheinbar von der Re- 
gel ab. 

Cranzer fröiden wart mir nie so wol ze muote : 
mirst geboten, da) ich singen muoj. 
Sselec 81 diu mir da^ wol verste ze guote ! 
mich mant singen ir vil werder gruoj. 
5 Diu min iemer hat gewalt, 
diu mac mir wol truren wenden 
unde senden 
fröide manecvalt. 

Git daj Got daj mir noch wol an ir gelinget, 
10 seht, s6 waer ich iemer mere fro. 

Diu mir beide herze und lip ze fröiden twinget, 

mich betwanc nie me kein wip also. 

E was mir gar unbekant 

da^ diu Minne twingen solde 
15 swie si wolde, 

unz ich} an ir bevant. 

Süe^e Minne, sit nach diner süejen lere 
mich ein wip also betwungen hat, 
Bit si da^s ir wiplich güete gegen mir kere: 
20 so mac mfner sorgen werden rat. 
Dur ir liebten ougen schin 
wart ich alsd wol enpfangen, 
gar zergangen 
was da} truren min. 



Vier Worte. 179 

25 Mich fröit iemer daj ich also guotem wibe 

dienen sol üf minneclichen danc. 

Mit dem tröste ich dicke truren mir vertribe, 

unde wirt min ungemüete kranc. 

Endet sich min ungemach, 
30 so weij ich von wärheit danne 

da} nie manne 

an liebe ba} geschach. 

Minne, wunder kan din gneie liebe machen, 

und din twingen swenden fröiden viL 
35 Wan du lerest liebe üj spunden ougen lachen, 

swä dii m^ren wilt din wunderspil: 

Du kanst fröidenrichen muot 

so verworrenliche verk^ren, 

da} diu seren 
40 sanfte unsanfte tuot. 



154. VIER WORTE. 
L. 63. 

Walther, der schon 150, 37 die Verzagten schalt, hat 
jetzt neuen Grund zu froher Hoffnung und fragt nun gar 
nicht mehr nach den Anfechtungen seiner Feinde, ja er freut 
sich der Gegenstand ihres Neides geworden zu sein; wenn 
sie nur erst recht Ursache dazu hätten! In den beiden letz- 
ten Strophen entsprechen sich Freund und Freundin, Frau 
und Geselle, was zweifeln läßt, ob dieß duzende Lied nicht 
etwa der Gemäßen Minne angehöre. Jedenfalls scheinen 
sich seine Hoffnungen schon sehr weit zu versteigen. — Nur 
die vorletzte Zeile ist jambisch gemeßen, wenn nicht zu lesen 
ist seile. 

Die verzagten aller guoten dinge 
wsenent da} ich mit in si verzaget: 
Ich h&n tröst da} mir noch fröide bringe 
der ich minen kumber han geklaget. 
5 Obe mir liep von der geschiht, 
so enruoche ich wes ein boeser gibt. 



180 Hohe Minne. 

Nit den wil ich iemer gerne liden. 
fronwe, da solt du mir helfen zuo, 
Da) si mich von schulden müe^en niden, 
10 und min liep in herzeleide tuo. 
Schaffe da^ ich fro geste: 
so ist mir wol, und ist in iemer we. 

Friundin unde froun in einer wsete 
wolte ich an dir einer gerne sehen, 
15 Ob ej mir so rehte saufte tsete 
alse mir min herze h4t verjehen. 
Friundin dast ein süeje) wort; 
doch so tiuret frouwe unz an da^ ort. 

Frouwe, ich wil mit hohen liuten schallen, 
20 werdent diu zwei wort mit willen mir; 
So läj ouch dir zwei von mir gevallen,' 
da^s ein keiser küme gsebe dir. 
Friunt und geselle diu sint din : 
s6 si friundin unde frouwe min. 



155. VORBEHALT. 
L. 120. 

Wenn dieß Lied Walthern gehört, so Mit es in diese 
glückliche Zeit seines Minnedienstes. Doch scheinen diese 
beiden Strophen nicht zusammen zu gehören, von metrischen 
Gründen, die auch gegen 156 sprechen, abzusehen. — Nur 
Z. 8 ist trochäisch gemäßen. 

Sit da) ich eigenlichen sol 
die wile ich lebe sin undertän, 
Und si mir mac gebüejen wol 
den kumber, den ich durch si hän 
5 Geliten nü lange und iemer also li en muo), 
da) mich enmac getroesten nieman, si entuo), 
so sol si nemen den dienest min, 

und bewar dar under mich, 
da) si an mir niht versüme sich. 



Gegenwart des Abwesenden. 181 

10 Swer gibt, daj minne sünde si, 

der sol sich e bedenken wol! 

Ir wont vil manec ere bi, 

der man dnrch rebt genießen sol, 

Und volget micbel stsete und dar zuo saelekeit: 
15 da) immer ieman missetuot, da) ist ir leit. 

die valschen minne mein icb nibt: 
diu möbte unminne beiden ba): 

der wil icb immer sin geba). 



156. GEGENWART DES ABWESENDEN. 

L. 44. 165. 

Die dritte Strophe bezieht sich auf Nr. 165 Z. 16, 17. Doch 
halte ich auch dieß Lied nicht für Waltherisch. Diese vier 
Strophen verbindet der Gedanke nicht: sie gleichen eher 
Sprüchen desselben Tons, wie es sonst in Walthers Liedern 
nicht vorkommt. — Die beiden ersten Zeilen des Abgesangs 
gehen trochäisch. 

Min frouwe ist underwilent bie: 
so guot ist si, als ich des wsene, wol. 
Von ir geschiet ich mich noch nie ; 
ist da) ein minne dandern suocben sol, 
5 So wirt si vil dicke eilende 
mit gedanken als icb bin. 
min lip ist bie, so wont bi ir min sin: 
der wil von ir nibt, d6st ein ende, 
nü wolt ich, er getaete ir guote war 
10 und min dar umbe nibt vergseje. 

wa) bilfet, tuon ich dougen zuo? 

s6 sebent si durch min herze dar. 

• 

Ich lepte wol und äne nit, 
wan durch der lügensere werdekeit. 
15 Da) wirt ein langer wemder strit: 
ir liep muo) iemer sin min berzeleit. 



182 Hohe Minne. 

E) erbarmet mich vil sere, 

da)s als offenllche gänt 

und niemen guoten unverworren 14nt. 
20 unstaete, schände, sünde, unere, 

die raten ts iemer swa maus hoeren wil. 

ouwS da) man si niht vermidet! 

daj wirt noch maneger frouwen schade 
und hat verderbet herren vil. 

25 Noch dult ich tougenlichen ha^ 

von einem worte, daj ich wilent sprach. 
Waj niac ichs, zürnents umbe daj ? 
ich wil noch jehen da) ich wilent jach. 
Ich sanc von der rehten minne, 

30 da) si waere sünden fri: 

der valschen der gedaht ich ouch da bi, 
und rieten mir des mine sinne, 
da) ich si hie) unminne: da) tet ich. 
nü vehent mich ir undertäne: 

35 als helfe iu Got, werd ich vertriben, 
ir vrouwen, so behaltet mich. 

Mac iemen desto wiser sin, 

da) er an siner rede vil liute hat, 

Deist an mir worden kleine schin: 
40 e) gät diu werlt wol halbe an minen rat 

Und bin ich iedoch veriiTet 

da) ich lützel hie zuo kan. 

da) mac wol helfen einem andern man. 

ich merke wol, da) e) mir wirret 
45 und wil die vriunt nü ba) erkennen me, 

die guote maere niht verkerent. 
wil iemen löser mit mir reden, 
in mac, mir tuot da) houbet w^. 



i 



Stäter Dienst. 183 



157. STÄTER DIENST. 
L. 180. 

Der Dichter, dem es bisher mit dem Kammer nicht ge- 
glückt ist, will nun den Frohen spielen in der Hoffnung, ihr 
so angenehmer zu sein. An manchen Tagcft will ihm aber 
nichts Frohes begegnen: er muß sich aufs Wünschen und 
Wähnen verlegen. Was er sich aber in der dritten Strophe 
vorspiegelt, erregt ihren Unwillen : sie verbietet ihm es künftig 
zu singen, vgl. 158. Die vierte Strophe geht gegen die Nei- 
der, gehört aber wahrscheinlich zu Nr. 158. Dann ist es wohl 
nur Str. 3, die ihm zu singen untersagt wurde. 

Min Ungemach, da) ich durch si erliteu han, 
swenn ich mit seneden sorgen also sere ranc, 
Sol mich da) als6 kleine wider si vervän, 
hän ich getrüret &ne Ion und ane danc, 
5 S6 wil ich mich gehaben ba): 
waj ob ir fröide lieber ist 

dan truren? seht, ich wünsche euch da), 
und sint ir denne beide unmsere, 
so spilte ich doch des einen gerner 
10 dan jene) da) verloren waere. 

Ich wil nü mere üf ir genade wesen fro 

so verre als ich ir gedenken iemer mac. 

Ine wei) ob allen liuten si also : 

nach eime guoten kumt mir ein s6 boeser tac^ 
15 Da) ich zuo fröiden niht enkan,' 

e)n si von wünschen: des pflac ich 
von kinde gerner denne ieman. 

in ruoche wer min drumbe lachet: 

zewäre wünschen unde wsenen 
20 hänt mich vil dicke fro gemachet. 

Ich wünsche mir so werde, da) ich noch gelige 
bi ir so nähen deich mich in ir ougen sehe, 



184 Hohe Minne. 

Und ich ir also voUeclichen an gesige, 

swes ich si denne vrage, da) si mirs yerjehe. 
25 So spriche ich: wil dus iemer me 

beginnen, du vil saelec wip, 
da) du mir aber tuost so we? 

so lachet si vil minnecliche. 

wie nü, swenn ich mir s6 gedenke, 
30 bin ich von wünschen niht der riche? 

OuwS da) mir so maneger missebieten sol! 

da) klag ich hiute und iemer rehter höveschcit. 

Ir ist ouch lützel, den ir schapel stet s6 wol, 

in vünde in doch ein lange wernde) herzeleit, 
35 Und waere von in anderswa 

wan da) ich gerne bi ir bin: 

da) ist der schade: ich bin et da. 

des muo) ich missebieten liden. 

iedoch swer sine zuht behielte, 
40 dem stüende ein schapel wol von stden. 



158. ENTSAGUNG. 
L. 61. 

Die erste Zeile giebt mit geringer Abänderung nur die 
Melodie an, nach der diese neue Strophe gesungen werden 
soll: es ist die des vorhergehenden Liedes. Auffallend ist die 
Aehnlichkeit der Worte Walthers Z. 44 mit jenen die Wolfram 
bei ähnlicher Gelegenheit im Bewustsein widerfahrenen Un- 
rechts gebraucht: ich wil nü pflegen der zühte min, Lachm. 
S. 5, 33 ; aber auch 157, 39. 40 deutete der Dichter an, daß 
es ihm schwer werde seinen Gegnern gegenüber Faßung und 
Geduld nicht zu verlieren. Von dieser Selbstbeherschung 
handelt auch noch 159 Str. 1. — Alle fünf Strophen dieses 
Tons haben jambischen Gang bis auf Z. 13. 

Ich wil niht me üf ir genäde wesen frö. 

Mir ist min erre rede enmittenzwei geslagen : 
da) eine halbe teil ist mir verboten gar : 



Der Kaiser als Spielmann. 185 

Da) müe^en ander liute singen unde sagen, 
ich sol ab iemer miner zühte nemen war 
45 Und wünneclicher mäje pflegen, 
umb eine), da) si hei)ent ^re, 

lä) ich vil dinges under wegen; 
ma) ich ouch des niht me genießen, 
stet e) als übel üf der straje, 

BÖ wil ich mine tür beslie}en. 

Z. 42 ist dai halbe teil nicht zu urgieren. 



159. DER KAISER ALS SPIELMANN. 

L. 62. 

Der Bezug dieses Liedes auf 157 ergiebt sich am deutlich- 
sten aus dem dritten Gesetze, wo der Dichter sich darauf beruft, 
daß Gedanken ja zollfrei seien: so solle sie ihn denn wün- 
schen und wähnen (hoffen) laßen was er wolle. Wenn dieß 
uns nach Bewandtniss der Umstände sophistisch erscheinen 
könnte, so spricht doch der Dichter aus vollem Bewustsein 
seines Rechts und bietet dann in der letzten Strophe seine 
ganze Kunst auf, die Herrin durch Poesie und Schmeichelei 
zu versöhnen. Daß dieß Lied nothwendig unter der Her- 
schaft eines Kaisers entstanden sein raüße, kann ich nicht zu- 
geben. Der Kaiser war einmal das Haupt der Christenheit: 
ein König hätte hier nicht gleichen Dienst gethan. — Von dem 
jambischen Gange des Liedes weichen Z. 26. 31 und 37 ab. 

Ob ich mich selben rüemen sol, 
s6 bin ich des ein hübescher man, 
da) ich so mange unfuoge dol 
so wol als ich) gerochen kan. 
5 Ein klösensere, ob er) vertrüege? ich wsene, er nein. 
Hset er die stat als ich si han, 
bestüende in danne ein zörnelin, 
e) wurde unsanfter widertan. 
Bwie sanfte ich) also lä)e sin, 
10 Da) und ouch me vertrage ich doch dur eteswa). 



186 Hohe Minne. 

Frouwe, ir habt mir geseit also, 

swer mir beswaere minen muot, 

daj ich den mache wider fr6: 

er schäme sich lihte und werde guot. 
15 Diu lere, ob si mit triuwen si, daj schine an iu. 

Ich fröwe iuch, ir beawseret mich : 

des schämt iuch, ob ich} reden getar ; 

lät iuwer wort niht velschen sich, 

und werdet guot: so habt ir war. 
20 Vil guot Sit ir, da von ich guot von guote wil. 

Frouwe, ir sit schoene und sit ouch wert: 

den zwein stet wol genäde bi. 

waj schadet iu daj man iuwer gert? 

joch sint iedoch gedanke fri. 
25 Wän unde wünsch da} wolde ich allej ledec län: 

höveschent niine sinne dar, 

waj mag ichs, gebents iu minen sanc? 

des nement ir lihte niender war; 

so han ichs doch vil hohen danc. 
30 Treit iuch min lop ze hove, dag ist min werd ekelt. 

Frouwe, ir habet ein werdej tach 

an iuch geslouft, den reinen lip, 

wan ich nie bej^er kleit gesach : 

ir sit ein wol bekleidet wip. 
35 Sin unde saelde sint gesteppet wol dar in. 

Getragene w4t ich nie genau: 

dise naem ich als gerne ich lebe. 

der keiser wurde ir spileman 

umb also wünnecliche gebe: 
40 Da, keiser, spil. nein, hörre keiser, anderswä! 



160. TROST IM LEIDE. 
L 42. 

Auch hier scheint der Dichter seine höchsten Trümpfe 
an die Versöhnung der Herrin setzen zu wollen. Die letzte 
Strophe ist eine Zugabe beim Vortrage vor den Herren. — 
Nur die letzte Zeile der Strophen hat Auftact. 



I 



I 



Trost im Leide. 187 

Wil ab lernen wesen fro, 
daj wir iemer in den sorgen niht enleben? 
We wie tuont die jungen so, 
die von fröiden solten in den lüften sweben? 
5 lehn weij anders weme ichj wijen sol, 
wan den riehen wije ichj und den jungen, 
die sint unbetwungen: 
des stat in trüren übel und stüende in fröide wol. 

Swer verholno sorge trage, 
10 der gedenke an guotiu wip: er wirt erlöst; 

Und gedenke an liebte tage. 

die gedanke wären ie min bester trost. 

Gegen den yinstern tagen hän ich not, 

wan da) ich mich rihte nach der beide, 
15 diu sich schämt vor leide: 

so si den walt siht gruonen. so wirts iemer rot. 

Frouwe, als ich gedenke an dich, 
waj din reiner lip erweiter tugende pfliget, 
So lä stän! du rüere^t mich 
20 mitten an da) herze, dt diu liebe liget. 
Liep und lieber des enmein ich niht: 
du bist [mir] aller liebest, da) ich meine, 
du bist mir alleine 
vor al der weite, frouwe, swaj so mir geschiht. 

25 Wie fro Sselde kleiden kan, 

da) si mir git kumber unde hohen muot! 

So gits einem riehen man 

ungemüete : ouwe wa) sol dem selben guot ? 

Min frou Saelde, wie si min verga), 
30 da) si mir sin guot ze minem muote 

nien schriet, si vil guote 1 

min kumber stüende im dort bi sinen sorgen ba). 



188 Hohe Minne. 



161. SOMMER UND WINTER. 
L. 117. 

Nur wegen der deutlichen Beziehung auf 160 hieherge- 
stellt. Es gehört offenbar einer ganz andern Stimmung an. — 
Der trochäische Gang wird nur in den Stollen strenge durch- 
geführt. 

Nu sing ich als icli e sanc, 
*wil ab iemen wesen fro? 
Da5 die riehen haben undanc, 
und die jungen haben also!' 
5 Wist ich waj in würre 

(da) möhten si mir gerne sagen), 
so hulf ich in ir schaden klagen. 

Swa so liep bi liebe lit 
gar vor allen sorgen fri, 
10 Ich wil daj diu winterzit 
den zwein wol erteilet si. 
Sumer unde winter, 

der zweier eren ist so vil, 
daj ich beide loben wil. 

15 Hat der winter kurzen tac, 

so hat er die langen naht, 

Da) sich liep bi liebe mac 

wol erholn, da) e da vaht. 

Waj han ich gesprochen? 
20 ouwß ja het ich baj geswigen : 

sol ich iemer so geligen? 



Der unkundige Lehrer. 189 

162. DER UNKUNDIGE LEHRER. 

L. 91. 

Dem Inhalte nach mit der zweiten Strophe des Liedes 160 
verwandt, vielleicht aber schon zur gemäßen Minne gehö- 
rig. — Nur die letzte Zeile des Abgesangs sollte jambisch 
anheben. Von dieser Regel finden sich ungewöhnlich viel 
Ausnahmen Z. 8. 11. 14. 19. 20. 21. 29; doch ist wohl Z. 20 
80 und Z. 21 Hei zu streichen. 

Junger man, wis h6hes muotes 
dur dim reinen wol gemuoten wip, 
Fröu dich libes unde guotes, 
unde wirde dinen jungen lip: 
5 Ganzer fröide hast du niht, 

s6 man die werdekeit von wibe an dir niht siht. 

Er hkt rehter fröide kleine, 
der si von guoten wiben niht ennimt, 
OffenbÄre, stille, und eine, 
10 und als e) der mä)e danne zimt. 
Dar an gedenke, junger man, 
und wirp nach herzeliebe : d4 gewinnest an. 

Ob dus danne niht erwirbest, 
du muost doch iemer deste tiure sin. 
15 Dajt an fröiden niht verdirbest, 
daj kumt allej von der frouwen din. 
Du. wirst also wol gemuot, 
daj du den andern wol behagest, swie si dir tuot. 

Ist ab da^ dir wol gelinget, 
20 s6 da^ ein guot wip din genade hat. 
Hei waj dir danne fröiden bringet, 
s6 si sunder wer vor dir gestät: 
Halsen, triuten, bi gelegen, 
von solher herzeliebe muost du fröiden pflegen. 

25 Sich, nü hab ich dich geleret 
des ich selbe leider nie gepflac. 



190 Hohe Minne, 

Ungelücke mir verkeret 
da^ ein sselec man volenden mac. 
Doch tuot mir der gedinge wol 
30 der wile, den ich hän, deich) noch erwerben sol. 



163. DOPPELTER VERSCHLÜSZ. 

L. 93. 

Der Zusammenhang des ersten Gesetzes mit den beiden 
folgenden ist lose und von dem trochäischen Gange des Lie- 
des finden sich bedenklich viel Ausnahmen. Walther würde 
wenig verlieren, wenn ihm dieß und die zunächst folgenden 
Lieder nicht gehörten. 

W aj h&t diu weit ze gebene 
liebers danne ein wip, 
da) ein sende, herze ba) gefröuwen mügeV 
Wa) stiuret ba) ze lebene 
5 danne ir werder lip? 

in weij niht da) zallen fröiden höher tüge, 
Denne swä ein wip von herzen meinet 
den der ir wol lebt ze lobe, 
da ist ganzer trost mit fröiden underleiuet : 
10 disen dingen hat diu weit niht dinges obe. 

Min frouwe ist zwir beslo§)en, 

der ich liebe trage, 

dort verklüset, hie verheret da ich bin. 

Des einen hat verdrojjen 
15 mich nü manege tage; 

so git mir da) ander senelichen sin. 

Solt ich pflegen der zweier slüjjel huote, 

dort ir libes, hie ir tugent, 

disiu Wirtschaft nseme mich ü) sondern muote, 
20 und hset iemer von ir schoene niuwe jugent. 

Wsenet huote scheiden 

von der lieben mich, 

die ich mit stseten triuwen h^r gemeinet hanV 



Treue. 191 



Solhe liebe leiden, 
25 des verzihe sich: 

ich dien iemer üf den miiineclichen wän. 

Mac diu huote mich ir libes pfänden, 

da habe ich ein troesten bi: 

sin kan niemer von ir liebe mich gewenden : 
30 twinget si daj eine, so ist da) ander fri. 



164. TREUE. 
L. 96. 

Von der Regel, daß nur die beiden letzten Zeilen (10. 11 
u. 8. w.) jambischen Gang haben, giebt es nach Wegschaffung 
der scheinbaren immer noch (Z. 19. 20. 23. 26. 31. 39. 42) zu 
viel Ausnahmen. 

Stset ist [ein] angest unde [ein] not: 
in weij niht obs ere si: 
si git michel ungemach. 
Sit [daj] diu liebe mir gebot 
5 da) ich stsete wsere bi, 
wa) mir leides sit geschach! 
Lät mich ledec, liebe min fro Staate, 
wan ob ich sis iemer bsete, 
so ist si stseter vil dann ich. 
10 ich mao) von miner stsete sin verlorn, 
diu liebe enanderwinde ir sich. 

Wer sol dem des wij^en danc, 

dem von stsete liep geschiht, 

nimt der stsete gerne war? 
15 Dem an stsete nie gelanc, 

ob man den in stsete siht, 

seht, des stsete ist lüter gar. 

Also habe ich stsete her gerungen: 

noch enist mir [leider] niht gelungen. 
20 da) wende, sselec frouwe min, 

da) ich der valschen ungetriuwen spot 
von miner stsete iht müe}e sin. 



192 Hohe Minne. 

Hat ich niht miner fröiden teil 

an dich, herzeliep^ geleit, 
25 so möht es wol werden rät. 

Sit nü min fröide und al min heil, 

dar zuo al min werdekeit 

niht wan an dir einer std,t, 

Solt ich dan min herze von dir scheiden, 
30 so müest ich mir selben leiden: 

daj waere mir niht guot getan. 

iedoch solt du gedenken, saelec wip, 
da^ ich nü lange kumber han. 

Frouwe, ich weij wol dinen muot: 
35 daj du gerne stsete bist, 

da^ hab ich befunden wol. 

Ja hat dich vil wol behuot 

der vil reine wibes list, 

der guotiu wip behüeten sol. 
40 Sus fröit mich din sselde und ouch din ere, 

und enhan niht fröide mere. 

nü sprich, bin ich dar an gewert? 

du solt mich, frouwe, des genießen lan,' 
da^ ich so rehte han gegert. 



165. DIE AUGEN DES HERZENS. 

L. 99. 

Von dem trochäischen Gange entbinden sich Z. 9. 11. 
19. 26. 27. Nachdem schon Z. 17 von den Augen des Herzens 
die Rede war, überrascht es nicht mehr, wenn der Dichter 
uns Z. 24. 25 sagt, es seien die Gedanken seines Herzens, 
durch die er die Geliebte sehe. 

Sumer unde winter beide sint 
guotes mannes trost, der trostes gert: 
Er ist rehter fröide gar ein kint, 
der ir niht von wibe wirt gewert. 
5 Da von sol man wijjen da$, 
da^ man elliu wip sol Sren, 
und iedoch die besten baj. 



Der Sieger im Schach. 193 



« 



Sit da^ nieman ^e fröide touc, 
86 wolte ouch ich vil gerne fröide han 
10 Von der mir min herze nie gelouc, 
e^n sagte mir ir güete ie sunder w4n. 
Swenn e) dougen sante dar, 
seht, s6 brähtens im diu msere, 
daj e^ fuor in Sprüngen gar. 

15 In weij niht wol wiej dar umbe si: 

sin geaach min ouge lange nie: 

Sint ir mines herzen ougen bi, 

so da) ich &n ougen sihe sie? 

Da ist doch [ein] wunder an geschehen: 
20 wer gap im da) sunder ougen, 
dei) si zaller zit mac sehen? 

Welt ir wi5)en wa) diu ougen sin, 
da mit ich si sihe dur elliu lant? 
E) sint die gedanke des herzen min, 
25 die dk sehent dur mure und ouch dur want. 
Nu hüeten 3wie si dunke guot, 
so sehent si doch mit vollen ougen 
herze wille und al der muot. 

Wirde ich iemer ein so sselec man, 
30 da) si mich an ougen sehen sol? 

Siht si mich in ir ge danken an, 

so vergiltet si mii* mine wol. 

Minen willen gelte mir, 

sende mir ir guoten willen; 
35 minen den habe iemer ir. 



166. DER SIEGEE IM SCHACH. 
L. 113. 

Die Herrin beginnt sich dem Dichter zuzuneigen. Ob 
er aber hier und 170 eigene Erlebnisse schildert, steht da- 
hin. Nur die letzte Zeile pflegt jambisch anzuheben. Z. 3 
steht minne in der Senkung. 

9 



194 Höbe Minne. 

• 

• Mir tuot einer slahte wille 
sanfte, und ist mir doch dar nnder w^. 
leb minne einen ritter stille: 
dem enmag ich nibt versagen mS 
5 Des er mich gebeten b&t: 

tnon icbs nibt, micb dunket da) min niemer werde r4t. 

Dicke dunke icb micb so stsete 
mines willen, so mir da|\ gescbibt, 
Swie vil er micb denne bsete, 
10 al die wile so enbulfe e) nibt. 
leze bin icb den gedanc: 
waj bilfet da)? der muot ist küme eines tages lanc. 

Wil er micb vermiden mere, 
so versuocbet er micb alze vil. 
15 Ouw6 des fiirht icb vil söre, 

da) icb mno) veijeben swes er wil. 

Gerne bet icb) nn getan, 

wan deicb) im muo) versagen und wibes ere sol begän. 

In getar vor tüsent sorgen, 
20 die micb twingent in dem berzen min 
Beide den 4bent und den morgen 
leider nibt getuon des willen sin. 
Da) icb) iemer einen tac 
sol fristen^ d^st ein klage diu mir ie bi dem berzen lac. 

25 Sit da) im die besten j4ben 

da) er als6 scböne künne leben, 

S6 hka icb oucb im vil n4ben 

in mim berzen eine stat gegeben, 

Da nocb nieman in getrat. 
30 si bänt da) spil verlorn, er eine tuot in allen mat.' 



Zweifel. 195 



167. ZWEIFEL. 
L. 71. 



Die beiden ersten Stpophen, die einen Wechsel bilden, 
passen nicht zu wohl aufeinancler. Zwei andere ebenfalls un- 
ter sich wie mit diesen unverbundene Strophen gleichen Tons 
werden Reinroar zugeschrieben, dem auch die ersten gehören 
möchten. Der Gang ist durchaus jambisch. 

Ich boere im maneger eren jehen, 
der mir ein teil gedienet bat. 
Der im [in] sin herze kan gesehen, 
an des genäde suocb ich rät, 
5 Daj er mirj rehte erscheine. 

nü fürbt ab ich da^ er) mit valscbe meine. 

tset er mir noch den willen schin, 

bset ich ibt liebers danne den lip, des müe^er berre sin/ 

Wie kumt da^ ich so wol verstän 
10 ir rede, und si der miner niht, 

Und ich doch gröjer swaere enhän, 

wan'da) man mich fro drunder siht? 

Ein ander man e) lie)e: 

na volg ab ich, swie ich es niht genieße. 
15 swa) ich dar umbe swaere trage, 

da enspriche ich niemer übel zno, wan so vil da) ich) 

klage. 

Ich lebte ie nach der Uute sage 
wan da) si niht gelicbe jehent. 
Als ich ein bdbe) herze trage 
20 und si mich wol gemuoten sehent, 
Da) ba))et einer sdre, 
der ander gibet, mir si fröide ein ere« 
nun wd) ich weme ich volgeu sei, 
wan bete ich wisheit unde sin, ich tsete gerne wol. 



196 Hohe Minne. 

25 Ist da) mich dienest helfen sol 

als e) doch manegen hat getan, 

So gewinnet mir ir hnlde wol 

ein wille, den ich hinte han. 

Der riet mir deich ir bcete 
30 und zürnt ab si), da) ich e) dannoch taete. 

nü wil ich) tuon swa) mir geschiht: 

ein reine wise sselec wip Is^ ich so lihte niht. 



168. WIE UND WO. 
L. 119. 

Auch dieß schreib ich Walthern nicht zu ; eher möchte 
ihm 186 ffehören, das mit diesem durch Körner verbunden ist. 
Auch dieß mit Ausnahme von Z. 7 jambisch gehaltene Lied 
ist ein Wechsel. 

Got gebe ir iemer guoten tac 
und l&)e mich si noch gesehen, 
Diech mmne und niht erwerben mac. 
mich müet da) ich si horte jehen 
5 Wie holt si mir entriuwen waere, 
und sagte mir ein ander maere, 
des min herze inneclichen kumber lidet iemer stt. 
ouwe wie 8üe)e ein arebeit! 
ich hän ein senfte unsenftekeit. 

10 *Got h&t vil wol ze mir getan, 

Sit ich mit sorgen minnen sol, 

Da) ich mich underwunden h&n 

dem alle liute sprechent wol. 

Im wart von mir in allen g4hen 
15 ein küssen und ein umbev&hen: 

dö scho) mir in min herze da) mir iemer nähe Ht 

unz ich getuon des er mich bat. 

ich taste), wurde mirs diu stat.^ 



Erhör ang. 197 

169. ERHÖRÜNa: 
L. 71. 



Wechselrede, ganz jambisch gehalten. 

Mich h4t ein wünneclicher wan 
und ouch ein lieber friundes trost 
in senelicben kumber brslbt: 
Sol der mit fröide an mir zerg&n, 
5 so enwirde ichs anders nibt erlöst, 
e^n kome als ich mir^ hän gedaht 
Umb ir vil minneclichen lip, 
diu mir enfremedet alliu wip, 
Bwie ichs alle dur si ^ren muo). 
10 jo enger ich anders lones niht 
von ir deheiner, wan ir gruo^. 

'Mit valscheloser güete lebt 

ein man der mir wol iemer mac 

gebieten swaj er ere wil. 

15 Sin staete mir mit fröide gebt, 
wan ich onch sin vil schone pflac: 
da) kumt von großer liebe vil. 
Mir ist an ime, des muo) ich jehen, 
ein scboene) wibes heil geschehen. 

20 diu saelde wirt uns beiden schin. 
sin tugent hat ime die besten etat 
erworben in dem herzen min/ 

Die mine fröide h4t ein wip 
gemachet staete und mich erlost 

25 von sorgen al die wile ich lebe. 
Gen4de suoch ich an ir lip: 
enpfahe ich wünneclichen trost, 
der mac wol heilen friundes gebe. 
Ein mannes heil mir da geschach, 

30 da si mit rehten triuwen sprach, 
ich müeje ir herzen nähe sin. 
nu endarf es nieman wunder nemen, 
ob äne sorge lebt dej min. 



196 Hohe Minne. 

170. TAGELIED. 
L. 88. 

Der Minnedichter kann über die Schönheit und Gute der 
Herrin nicht weit hinaus; wohl darf er noch den Lohn er- 
flehen; aber die Sitte verwehrt ihm, sich der genoßenen 
Gunst zu rühmen: darum muß er Alles verschweigen woraus 
auf den Gegenstand seiner Huldigungen geschloßen werden 
könnte, vgl. zu 144. Dieß bringt eine Einförmigkeit in den 
Minnegesang, die in der obigen langen Reihe werbender Lie- 
der gewiss manchmal fühlbar geworden ist. Jene Schranke 
konnte nur auf künstliche Weise durchbrochen werden-. Dazu 
diente das Tagelied, das von dem Morgengesang, womit der 
Tag begrüßt wird, den Namen hat. Die Provenzalen nennen 
es Alba, d. h. Morgenroth ; ^ Fr. Diez (Poesie d. Tr. S. 115) 
schildert, es mit treffender Kürze: »es feiert das Glück zweier 
Liebenden, indem es den Tagesanbruch verwünscht.« Bei dem 
Wächterlied e, einer Art des Tageliedes, fällt dabei dem 
Wächter die Rolle zu, den Anbruch des Tages zeitig zu mel- 
den, damit der begünstigte Ritter sich nicht versäume und 
mit seinem Leben zugleich die Ehre der Herrin gefUhrde. In 
solchen Darstellungen, welche die Minnesänger mit den rei- 
zendsten Farben ausstatteten, genoßen sie des VortheiU, das 
Gebiet ihrer Kunst auf das anmuthigste Feld zu erstrecken 
ohne gegen Sitte und Anstand zu verstoßen. Auch verriethen 
sie dabei nichts, denn diese Schilderungen waren ganz un- 
persönlich. Das einzige Tagelied, das unserm Dichter zuge- 
schrieben wird, trägt nicht ganz den Charakter seiner Poesie, 
die einen hellem, vollem Ton liebt; doch mochte er dieß 
bange Helldunkel, das ungewisse Zwielicht, das den nahenden 
Tag androht, jeder andern Färbung seines Tageliedes vor- 
ziehen. Die innig flüsternde Heimlichkeit, welche der Genuß 
verstohlener herzlicher Liebe bedingt, konnte nicht beßer als 
durch das gewählte, seltsam abgebrochene Maß und die ent- 
fernt stehenden Reime ausgedrückt werden. Der Nachahmung 
von Wolframs Stil, den man hier hat finden wollen, steht 
doch die Zweitheiligkeit dieses Liedes und die Abwesenheit 
des Wächters, der Z. 66 nur genannt wird, aber nicht als 
dritte Person mit auftritt wie in Wolframs Wächterliedern, 
entgegen. Ist das Lied von Walthern, so hat er sich woKl 
nur in einer beliebten volksmäßigen Gattung versuchen wollen. 
Es ist auch in alterthümlicher Metrik, mit fehlenden Sen- 
kungen und Vorschlagssilben gehalten. Die Einschnitte sind 
klingend, indem sie zwei Hebungen tragen. 



Tagelied. 199 



Friuntlichen lac 
ein riter vil gemeit 
an einer frouwen arme. 

er kds den morgen lieht, 
5 do er in dar diu wölken 

s6 verre schinen sach. 
Diu frouwe in leide sprach 
Ve geschehe dir, tac, 
da) du mich last bi liebe 
10 langer bliben nieht. 
da) si dk hei^eut minne, 

deis niewan senede leit.' 

^Friundinne miu, 
du solt din trüren 14d. . 
15 ich wil mich von dir scheiden: 

da) ist uns beiden guot. 
e} h&t der morgensterne 

gemachet hinne lieht/ 
'Min friuDt, du tuo des nieht, 
20 la die rede sin, 

da) du mir iht so sere 

beswaerest minen muot. 
war gäbest also balde? 

e) ist niht wol getan/ 

25 'Frouwe min, da) si, 
ich wil beliben baj. 
DU rede in kurzen ziten 

alle) da) du wiJ, 
da) wir unser huote 
30 triegen aber als e/ 

'Min friunt, da) tuot mir we 
S ich dir aber bi 
gelige. miner swsere 
derst leider alze vil. 
35 nü mit mich niht lange: 
vil liep ist mir da)/ 



200 Hohe Minne. 

*Di^ muo} also geschehen 
da) ich es niene mac. 
sol ich dich, frouwe, miden 
40 eines tages lanc, 
so enkumt min herze 

doch niemer von dir.' 
'Min friunt, nü volge mir. 
du seit mich schiere sehen, 
45 ob du mir sist mit triuwen 

stsete sunder wanc. 
ouwe der ougenweide! 

nü kius ich den tac/ 



f Waj helfent bluomen r6t, 
50 sit ich nü hinnen sol? 
vil liebiu friundinne, 

die sint unmsßre mir 
reht als den vogellinen 
die winterkalten tage/ 
55 ^ Friunt^ dest ouch min klage 
und mir ein wernde not. 
Jon wei} ich niht ein ende, 
wie lange ich din enbir. 
nü lige eht eine wile: 
60 son tset du nie so wol.'] 

*" Frouwe, es ist zit: 
gebiut mir, la mich yam. 
j4 tuen ich) dur din Sre, 

da) ich von hinnen ger. 
65 der wdhter diu tageliet 

b6 lüte erhaben h&t.' 
'Friunt, wie wirt es rät? 
d4 14)e ich dir den strit. 
ouwe des ürlöubes, 
70 des ich dich hinnen wer! 
von dem ich habe die sele, 

der müe)e dich bewarn.' 



Entgegnungen. 201 



Der riter dannen schiet: 
dö sente sich sin lip, 
75 und lie) ouch sSre weinde 

die schcenen frouwen guot. 
doch galt er ir mit triuwen 

da)s ime vil nahe lac. 
Si sprach 'swer ie gepflac 
80 ze singen tageliet, 

der wil mir wider morgen 

beswsßren minen muot. 
nü lige ich liebes sine 

reht als ein senede wip/ 



171. 172. ENTGEGNUNGEN 
AUF ZWEI STBOPHEN REINMAR DES ALTEN. 

L. 212. 111. 

Diese Entgegnungen fallen noch in die Zeit der hohen 
Minne^ der sie hier angehängt sind. — Die Lieder haben mit 
Ausnahme von Z. 17. 84 jambischen Gang, jedoch mit aasfal- 
lenden Senkungen Z. 2. 8. 11. Vgl. aber LSF. 159. 292. 

Reinmar. 

Ich wirbe umb alle) da) ein man 
ze werltlichen fröiden iemer haben sol. 
Da) ist ein wip der ich enkan 
n&ch ir vil gr6)en werde uiht gesprochen wol. 
5 Lob ich si so man ander frouwen tuot, 
da}n nimt si niemer tac von mir für guot. 
doch swer ich des, sist an der stat 
da si ü) wiplicher tugent nie fuo) getrat, 
da) ist in mat. 

Walther. 

10 flin man verbiutet äne pfliht 

ein spil, des im nieman wol gevolgen mac. 

9* 



202 Hohe Minne. 

Er gihet, swenne ein wip ersiht 
sin ouge, ir si mat sin österlicher tac. 
Wie wsere uns andern liuten s6 geschehen, 
15 solt wir im alle sines willen jehen? 
ich bin der imej versprechen muoj: 
bejjer wsere miner frouwen senfter gmo). 
deist mates buo^. 

Reinmar. 

Mac ich, da) mirs min sselde gan, 
20 ab ir wol redendem munde ein küssen noch versteln, 

Git Got da) ich ej bringe dan, 

so wil ich) tougenlichen tragen und iemer heln. 

Und ist da) si) für gr6)e swsere hat 

und vehet mich dur mine missetät, 
25 wa) tuen ich danne, unsselec man? 

dk nim et ich) und lege) hin, wider da ich) d4 nan 

als ich wol kan. 

Walther. 

Ich bin ein wip da her gewesen 

so stsete an eren und ouch alsd wol gemuot; 
30 Ich trüwe ouch noch vil wol genesen, 

da) mir mit steine nieman keinen schaden tuot. 

Swer küssen hie ze mir. gewinnen wil, 

der werbe ab e] mit fuoge und äne spil. 

ist da) e) im wirt ies4, 
35 er muo) sin iemer sin min diep, und habe im) da 

und anderswä. 



Oemiße Minne. ^S 



C. GEMASZE MINNE. 

173. DREIERLEI MINNE. 
L. 46. 

Das Lied ist ein späterer Zusatz zu 126, mit welchem 
sich der Dichter zuerst der hohen Minne zugewandt hatte. 
Mit dieser war es ihm nicht geglückt: er will es nun mit der 
gemäßen versuchen und nicht mehr über seinen Stand hin- 
aus minnen. Auch die gemäße Minne steht der nieder n 
entgegen und kann ihr gegenüber zur hohen zählen. In der 
ersten Strophe wendet sich der Dichter an Frau Maße mit 
der Bitte, ihn eben werben zu lehren, da er erst zu nieder 
dann zu hoch werbend keine Befriedigung gefunden habe. In 
der andern Strophe sagt er uns was er unter niederer und 
hoher Minne verstehe, vermisst aber bei letzterer Frau Maße, 
weshalb er dem Winke der hohen Minne nicht Folge leisten 
kann, denn die Herzgeliebte entführt ihn ihr Z. 19. Wer 
die Herzgeliebte ist, zeigen die folgenden Lieder, am deut- 
lichsten 175. 

Aller werdekeit ein füegerinne, 
da} sit ir zeware, frouwe Mäje. 
er 88elec man, der iuwer lere hat! 
Der endarf sich iuwer niender inne 
5 weder ze hove schämen noch an der strH^e. 
dur da) so suoche ich, frouwe, iuwem r4t, 
D^ ir mich ebene werben leret. 
wirbe ich nidere, wirbe ich h6he, ich bin verseret 
ich was vil nach ze nidere t6t, 
10 ni^ bin ich aber ze h6he siech, 
unmä^e enlät mich £i,ne not. 

Nideriu minne heilet diu b6 swachet, 
da} der lip nach kranker liebe ringet: 
diu liebe tuot unlobeliche we. 
15 Hohiu minne reijet unde machet 

da} der muot nach werder liebe üf swinget : 
diu winket mir n^, da} ich mit ir g^. 



204 Gemafie Minne. 

Nun wei) ich wes diu Maje beitet. 
kumet diu herzeliebe, so bin ich verleitet: 
20 min ougen hant ein wip ersehen, 
swie minneclich ir rede si, 

mir mac wol schade von ir geschehen. 



174. DIE BADENDE. 
L. 53. 

Dieß Lied verhält sich zur gemäßen Minne wie 125 zur 
hohen. In der dritten Strophe Z. 25 ff. greift er zu dem 
Bild vom Himmel Z. 12 zurück um es zu rechtfertigen und näher 
auszufahren. Auf Armut der Waltherschen Kunst konnte 
daraus nicht geschloßen werden ; auch würde sie wenig reicher 
dadurch, wenn er in zwei Parallelstrophen dasselbe Bild hätte 
brauchen müßeu. Es ist eine wölfische Kritik, die darauf 
ausgeht, die schönsten Gedichte zu zerreißen. Vgl. übrigens 
Pfeiffer Germ. II, 470. — Das Lied ist ganz jambisch gehalten. 

Si wunderwol gemachet wip, 
daj mir noch werde ir habedanc! 
Ich setze ir minneclichen lip 
vil werde in minen hohen sanc. 
5 Gern ich in allen dienen sol: 
doch han ich mir dise ü| erkom. 
ein ander wei} die sinen wol: 
die lob er äne minen zorn; 
hab ime wis nnde wort 
10 mit mir gemeine: lob ich hie, so lob er dort. 

Ir houbet ist so wünnenrich 

als e} min himel welle sin. 

Wem solde e) anders sin gelich? 

e} h4t ouch himeleschen schin. 
15 D4 liuhtent zwine sternen abe, 

d4 müeje ich mich noch inne ersehen, 

da} si mirs als6 nahen habet 

so mac ein wander wol geschehen: 

ich junge und tuot si da}, 
20 und Wirt mir geraden siechen seneder sühte ba}. 



Schönheit and Liebreiz. 205 

Got hiLt ir wengel höhen fli), 

er streich s6 tiure varwe dar, 

So reine rot, so reine wil, 

dk roeseloht, da liljenvar. 
25 Ob ich} vor sünden tar gesagen, 

so saehe ichs iemer gerner an 

dan himel oder himelwagen. 

ouwS wa) lob ich tumber man ? 

mach ich mir si ze her, 
30 yil übte wirt mins mundes lop mins herzen ser. 

Ir kel, ir bende, ietweder fuoj, 

da} ist ze wünsche wol getan. . 

Ob ich da enzwischen loben muo}, 

so wsene ich me beschouwet hän. 
35 Ich het ungerne 'decke blojT 

gerüefet, do ich si nacket sach. 

si sach mich niht, do si mich scbo}, 

da} mich noch stiebt als e} do stach, 

swann ich der lieben stat 
40 gedenke, das ü} einem reinen bade trat. 

Si hat ein küssen, da} ist rot: 

gewünne ich da} für minen munt, 

So stüende ich üf von dirre n6t 

und wsere onch iemer me gesunt. 
45 Swem si da} an sin wengel legt, 

d4 wsere ich gerne nähen bi: 

e} smecket, so man} iender regt, 

alsani e} volle} balsmen si- 

da} sol si Üben mir: 
50 swie dicke s6 sii wider wil, so gibe ich} ir. 



175. SCHÖNHEIT UND LIEBREIZ. 

L. 49. 

Der Anfang des zweiten Gesetzes hatte zu der Meinung 
verführt, als sei jiier von der niedem Minne die Bede ; aber 
Alles was in 173 von der niedem Minne gesagt wird, passt 



206 Gemäße Minne. 

hier nicht. Frau Mä^ hat jetzt den Dichter ebene werben 
gelehrt: er liebt ein Mädchen seines Standes, höher will er 
^nicht werben. Diese Lieder sind herzlicher und wärmer als 
alle andern in Walthers Buch der Lieder ; hier braucht er zu 
Schalk]^fiit-Jind_ Humor nicht die Zuflucht zu nehmen, hier 
sm^Tle SohranEen^ durchbrochen; welche den Minnegesang* 
jener Zeit von Wahrheit und Natur zurückhielten, hier hat 
das von Veldeke jofeimpfte Beis der höfischen Dichtung auf 
deutschem Boden endlich auch deutsche Fruchte getragen. 
Wie sich Wolfram von dem Wächterliede lossagte und ein 
Liebesglück pries, ' das nicht zu schleichen brauche, wie er 
dihin im Parzival seinen Helden sich nach keiner andern Frau 
sehnen läßt, als nach Coudwiramurs seiner Gemahlin, so hat 
auch Walther den Frauendienst zuletzt wieder auf den Boden 
der Sittlichkeit gestellt. — Das Lied wechselt mit trochäisch 
und jambisch gemeßenen Zeilen. 



r 



Herzeliebej frouwelin, 
Got gebe dir hiute und iemer guot. 
Kund ich baj gedenken din, 
des bete ich wiileclichen muot. 
5 Waj sol ich dir sagen me 

wan daj dir nieman holder ist dann ich? d& yon ist 

mir vil we. 

Si verwi^ent mir da} ich 
s6 nidere wende mfnen sanc. 
Da) si niht versinnent sich 
10 wa} liebe si, des haben undanc! 
Si getraf diu liebe nie. 

die n^ch dem guote und nach der schoene minnent, we 

wie minnent die? 

Ei der schoene ist dicke ha}: 
zer schoene niemen st ze gach. 
15 Liebe tuot dem herzen ba}: 
der liebe gSt diu schoene nach* 
Liebe machet schoene wip : 

desn mac diu schoene niht getuon, sin machet niemer 

lieben Ifp. 

Ich vertrage als ich vertruoc , 

20 und als ich} iemer wil vertragen. 



^' 



Preis der Minne. 207 

Du bist schoene und hast genuoc: "^ 

wa$ mugen si mir d4 von gesagen? 

Swa^ si sogen, ich bin dir holt, 

und nim din glesin vingerÜn für einer Iküneginne golt. 

25 HSrSt du triuwe und stsetekeit, 

80 bin ich des an angest gar 

Da) mir iemer herzeleit 

mit dinem willen widervar. 

Hast ab du der zweier niht, 
30 son müejest du mir niemer werden, ouw^ danne, ob 

daj geschiht! 



176. PREIS DER MINNE. 
L. 92. 

Die neue Geliebte übertrifft alle andern Frauen, weil sie 
mit der Schönheit Liebreiz verbindet und damit erst wahre 
Herzensfreude (herzeliebe) gewährt. Darum wird sie auch 
selbst als die herzdiehe 173, 19 bezeichnet und 175, 1 herze- 
Uehei frouwelin angeredet. Die letzten Strophen sind wohl 
spätere Zusätze zu dem Liede, da sie nur die Minne überhaupt 
preisen, nicht mehr die Minne der Anmuthigen,.Liebreizenden ; 
aber zur gemäßen Minne gehören auch sie, denn bei der ho- 
hen warb man vergebens um ander Uep Z. 28. — Das Lied ist 
jambisch gehalten. 

Ein niuwer sumer, ein niuwe zit, 
ein guot gedinge, ein lieber w4n, 
Diu liebent mir en widerstrit, 
da} ich noch trost ze fröiden h&n. 
5 Noch fröwet mich ein ander} ba) 
dan aller vogelline sanc: 
swa man noch wibes güete ma}, 
d4 wart ir ie der habedano. 
da} meine ich an die frouwen min: 
10 da muo} noch mere trdstes sin. 
sist schoener danne ein schcene wip : 
die schoBne machet lieber lip. 



20& Gemäße Minne. 

Ich wei} wol da^ diu liebe mac 
ein schoene wip gemachen wol: 

15 ledoch swelch wip ie tagende pflac, 
daj ist diu der man wünschen sol. 
Diu liebe st^t der schoene bi 
bag danne gesteine dem golde tuot : 
nü jehent wag danne begger si, 

20 hant dise beide rehten muot. 
si hoehent mannes werdekeit: 
swer ouch die süegen arebeit 
dnr si ze rehte kan getragen, 
der mac von herzeliebe sagen. 

25 Der blic gefrönt ein herze gar, 
den minneclich ein ^ip an siht: 
Wie weit ir danne daj der var, 
dem ander liep von ir geschihtV 
Der ist eht manger fröiden rieh, 

30 so jenes fröide gar zergat. 

wag ist den fröiden ouch gelich, 

da liebeg herze in triuwen stät, 

in schoene, in kiusche, in reinen siten? 

swelch sselec man dag hat erstriten, 

35 ob er dag vor den fremden lobet, 
so wiggent dag er niht entobet. 

Wag sol ein man der niht engert , 

gewerbes umb ein reine wip? 

Si läge in iemer ungewert, 
40 eg tiuret doch wol sinen lip. 

Er tuo dur einer willen so 

dag er den andern wol behage: 

so tuot in ouch diu eine fro, 

ob im diu ander gar versage. 
45 dar an gedenke ein sselec man: 

d4 lit vil sselde und eren an. 

swer guotes wibes minne h4t, 

der schämt sich aller missetHt. 



•• 



GemeinsaVne Minne. 209 



177. GEMEINSAME MINNE. 
L. 50. 

Die letzte Strophe zeigt, daß auch dieses Lied der ge- 
mäßen Minne angehört. Vielleicht wären noch andere hie- 
herzuziehen 126 (Deutschlands Ehre) 149. 154. 162. 164. Von 126 
könnte man es des Vorzugs wegen vermuthen, der in der dritten 
Strophe der deutschen Sitte gegeben wird. — Das Lied ist 
ganz trochäisch. 

Bin ich dir unmsere, 
des enwei) ich niht: ich minne dich. 
Eine) ist mir swsere, 
du sihst bi mir hin und über mich. 
5 Da) solt dt vermiden. 
in mac niht erliden 
seihe liebe an gr6)en schaden: 
hilf mir tragen, ich bin ze vil geladen. 

Sol da) sin din huote, 
10 da) din ouge mich s6 selten siht? 

Tuest du da) ze guote, 

sone wi)e ich dir dar umbe niht. 

S6 mit mir da) houbet, 

da) si dir erloubet, 
15 und sich nider an minen fuo) 

so du ba) enmügest: da) si din gruo). 

Frouwe, du versinne 
dich ob ich dir zihte msere si. 
Eines friundes minne 
20 diust niht guot, da ensi ein ander bi. 
Minne entouc niht eine, 
si sol sin gemeine, 
so gemeine da) si ge 
dur zwei herze und dur deheine) me. 



210 Gemäße Minne. 

25 Swanne ichs «Ue schouwe, 

die mir suln von schulden wol behagen, 

S6 bist du) min frouwe: 

da) mac ich wol äne rüemep sagen. 

Edel unde riebe 
30 sint si sumelicbe, 

dar zuo tragent si hohen muot: 

lihte sint si be))er, du bist guot. 



178. ÜNMINNIGLICH GESUNGEN. 

L. 47. 

Bei jenen fürstlichen Frauen^ welchen die Lieder der 
hohen Minne galten, hatte der Dichter auf Minnelohn nicht 
zu hoffen. Nicht einmal einen Gruß konnte er von ihnen er- 
langen. Darum will er ihnen jetzt ala ein stolzer Mann den 
Bücken kehren und nur solche im Liede preisen, die ihm zu 
lohnen wißen. Das ist der Inhalt der dritten Strophe, deren 
Zusammenhang mit den vorhergehenden darin liegt, daß er 
auch hierin sich nach Zeit und Umgebung richtet. Wenn 
aber die Frauen jetzt die Männer alle einander gleich stellen, 
vgl. zu 181, 80 müste das zu ihrem eigenen Schaden ausschla- 
gen, wenn die Männer sich nach ihrem Beispiele richten und 
auch zwischen den Frauen keinen Unterschied machen wollten. 
Auch hierin ist die Minne entartet. — Die Stollen sind jam- 
bisch gemeßen, der Abgesang bis auf die letzte Langzeile 
trocbäisch. 

Zwo.fuoge hän ich doch, swie ungefüege ich si: 

der hän ich mich von kinde her vereinet. 

Ich bin den fron bescheidenlicher fröide bi, 

und lache ungerne s6 man bi mir weinet. 
5 Durch die liute bin ich fro, 

durch die liute wil ich sorgen: 

ist mir anders dannc alsd, 

waj dar umbe? ich wil doch borgen. 

swie si sint so wil ich sin, 
10 da) si niht verdrieße min. 

manegem ist unmsere 

swaj einem andern werre: 

der si ouch bi den Hüten swsere. 




/ ^ 



ÜDminniglioh gesungen. 211 

Hie vor, do man s6 rehte minneclichen warp, 
15 do wären mine sprüche fröiden riebe: 

Sit da| diu minneclicbe minne also verdarp, 

Sit sanc euch ich ein teil nnminnecliche. 

lemer als ej danne stat, 

als6 sol man danne singen. 
20 swenne unfuoge nü zergät, 

so sing aber von höfschen dingen. 

noch kumt fröide und sanges tac: 

wol im, ders erbeiten mac! 

derj gelouben wolte, 
25 so erkande ich wol die fuoge, 

wenn unde wie man singen solte. 

Ich sanc hie vor den frouwen umbe ir bloßen gruo): 

den nam ich wider mime lobe ze 16ne. 

Swa ich des geltes nü vergebene warten muoj, 
30 da lobe ein ander, den si grtiejen schöne. 

Swa ich niht verdienen kan 

einen gruo) mit mime sänge, 

dar ker ich vil herscher man 

minen nac ode ein min wange. 
35 daj kit *mir ist umbe dich 

rehte als dir ist umbe mich.* 

ich wil min lop keren 

an wip die kunnen danken: 

waj h4n ich von den überheren? 

40 Ich sage iu waj uns den gemeinen schaden tuot. 

diu wip gelichent uns ein teil ze sere, 

Daj wir in also liep sin übel alse guot : 

seht, da^ geliehen nimet uns fröide und ere. 

Schieden uns diu wip als e, 
45 daj si sich ouch liefen scheiden, 

dag gefrumt uns iemer me, 

mannen unde wiben, beiden. 

waj st^t übel, waj. stet wol, 

Sit man uns niht scheiden sol? 
50 edelin wip, gedenket 

da$ och die man waj kunnen: 
gelichents iuch, ir sit gekrenket. 



212 Gemifie Miiiiie. 



179. WEIB ODER FRAU. 

L. 46. I 

Z. 50 hatte der Dichter die Fraoen wip genannt nnd des- 
halb Tadel erfahren, gegen den er sich hier in ein^ gleich- 
gemefienen Zosatzstropbe rechtfertigt. Nur vor dem stark 
betonten Worte tc?^ ^bleibt wie in ähnlichem Falle 137, 5 vor 
trost der Auftact weg. Die Meinung daß es die Frauen mehr 
ehre, wenn man sie wip nenne, gilt jetzt nicht mehr und schon 
zn Walthers Zeit dachten Viele anders. 

Wip muoj iemer sin der wibe hohste name, 

und tinret b^ dan frouwe, als icH) erkenne. 
55 Swil nü deheinin si diu sich ir wipheit schäme, 

diu nierke diseo sanc und kiese denne. 

Under fronwen sint unwip, 

ander wiben sint si tinre. 

wibes name und wibes lip 
60 die sint beide vil gehinre. 

swie) amb alle frouwen var, 

wip sint alle frouwen gar. 

zwivellop da) hoenet, , 

als under wilen frouwe: 
65 wip dest ein name ders alle kroenet. 



180. SELBFARBEN. 
L. 111. 

Die neue Geliebte Walthers wird uns hier vorgefahrt wie 
sie weiß und roth in eigenen dauernden Farben prangt, und 
ihr fahles Haar aufgebunden trägt, wenn sie zur Kirche geht. 
Ist die neben ihr gehende die frühere Herrin? — Die zweite 
Zeile der Stollen und der ganze Abgesang mit Ausnahme der 
letzten Zeile sind trocbäisch gehalten. 

belpvar ein wip, 

al wi) r6t, ganzlicher stsete, 

und da} si niht gebuggerämet wsere, 



Das letzte Lob. 213 



Ich lob ir lip, 
5 swie ich si doch nie niht gebsete. 
ja horte ich gerne von ir guotiu msere, 
Diu ir val har üf gcbanden h4t. 
bi ir manegiu hin zer kirchen gat, 
diu ir swarzen nac vil höhe blecken lat. 
10 ich wsene da} gebende ungliche st4t« 



181. DAS LETZTE LOB. 
L. 44. 

Das Lied bestand zuerst nur aas der ersten mit 189 
Str. 3 und 4 zu vergleichenden Strophe, welche aber bei einer 
Frau, vielleicht der frühern Herrin, Missfallen erregte, wes- 
halb die folgenden . zwei Strophen zur Rechtfertigung hin- 
zugefügt wurden. Die Tadlerin war etwa dieselbe Frau, 
welche es auch übel genommen hatte, daß der Dichter die 
Frauen 178, 50 wip nannte. Ihr gegenüber rühmt der Dichter 
in der dritten Strophe die neue Geliebte, die keinen Neid 
kenne und sich das Lob anderer guter Frauen gerne gefallen 
laße. Damit ist leise angedeutet^ daß jene hochgestellte stolze 
Tadlerin Waithers neuer Geliebten den ihr jetzt eingeräumten 
Vorzug nicht gönnte. Die Schlußstrophe behandelt wieder 
die Unterscheidung zwischen guten und bösen, von der in 
anderer Weise in der Schlußstrophe von 178 die Rede war. Vgl. 
150, 28. 34. Das Maß gleicht auffallend der spanischen Decime, 
hat aber vor dieser den Vorzug, daß die beiden Stollen (Quartette) 
durch den gleichreimenden Abgesang schärfer geschieden 
sind. — Beachtenswerth ist, daß der Dichter den zweiten Stollen 
rein trochäisch behandelt, während der erste auch jambisch 
gemeßene Zeilen einfließen läßt. Im Abgesang ist die erste 
trochäisch, die zweite jambisch gehalten. 

Die herren jehent, man sül) den frouwen 
wijen da) diu weit so st^. 
si sehent niht froelich üf als e, 
si wellent alze nider schouwen. 
5 Ich habe euch die rede geboeret: 
si sprechent, da} in fröide stceret; 



214 Gemäße Minne. 

Si stn m^ dan halbe verzaget 
beidiu libes unde guotes, 
niemen helfe in hShes mnotes. 
10 wer sol rihten? hiest geklaget. 

Ein frouwe wil ze schedeliche 

schimpfen, ich habe ü) gelobet. 

si tnmbet, obe si niht en tobet. 

Jon wart ich lobes noch nie so riebe: 
15 Torst ich vor den wandelbaeren^ 

so lobte ich die ze lobene wseren. 

Des enhaben deheinen mnot, 

ichn gelobe si niemer alle, 

swie) den lösen missevalle, 
20 sine werden alle gaot. « 

Ich wei) si diu daj niht ennidet, 

da) man nennet reiniu wip. 

so rehte reine sost ir lip, 

da) si der gnoten lop wol lldet. 
25 Er engap ir niht ze kleine, 

der si geschuof. schoen unde reine. 

Der diu zwei zesamne slo), 

wie gefuoge er künde slie^en ! 

er solt iemer bilde gießen, 
30 der da) selbe bilde go). 

Sich krenkent frouwen unde pfaffen, 
da) si sich niht scheiden l&nt. 
die den verschämten bi gest4nt, 
die wellent lihte ouch mit in schaffen. 

oo. . * * * * * 

We da) zwen als edele namen 
mit den schameloseu werbent! 
sicherliche si verderbent, 
40 sine wellens sich erschainen. 



Von der weltlichen Minne zur göitlicihen. 215 



D. GBER6AN6 VON DER WELTLICHEN MINNE 

ZUR GÖTTLICHEN. 

Die hier beginnende Liederreihe zeigt uns den alternden 
Dichter. Der Preis der Herrin verstun^mt allmählich vor der 
Klage über den Verfall der Zucht und Fröhlichkeit, ja des 
Reichs und des hößschen Gesangs. Wenn auch sein Singen 
immer unminniglicher wird, wenn er schon als Vierziger die 
Minne auf den siebenten Tag beschränkt, wenn er endlich dem 
Minnegesang ganz entsagt, von der Welt Urlaub nimmt und 
sich der geistlichen Minne zuwendet, so sehen wir seine Poesie 
mit den Jahren Schritt halten und verzeihen dem ernsten 
Dichter, der die Kämpfe seiner Zeit mit durchkämpft, aber 
alle Thorheiten seines Zeitalters mitzumachen nicht geneigt ist. 



182. VERGEBLICHE SCHÖNHEIT. 

L. 118. 

Der Meinung Grimms, welche Lachmann theilte, in der 
ersten Strophe spreche ein Mädchen, steht doch entgegen, daß 
sie sich nicht selber Z. 2 für die schönste ausgeben würde. 
Der Dichter beklagt jene Herzgeliebte, welcher die Lieder 
der gemäßen Minne galten, daß ihr in dieser traurigen Zeit 
die Schönheit nicht zu Gute kommen soll. 

Wer gesach ie bc^^er j4r? 
wer gesach ie schoener wip? 
Da) entroestet niht ein h4r 
einen unseligen 11p. 
5 Wi^^et, swem der anegenget an dem morgen fruo, 
deme get ung^lücke zuo. 

Ich wil einer helfen klagen, 
der oucb fröide zseme wol, 
Da)s in also valschen tagen 
10 schoene tugent Verliesen sol. 

Hie vor wser ein lant gefröut umb ein s6 scheine wip: 
wa) sol der nü schoener lip? 



216 Von der weltiicheo Minne sar göttlichen. 



183. Zu DANK. 
L. 110. 

Der Dichter kennt noch keinen andern als Liebeskammer, 
far das Reich scheint er noch außer Sorgen; aber schon wird 
es ihm schwer den Leuten zu Dank zu singen, da der Eine 
traurig ist^ der Andere froh und beide nicht zugleich befrie- 
digt werden können. — Das Lied ist ganz troph&isch. 

Wer kan nü ze danke dngen? 
dirre ist triirec, der ist fr6: 
Wer kan da) zesamene bringen? 
dirre ist sus und der ist s6. 
5 Si veriri'ant mich 
und versument sich: 
wess ich wa) si wolten, da} sang ich. 

Wol iu kleinen vogellinen! 
iuwer wünneclicher sanc 
1^0 Der verschallet gar den minen. 
al diu werlt diu seit in danc. 
Als6 danken ir 



15 Fröide und sorge erkenne ich beide: 

da von singe ich swa) ich sol. 

Mir ist liebe, mir ist leide, 

sumerwünne tuot mir wol: 

Swa5 ich leides ban, 
20 da) tuot zwivelw&n, 

wie) mir %mb die lieben sül ergan. 



Erlaubte Lüge. 217 



184. ERLAUBTE LÜGE. 
L. 116. 

Aus höfischer Zucht verbirgt der Dichter vor der Welt 
seine Sehnsucht nach der alten beßem Zeit: er scheint fröh- 
lich, wird es aber eher nicht wirklich bis die Deutschen wie- 
der werden was sie waren als der Dichter das Lied von 
Deutschlands Ehre (126) sang, und dann ihm die 
Geliebte den Kummer büßt. Der Dichter verzweifelt den 
Lohn der Welt zu erwerben, weil er die Mittel zu gebrauchen 
verschmäht, die zu solchem Ziele führen; jedoch hofft er, bei 
der Geliebten sei damit nichts auszurichten. — Das mangel- 
haft überlieferte Lied fuhrt nur in der ersten Zeile der Stollen 
und bei den ersten des Abgesangs trochäischen Gang durch. 

Bi den liuteu nieman hat 
also hovelichen trost als ich : 
So mich sende not bestat, 
BÖ schine ich geil und trceste selben mich. 
5 Also han ich dicke mich betrogen 

unde durch die werlt vil manege fröide erlogen ; 
da^ liegen was ab lobelich. 

Leider ich muo^ mich entwenen 
maneger wünne der min ouge an sach: 
10 W^ar n&ch sol sich einer senen, 

der niht geloubet waj hie vor geschach? 
Der weij lützel waj daj s!, gemeit. 
da} ist seneder muot mit gerendor arebeit. 
unsaelec si daj ungemach! 

15 Maneger wsenet, der mich siht, 

min herze si an allen fröiden hö. 

Höher fröide han ich niht, 

und wirt mir niemer wider wan also: 

Werdent tiusche liute wider guot, 
20 und ^etrcestet si mich, diu mir leide tuot, 

so wirde ich aber wider frö. 

10 



218 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 

Ich hän ir gedienet vil, 
der Werlte, und wolte ir gerne dienen me, 
Wan da/(s übel danken wil, 
25 und wsenet daj ich mich deß niht verstc. 
Ich versten michs wol an eime site : 
des ich aUer serest ger, so ich des bite, 
so git sij einem toren e. 

lehn wei^ wiechj erwerben mac. 
30 des man da pfligt, daj widerstuont mir ie: 

Wirbe ab ich so man e pflac, 

daj schadet mir lihte: sus enweij ich wie. 

Doch verwaene ich mich der fuoge da, 

daj der ungefüegen werben anderswa 
35 gensemer si dan wider sie. 



185. AN DIE WELT. 
L. 59. 

Der Dichter ist hier noch weit entfernt der Welt entsagen 
zu wollen, obwohl er schon einsieht, daß junge Thoren mehr 
Glück bei ihr machen als weise Leute. — Das Lied ist durch- 
aus trochäiscb. 

Wie sol man gewarten dir, 
Welt, wilt als6 winden dich? 
Waenest dich entwinden mir? 
nein; ich kan ouch winden mich. 
5 Du wilt sere gaben, 
und ist vil unnahen 
daj ich dir noch sül versmahen. 

Du hast lieber dinge vil, 
der mir einej werden sol. 
10 Welt, wiech daj verdienen wil! 
doch solt du gedenken wol 
Obe ich ie getrsete 
fuoj von miner staete, 
Sit du mich dir dienen baete. 



Gefahr des Frohsinns. 219 



15 Welt, du ensolt niht umbe daj 
zürnen, ob ich 16nes man. 
Grüeje mich ein w^nec baj, 
sich mich minneclichen an* 
Du mäht mich wol pfenden 

20 und min heil erwenden: 

daj stet, frouwe, in dinen henden. 

lehn weij wie din wille ste 
wider mich : der mine ist guot 
Wider dich, waj wil dus me, 
25 Welt, von mir, wan hohen muotV 
Wilt du bejjer wünne, 
danne man dir günne, 
fröide und der gehelfen künneV 

Welt, tuo me des ich dich bite, 
30 volge wiser Hute tugent. 

Du verderbest dich da mite, 

wilt du minnen tdren jugent. 

Bite die alten ere, 

daj si wider kere 
35 und ab din gesinde lere. 



186. GEFAHR DES FROHSINNS. 

L. 119. 

Die Zeiten haben sich seit den letzten Liedern noch ver- 
schlimmert: dort gebot ihm höfische Zucht vor der Welt 
fröhlich zu scheinen; jetzt aber, da die Betrübniss allgemein 
geworden ist, würde man mit Fingern auf ihn zeigen^ wenn 
er fröhlich sein wollte. Mit Schmerzen gedenkt nun der Dich- 
ter jener Zeiten, wo man noch fröhlich war und dem Frühling 
mit Entzücken entgegensah. — Das Lied ist in demselben Tone 
gedichtet wie Nr. 168, ja sogar durch Körner mit ihm ver- 
bunden. Aber jenes ist sehr viel schwächer und wohl eines 
Spätem Zudichtung. — Außer der siebenten und der entspre- 
chenden sechszehnten Zeile, welchen troohäischer Gang zu- 
kommt, entbehren auch Z. 3. 9. 12 and 17 des Auftacts. 



220 Yon der wetUiclmi Minne zur götÜiclien. 

Ich wäre dicke gerne firo 
wan di^ ich niht gesellen hin. 
N& n alle trurent so, 
wie möhte ich) eine denne l&n? 
5 Ich müese ir vingerzeigen Hden, 
ichn wolte froide durch si miden. 
SOS behalte ich wol ir hulde, da) si) lajen ane nit: 
wand ich gelache niemer niht 
d& e) ir debeiner sibt. 

10 E) tnot mir inneclichen we, 

als ich gedenke wes man pflac 

In der werlte wüent e. 

onw^ deich niht verge^^en mac 

Wie rehte fro die liute wären! 
15 dd knnde ein sselec man gebären, 

nnde spilet im sin herze gein der wünneclieben sit. 

sol da) nimmer mer geschehen, 

b6 müet mich da) ich) bän gesehen. 



187. VERFALL DES GESANGES. 

L. 64. 

Ubland bezog dieses Lied aucb zuletzt noch auf die Nit- 
bartscbe Poesie, die aber keineswegs von den Bauern herge- 
kommeU; sondern durchaus böfiscb ist, Beneke auf das tolle 
Leben und Schallen auf der Wartburg, das doch kein Singen 
war wie Z. 26 schallen singen bedeutet. Z. 17 ist von den Störern 
des rechten Singens die Rede ; so werden wir an Nr. 60, 4 er- 
innert, wo der Dichter den zweiten Ottenton gegen die Stö- 
rer des höfischen Gesanges gebrauchen will. Demnach 
wird dieß Lied nach Eämthen gehören und die dort beliebten 
rohen Lieder des in Nr. 59 genannten Stolle meinen. — Das 
trochäisch gemeßene Lied zeigt Z. 7 Auftact; Z. 39 mag zu 
lesen sein hien geburen. 

Ouw^, bovelicbe) singen, 
da) dich ungefüege doene 
Solten ie ze hove verdringen ! 
da) dich schiere Got gehoene! 



Verfall des Gesanges. 221 



5 Ouwe da} din wirde als6 geliget! 
des sint alle dine friunde unfro. 
da} muo} ebt also sin: nü si als6: 
fro Unfuoge, ir habt gesiget. 

Der uns fröide wider brsebte, 
10 diu rebt und gefüege wsere, 
Hei wie wol man des gedsehte 
swä man von im seite msere! 
E} waer ein vil hovelicber muot, 
des ich iemer gerne wünschen sol : 
15 frouwen uude herren zaeme ej wol: 
ouwe da} e} nieman tuot! 

Die da} rehte singen stoerent, 
der ist ungelicbe m^re 
Danne die e} gerne hoerent; 
20 doch volg ich der alten lere : 

Ich enwil niht werben zuo der mül, 
da der stein so riuschent umbe gat 
und da} rat s6 mange unwise hat. 
merkent wer da harpfen sül. 

25 Die so frevellicben schallent, 
der muo} ich vor zorne lachen, 
Da}s in selben wol gevallent 
mit als ungefüegen Sachen. 
Die tuont sam die frösche in eime se, 

30 den ir schrien also wol behaget, 
da} diu nahtegal da von verzaget 
so si gerne sunge me. 

Swer unfuoge swigen hie}e, 

waj man noch von fröiden sunge ! 

35 und si abe den bürgen stie}e, 
da} si d4 die fron niht twunge. 
Wurden ir die gr6}en höve benomen, 
da} waer alle} nach dem willen min. 
bi den gebüren lie} ich si wol sin: 

40 dannen ists och her bekomen. 



222 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 



188. SINKEN DES REICHS. 
L. 85. 

Die daktylischen Maße, die einem Grundsati der deut- 
sehen Metrik widersprechen, pflegen auch nicht mit großer 
Virtuosität behandelt zu werden. 

Ich sach hie vor eteswenne den tac, 
da§ unser Top was gemein allen zungen. 
Swä uns dehein lant iender nÄhe lac, 
da) gerte suone oder ej was betwungen. 
5 Richer Got, wie wir nach eren dö rungen ! 
do rieten die alten, und täten die jungen, 
nü also krump die rihtaere sint, 
(diz bispel ist ze merkenne blint) 
swaj da von nü geschehe, meister, da) vint. 



189. SCHULD DER FRAUEN. 
L. '90. 

Die Einheit dieses Liedes ist augenfällig und von Wil- 
manns selbst nachgewiesen. Die vierte Strophe, die den 
Uebergang zur Schlußstrophe in den letzten Zeilen vorbe- 
reitet, muß ihre Stellung behalten. Der Auftact wird aber 
so frei behandelt, daß man nicht einmal mit Gewissheit sagen 
kann, die Regel sei, daß im Aufgesang trochäische mit jam- 
bischer Bewegung wechsle, im Abgesang letztere hersche. 

A 

Ane liep so manec leit, 
wer möhte daj erliden iemer me? 
Wser ej niht unhövescheit, 
so wolt ich schrien *s^, gelücke, sei' 
5 Gelücke da) enhceret niht 
und selten ieman gerne siht, 
swer triuwe hilt. 
ist e) also, wie sol min [danne] iemer werden rät? 



Schuld der Frauen. 223 

We wie jamerlich gewin 
10 tegelich vor minen ongen vertl 

Da) ich 80 gar ertdret bin 

mit min er ziiht, und mir da; nieman wert ! 

Mit den getriuwen alten siten 

ist man zer weite nü versniten. 
15 er unde guot 

hat nü lützel ieman wan der übel tuot. 

Da) die man als übel tuont, 
dast gar der wibe schult: dest leider so. 
Hie vor, do ir muot üf ere stuont, 
20 dd was diu weit üf ir genäde fro. 
Hei wie wol man in do sprach, 
do man die fuoge an in gesach! 
nü siht man wol 
da) man ir minne mit unfuoge erwerben sol. 

25 Lkt mich zuo den frouwen gan, 

s6 ist da) min aller meiste klage, 

So ich ie mere zühte h4n, 

so ich ie minre werdekeit bejage. 

Si swachent wol gezogenen lip, 
30 e)n si ein wol bescheiden wip : 

der meine ich niht: 

diu schämt sich des, 8w4 iemer wibes schäm geschiht. 

Reiniu wip und guote man, 

swa) der lebe, die müe)cn sselec sin. 
35 Swa) ich den gedienen kan, 

da) tuon ich, da) si gedenken min. 

Hie mite so künd ich in da): 

diu werlt enst^ dan schiere ba), 

so wil ich leben 
40 so ich beste mac und minen sanc üf geben. 



224 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 



190. DIE REICHEN THOREN. 
L. 121. 

Wenn das besondere Leid, das der Dichter nach Z. 30 
voraus hat — nach 183, 19. 20 wohil das um die Geliebte — 
ihn früher zur Klage stimmte, so fand der Dichter kein Gehör. 
Damit ist es nun bei Vielen wohl länger als ein Jahr anderd 
geworden. Mit Str. 1 finde ich hierin noch keinen Widerspruch ; 
doch mag die letzte Strophe immerhin später hinzugedichtet 
sein. — Den Schlußzeilen bestimmte der Dichter trochäischen 
Gang; im Uebrigen sollte das Lied jambisch gehen, wovon 
sich in der dritten Strophe zwei Ausnahmen finden. 

Die grisen hänt raichs überkomen, 
diu werlt gestüende trüreclicher nie 
und bete an fröiden ab genomen. 
doch streit ich zornecliche wider sie, 
5 Si möhtens jvol gealten, 
ej wurde niemer war. 
mir was ir rede swär. 
sus streit ich mit den alten : 
die hant den strit behalten 
10 nü wol lenger denne ein jär. 

Min ouge michel wunder siht, 

diej wirs verdienen kunnen vil denn ich, 

Da^ den so schoene heil geschiht. 

ouwe Welt, wie kumt ej umbe dich ! 
15 Ist Got selch ebensere? 

er git dem einen sin^ 

dem andern den gewin: 

so wsene im also maere 

ein richer tore wsere 
20 als ich wiser armer bin. 

Hie vor, dos alle wären fro, 

dö wolte nieman beeren mine klage: 

Nü ist sümelichen so 

da} si mir wol gelouben swa) ich sage. 



Der siebente Tag. 225 

25 Nu müeje Got erwenden 

unser arebeit, 

und gebe uns saelekeit, 

d^ wir die sorge swenden. 

ouwe möht ichj verenden ! 
30 ich h4n eine sunder leit. 

Z. 20. 86 rieh als ich armer hin L. nach C. Die Beße- 
rung gehört Pfeiffer. 



191. DER SIEBENTE TAG. 
L. 57. 

Die Thorheiten und Uebertreibungen im Minnedienst der 
spätem Zeit hätten dem Dichter widerstehen müßen, auch 
wenn ihn die vorgerücktem Jahre nicht schon ernster ge- 
stimmt hätten. Diesen aber entspricht es vollkommen, wenn 
er' jetzt der Minne nur noch selten dienen mag. Gleichwohl 
rückt er ihr Z. 18 das Alter in sehr verbindlicher Weise vor. 
— Von der Regel, daß der Aufgesang trochäisch gehe, macht 
Z. 32 die einzige Ausnahme. Im Abgesang geht die lange 
Schlußzeile jambisch. 

Minne diu hat einen site: 
da} si den vermiden wolde ! 
da) gezseme ir ba). 
Da beswsert si manegen mite, 
5 den si niht beswseren solde: 
we wie zimt ir daj? 
Ir sint vier und zwenzec jär 
vil lieber Äanne ir vierzec sint, 

und stellet sich vil übel, sihts iender gräwej har. 

10 Minne was min frouwe so gar, 

deich wol wiste al ir tougen: 

nu ist mir so geschehen, 

Kumt ein junger ieze dar-; 

so wird ich mit twerhen ougen 
15 schilhend an gesehen, 

10* 



226 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 

Armej wip, was müet si sich? 
weijgot wan d&^ si liste pfliget 

und toren triuget, sist doch elter vil dann ich. 

Minne hat sich an genomen 
20 da^ si get mit toren umbe 

springende als ein kint. 

War sint alle ir witze komen? 

wes gedenket si vil tumbe? 

sist joch gar ze blint. 
25 Dajs ir rüschen nienen lät, 

und füere als ein bescheiden wip ! 

si stoßet sich, daj e$ mir an min herze gät. 

Minne sol daj nemen für guot, 

under wilen so si ringet, 
30 daj ich sitzen ge. 

Ich hän also hohen muot 

als einer der vil hohe springet : 

we waj wil sis me? 

Anders diene ich swa ich mac. 
35 si besuoche w^ die sehse sin : 

von mir häts in der wochen ie den sibenden tac. 

Z. 17 sind unter liste nicht Zauber- sondern Toiletten- 
künste gemeint. 



192. LETZTER WILLE. 
L. 60. 

Daß dieß und das folgende Lied von einer Krankheit des 
alternden Dichters veranlaßt sei, ist nicht unwahrscheinlich. 
Wenn Z. 2 von varnde guot und eigen gesprochen wird, so 
zeigt sich später, daß dieß nur bildlich, um nicht zu sagen 
scherzhaft zu verstehen sei. Scherzen will der Dichter übri- 
gens nicht, wenn er gleich Z. 25—30 Satire, nicht bittern Sar- 
kasmus, beabsichtigt. Was er Str. 2 von der Geliebten erwartet, 
ist ihm ganz so gemeint. In der letzten Strophe spricht er 



Letzter Wille. 227 

von seiner Wiedergeburt, nicht etwa von einer Wiederkehr 
nach Oesterreich. — Der Aufgesang ist bis auf Z. 13 jambisch'; 
von der Regel, daß der Abgesang mit Ausnahme der beiden 
letzten Zeilen trochäisch gehen solle, finden sich Ausnahmen 
in Z. 21. 22. 30. 



Ich wil nü teilen, ß ich var, 
min vamde guot und eigens vil, 
Da§ iemeu dürfe striten dar, 
wan den ichj hie bescheiden wil. 
5 AI min ungelücke wil ich schaffen jenen, 
die sich haj^es unde nides gerne wenen, 
dar zuo min unsselekeit. 



^ 



mme swsere 
haben die lügensere; 
10 min unsinnen 

schaff ich den die mit velsche minnen, 
den froun nach herzeliebe senediu leit. 

Mir ist liep da} si mich klage 

ze mk^e als e^ ir schdne ste ; 
15 Ob man ir msere von mir sage, 

da) ir da von si sanfte w^. 

Si sol iemer mere durch den willen min 

ungefüege swsere und fröide läjen sin : 

daj stet seoeden frouwen wol, 
20 als ich) meine. 

dar ahtent jene vil kleine^ 

die sich des fli^ent 

daj si den munt so sere bijent 



25 Nu bitent, 14t mich wider kernen. 

ich wei) der wibe willen wol: 

Ich hän ein rede von in vernomen, 

da mite ich mange erwerben sol. 

Ich wil lip und ^re und al min heil verswern : 
30 wie künde sich deheiniu danne min erwern ? 

nein ich wei^ot, swa^ ich sage. 



228 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 

Got der solte 
rihten obe er wolte, 
die 86 swüeren, 
35 da) in diu ougen ü) gefüeren 

und sich doch einest stiegen in dem tage. 

Z. 35. Das Ausfahren der Augen ist eine göttliche Strafe, 
die im Annolied einen Gottes^ugner und Lästerer trifft. 



193. DER WETTSTREIT. 
L. 114. 

Nach einer schweren Krankheit im Winter geht der Dich- 
ter wieder aus um an der Frühlingsluft zu genesen, wobei er 
an eins seiner heitersten Frühlingslieder (132) erinnert wird. 
Die Stimmung verräth, daß ihm die Kräfte noch nicht zurück- 
gekehrt sind, ja er scheint an seinem Aufkommen zu zweifeln. 
— Die "beiden Stollen werden ungleich behandelt: nur der 
zweite schließt jambisch. Die beiden letzten Zeilen des Ab- 
gesangs gehen trochäisch. 

Der rife tet den kleinen vogelen we, 
da) 8i niht ensungen. 
Nu bort ichs aber wünneclicb als e, 
nü ist diu beide entsprungen. 
5 Dk sacb ich bluomen striten wider den klS, 
weder ir lenger w^re. 
miner frouwen seit ich disiu maere. 

Uns bat der winter kalt und ander not 
vil getan ze leide. 
10 Ich wände daj ich niemer bluomen r6t 
gesaebe an grüener beide. 
Joch schäte e) guoten liuten, wser ich tot, 
die nach fröiden rangen 
und die gerne tanzten unde sprangen. 



Vergängliche Freude. 229 

1 

15 Yersümde ich disen wünneclichen tac, 

so waer ich verwäjen, 

Und wsere an fröide ein angeslicher slac; 

da nach so müese ich lajen 

AI mine fröide der ich wilent pflac. 
20 Got gesegen iuch alle: 

wünschet noch da) mir ein heil gevalle. 



194. VERGÄNGLICHE FREUDE. 

L. 41. 

Daß auch dieß Lied in eine Zeit fällt, wo der Dichter 
mit Todesgedanken umgieng, zeigt Z. 14 vgl. mit 196, 11 ; 
vielleicht ist auch Z. 2 so aufzufaßen. Die lügemsre Z. 13 
hatte er auch 192 Z. 9 im Auge. Obwohl von jener Krank- 
heit wieder zu Kräften gelangt, scheint doch der Dichter die 
Summe seines Lebens zu ziehen und findet, daß er nicht einen 
halben Tag volle Freude genoßen hat. Ueberhaupt spricht 
dieses Lied den nachdenklichen Charakter der Waltherschen 
Poesie vortrefflich aus. Was es für Gedanken sind, die ihn 
bestürmen s. Uebersetzuiig S. 359 und Lachm. zu Z. 23. Oft 
bedrängen sie ihn so^ daß er nicht hört, was ihm die Leute 
sagen. Doch scheint dieß ein späterer geleitartiger Zusatz. 
— Im Aufgesang wechseln trochäisch mit jambisch gemeßenen 
Zeilen. Im Abgesang geht nur die letzte Zeile jambisch. 

Ich bin als unschedeliche fro, 
da) man mir wol ze lebene gan. 
Tougenliche st4t min herze h6: 
wa^ touc zer weite ein rüemec man? 
5 We den selben die so manegen schoenen lip 
habent ze boesen mseren bräht ! 
wol mich, da) ich) h4n gedäht! 
ir sult si miden, guotiu wip. 

Ich wil guotes mannes werdekeit 
10 vil gerne beeren unde sagen. 

Swer mir anders tuot, da) ist mir leit; 
ich wil) oach alle) niht vertragen. 



230 Von der weltlichen Minne zur göttlicheft. 

Rüemser unde lügenfere, bw4 die sin, 
den verbiute ich mtnen sanc, 
15 und ist 4ne minen danc. 
obs als6 vil genießen min. 

Maueger trüret, dem doch liep geschiht: 
ich hän ab iemer höhen muot, 
Und enhabe doch herzeliebes niht; 
20 daj ist mir also lihte guot. 

Ilerzeliebes, swaj ich des noch ie gesach, 
da was herzeleide bi. 
' liefen mich gedanke fri, 
Bon wiste ich niht umb ungemach. 

25 Ich bin einer der nie halben tac 
mit ganzen fröiden h4t vertriben. 
Swaj ich fröiden ie d& her gepflac, 
der bin ich eine hie beliben. 
Nieman kan hie fröide yinden, si zerge 

30 sam der liebten bluomen schin: 
da von sol da) her^e min 
niht senen nach valschen fröiden me. 

Als ich mit gedanken irre var, 

s6 wil mir maneger sprechen zuo : 
35 So swig ich und laje in reden dar ; 

waj wil er anders daj ich tuo? 

Hete ich ougen oder ören danne da, 

s6 kund ich die rede verstän: 

swenne ich niht ir beider hän, 
40 son kan ich nein, son kan ich ja. 



195. ABSCHIED VON DER WELT. 

L. 100. 

Der Zusammenhang dieses mit dem folgenden Liede 
ergiebt sich aus Z. 23—27 vgl. mit 196, 25. In einem 
Der weite Ion überschriebenen Gedicht erzählt nämlich Kon- 
rad von Würzburg von dem Ritter Wirnt von Grafenberg, 



Abschied von der Welt. 281 

dem Dichter des Wigalois, daß ihn die Welt in Gestalt einer 
schönen Frau auf seinem Kämmerlein besucht habe um ihm 
zu danken, daß er ihr als treuer Bitter gedient und Herz 
und Sinn zugewandt habe. Zum Lohn dafür wolle sie ihm 
nun auch ihren Anblick gewähren, damit er sehe wie voll- 
kommen sie sei und wie würdig solcher Dienste. Darauf habe 
sie ihm den Rücken zugewandt und der Ritter mit Entsetzen 
gesehen, daß er mit Schlangen, Nattern und Kröten behangen, 
voller Blattern, Ausschlag und Geschwüren und schon bis auf 
die Knochen in Fäulniss übergegangei) sei, worauf er den 
Entschluß gefaßt habe, ihren Dienst aufzugeben und mit 
Gottes Heer wider die Leidenschaft zu streiten. Es ist eine 
sehr alte und auch der bildenden Kunst, vgl. das Baseler 
Münster, nicht fremd gebliebene Allegorie, daß die Welt vorn 
schön und liebreizend sei, von hinten aber scheuslich und 
absehe alich, gleichwie von den Eiben erzählt wird, daß sie 
vorn von lieblichem Anblick, hinten aber hohl seien wie die 
Bäume, die sie bewohnen. — Der jambische Gang ist streng 
bis zum Schluß durchgeführt. Z. 36 fehlt die Senkung, 



Iro Welt, du solt dem wirte sag^n 
da^ ich im gar vergolten habe: 
Min groeste gülte ist abe geslagen; 
daj er mich von dem brieve schabe. 
5 Swer ime iht sol, der mac wol sorgen. 

e ich im lange schuldec waere, ich wolt e zeinem Juden 

borgen, 
er swiget unz an einen tac: 
so wil er danne ein wette han, 
so jener niht vergelten mac. 



10 'Walther, du zürnest &ne not: 

du solt bi mir beliben hie. 

Gedenke wa$ ich dir eren bot, 

wa) ich dir dines willen lie, 

Als du mich dicke sere bsete. 
15 mir was vil innecliche leit daj du daj ie so selten taete. 

bedenke dich: din leben ist guot: 

so du mir rehte widersagest, 

so wirst du niemer wol gemuöt.' 



232 Von der weltlichen Minne zur göttlichen. 

Fr6 Welt, ich h&n ze vil gesogen: 
20 ich wil entwonen, des ist zit. 

Din zart hat mich vil nach betrogen, 

wand er vil süejer fröiden git. 

Do ich dich gesach reht ander ougen, 

do was din schouwen wunderlich . . . . al sunder lougen ; 
25 doch was der schänden alse vil, 

dö ich din hinden wart gewar, 
da) ich dich iemer schelten wil. 

'Sit ich dich niht erwenden mac, 

so tuo doch ein dinc des ich ger: 
30 Gedenke an manegen liebten tac, 

und sich noch underwÜent her 

Niuwan s6 dich der zit betrage.' 

da) tset ich wunderlichen gerne, wan deich fürhte dine 

läge, 

vor der sich nieman kan bewarn. 
35 Got gebe dir, frouwe, guote naht: 
ich wil ze herb er ge varn. 

Z. 1 — 9 : die Welt ist als Schenke gedacht, welcher der 
Teufel als Wirth vorsteht, dem man zuletzt die Zeche bezahlen 
muß. Vgl. Handb. der d. Myth. §. 125 S. 426. Z. 36 ist aber 
von einer beßern Herberge die Rede. 



196. DER GREIS AM STABE. 
L. 66. 

Der Stab, an dem sich der Dichter hier schildert, ist 
weder der Bettelstab noch der Pilgerstab, es ist der Stab des 
Alters, vgl. Z. 31, das sich aber seiner Würde noch wohl bewust 
ist. Ja der Dichter glaubt jetzt, da er vierzig Jahre lang von 
Minne und cUs iemen solf d. h. von Allem, was Gegenstand 
des Gesanges sein soll, gesungen hat, noch eine höhere Wertb- 
stufe erreicht zu haben. Für seinen Minnegesang hofft er 
auf deren Huld, die sich mittels desselben zu dem Ziele för- 
dern wollen, auf das er selber nun verzichten muß. Die 
dritte Strophe ist zu 195 besprochen ; in der vierten wird dann 
die göttliche Minne der weltlichen entgegengesetzt. Dieser 



Der Greis am Stabe. 233 

hat er nun entsagt, weil sie nicht bis auf die Gräte Fisch 
ist, d. h. nicht rein von sinnlicher Begierde oder fleischlicher 
Lust. Hiemit ist auch der üebergang zur göttlichen Minne 
vollbracht. Am Schwierigsten zu deuten war die letzte Strophe. 
Mit dem Bilde ist des Dichters eigener Leib gemeint, mit 
dem seine Seele einst wieder zu ewigen Freuden auferstehen 
soll, das aber jetzt in seinem Alter Farbe und Glanz verloren 
hat. — Das kunstreiche Lied hat durchaus jambischen Gang. 

Ir reinen wip, ir werden man, 
ej stet also daj man mir muo) 
er unde minneclichen gmo) 
noch voUeclicher bieten an. 
5 Des habet ir von schulden groejer reht dan e; 
weit ir vernemen, ich sage iu wes. 
wol vierzec jar hab ich gesungen oder me 
von minnen und als iemen sol. 
Do was ichs mit den andern geil: 
10 nu enwirt mirs niht, e) wirt iu gar. 
min minnesanc der diene iu dar, 
und iuwer hulde si min teil. \ 

Lat mich an eime stabe gän 

und werben umbe werdekeit 
15 mit unverzageter arebeit, 

als ich von kinde habe getan, 

So bin ich doch, swie nider ich si, der werden ein, 

genuoc in miner mk^e ho. 

da?\ müet die nideren. ob mich daj iht swache? nein. 
20 die biderben haut mich deste baj. 

Der werden wirde diust so guot, 

da^ man in) hoehste lop sol geben. 

e}n Wart nie lobelicher leben, 

swer so dem ende rehte tuot. 

25 Welt, ich h&n dinen 16n ersehen: 

swaj du mir gist, da} nimest du mir. 

wir scheiden alle bloj von dir. 

schäm dich, sol mir also geschehen. 

Ich hän lip unde sele (des was gar ze vil) 
30 gewaget tüsentstunt dur dich : 



234 Göttliche Minne. 

nü bin ich alt und hast mit mir din gampelspil : 
ist mir daj zorn, so lachest du. 
Nu lache uns eine wile noch: 
din jamertac wil schiere komen, 
35 und nimet dir swa^t uns hast benomen, 
und brennet dich dar umbe iedoch. 

Min sele müeje wol gevarn ! 

ich han zer weite nianegen lip 

gemachet fr 6, man unde wip: 
40 künd ich dar under mich bewarn ! 

Lobe ich des libes minne, deis der sele leit: 

si gibt, ej si ein lüge, ich tobe. 

der wären minne gibt si ganzer staetekeit, 

wie guot si si, wies iemer wer. 
45 Lip, Ik die minne diu dich lät, 

und habe die staeten minne wert : 

mich dunket, der du h&st gegert, 

diu si niht visch unz an den grät. 

Ich hat ein schoene) bilde erkorn, 
50 und ouw^ daj ichj ie gesach 

ald ie so vil zuoz ime gesprach! 

ej hat schoen unde rede verlorn. 

Da wonte ein wunder inne: daj fuor ine weij war: 

da von gesweic da} bilde iesä. 
55 sin liljerosevarwe wart so karkelvar, 

daj ej verlos smac unde schin. 

Min bilde, ob ich bekerkelt bin 

in dir, s6 lä mich ü^ also 

daj wir ein ander vinden fro: 
60 wan ich muoj aber wider in. 

Z. 36. Der Untergang der Welt durch den Weltbrand 
ist heidnische wie christliche Vorstellung. Vgl. Handb. der 
d. Myth. §. 47. 



Erziehung. 235 



197. ERZIEHUNG. 
L. 87. 



Vjfl. zu 113. Klingende Reime (von zwei Hebungen) 
wechseln mit männlichen. Die Strophen bestehen aus Auf- 
und Abgesang, letzterer kehrt aber nur die Zeilen um. Dieses 
zierliche Zuruckwandeln der zuerst angegebenen Folge der 
Reimzeilen hat Walther mit keinem andern Minnesinger ge- 
mein, auffallend genug wenn wir sehen wie ihm andere Künste 
wie jenes Vocalspiel Nr. 118 alsbald nachgemacht worden. 

Nieman kan mit gerten 
kindes zuht beherten: 
den man zeren bringen mac, 
dem ist ein wort als ein slac. 
5 Dem ist ein wort als ein slac, 
den man zeren bringen mac : 
kindes zubt beherten 
nieman kan mit gerten. 

Hüetent iuwer zungen : 
10 da) zimt wol dien jnngen. 

st6;\ den rigel für die tür, 

la kein boese wort dar für. 

LS. kein bcese wort dar für, 

stoj den rigel für die tür. 
15 daj zimt wol dien jungen: 

hüetent iuwer zungen. 

Hüetent iuwer ougen 
offenbar und tougen, 
länt si guote site spehen 
20 und die boesen übersehen. 
Und die boesen übersehen 
lant si guote site spehen 
offenbar und tougen: 
hüetent iuwer ougen. 



236 Göttliche Minne. 

25 Hüetent iuwer 6ren, 

oder ir sint tören. 

länt ir boesiu wort dar in, 

da) guneret iu den sin. 

Da) guneret iu den sin, 
30 länt ir boesiu wort dar in, 

oder ir sint toren: 

hüetent iuwer oren* 

Hüetent wol der drier 

leider alze frier. 
35 Zungen ougen oren sint 

dicke schalchaft, zeron blint. 

Dicke schalchaft, z^ren blint 

Zungen ougen oren sint. 

leider alze frier 
40 hüetent wol der drier. 



198. SPATE REUE. 
L. 122. 

Die Anspielung auf den Eingang des Parzival ist deut- 
lich. Daraus hat man schließen wollen, daß Walther der Ver- 
faßer nicht sei. Er hätte wißen müßen, sagt man, daß Wolf- 
ram nicht lesen konnte. Aber mit dem Wort las ist in der 
Kürze nur angedeutet, daß eine Erzählung, kein Lied gemeint 
sei: es würde sonst sanc heißen. In der ersten Strophe ist 
der Charakter der Jugenddichtung Walthers wie absichtlich 
bezeichnet, wie er es 78, 4. 5 mit gleichem Bewustsein ge- 
than hatte. Daß Walther sich sonst in rührenden Reimen 
nicht versucht hat, konnte gerade für ihn, der sonst in seiner 
Kunst das Höchste geleistet hatte, ein Antrieb sein es auch 
mit diesem Spiel zu versuchen. Die Frage, ob Walther bei 
solchem Inhalt ein solches Spiel angemeßen erachtet hätte, 
beantwortet am Besten die Hinweisung auf 196, das die höchste 
Kunst an den ernstesten Inhalt wendet. Daß das .Gedicht 
nicht individuell genug sei, läßt sich nur behaupten, wenn 
man die in der ersten Strophe liegenden Bezüge übersieht. 
Die Mängel der üeberlieferung soll man zu beßern bemüht 
sein, nicht den Dichter dafür verantwortlich machen. — Das 



Späte Beue. 237 

Lied ist durchaus jambisch, nur die Schlußzeile der Stollen 
geht trochäisch; davon macht Z. 8 eine Ausnahme, wenn 
nicht ir gestrichen werden muß. ^ 



Ein meister las, 
troum unde Spiegelglas, 
da) si zem winde 
bi der stsete sin gezalt. 
5 Loup unde gras, 
da} ie min fröide was, 
swiech nü erwinde, 
ir dunket mich als6 gestalt; 
Dar zuo die bluomen manecvalt, 
10 diu beide rot, der grüene walt. 

der vögele sanc ein trurec ende hat; 

dar zuo diu linde 

süe^e unde linde. 

s6 we dir, Werlt, wie dirj gebende stat! 

15 Ein tumber wän 

den ich zer weite h&n, 

derst wandelbsere, 

wand er boesej ende git: 

Ich solt in Ifiln 
20 Äan ich mich wol verstan, 

da) er iht bsere 

miner sMe großen nit. 

Min arme) leben in sorgen lit: 

der buoje waere michel zit. 
25 nü färbte ich siecher man den grimmen tot, 

daj er mit swaere 

an mir gebsere. 

vor vorhten bleichent mir diu wangen rot. 

Wie sol ein man 
30 der niuwan sünden kan, 
.... gedingen 
oder gewinnen hohen muot? 



238 GöUHche Minne. 

Sit ich gewan 

den muot da) ich began 
35 zer werlte dingen 

merken übel unde guot, 

1)6 greif ich, als ein t6re tuot, 

zer winstem hant reht in die gluot, 

und merte ie dem tievel sinen schal. 
40 des muo) ich ringen 

mit sorgen tunngen: 

nu ringe und senfte ouch Jesus minen val. 

Heiliger Erist, 

sit du gewaltec bist 
45 der werlt gemeine, 

die nach dir gebildet sint^ 

Gip mir den list 

da) ich in kurzer frist 

alsam gemeine 
50 dich sam din erweiten kint. 

Ich was mit sehenden ougen blint 

und aller guoten sinne ein kint, 

swiech mine misset&t der werelt haL 

mach S mich reine, 
55 e min gebeine 

versenke sich in da) verlorne tal. 

Mit Z. 10 vgl. 115, 24. Z. 20 wan C. Zu Z. 37 vgl. 
Liebrecht Germ. 1, 475. Z. 47 die list Hdschr. 



199. KREÜZLIEI). 
L. 76. 

Vgl. zu 103. — Der Abgesang hebt mehrfach trochäiach an. 

v il süe)e wsere minne, 
berihte kranke sinne : 
Got, dur din anbeginne 
bewar die kristenheit. 



i 



KreuzUed. 239 



5 Dill kunft ist fronebsere 
übr al der weite swsere. 
der weisen barmen^re, 
hilf rechen disiu leit. 
Loeser ü) den sünden, 

10 wir gern zen swebenden ünden; 
uns mac din geist enzünden, 
wirt riuwec herze erkant. 
din bluot hat uns begojjen, 
den himel üf geslojjen : 

15 nü loeset unverdrossen 
das herrebemde lant. 
verzinset lip und eigen. 
Got sol uns helfe erzeigen 
üf den der manegen veigen 

20 der sele hat gepfant. 

Diz kurze leben verswindet, 
der tot uns sündec vindet: . 
swer sich ze Gote gesindet, 
der mac der helle engän. 

25 Bi swaere ist gnade funden: 
nü heilen{ Kristes wunden, 
sin lant wirt schiere enbunden: 
dest sicher sunder wän. 
Küngin ob allen frouwen, 

30 lä wernde helfe schouwen. 
din kint wart dort verhouwen, 
sin menscheit sich ergap. 
sin geist müe) uns gefristen, 
daj wir ie diet verlisten. 

35 der touf si seit unkristen: 
wan fürhtent si den stap, 
der ouch die Juden villet? 
ir schrien lüte erhillet. 
manc lop dem kriuze erschillet : 

40 erlcesen wir daj grap ! 

Diu menscheit muoj verderben, 
suln wir den 16n erwerben. 



240 Göttliche Minne. 

Got wolde dur uns sterben, 

sin drd ist üf gespart* 
45 Sin kriuze vil geheret 

hslt maneges heil gemSret : 

swer sich von zwivel keret, 

der hslt den geist bewart. 

Sündec lip vergejjen, 
50 dir sint diu j&r gemejjen: 

der t6t hat uns bese^^en, 

die veigen äne wer. 

nü bellent hin geliche, 

daj wir da^ himeli-iche 
55 erwerben sicherliche 

bi dulteclfcher zer. 

Got wil mit beides banden 

dort rechen stnen anden. 

sich schar von manegen landen 
60 des heiligeistes her. 

Got, dine helfe uns sende: 

mit diner zesewen hende 

bewar uns an dem ende, 

s6 uns der geist verlat, 
65 Vor hellehei}en wallen, 

daj wir dar in iht vallen. 

e^ ist wol kunt uns allen, 

wie jämerlich ej stät, 

Daj here laut vil reine, 
70 gar helfel6s und eine. 

lerüsalem, nü weine: 

wie din vergejjen ist! 

der beiden überhöre 

bat dich verscbelket sere. 
75 dur diner namen ^re 

la dich erbarmen, Krist ! 

mit welber not si ringen, 

die dort den borgen dingen. 

da^s uns also betwingen, 
80 daj wende in kurzer frist. 



Im gelobten Lande. 241 

200. IM GELOBTEN LANDE. 
L. U. 

Es wird sich schwer beweisen laßen, daß dieß Gedicht 
nicht sei, wofür es sich ausgiebt» nämlich im gelobten Lande 
gesungen. Alsdann wird es aber wohl in die Zeit gehören, 
wo der Dichter den Wunsch aussprach, an dem Ereuzzug Theil 
zu nehmen, vgl. 115, 44. Außer den schon ausgeschiedenen 
beiden Strophen wird noch die Echtheit der 4. und 7. ange- 
fochten. — Das Lied ist mit Ausnahme von Z. 3 ganz tro- 
chäisch gehalten. Doch ist vielleicht zu lesen Ditze lant. 

Nu alrest lebe ich mir werde, 
Sit min sündec ouge siht 
Daj here lant und ouch die erde, 
der man vil der ^ren gibt. 
5 Mirst geschehen des ich ie bat: 
ich bin komen an die stat 
dk Got menneschlicben trat. 

Schoeniu lant rieb nnde hSre, 
swag ich . der noch han gesehen, 
10 So bist düj ir aller ere. 

waj ist Wunders hie geschehen! 
D&i ein magt ein kint gebar 
her übr aller engel schar: 
was daj niht ein wunder gar? 

15 Hie lie$ er sich reine toufen, 

da^ der mensche reine st. 

Do lieg er sich hie verkoufen, 

daj wir eigen wurden fri. 

Anders waeren wir verlorn. 
20 wol dir, sper kriuz unde dorn! 

we dir, beiden! deist dir zom. 

Do er sich wolte übr uns erbarmen, 
hie leit er den grimmen t6t. 
Er vil riebe übr uns vil armen, 
25 daj wir koemen üj der not. 

11 



242 Göttliche Minne. 

Da) in do des niht verdroß, 
dast ein wunder alze gröj, 
aller wunder übergnoj. 

Hinnen fuor der sun zer helle 
30 von dem grabe, da er inne lac. 
Des wa9 ie der vater geselle, 
und der geist, den niemen mac 
Sünder scheiden: est al ein, 
sieht und ebener danne ein zein 
35 als er Abrahame erschein. 

Do er den tievel do geschande, 
da) nie keiser ba) gestreit, 
Fuor er wider her ze lande, 
do huob sich der Juden leit, 
40 Da) er herre ir huote brach, 
und man in sit lebendec sach, 
den ir haut sluoc unde stach. 

Dar nSrch was er in dem lande 
vierzec tage: do fuor er dar 
45 Daunen in sin vater sande. 
sinen geist, der uns bewar. 
Den sant er hin wider zehant. 
heilec ist da) selbe laut: 
sin name derst vor Gote erkant. 

50 In diz laut hat er gesprochen 
einen angeslichen tac, 
D& diu witwe wirt gerochen 
und der weise klagen mac 
Und der arme den gewalt, 

55 der d^ wirt mit ime gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt 1 

Kristen Juden unde beiden 
jehent da) diz ir erbe si: 
Got müe) e) ze rehte scheiden 
60 durch die sine namen dri. 



Auf Walthers Tod. 243 

AI diu weit diu stritet her; 
wir sin an der rehten ger: 
reht ist daj er uns gewer. 

Nach Z. 56 folgen noch zwei wohl unechte Strophen : 

Unser lantrehtsere tihten 
fristet da niemannes klage : 
Wan er wil zestunden rihten, 
so e) ist an dem lesten tage; 
5 Swer deheine schult hie lät 
unverebenet, wie der stät 
dort da er pfant noch bürgen hat! 

Ir enlät iuch niht verdriejen 
da) ich noch gesprochen hän^ 
10 So wil ich die rede entsUejen 
kurzwilen, und iuch wijjen län, 
swaj Got mit der weite ie 

begie, 
daj huop sich und endet hie. 



AUF WALTHERS TOD. 
(Von Singeberg dem Truchseßen von St. Gallen.) 

L. 108. 

Lins ist unsers sanges meister an die vart, 

den man e von der Vogel weide nande, 

Die uns n&ch in allen ist vil unverspart. 

waj frumt nü swaj er e der weite erkande? 

Sin höher sin ist worden kranc. 

nü wünschen im dur sinen werden höveschen sanc, 

sit diu sin fröide si ze wege, 

da^ sin der süe^e vater nach genaden pflege. 



strophenanfXnge nach den schluszreimen. 



i 



A. Diu minne lät sich nennen da 115. 

gerne slief ich iemer da 134. 

diu weit was gelf rot unde blä 132. 

gensedeclichiu Minne lä 159. 
AC. friuntlichen lac.199. 

ich wei) wol da) diu liebe mac 208. 

ichn weij wiechj erwerben mac 218. 

Sit ich dich niht erw enden mac 232. 

ich bin einer der nie halben tac 230. 

ich sach hie vor eteswenne den tac 222. 

versümde ich disen wünneclichen tac 229. 

Got gebe ir iemer guoten tac 196. 

hat der winter kurzen tac 188. 

nü wachet uns get zuo der tac 37. 

frouwe ir habet ein werdej iach 186. 

Minne wunder kan din güete liebe inachen 179. 

röter munt wie du dich svvachest 150. 

ahi wie kristenliche nü der habest laclhet 66. 

do het er gmachet 137. 

nideriu minne hei3et diu so swachet 203. 

AF. sich krenkent frouwen unde pfa/fe» 214. 

AG. mir ist liep da) si mich kla^e 227. 
maneger fraget wag ich klage 162. 
ich lebte ie nach der liute sage 195. 
swer verholne sorge trage 187. 
ouwe miner wünneclicher tage 177. 
da) er bi mir läge 138. 

ich wil einer helfen klagen 215. 

swes leben ich lobe des tot den wil ich iemer klagen 109. 
mir ist min erriu rede enmittenzwei geslagen 184. 
wan sol iemer fragen 138. 



Strophenanfange. 245 

fro Welt du solt dem wirte sagen 231. 

ich wil tiuschen frouwen sagen 141. 

0) ist in ansern kurzen tagen 107. 

frouwe länt mich) also wägen 144. 

ich sage iu wer uns wol behaget 148. 

uü loben wir die süejen maget 102. 

vil meneger fraget 170. 

swelch herre nieman niht versaget 106. 
AH. Sit da) im die besten iahen 194. 

lange swigen des hat ich gedd^^ 164. 

der uns fröide wider br^eftte 221. 
AL. uns hat der winter geschadet über a2 131. 

wer zieret nü der eren sal 40. 

e) wser uns allen 169. 

frouwe ich wil mit hohen liuten schallen 180. 

die so frevellichen sohaUent 221. 

sol ich in ir dienste werden alt 165. 

wer gap dir Minne den gcwalt 159. 

swer sich so hehaltet 188. 
AM.wip muo) iemer sin der wibe hohsie name 212. 

in nomine dumme ich wil beginnen sprechent amen 76. 

mich wundert wie den liuten si die sich der eren schament 117. 
AN. Unmaße nim dich beidiu an 105. 

mac ich daj mirs min sselde gan 202. 

lät mich an eime stabe gan 238. 

lät mich zuo den frouwen gan 228. 

vil minneclichiu Minne ich hän 158. 

min ungemach d^) ich durch si erliten hän 183. 

sich wolte ein ses gesibent hän 106. 

der ich vil gedienet hän 141 

kund ich die mä^e als ich enkan 142. 

wie fro Sselde kleiden kan 187. 

wirde ich iemer ein so saelec man 193. 

reiniu wip und guote man 223. 

wie kumet da) ich so manegem man 146. 

ir reinen wip ir werden man 238. 

ich wirbe umb alle) da) ein man 201. 

wie sol ein man 287. 

ich fröidehelfeloser man 158. 

da si wont da wonent wol tüsent man 152. 

ir Sit so wol getan 185. 

von Rome keiser here ir hänt also getan 111. 

6ot hat vil wol ze mir getan 196. 

wie kumt dag ich so wol verstau 195. 

der anegenge nie gewan 102. 

in einem zwivellichen wän 156. 

ein tumber wän 237. 



246 Strophenanfönge. 

mich hat ein wüuneclicher wan 197. 
wer sol dem des wijjen danc 191. 
man hohgemäc an friunden kranc 104. 
nü sing ich als ich e sanc 188. 
ich traf da her vil rehte drier slahte sanc 109. 
disen wünneclichen sanc 153. 
die losen schelteut guoten wiben minen sanc 174. 
min alter klosensere von dem ich so sanc 113. 
do er den tievel do geschande 242. 
wol mich der stunde da ich sie erkande 136. 
dar nach was er in dem lande 242. 

da hin da her wart nie so wert in allen tiuscben \anden 52. 
ouwe waj eren sich eilendet tinschen landen 119. 
ir fürsten die des küneges gerne wseren äne 95. 
diu kristenheit gclepto nie so gar nach wäne 65. 
ich hau des Kerndaeres gäbe dicke enpfan^en 74. 
ich kam gegangen 137. 

herzöge üj Osterriche eg ist iu wol ergangen 93. 
mir hat ein lieht von Franken 57. 
die wile ich weij dri hove so lobelicher manne 77. 
dö bedühte mich zehant 133. 
nemt frouwe disen kran^; 134. 
AR. der blic gefrönt ein herze gar 208. 
Minne was min frouwe so gar 225. 
e) troumte des ist manec jär 40. 
wer gesach ie bej^er jär 216. 
ouwe war sint verswunden alliu miniu jär 119. 
als ich mit gedanken irre var 230. 
ich wil nü teilen e ich var 227. 
si sehe dajs innen sich bewar 147. 
mirst diu ere wamcere 138. 
bin ich dir unmeere 209. 
frouwe vernemt dur Got mir ditze meere 145. 
ich hän dem Missen sere 81. 
ich trage in minem herzen eine swsere 151. 
frouwe ich trage ein teil ze sweere 162. 
vor den merk^rcw 170. 

genuoge herren sint gelich den gougelseren 71. 
der künec min herre lech mir gelt zc drijec marken 94. 
von Home vogt von Pulle künec lät iuch evhannen 92. 
do er sich wolle übr uns erbarmen 241. 
min sele müeje wol gevarn 234. 
ich was durch wunder ü) gevarn 116. 
do Friderich üj Österrich also gewarp 47. 
hie vor do man so rehte minneclichen warp 211. 
uns ist unsers sanges meister an die vart 243. 
S. ein meister las 237. 



Strophdnanfönge. 247 

do der sumer komen was 133. 
AT. swä der hohe nider gät 87. 

bi den Hüten nieman hat 217. 

swer sich ze friunde gewinnen lät 105. 

bot sage dem keiser siues armen mannes rät 112. 

ich hän iu gar gesaget dag ir missestät 174. 

wie wol der beide ir manecvaltiu varwe stät 165. 

swie noch min fröide an zwivel stät 147. 

lät iu sagen wie} umbe ir zouber stät 152. 

hoerä Walther wiej mir stät 154. 

er ist ein wol gefriunder man also diu weit nü stät 101 

Got diner Trinitd*e 123. 

ich wil dir jehen daj du min dicke sere hate 172. 

Got weij wol min lop wser iemer hovestsete 97. 

dicke danke ich mich so staete 194. 

friundin unde froun in einer wsete 180. 

wir suln den kochen raten 54. 
AZ. genuoge kunnen desto ba) 147. 

Welt du ensolt niht umbe daj 219. 

bi der schoBne ist dicke hag 206. 

ich muo) verdienen s wachen ha) 87. 

noch dult ich tougenlichen ha) 182. 

ja möhte ich mich des niht an in gelajen 145. 

der guote win wirt selten guot wan in dem guoten vagje 51. 
E. ich sa) üf eime grüenen \e 132. 

man seit mir ie von Tegerse 90. 

ichn weij wie din wille ste 219. 

e) tuot mir innecliohen we 220. 

der rife tet den kleinen vogelen we 228. 
EB. ob ieman spreche der nü lebe 33. 

ouwe wie uns mit süejen dingen ist verg^&^n 120. 

wa) hat diu weit ze gebene 190. 

mit valscheloser güete lebt 197. 
EH. da) muo) also geschehen 200. 

mir ist von ir geschehen 185 

beeret wunder wie mir ist geschehen 164 

ich hoBjp iu so vil tugende jehen 142. 

ich beere im maneger eren jehen 195. 

ich beere des die wisen jehen 38. 

ich hän min lehen al die werlt ich hän min leben 93. 

si frägent mich vil dicke waj ich habe gesehen 110. 

ich hän lande vil gesehen 141. 

Welt ich hän dinen Ion ersehen 233. 

der stuol ze Rome ist allererst berihtet rehte 68. 
EI. fröide und sorge erkenne ich heide 216. 

weenet huote scheiden 190. 

kristen jaden unde beiden 242. 



248 Strophenanfange. 

wol dir meie wie du scheidest 149. 

muget ir sohoawen wa) dem meien 149. 

het ich nibt miner fröiden teü 192. 

den diemant den edelen stein 104. 

er hat rehter fröide kleine 189. 

ouwe wolte ein Bselec wip alleine 176. 

gewinne ich iemer liep da) wil ich haben eine 171. 

swä ein edeliu schoene frouwe reine 139. 

ich sa) üf eime ateine 30. 

ich wil gaotes mannes werdek«t^ 229. 

hast du triuwe und staetekeit 207. 

wir wellen dag diu stsetekeit 143. 

äne liep so manec leit 222. 

miner frouwen darf niht wesen leit 177. 

mehteger 6ot du bist so lanc und bist so breit 108. 

ir bischove und ir edeln pfaffen sit verleitet 69. 
EL. her Michahel her Gabriel 103. 

hinnen fuor der sun zer helle 242. 

die wisen ratent swer ze himelriche welle 99. 

ichn wei) wem ich geHchen muo) die hovebeKen 74, 

sol ich miner triuwe alsust engdten 151. 
EM. wil si fuoge für die schoene nemen l&^. 
EN. sich waenet maneger wol begen 161. 

mit saelden müege ich hiute üf sten 44. 

Got dine helfe uns sende 240. 

sagt an her Stoc hat iuch der habest her gesendet 67. 

ich hän den muot und die sinne gewendet 136. 

leider ich muo) mich entw enen 217. 

Sünder du solt an die großen not gedenken 63. 

ich trinke gerne da man bi der mäge schenket 96. 
ER. ja herre wes gedenket der 161. 

der also guotes wibes gert als ich da ger 174. 

diu menscheit muog verderden 239. 

Nu alrest lebe ich mir werde 241. 

do Liupolt spart üf Gotes vart üf künftege ere 77. 

Philippe küneo here 53. 

schcBniu laut rieh unde here 241. 

nü sol der keiser here 79. 

süege Minne sit nach diner süegen lere 178. 

wil er mich vermiden mere 194. 

frouwe Minne ich klage iu mere 157. 

si sselec wip si zürnet wider mich ze sere 171. 

her Wicman ist da) ere 55. 

frouwe dag wil ich iuch leren 144. 

swer stsetes friundes sich dur übermuot bebtet 100. 

swelch herze sich bi disen ziten niht verkeret 69. 

si jehent dag boeser kom ie nach dag h4t sich nü verkeret 51 . 



i 



Stropbenanfönge. 249 

sich DU hab ich dich geleret 189. 

mir hat her Gerhart Atze ein pfer^ 84. 

waj sol ein man der niht engert 208. 

waj Wunders in der werlte vert 42. 

frouwe ir sit schcene und eit ouch wert 186. 

nieman kan mit gerten 235. 
ES. her habest ich mac wol genesen 58. 

ich bin ein wip da her gewesen 202. 

ouwe dir Welt wie übel du siest 38. 
ET. der blinde sprach zuo sinem knehte du sölt setzen 64. 
EV. Got welle sone welle doch so singet der von Seven 101. 
EZ. ich weit hem Otten milte nach der lenge me^ßn 91. 

ouwe wir müejegen Hute wie sin wir versejjen 118. 
I. die toren sprechent snia sm 132. 

ich wände daj si wsere missewende fri 173. 
. in weij niht wol wiej dar umbe si 193. 

swer giht da) minne sünde si 181. 

swer an des edeln lantgräven rate si 111. 

der in den ören siech von ungesühte si 49. 

zwo fuoge hän ich doch swie uugefüege ich si 210. 

swie liep si mir von herzen si 156. 

diu kröne ist elter danne der künec Philippes si 47. 

da) milter man gar wärhaft si 89. ^ 

frouwe min da) si 199. 
IB. al min fröide lit an einem yfibe 148. 

mich fröit iemer daj ich also guotem wibe 179. 

ich gesprach ie wol von guoten vfihen 175. 
IC. frouwe als ich gedeuke an dich 187. 

Got herre verre man ich dich 155. 

Philippes künec die nähe spehenden zihent dich 48. 

deswär Reimär du riuwes mich 86. 

s welch man wirt äne muot ze rieh 106. 

ir houbet ist so wünnenrich 204. 

rit ze hove Dietrich 85. 

frö Sselde teilet umbe sich 159. 

tumbiu Werlt ziuch dinen zoum wart umbe sich 79. 

si verwijent mir dag ich 206. 

ein frouwe wil ze schedeKc/ie 214. 

ouwe ej kumt ein wint daj wijjent sicherliche 118. 

in gosach nie tage sUchen 173. 

ich hän hem Otten triuwe er welle mich noch riehen 91. 

ir vil minneclichen ougeubUcke 150. 
ID. her keiser swenne ir Tiuschen Mde 61. 

nit den wil ich iemer gerne liden 180. 

du solt eine rede vermiden 172. 

ich wei) si diu da) niht ennidet 214. 
IE. dö Gotes sun hien erde gie 59. 



j 



250 Strophenanfange. 

min frouwe ist underwilent hie 181. 

ich ensach die guoten nie 153. 

mich dühte da) mir nie 135. 

nü bin ich iedoch 170. 

er schale in swelhem leben er si der dankes iriege 99. 

hüetent wol der drier 236. 

uns irret einer hande diet 83. 

der riter dannen schiet 20 1> 

an dem frilage wurd wir vor der helle gefriet 62. 

nü wil ich mich des scharpfen sanges ouch genieten 75. 

swer unfuoge swigen hie^e 221. 

der künec behielte küneges namen dem in behalten hieje 50. 

ich horte 'ein wajjer diesen 32. 

frouwe lät mich des genießen 157. 

ir eniät iuch niht verdriesen 243. 

frouwe enlät iuch niht verdrießen 143. 

frouwe enlät iuch des so niht verdriejen 145. 
IG. ich wünsche mir so werde daj ich noch gelt^c 183. 

Sit willekomen her wirt dem gruoje muoj ich swigen 70. 
IIT. maneger trüret dem doch liep gescht'M 230. 

ein man verbiutet äne pfliht 201. 

maneger wsenet der mich siht 217. 

min ouge michel wunder siht 224. 

unser lantrehtsere tihten 243. 

vil meneger mich hfirihtet 45. 
IL. du hast lieber dinge vü 218. 

si frägent unde frägent aber alze vil 167. 

künc Constantin der gap so vil 36. 

ich hän ir gedienet vil 218. 

gen ade frouwe Minne ich wil 158. 

Got git ze künege swen er wil 59. 

mir tuot einer slahte vfüle 194. 
IN. min gedinge ist der ich bin 163. 

herzeliebe} frouwelin 206. 

friundinne min 199. 

wiste si den willen min 163. 

solt ich den pfaffen raten an den triuwen min 113. 

von der Elbe unz an den Rin 141. 

weit ir wigjen waj diu ougen sin 193. 

mac iemen deste wiser sin 182. 

we wie jämerlich gewin 223. 

ich bin des muten lantgräven mgesinde 73. 

under der linden 137. 

diz kurze leben -versvrindet 239. 

wol iu kleinen vogelUnen 216. 

die verzagten aller guoten dinge 179. 

uns wil schiere wol gelingen 149. 



Strophenanfftnge. 251 

wer kan nü ze danke singen 216. 

wa) Bol lieblich sprechen wag sol singen ISG. 

ouwe hoveliche) singen 220. 

so die bluomen ü) dem grase dringent 189. 

ist ab da) dir wol gelinget 189. 

git da) Got da) mir noch wol an ir gelinget 178. 

er hat niht wol getrunken der sich iahertrinket 97. 

vil süe)e waere minne 238. 

ich bin iuwer frouwe Minne 157. 

nü frouwe Minne 171. 

saget mir ieman wa) ist minne 161. 

aller werdekeit ein füege rinne 203. 

frouwe du versinne 209. 

ich wil niht me den ougen volgen noch den sinnen 100. 

rieh herre dich und dine muoter megde kint 113. 

s welch man diu jar hat äne mnot diu doch manzitec sint 1 16. 

sumer unde winter beide sint 192. 

swä guoter hande würzen sint 82. 
IP. wolveile unwirdet manegen \ip 107. 

ich wil al der werlte sweren üf ir lip 168. 

min frouw ist ein ungensedec wip 176. 

er sselec man si saelec wip 160. 

diu minne ist weder man noch wip 107. 

selpvar ein wip 212. 

die mine fröide hat ein wip 197. 

mich nimt iemer wunder wa) ein wip 151. 

si wunderwol gemachet wip 204. 

wan ein wunderalte) wip 134. 
IR. wie sol man gewarten Air 218. 

der hof ze Wiene sprach ze mir 35. 

da) enkunde nieman mir 153. 

ob dus danne niht eryrirhest 189. 

da) mich frouwe an fröiden irret 150. 

wir klagen alle und wi))en doch niht wa) uns wirret 66. 
IS. swer mir ist slipfec als ein is 105. 

vil wol gelobter Got wie selten ich. dich pri^e 90. 

wer sieht den lewen wer sieht den tisen 105. 

junc man in swelher aht du bist 43. 

heiliger Krist 238. 
IT. swä so liep bi üebe lit 188. / 

ich bin iu eines dinges holt ha) unde nit 175. 

ich lepte wol und äne nit 181. 

ich minne sinne lange zit 154. 

ein niuwer sumer ein niuwe zit 207. 

wa) ich doch gegen der schoenen zit 160. 

herren unde friunt nü helfent an der zit 169. 

möhte ich versläfen des winters zit 131. 



252 Strophenanfänge. 

frouwe e§ ist zit 200. 

Welt tuo me des ich dich hite 219. 

in gesach nie sus getane site 177. 

Minne diu hat einen site 225. 

ej nam ein witiwe einen man hie vor in alten ziten 50. 

als ich under wilen zir gesitze 148. 
lü. sieh ÜR tmd ÜT. 
IZ. Got hat ir wengel hohen flij 205. 
0. ich bin als iinschedeliche frö 229. 

muog ich nü sin nach wäne fro 160. 

ich wsere dicke gerne fro 220. 

ich bin nü so rehte fro 153. 

von Kölne werder bischof sint von schulden fro 109. 

hie vor dos alle wären fro 224. 

ich wil nü mere üf ir genäde wesen fro 183. 

wil ab iemen wesen fro 187. 

mich hat ein halm gemachet fro 156. 

e danne ich lange lebt also 132. 

frouwe ir habt mir geseit also 186. 
OC. ich hän ir so wol gesprochen 157. 

in diz lant hat er gesprochen 242. ^ 

OG. habe ir ieman iht von mir gelo^cw 152. 

fro Welt ich hän ze vil gesogen 232. 

tiusche man sint wol gezogen 141. 

in gesach nie houbet baj gezogen 177. 

die veter hänt ir kint erzogen 39. 
OL. herre waj si flüeche liden aol 164. 

Sit da) ich ei genlichen sol 180. 

ich mac der guoten niht vergejjen noch ensol 165. 

ob ich mich selben rüemen sol 185. 

ist da) mich dienest helfen sol 196. 

ouwe da) mir so maneger missebieten sol 184. 

der Misseneere solde 81. 

ich bin dem Bogenaere holt 103. 
OM. ir solt sprechen willekomen 140. 

her keiser sit ir willekomen 58. 

die grisen hänt michs überkomen 224. 

nü bitent lät mich wider komen 227. 

die mir in dem winter fröide hänt benomen 168. 

Minne hat sich an genomen 226. 

dri sorge hab ich mir genomen 88. 
ON. wag eren hat fro Bone 54. 

fremdiu wip diu dankent mir vil schone 176. 

gelerter fürsten kröne 44. 

an wibe lobe stet wol da) man si heije scheene 72. 
OR. mir ist verspart der sselden tor 84. 

hüetent iuwer ören 235. 



Strophenanfönge. 253 

die da) rehte singon sicerent 221. 

scheidet frouwe mich von sorgen 150. 

herre Got gesegene mich vor sorgen 148 

in getar vor tüsent sorgen 194. 

c) gienc eins tages als unser herre wart geborn 46. 

ich hat ein schoene^ bilde erkorn 234. 

minne ist ein gemeinej vrort 163. 
OS. müeste ich noch geleben da) ich die voeen 136. 
OT. si nam daj ich ir hot 135. 

swer äne vorhte herre Got 41. 

die schamelosen liefen si mich äne not 167. 

Walther du zürnest äne not 231. 

staet ist angest unde not 191. 

uns hat der winter kalt und ander not 228. 

wa$ helfent bluomen rot 200. 

si hat ein küssen da) ist rpt 205. 

die zwivelsere sprechent e) si alle) tot 174. 

her keiser ich bin fronebotc 60. 
OU. der diu wip von erst betrouc 163. 

Sit da) nieman äne fröide touc 193. 

zwene herzeliche flüeche kan ich ouch 168. ^ 

ich solt iuch engele grüejen ouch 103. 

hie lie) er sich reine toufen 241. 

ich sach mit minen ougen 31. 

hüetent iuwer ougen 235. 

üf dem anger stuont ein houm 133. 

8 wanne ichs alle schouwe 210. 

nü wol dan weit ir die wärheit Bchouwen 140. 

die herren jehent man sül) den frouwen 213. 

durhsüe^et und geblüemet sint die reinen frouwen 95. 
OZ. min frouwe ist zwir beslo)sen 190. 
U. ich bin verlegen als ein bü 132. 
ÜE. sieh ÜO. 

UG. ouwe dag wisheit unde ^ugent 86. 
UL. wan sol sin gedultec wider ungedu2^ 168. 
UM. selbwahsen kint du bist ze ^rump 115. 
UN. ich hän gesehen in der werlte ein michel wunder 98. 

ouwe der wise die wir mit den grillen sangen 118. 

hüetent iuwer zungen 235 

obe ich rehte raten künne 161. 

ich wil iu ze redene gunnen 144. 
ÜO. ÜE. ich vertrage als ich vertrwoc 206. 

Sit Got ein rehter rihter heilet an den huochen 98 

da) die man als übel iuont 223. 

ouwd wie jsemerliche junge liute tuont 120. 

ich hän gemerket von der Seine unz an die Muore 72. 

do mich dühte da) si wsere guot 164. 



1 



954 Strophenanfänge« 

Minne sol da) nemen für guot 226. 

wedr ist e) übel od ist e) guot 146. 

frouwe ich wei) wol diuen muot 192. 

swer houbetsünde und schände tuot 42. 

ich sage iu wa) uns den gemeinen schaden tuot 211. 

ir fürsten tugendet iuwem sin mit reiner güete 64. 

vil süejiu frouwe hohgeiopt mit reiner güete 96. 

frouwe sendet im ein hohgemüete 146. 

sol da) sin din huote 209. 

ganzer froiden wart mir nie so woi ze muote )78. 

junger man wi» hohes muotes 189. 

ir kel ir heude ietweder fwog 205. 

ich sanc hie vor den frouwen umbe ir bloßen gruo) 211. 

da) ich dich so selten grüe^e 172. 

Maria klar vil hohgeloptiu frouwe süege 62. 

beide schouwen unde grüefen 144. 
UR. kan min frouwe süe^e sturen 162. 
UT. Liupolt ü) Österriche lä mich bi den Muten 78. 



Lies : 

S. 1 Z. 8 V. u. rehten. 

S. 22 Z. 5 Untergange. 

S. 68 Z. 18 Schatz. 

S. 184 Z. 2 Y. u. erriu. 



Boan, Druck von Karl Geor^i. 



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